Herald of Free Enterprise

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Herald of Free Enterprise
Herald of Free Enterprise 1984 in Dover

Herald of Free Enterprise 1984 in Dover

p1
Schiffsdaten
Schiffstyp RoRo-Schiff
Eigner Compañía Naviera S.A.
Bauwerft Schichau Unterweser, Bremerhaven
Indienststellung 1980
Verbleib Gesunken 6. März 1987
Gehoben und verschrottet 1988
Schiffsmaße und Besatzung
Länge
131,91 m (Lüa)
Breite 23,19 m
Tiefgang max. 5,72 m
Vermessung 13.601 BRZ
Maschine
Maschine 3 x Sulzer 12ZV 40/48 Dieselmotor
Geschwindigkeit max. 22 kn (41 km/h)
Transportkapazitäten
Zugelassene Passagierzahl 1300

Die Herald of Free Enterprise (deutsch Herold des freien Unternehmertums) war eine RoRo-Fähre der Reederei Townsend Thoresen (heute P&O Ferries) und normalerweise im Liniendienst CalaisDover eingesetzt.

Am Abend des 6. März 1987 kenterte das Schiff bei der Ausfahrt aus dem Hafen von Zeebrügge. Von den 623 Personen an Bord kamen 193 ums Leben.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Die 1980 bei der Schichau Unterweser-Werft in Bremerhaven gebaute Fähre hatte an Bug und Heck Klappen knapp über der Wasserlinie, was ein schnelles Be- und Entladen des Schiffes im Hafen ermöglichte.

Untergang[Bearbeiten]

Als das Schiff am 6. März 1987 gegen 19 Uhr mit 543 Passagieren und 80 Besatzungsmitgliedern an Bord den Hafen von Brügge-Zeebrügge in Richtung Dover verließ, schlief der mit der Kontrolle der Bugtore beauftragte Matrose in seiner Kabine. Nach der Hafenausfahrt wurde das Schiff beschleunigt. Bei leichtem Seegang drang schnell eine große Menge Wasser durch die offenen Bugklappen in das Schiff ein. Durch die Wassermenge und die verrutschende Ladung neigte das Schiff sich nach Backbord, bis die Herald of Free Enterprise innerhalb von zwei Minuten kenterte.

Glück im Unglück war die Tatsache, dass die Herald of Free Enterprise nicht komplett unterging, sondern auf eine Sandbank in etwa neun Meter Tiefe auflief und auf der Backbord-Seite liegenblieb. Mit Hilfe der schnell eintreffenden Rettungsmannschaften – innerhalb von 19 Minuten befand sich der erste Rettungshubschrauber über dem Schiff, nur wenig später traf das erste Schiff an der Unglücksstelle ein, dank einer besonnen agierenden Besatzung und einigen Passagieren konnten mehr als 400 Menschen aus dem Schiff gerettet werden. Für 193 Menschen – unterschiedliche Quellen geben bis heute leicht abweichende Opferzahlen an – kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Für seine umsichtige und zugleich mutige Leistung wurde Wolfgang Schröder, der Kapitän des ersten am Unglücksort eintreffenden Schiffes, von Margaret Thatcher mit einem Dankesschreiben bedacht und vom belgischen König mit einem Heldenorden geehrt.[2]

Untersuchung[Bearbeiten]

Den letzten Untersuchungsergebnissen zufolge kenterte das Schiff durch eine tragische Verkettung mehrerer Faktoren.

Um die Stillstandszeiten im Hafen und damit Kosten zu minimieren, war es gängige Praxis, die Bugklappen erst nach dem Ablegen auf dem Weg zur Hafenausfahrt zu schließen. Da die Bugklappen von der Brücke aus nicht zu sehen waren und es auch keine Kontrollleuchten gab, die den Verantwortlichen auf der Brücke die Schließung der Klappen hätten bestätigen können, war es Aufgabe des Oberbootsmannes, dies zu kontrollieren. Der Oberbootsmann hatte sich laut Vorschrift aber während des Auslaufens ebenfalls auf der Brücke aufzuhalten, weshalb er die Kontrolle der Bugklappen einem Matrosen übertrug.

Das offene Bugtor allein hätte selbst bei voller Fahrt das Schiff mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum Kentern gebracht, da die Bugwelle nicht an die Unterkante des Autodecks heranreichte. In der Vergangenheit fuhren Schiffe der Reederei auch mit offenen Bugtoren, ohne dass dies zu Unfällen führte. Um im Hafen von Zeebrügge mit seinen niedrig liegenden Laderampen festmachen zu können, hatte das Schiff jedoch die Ballasttanks geflutet, um es auf die Höhe der Hafenanlagen abzusenken. Durch die geringe Wassertiefe in Hafennähe entstand während der Fahrt zudem eine Sogwirkung (Flachwasser-Effekt), die das Schiff nach unten zog und so erst den Wassereintritt im Autodeck ermöglichte.

Verschrottung[Bearbeiten]

Im Oktober 1987 sollte das Schiff zum Abwracken nach Taiwan geschleppt werden. Im Golf von Biskaya, nördlich von A Coruña, brachen in einem Sturm die Stahltrossen, mit denen die Herald of Free Enterprise sowie eine weitere zu verschrottende Fähre an einem Schleppschiff befestigt waren. Dadurch trieb die Unglücksfähre führerlos im Meer, was in dem Gebiet zur Beeinträchtigung der Schifffahrt führte. Am 23. März 1988 wurde schließlich in Kaohsiung mit dem Abbruch des Schiffes begonnen.

Rezeption des Ereignisses[Bearbeiten]

Nach dem Unglück nahm eine Gruppe britischer Musiker unter dem Namen Ferry Aid eine neue Version des Beatles-Hits Let It Be auf, der Erlös kam den Hinterbliebenen der Opfer zugute.

Der belgische Musiker Milow schrieb über das Unglück ein Lied, das auf den Alben „Coming of Age“ und „Milow“ (2009/Homerun Records) erschien.

Eine Folge der zweiten Staffel von Sekunden vor dem Unglück mit dem Titel „Der Untergang der Herald of Free Enterprise“ behandelt das Unglück.

Bildmaterial der auf der Seite liegenden „Herald of Free Enterprise“ wird im Film Drei Farben: Rot (1994) von Krzysztof Kieślowski gezeigt.

Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. Untersuchungsbericht (engl.) PDF abgerufen am 23. Januar 2013
  2. http://www.mastermariner.org/sidelights/winter06.pdf Zitat: „Captain Schröder was a hero of the MV Herald of Free Enterprise Disaster some years back, when he and his ship saved a large number of the passengers. For his heroic actions, he received a letter of commendation from the Prime Minister of the United Kingdom (Margaret Thatcher) and a medal from the King of Belgium.“

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Hahne: Fährunglück vor Zeebrügge. in: Rolf Schönknecht (Hg.): Trans-Magazin Schiffahrt, transpress VEB Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1989, S. 52-59

51.3745833.190556Koordinaten: 51° 22′ 28″ N, 3° 11′ 26″ O