Henrik Enderlein

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Henrik Enderlein (2017)

Henrik Enderlein (* 13. September 1974 in Reutlingen; † 27. Mai[1] 2021 in Berlin) war ein deutscher Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, der als Präsident und Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School in Berlin sowie Direktor des Think Tanks „Jacques Delors Centre“ tätig war.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enderlein verbrachte seine Kindheit in Tübingen. Sein Vater ist der ehemalige FDP-Politiker Hinrich Enderlein. Sein Abitur absolvierte er 1994 in einer Waldorfschule in Berlin.[3] Von 1995 bis 1998 studierte er Politik- und Wirtschaftswissenschaften am Science Po in Paris. Dem folgte ein Promotionsstipendium an der Columbia University in New York von 1998 bis 1999. Von 1999 bis 2001 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Erstgutachter seiner Dissertation war Michael Zürn an der Universität Bremen.

Von 2001 bis 2003 arbeitete er bei der Europäischen Zentralbank und wurde mit 29 Jahren Juniorprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin (FB Wirtschaftswissenschaften und John F. Kennedy Institut). 2005 wurde er in die Gründungsfakultät der Hertie School of Governance in Berlin berufen, wo er von 2007 bis 2012 auch Vizerektor war. Enderlein war dort Professor für Politische Ökonomie. Seit 2018 war er Präsident der Hertie School of Governance.[4] Mitte Februar 2021 gab er mit Wirkung zum Ende des Monats seinen Rücktritt als Präsident der Hertie School aufgrund einer Krebserkrankung bekannt.[5]

Von 2006 bis 2007 war Enderlein Fulbright-Ehrenprofessor an der Duke University (USA).[6] Von 2010 bis 2012 gehörte Enderlein als Sachverständiger der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Bundestages an.[7] Wegen seiner Berufung nach Harvard schied er im Frühjahr 2012 aus der Kommission aus. 2011 beauftragten ihn Jacques Delors und Helmut Schmidt, für den Think-Tank Notre Europe eine Studie zur Zukunft des Euroraums zu koordinieren, die im Frühsommer 2012 erschien.[8] Im akademischen Jahr 2012–2013 war er der Pierre Keller-Gastprofessor für Wirtschaftspolitik an der Harvard Kennedy School[9] und am Weatherhead Center for International Affairs der Harvard University.[10] 2013 wurde Enderlein als Sachverständiger in den unabhängigen Beirat des Stabilitätsrats gewählt. Die Finanzminister der Länder wählten ihn einstimmig in das Gremium, wo er gemeinsam mit weiteren Experten den Stabilitätsrat mit Experteneinschätzungen und Analysen unterstützen sollte.[11] 2014 wurde er Gründungsdirektor des Jacques Delors Instituts – Berlin, das auf Initiative des Ex-EU-Kommissionschefs Jacques Delors gegründet wurde.[12]

Enderlein war Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Wissenschaftskollegs zu Berlin,[13] im Kuratorium der Alfred Herrhausen Gesellschaft[14], im wissenschaftlichen Beirat des Think Tanks Das Progressive Zentrum[15] sowie im Beirat der Stiftung Genshagen.[16] Er war außerdem Mitglied der SPD.[17] Seit 2019 war er Mitglied der Transatlantischen Task Force des German Marshall Funds und der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung.[18]

Henrik Enderlein war verheiratet und hatte vier Kinder. Im Mai 2021 erlag er einem Hautkrebsleiden (Melanom).[19][20]

Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enderlein beschäftigte sich mit Fragen der angewandten Wirtschaftspolitik. Schwerpunkte waren internationale Wirtschafts- und Finanzbeziehungen, Europäische Wirtschafts- und Währungsintegration, Schuldenkrisen und EU-Haushalt. Nach dem Beginn der Krise im Euroraum plädierte Enderlein für eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik als einzig mögliche Antwort auf die Krise.[21] In einem Gespräch mit Jürgen Habermas, Joschka Fischer und Christian Calliess für die Blätter für deutsche und internationale Politik befürwortete er eine „Flucht nach vorn: eine gemeinsame europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik“.[22] Enderlein galt zudem als Experte für Staatsbankrotte und Umschuldungen.[23]

Von 2006 bis 2012 leitete er ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Projekt über Schuldenkrisen und Staatsbankrotte innerhalb des Sonderforschungsbereichs 700: „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens?“.[24] 2012 sprach sich Enderlein in einem kontrovers diskutierten Gutachten für die Landesregierung Baden-Württemberg mit Koautoren für einen harten Konsolidierungskurs und die Aufnahme einer Schuldenbremse in die Landesverfassung aus.[25] Enderlein gehörte zur „Glienicker Gruppe“, bestehend aus elf deutschen Ökonomen, Juristen und Politikwissenschaftlern, die im Herbst 2012 einen Vorschlag für eine „Euro-Union“ vorlegte.[26]

„[…] Wir müssen damit leben, dass die Mehrheit der Menschen nutzenmaximierend und rational vorgeht. Wenn das System falsch ist, müssen wir eben über das System reden und Anreize schaffen, dass es besser funktioniert.“

Henrik Enderlein: Interview mit der taz (2008)[27]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgewählte Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nationale Wirtschaftspolitik in der europäischen Währungsunion. Campus, 2004.
  • mit Sonja Wälti und Michael Zürn (Hrsg.): Handbook on Multi-Level Governance. Edward Elgar Publishing, 2010.
  • The euro and political union: do economic spillovers from monetary integration affect the legitimacy of EMU? In: Journal of European Public Policy. Band 13, Heft 7, Sep 2006, S. 1133–1146.
  • Adjusting to EMU: The impact of monetary union on domestic fiscal and wage-setting institutions. In: European Union Politics. 7/1, März 2006, S. 113–140.
  • EMU’s Teenage Challenge: what have we learned and can we predict from Political Science? In: Journal of European Public Policy. 16:4, Juni 2009, S. 490507.
  • mit Laura von Daniels und Christoph Trebesch: Sovereign Debt Disputes. In: Journal of International Money and Finance. Band 31, Heft 2, März 2012, S. 250–266.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Henrik Enderlein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Traueranzeigen von Henrik Enderlein | Tagesspiegel Trauer. Abgerufen am 16. August 2021 (deutsch).
  2. Team Jacques Delors Centre: Policy. In: delorscentre.eu. Abgerufen am 30. Dezember 2020 (englisch).
  3. Antje Lang-Lendorff, Felix Lee: Montagsinterview Wirtschaftsprofessor Henrik Enderlein: „Wir brauchen eine aktive Finanzpolitik“. In: taz.de. 17. November 2008, abgerufen am 29. Mai 2021.
  4. Regine Kreitz: Henrik Enderlein neuer Präsident der Hertie School of Governance. In: hertie-school.org. 30. August 2018, archiviert vom Original am 24. Oktober 2018; abgerufen am 29. Mai 2021.
  5. Jennifer Beckermann: Henrik Enderlein tritt als Präsident der Hertie School zurück. In: hertie-school.org. 17. Februar 2021, abgerufen am 29. Mai 2021.
  6. Deutsch-Amerikanische Fulbright-Kommission (Hrsg.); Hakan Tosuner (Red.): Jahresbericht 2006/2007. (pdf; 22,4 MB) Januar 2008, S. 16, archiviert vom Original am 17. März 2011; abgerufen am 29. Mai 2021.
  7. Jan-Christoph Kitzler: „Das BIP ist immer mehr eine falsche Messung von Wachstum“ – Wirtschaftswissenschaftler mahnt neue Debatte über Wachstum an: Henrik Enderlein im Gespräch. In: Deutschlandfunk Kultur. 14. Dezember 2010, abgerufen am 29. Mai 2021.
  8. Abwärtsspirale stoppen. In: Der Spiegel. 26/2012, 25. Juni 2012, archiviert vom Original am 14. August 2012; abgerufen am 29. Mai 2021.
  9. New Faculty Feature: Meet Visiting Professor Henrik Enderlein. In: hks.harvard.edu. 30. Januar 2013, archiviert vom Original am 13. Juni 2013; abgerufen am 29. Mai 2021 (englisch).
  10. Pierre Keller Visiting Professors. In: wcfia.harvard.edu. Abgerufen am 29. Mai 2021.
  11. Henrik Enderlein Sachverständiger im Beirat des Stabilitätsrats. In: finanzen.net. 20. November 2013, abgerufen am 30. Dezember 2012.
  12. Ex-EU-Kommissionschef Delors gründet Europa-Thinktank in Berlin. In: Spiegel Online. 29. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2020.
  13. Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats von 1981 bis heute. In: wiko-berlin.de. Abgerufen am 29. Mai 2021.
  14. Alfred Herrhausen Gesellschaft: Kuratorium. In: alfred-herrhausen-gesellschaft.de. 12. Juni 2013, archiviert vom Original am 8. Mai 2014; abgerufen am 29. Mai 2021.
  15. Progressives Zentrum: Der Wissenschaftliche Beirat. In: progressives-zentrum.org. Abgerufen am 29. Mai 2021.
  16. Beirat. In: stiftung-genshagen.de. Archiviert vom Original am 30. August 2018; abgerufen am 30. Mai 2021.
  17. Rainer Hank: Im Gespräch: Politökonom Henrik Enderlein: „Für Steuersenkungen zahlen die Armen“. In: FAZ.NET. 3. November 2009, abgerufen am 30. Mai 2021.
  18. Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und German Marshall Fund gründen „Transatlantic Task Force“. (Nicht mehr online verfügbar.) In: helmut-schmidt.de. 6. Februar 2020, archiviert vom Original am 9. August 2020; abgerufen am 27. April 2020.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.helmut-schmidt.de
  19. Hertie School mourns the loss of former President Henrik Enderlein. In: hertie-school.org. 28. Mai 2021, abgerufen am 28. Mai 2021 (englisch).
  20. Trauer um überzeugten Europäer Hendrik Enderlein (46). In: Euronews. 29. Mai 2021, abgerufen am 29. Mai 2021.
  21. Henrik Enderlein: Die Krise im Euro-Raum: Auslöser, Antworten, Ausblick. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 43/2010, 19. Oktober 2010, archiviert vom Original am 13. September 2012; abgerufen am 30. Mai 2021.
  22. Kurzgefasst: Europa und die neue Deutsche Frage. Ein Gespräch mit Jürgen Habermas, Joschka Fischer, Henrik Enderlein und Christian Calliess. In: blaetter.de. Mai 2011, abgerufen am 30. Dezember 2020.
  23. Christian Ramthun: Krisendoktor erklärt den Staatsbankrott. In: Wirtschaftswoche. 7. Juni 2011, abgerufen am 30. Mai 2021.
  24. Professor Dr. Henrik Enderlein. In: Gepris-System der DFG. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  25. Thomas Breining: Gutachten zur Schuldenbremse: Kürzungsplan könnte einklagbar werden. In: stuttgarter-zeitung.de. 1. Juni 2012, abgerufen am 30. Mai 2021.
    Gutachten der Hertie School of Governance schlägt Aufnahme der Schuldenbremse in die Landesverfassung vor. In: hertie-school.org. 31. Mai 2012, archiviert vom Original am 16. Dezember 2012; abgerufen am 29. Mai 2021.
  26. Jakob von Weizsäcker, Henrik Enderlein u. a.: Euro-Vertrag: Mobil, gerecht, einig. In: Zeit Online. 17. Oktober 2013, archiviert vom Original am 15. Mai 2017; abgerufen am 29. Mai 2021.
  27. Antje Lang-Lendorff, Felix Lee: Montagsinterview Wirtschaftsprofessor Henrik Enderlein: "Wir brauchen eine aktive Finanzpolitik". In: taz.de. Die Tageszeitung, 17. November 2008, abgerufen am 1. Juni 2021.