Henriette Hirschfeld-Tiburtius

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Gedenktafel am Haus, Behrenstraße 9, in Berlin-Mitte

Henriette Hirschfeld-Tiburtius (geb. Pagelsen) (* 14. Februar 1834 in Westerland auf Sylt; † 25. August 1911 in Berlin) war die erste selbständige akademisch ausgebildete Zahnärztin in Deutschland und eine Kämpferin für das Frauenstudium.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frauenrechtlerin Helene Lange schrieb über Tiburtius' Leben: „Was ihrem ganzen Wesen zuwiderlief, war die Gleichgültigkeit, die gegebene Zustände als unabänderlich hinnimmt.“ [1]

Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Henriette Therese Friederike kam am 14. Februar 1834 in Westerland als drittes Kind der Pastorenfamilie Pagelsen auf die Welt. Bald zog die Familie auf das Festland und mit 19 Jahren wurde die junge Friesin verheiratet – mit einem Gutsbesitzer, dem 30-jährigen Christian Hirschfeld. Das Paar bewirtschaftete den großen Erbpachthof Hammer in der Nähe von Kiel. Die Ehe verlief unglücklich. Die zunehmende Trunksucht des Gatten und fehlendes wirtschaftliches Talent führten zur Verschuldung des Hofes. Nach einigen leidvollen Erlebnissen verließ Henriette Hirschfeld 1860 ihren Ehemann. Die Ehe wurde 1863 geschieden. Christian Hirschfeld starb am 26. Juli 1867.

Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittellos und auf sich allein gestellt zog Henriette Hirschfeld zu einer verheirateten Freundin nach Berlin. Zufällig las sie in einem Zeitungsartikel von den englischen Schwestern Elizabeth Blackwell und Emily Blackwell, die nach einem Studium in den USA als erste niedergelassene Ärztinnen in New York praktizierten. Da Henriette Hirschfeld seit ihrer Kindheit häufig unter Zahnschmerzen litt, deren Behandlung sie als unsanft und ungeschickt empfand, formte sich ihr Wunsch, Zahnärztin zu werden.

Die Ausbildung zum Zahnarzt war in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht klar geregelt - ein reguläres staatliches Studium der Zahnmedizin gab es noch nicht. Zudem war Frauen ohnehin der Zugang zur Universität bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwehrt. Henriette Hirschfeld reiste daher im Oktober 1867 als alleinstehende Frau nach Philadelphia, USA. Mit großer Beharrlichkeit erreichte sie, dass sie zum Studium am Pennsylvania College of Dental Surgery zugelassen wurde. Sie war überhaupt erst die zweite Frau in den USA, der dies gelang. Bislang hatte erst eine Amerikanerin, Lucy Hobbs, ein Dental College in Cincinnati absolviert - allerdings nur für ein Jahr und nicht in der regulären Studienzeit von zwei Jahren. Nachdem Henriette Hirschfeld die anfänglichen Widerstände überwunden hatte, wurde sie von ihren männlichen Kollegen „freundlich und rücksichtsvoll“ behandelt. Ihre anatomischen Studien musste sie allerdings aus Schicklichkeitsgründen noch einige Zeit am Women's Medical College machen. Die Deutsche zeigte sich „ mit geschickter Hand und Lerneifer“ fortan allen Herausforderungen gewachsen. Sie lernte Englisch ebenso wie Anatomie und Physiologie, Operationstechniken und fertigte Laborarbeiten an. Nach zweijähriger Studienzeit schloss sie am 27. Februar 1869 (wenige Tage nach ihrem 35. Geburtstag) das Studium mit dem Titel „Doktor of Dental Surgery“ erfolgreich ab. Sie war damit auch in den USA die erste Frau überhaupt, der das im Rahmen eines regulären Studiums an einen Dental College gelungen war.

Praxisgründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach ihrem Abschluss kehrte sie nach Deutschland zurück und eröffnete in der Behrenstraße Nr. 9 in Berlin, einer Parallelstraße der Prachtstraße Unter den Linden, ihre erste Praxis. Sie behandelte vornehmlich Frauen und Kinder, was den damaligen Vorstellungen des Bürgertums entsprach und was auch sie sich zu ihren Prinzipien gemacht hatte. Allerdings machte sie auch Ausnahmen. Die Praxis lief von Beginn an über Erwarten gut und brachte in den nächsten Jahrzehnten „glänzenden materiellen Erfolg“. Ihr exzellenter Ruf als Zahnärztin wurde durch die Benennung zur Hofärztin der Kronprinzessin Victoria, ihrer Kinder und gelegentlich auch ihres Ehegatten dem späteren Kaiser Friedrich III. bestätigt.

„Ich musste (…) an unsere erste und einzige Zahnärztin denken, an die kleine, überaus zarte und schwächliche Frau Dr.Tiburtius, die mir erst kürzlich mit so großer Geschicklichkeit einen colossalen Backenzahn mittels Gasbetäubung ausgezogen hat“

Hedwig Dohm 1874

Privatleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Winter 1872 heiratete sie ihren langjährigen Freund, Militärarzt a.D. Karl Tiburtius. Sie bekamen die zwei Söhne Carl und Franz, wobei Henriette Hirschfeld-Tiburtius bei der zweiten Geburt bereits 42 Jahre alt war − ein für diese Zeit außergewöhnliches Alter für die Mutterschaft. Trotz Familiengründung gab sie ihren Beruf nicht auf, auch wenn Mutterschaft und Berufstätigkeit mit den bürgerlichen Grundwerten ihrer Zeit nicht vereinbar waren. Der Sohn Dr. Franz Tiburtius wurde am 24. Januar 1876 geboren und starb als Marineoberassistenzarzt am 5. Juli 1904 beim Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika [2].

Soziale Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben Mutterschaft, Berufstätigkeit und Ehe engagierte sie sich leidenschaftlich für die weniger Begüterten. Die Freundschaft mit ihrem späteren Ehemann hat wohl auch dazu geführt, dass dieser seine Schwester Franziska Tiburtius von der Aufnahme eines Medizinstudiums in Zürich überzeugen konnte,[3] welches sie 1876 als eine der ersten in Deutschland in eigener Praxis praktizierende Ärztin beendete. Fortan erfreute sich der „Doppelname Tiburtius eines vollen Klanges“. 1876 gründete Henriette Hirschfeld-Tiburtius in einem Berliner Arbeiterviertel zusammen mit ihrer Schwägerin Franziska Tiburtius und deren Kollegin Emilie Lehmus die erste von Frauen geleitete Poliklinik. Kurze Zeit später gründete sie den „Verein zur Rettung minorener Mädchen“ sowie das „Heimathaus für stellungsuchende Mädchen“, später kam ein „Versorgungshaus für gefallene Mädchen und Frauen“ hinzu. 1881 eröffnete Henriette Hirschfeld-Tiburtius als Erweiterung zur Poliklinik weiblicher Ärzte eine Pflegestation für Frauen in ihrer alten Wohnung in der Berliner Friedrichstraße, um nun auch stationär versorgen zu können.

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 30-jähriger Praxistätigkeit zog sich Henriette Hirschfeld-Tiburtius aus der tätigen Praxis zurück und zog auf ihren Altersruhesitz nach Berlin-Marienfelde. Am 25. August 1911 starb sie nach kurzer Krankheit.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Straßenschild in Sylt-Westerland.

Zum Gedenken an Henriette Hirschfeld-Tiburtius ist am Haus Behrenstraße 9/Berlin-Mitte, ihrem damaligen Praxisstandort, am 14. Februar 1998 eine Erinnerungsplakette angebracht worden.

Während der 50. Jahrestagung der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein in Sylt-Westerland erhielt am 9. Mai 2008 ein bislang namenloser Fußgängerweg zwischen der Norderstrasse und dem Lornsenweg in Verlängerung der Waldstrasse auf Beschluss der Gemeindeversammlung zu Ehren der ersten Zahnärztin Deutschlands den Namen „Henriettenweg“.

Der Jahreskongress des Dentista e.V., einem Zahnärztinnenverband, findet als Hirschfeld-Tiburtius-Symposium statt und ist Henriette Hirschfeld-Tiburtius gewidmet Er findet traditionell im Kaiserin-Friedrich-Haus der Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin statt, die mit Henriette Hirschfeld-Tiburtius historisch verbunden ist.[4]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Henriette Hirschfeld-Tiburtius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Helene Lange: Lebenserinnerungen. Berlin: Herbig, 1925, Kap. 11, URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/lebenserinnerungen-7074/11.
  2. Offiziers-Gedenkblatt 1904-1907 [1]
  3. Tiburtius S. 85ff.
  4. Hirschfeld-Tiburtius-Symposium, Dentista. Abgerufen am 7. Juni 2015.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cécile Mack: Henriette Hirschfeld-Tiburtius (1834-1911) Das Leben der ersten selbstständigen Zahnärztin Deutschlands. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-631-34783-9.
  • Ingrid Schaub: Zwischen Salon und Mädchenzimmer. Kabel, Hamburg 1992, S. 73–80.
  • Franziska Tiburtius: Erinnerungen einer Achtzigjährigen. Berlin 1923
  • Helmut Trede: Die erste Zahnärztin Deutschlands - eine Pastorentochter aus Brande-Hörnerkirchen. In: Heimatkundliches Jahrbuch für den Kreis Pinneberg 2009, S. 117 - 122.