Herbert von Bose

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Carl Fedor Eduard Herbert von Bose (* 16. März 1893 in Straßburg, Elsass; † 30. Juni 1934 in Berlin) war deutscher Offizier, Nachrichtendienstler, Staatsbeamter und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Von 1932 bis 1934 war er ein enger Mitarbeiter und Berater des Reichskanzlers und Vizekanzlers Franz von Papen. Von 1933 bis 1934 bereitete Bose als Pressechef Papens hinter dessen Rücken einen gegen die NS-Regierung gerichteten Staatsstreich vor, weshalb er am 30. Juni 1934 erschossen wurde.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herbert von Bose (Anfang 1934)
Berliner Gedenktafel am Haus Neuchateller Straße 8 in Berlin-Lichterfelde

Von Bose entstammte dem gleichnamigen alten sächsischen Adelsgeschlecht von Bose. Sein Vater war Carl Fedor von Bose (1856–1919), der als kaiserlicher Regierungsrat sowie als Ober- und Geheimer Baurat einer Abteilung der kaiserlichen Generaldirektion der Eisenbahnen in Elsass-Lothringen vorstand. Boses Mutter Gertrud Römer, eine Tochter des Baurats Eduard Römer und der Vally Schwartz, war die zweite Ehefrau seines Vaters.

Nach dem Besuch eines humanistischen Gymnasiums in Straßburg trat Bose 1911 in die preußische Armee ein, in der er dem Feldartillerie-Regiment 51 in Straßburg zugeteilt wurde.

Herbert von Bose (2. v.r.) beim Kapp-Putsch in Berlin, zusammen mit Hermann Ehrhardt 1920.

Von 1914 bis 1918 nahm Bose am Ersten Weltkrieg teil, in dem er zuletzt den Rang eines Oberleutnants und Generalstabsoffizier in der Kavallerie--Brigade-Schützendivision erreichte. Mit dieser Einheit beteiligte er sich im Winter 1918/1919 nahm er an der Niederschlagung der Novemberrevolution teil, wobei er zu den engsten Mitarbeitern von Waldemar Pabst gehörte. Im Herbst 1919 erreichte er den Rang eines Hauptmanns und schied kurz darauf aus der Armee aus.[1]

Zum Jahresende 1919 ließ Bose sich in Kassel nieder. Von Ende 1919 bis Anfang 1921 gehörte er der Sicherheitspolizei an. 1921 wechselte er als (formal) ziviler Angestellter in den Dienst der Abwehr, dem Nachrichtendienst der Reichswehr. Für diese leitete er von 1921 bis 1928 eine hinter der Fassade des kommerziellen Unternehmens Deutschen Überseedienst operierende Nachrichtenstelle in Kassel.[2] 1928 siedelte Bose nach Berlin über, wo er von 1928 bis Anfang 1931 im Berliner Hauptquartier des Deutschen Überseedienstes tätig war. Im April 1931 wechselte er in die Presseabteilung des Parteihauptquartiers der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), in der er die sogenannte "Informationsstelle", d.h. den privaten Nachrichtendienst der Partei, leitete. In dieser Stellung war Bose Mitorganisator der Harzburger Tagung vom Oktober 1931, einer Zusammenkunft der Spitzen von DNVP, NSDAP und des Frontsoldatenbundes Stahlhelm sowie einer Vielzahl prominenter konservativer Persönlichkeiten in Bad Harzburg, zu einer gegen die Reichsregierung unter Heinrich Brüning gerichteten Kundgebung. Das Ziel der Verhandlungen, die von einem symbolischen Rahmenprogramm begleitet wurden, das den Machtanspruch der Versammelten unterstreichen sollte, war es, die Möglichkeit einer rechten Einheitsfront gegen die Regierung Brüning zu formen und sich auf einen gemeinsamen Kandidaten für die März / April 1932 anstehende Wahl des Reichspräsidenten zu einigen.[3]

In der Weimarer Republik erlangte Bose als „jungkonservativer“ Kritiker der Republik eine gewisse Prominenz. Ähnlich anderen Jungkonservativen erstrebte er eine „konservative Revolution“, die einige „Fehlentwicklungen“ der Zeit seit 1918 rückgängig machen sollte. Neben der Restauration von Elementen des kaiserlichen Staates vor 1918 war dabei vor allem die Integration neuer, faschistischer Elemente im eigentlichen Sinne angedacht: Im Gegensatz zu der Massenbewegung des Nationalsozialismus mit seinen populistischen Staatsideen, denen die Jungkonservativen eine gewisse elitäre Verachtung entgegenbrachten, beabsichtigten diese, einen Rechtsstaat der Eliten zu schaffen, der vor allem auf die ständischen und intellektuellen Rechtsführer zugeschnitten sein sollte.

Im Juli 1932 wurde Bose in die Presseabteilung der Reichsregierung berufen, in der er bis zum Februar 1933 als Hilfsreferent beschäftigt wurde. Inoffiziell fungierte er in diesen Monaten als persönlicher Nachrichtenagent des Reichskanzlers Franz von Papen. Im Februar 1933 wurde Bose auf Betrieben Papens zum Pressechef im Preußischen Staatsministerium ernannt und zugleich im Rang eines Oberregierungsrates verbeamtet.

Im April 1933 kam Bose gemeinsam mit anderen Jungkonservativen in die Kanzlei Franz von Papens, des Vizekanzlers der im Januar 1933 gebildeten Regierung der nationalen Konzentration, der Adolf Hitler als Reichskanzler vorstand. Gemeinsam mit anderen Jungkonservativen – vor allem Edgar Julius Jung, Fritz Günther von Tschirschky, Friedrich-Carl von Savigny, Wilhelm Freiherr von Ketteler, Walter Hummelsheim, Kurt Josten und Hans von Kageneck – versuchte Bose in den folgenden vierzehn Monaten die Vizekanzlei als Plattform für einen konservativen Umbau des NS-Staates zu nutzen. Diese Gruppierung wurde später als Edgar-Jung-Kreis bezeichnet. Gestützt auf das Vertrauen Papens beim greisen Reichspräsidenten von Hindenburg, der den Oberbefehl über die Streitkräfte innehatte, hoffte man die Reichswehr und die Beamtenschaft einspannen zu können, um der nationalsozialistischen Revolution – als die man die Machtübertragung an Hitler wertete – eine zweite, konservative Revolution nachzuschalten, die ihre Staatsideale verwirklichen sollte.

Durch diese Pläne in Gegensatz zu den Führern des NS-Regimes geraten, nutzten jene die Ereignisse der sogenannten Nacht der langen Messer – einer politischen Säuberungsaktion im Juni 1934, in deren Verlauf Hitler seine Konkurrenten innerhalb seiner Parteiarmee, der SA, ermorden ließ –, um auch die „Papenclique“ zu zerschlagen. Während seine Kollegen entweder verhaftet wurden oder untertauchten, wurde Bose am 30. Juni 1934 in den Räumlichkeiten des Palais Borsig, das die Vizekanzlei beherbergte, von mehreren SS-Leuten in Gewahrsam genommen, in sein Büro geführt und dort mit mehreren Schüssen getötet. Zuvor hatte er noch seinen Siegelring und seine Briefbörse an Ketteler und Josten übergeben. Sein Tod wurde in der regierungsoffiziellen Erklärung nachträglich als ein Unfall entschuldigt und als eine bedauerliche Begleiterscheinung der „Staatsnotwehr“ dargestellt, die die Regierung zur Abwehr des angeblichen SA-Aufstandes – zu dem man die Säuberungsaktion nachträglich erklärte – hätte ausüben müssen. Als wahrscheinlichster Urheber des Auftrages Bose zu töten, gilt Heinrich Himmler, den Bose noch kurz vor seiner Ermordung als seinen „persönlichen Feind“ bezeichnete.[4] Auch Edgar Julius Jung wurde ermordet (Näheres hier).

Nachleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 3. Juli 1934 wurde Boses Leichnam auf Betreiben der Gestapo im Krematorium eingeäschert. Die Urne wurde am 17. Juli 1934 auf dem Parkfriedhof Lichterfelde in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grab des ehemaligen Reichskanzlers von Schleicher beigesetzt. In den 1960er Jahren wurde seine Urne, nach dem Ablauf des Nutzungsrechtes auf sein Grab, in den Ehrenhain des Friedhofes überführt. Für anhaltende Kontroversen sorgte der Umstand, dass das Grab des NS-Opfers Bose sich dort direkt neben dem Grab des ehemaligen stellvertretenden Gauleiters von Berlin, Artur Görlitzer, befindet. Dieser Umstand ergibt sich aus der Praxis der Stadt Berlin, im Ehrenhain insbesondere auch Bombenopfer und sonstige Kriegstote, unabhängig von ihrer politischen Haltung, bestatten zu lassen. Proteste von Boses Angehörigen, die es für unzumutbar erklärten, dass ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, über dessen gewaltsames Ende Joseph Goebbels in seinem Tagebuch Genugtuung äußerte, seine letzte Ruhe ausgerechnet neben Goebbels' ehemaligem Stellvertreter als Berliner Gauleiter finden sollte, wurden in den 1970er und 1980er Jahren mit der These abgelehnt, eine Umbettung sei eine Störung der Totenruhe und deshalb nicht möglich.[5]

Ehe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 7. Oktober 1919 war Bose mit Therese Kühne (* 10. November 1895 in Jüterbog; † 4. Dezember 1963 in Schopfloch (Schwarzwald)) verheiratet, einer Tochter des Generals der Artillerie Viktor Kühne und seiner Ehefrau Maria Kühne, geborene von Eschwege.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für seine Mitwirkung am Zustandekommen des Reichskonkordates von 1933 erhielt von Bose, als Protestant, den päpstlichen Sankt-Gregorius Orden.

1934 erhielt er zudem den „Sveti-Sava“-Orden des jugoslawischen Königs für kulturelle Verdienste und Völkerverständigung

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „U.S.A. in Tätigkeit“, in: Hanns Henning Freiherr Grote (Hrsg.): Vorsicht. Feind hört mit!, Berlin 1930, S. 147–166. (in der Auflage von 1937 unter einem anderen Autorennamen erschienen)
  • „Verdun, Galizien, Somme, Isonzo...oder wo?“, in: Hanns Henning Freiherr Grote (Hrsg.): Vorsicht. Feind hört mit!, Berlin 1930, S. 70–89. (in der Auflage von 1937 unter einem anderen Autorennamen erschienen)
  • „Der Nachrichtenoffizier an der Front“, in: Paul von Lettow-Vorbeck (Hrsg.): Die Weltkriegsspionage. Authentische Enthüllungen über Entstehung, Art, Arbeit, Technik, Schliche, Handlungen, Wirkungen und Geheimnisse der Spionage vor, während und nach dem Kriege auf Grund amtlichen Materials aus Kriegs-, Militär-, Gerichts- und Reichs-Archiven. Vom Leben und Sterben, von den Taten und Abenteuern, Basel s. a. [1931], S. 183–196.
  • „Sabotage und Propaganda“, in: Paul von Lettow-Vorbeck (Hrsg.): Die Weltkriegsspionage. Authentische Enthüllungen über Entstehung, Art, Arbeit, Technik, Schliche, Handlungen, Wirkungen und Geheimnisse der Spionage vor, während und nach dem Kriege auf Grund amtlichen Materials aus Kriegs-, Militär-, Gerichts- und Reichs-Archiven. Vom Leben und Sterben, von den Taten und Abenteuern, Basel s. a. [1931], S. 301–311.
  • „Verschleierung und Irreführung“, in: Paul von Lettow-Vorbeck (Hrsg.): Die Weltkriegsspionage. Authentische Enthüllungen über Entstehung, Art, Arbeit, Technik, Schliche, Handlungen, Wirkungen und Geheimnisse der Spionage vor, während und nach dem Kriege auf Grund amtlichen Materials aus Kriegs-, Militär-, Gerichts- und Reichs-Archiven. Vom Leben und Sterben, von den Taten und Abenteuern, Basel s. a. [1931], S. 111–121.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biographie

  • Rainer Orth: "Der Amtssitz der Opposition"?: Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934. Böhlau. Köln 2016, S. 89–128, 554–571 und passim, ISBN 978-3-412-50555-4.

Aufsätze mit Fokussierung auf die Person:

  • Larry E. Jones: "The Limits of Collaboration. Edgar Jung, Herbert von Bose, and the Origins of the Conservative Resistance to Hitler, 1933-34", in: Larry Eugene Jones/ James Retallack [Eds.]: Between Reform, Reaction, and Resistance. Studies in the History of German Conservatism from 1789 to 1945, Providence 1993, S. 465–501.
  • Gerhard Rotenbucher: „Herbert von Bose. Ein Sohn der Stadt Straßburg im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Zum 50. Jahrestag seiner Ermordung“, in: Blätter für Straßburger Geschichte, 73 Jg. (1984), S. 25–86.

Einträge in Nachschlagewerken:

  • Johannes Hürter (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871-1945. 5. T - Z, Nachträge., herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 5: Bernd Isphording, Gerhard Keiper, Martin Kröger: Schöningh, Paderborn u. a. 2014, ISBN 978-3-506-71844-0, S. 412.

Umfangreichere Betrachtungen im Rahmen von Monographien:

  • Norbert Frei: Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945, C.H.Beck, 2013.
  • Heinz Höhne: Mordsache Röhm. Hitlers Durchbruch zur totalen Macht, Reinbek bei Hamburg 1984.
  • Ian Kershaw: Hitler, 1889-1936, Stuttgart 1998.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär: Waldemar Pabst, eine deutsche Karriere, Hamburg 2009, S. 69.
  2. Susanne Meinl: Nationalsozialisten gegen Hitler, Berlin 2000, S. 46 und 277.
  3. Maximilian Terhalle: Deutschnational in Weimar, Köln 2009, S. 280.
  4. Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters, S. 204.
  5. Uta Lehnert: Den Toten eine Stimme. Der Parkfriedhof Lichterfelde. Ed. Hentrich, Berlin 1996, ISBN 3-89468-204-3, S. 63 f.