Herderkirche

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Herderkirche (Weimar))
Wechseln zu: Navigation, Suche
Südansicht der Herderkirche mit Herder-Denkmal
Deutsche Version des Welterbe-Emblems

Der im Volksmund als Herderkirche bezeichnete Bau nennt sich eigentlich Stadtkirche St. Peter und Paul und ist das bedeutendste Kirchengebäude der Stadt Weimar. Sie dient seit der Reformation 1525 der Gemeinde evangelisch-lutherischen Glaubens.

Seit 1998 gehört die Herderkirche als Teil des Ensembles „Klassisches Weimar“ zum UNESCO-Welterbe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine erste Kirche wurde an dieser Stelle bereits zwischen 1245 und 1249 gebaut, aber 1299 durch Brand zerstört. Von ihr sind nur die Fundamente geblieben. Der zweite Bau wurde beim Stadtbrand 1424 schwer betroffen. Das heutige Gebäude geht auf die dreischiffige Hallenkirche im spätgotischen Stil zurück, die zwischen 1498 und 1500 errichtet wurde. Der Chor diente als Grabstätte der ernestinischen Linie der Wettiner.

Das Herder-Denkmal von 1850

Ihren Beinamen Herderkirche trägt sie nach dem Theologen und Philosophen Johann Gottfried Herder, der von 1776 bis zu seinem Tode im Jahre 1803 in der Stadtkirche als Generalsuperintendent wirkte. Der Friedhof der Stadtkirche ist seine letzte Ruhestätte. Hier wurde im Jahre 1807 auch die Herzogin Anna Amalia bestattet. Der Platz vor der Kirche wurde nach der Errichtung des Herderdenkmals im Jahre 1850 ebenfalls nach ihm benannt. Am Wohnhaus nördlich hinter der Stadtkirche kennzeichnet eine Gedenktafel Herders frühere Amtswohnung.

Herderplatz von Südosten (Stahlstich von L. Oeder um 1840)

Bei den Luftangriffen auf Weimar gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kirche am 9. Februar 1945 durch Bomben stark beschädigt.[1] Das 19 Meter hohe Steildach und das Holzgewölbe wurden weitgehend zerstört, die verbliebenen steinernen Gewölbe in den Ostteilen stürzten ein. Das gesamte Innere wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Seit 1945 erfolgte die Beräumung der Trümmer, von 1948 bis 1953 der Wiederaufbau: die statisch-konstruktive Sicherung der Außenwände, das Aufrichten des Daches und Dachreiters, die Instandsetzung des Westturms, der Einzug und Verputz neuer Holzgewölbe (auch in den Ostteilen), die Wiederherstellung des Chorbogens. Die Kirche konnte am 14. Juni 1953 wieder eingeweiht werden. Die Instandsetzung und Restaurierung der Ausstattung fand bis 1977 statt.[2]

Im Dezember 1988 lieferte der damalige Superintendent fünf Besetzer der Kirche, die damit ihren Ausreisewillen unterstreichen wollten, an die DDR-Sicherheitsorgane aus. Die Besetzer und vier Mitwisser erhielten hohe Haftstrafen. Nach der Wende stellte sich heraus, dass der Superintendent zu den fast 80 Pfarrern und Kirchenmitarbeitern in Thüringen gehörte, die eng mit dem MfS zusammengearbeitet hatten.[3] Die Herderkirche und der Herderplatz waren im Wende-Herbst 1989 wichtige Treffpunkte der friedlichen Revolution.

Die Herderkirche gehört gemeinsam mit Herders Wohnhaus und dem Alten Gymnasium zum Ensemble Klassisches Weimar, das 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. 2012 wurde die Herderkirche in die Internationale Nagelkreuzgemeinschaft der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen aufgenommen.[4]

In den Jahren 2010 bis 2016 wurde die Kirche einer umfassenden Instandsetzung unterzogen.[5] Restauriert wurden u.a. die Kanzel, der Taufstein und der Cranach-Altar.[6] Dieser wird nun durch zwei neue Kirchenfenster mit Spezialverglasung vor UV-Licht geschützt.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altarbild von Cranach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cranachsches Altarbild Christus am Kreuz

Das bemerkenswerte dreiflüglige Altarbild der Stadtkirche wurde nach neuester Forschung von Lucas Cranach dem Jüngeren 1552 bis 1555 gefertigt und nicht wie lange angenommen von Lucas Cranach dem Älteren in seinem Todesjahr begonnen.[7] Es gilt heute als Hauptwerk der sächsisch-thüringischen Kunst des 16. Jahrhunderts. Im Altarraum steht auch das Original der Grabplatte Lucas Cranach des Älteren aus der Jakobskirche. Gleichfalls bedeutend mit dem Altarbild ist der sogenannte Lutherschrein, ein Triptychon mit Bildnissen Martin Luthers.

Der Cranach-Altar ist durch bereits 1940 erfolgte Auslagerung vor der Zerstörung durch die Luftangriffe auf Weimar bewahrt worden.

Fürstliche Grabmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 17. Jahrhunderts stellte die Stadtkirche die fürstliche Grablege der in Weimar residierenden ernestinischen Wettiner dar. Die Grabmäler und Bestattungen folgender fürstlicher Personen befinden sich noch in der Stadtkirche:

Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach ist als letzte Regentin auf eigenen Wunsch 1807 in der Stadtkirche bestattet worden.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel (2016)

Die Orgel der Stadtkirche wurde im Jahr 2000 von W. Sauer Orgelbau Frankfurt (Oder) im historischen Gehäuse von 1812 erbaut. Es handelt sich dabei um eine Rekonstruktion der Vorgängerorgel, die im Jahr 1907 von Eberhard Friedrich Walcker (Ludwigsburg) erbaut worden war. Obwohl diese Orgel im Krieg stark beschädigt wurde, konnte sie bereits nach dem Krieg teilweise wiederhergestellt werden. In der heutigen Orgel befinden sich noch einige Register der historischen Walcker-Orgel, außerdem wurde deren Spieltisch wiederhergestellt.

Das Instrument hat heute 53 Register, es verfügt über Schleifladen und eine mechanische Spieltraktur. Die Registertraktur und Koppeln sind elektrisch.

I Rückpositiv C–g3
1. Prinzipal 8′
2. Gedackt 8′
3. Oktave 4′
4. Blockflöte 4′
5. Ital. Prinzipal 2′
6. Quinte 113
7. Oktave 1′
8. Scharff IV
9. Sesquialtera II 223
10. Krummhorn 8′
Tremolo
II Hauptwerk C–g3
11. Bordun 16′
12. Prästant 8′
13. Hohlflöte 8′
14. Quintadena 8′
15. Oktave 4′
16. Rohrflöte 4′
17. Quinte 223
18. Superoktave 2′
19. Terz 135
20. Mixtur IV-V
21. Mixtur IV
22. Fagott 16′ W
23. Trompete 8′ W
24. Chamade 8′ W
Tremolo
III Schwellwerk C–g3
25. Gedackt 16′
26. Geigenprinzipal 8′
27. Rohrflöte 8′
28. Aeoline 8′ W
29. Schwebung 8′ W
30. Oktave 4′
31. Flöte 4′
32. Nasat 223
33. Gemshorn 2′
34. Quinte 113
35. Sifflöte 1′
36. Mixtur IV-V
37. Dulzian 16′ W
38. Franz. Trompete 8′ W
39. Oboe 8′ W
Tremolo
Pedal C–f1
40. Untersatz 32′ W
41. Prinzipalbaß 16′
42. Subbaß 16′
43. Gedacktbaß 16′
44. Oktavbaß 8′
45. Baßflöte 8′
46. Nachthorn 4′
47. Oktave 2′
48. Baßaliquot III
49. Hintersatz IV
50. Bombarde 32′ W
51. Posaune 16′ W
52. Trompete 8′ W
53. Singend Cornett 4′ W
W = Register aus der Walcker-Orgel von 1907

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lutherglocke von 2009

Nach Johann Sebastian Bachs Zeit hatte die Stadtkirche sechs Glocken. Das Hauptgeläut bestand aus vier Glocken, die in etwa in den Tönen h0, dis1, fis1 und h1 erklungen sein dürften. Die große, rund 4.300 Kilogramm schwere Glocke wurde zuletzt 1606 vom Erfurter Meister Hermann Königk umgegossen und läutete nur an den hohen Festtagen mit. Im Jahre 1632 goss Jakob König die Sterbeglocke, die zusammen mit der 1566 von Wolf Hilliger gegossenen Beichtglocke das Sonntagsgeläut bildete. Die Marienglocke stammte noch aus vorreformatorischer Zeit; sie wurde 1294 gegossen und erklang mit der Beichtglocke an Werktagen. Der Dachreiter beherbergte noch das Wächterglöckchen von 1680, am Hauptturm gab es die Sturm- und Uhrglocke. Die drei großen Glocken wurden im Ersten Weltkrieg für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Die alte Marienglocke gab man 1922 für ein neues Eisengeläut der Gießerei Schilling und Lattermann in Zahlung.[8] Diese Glocken trugen die Namen Luther, Herder und Bach. Nach mehr als 80 Jahren hatten sie ihre Belastungsgrenzen erreicht und sollten durch neue, bronzene ersetzt werden. Unter anderem spendeten für den Neuguss die Mitglieder aus dem Verein für die Geschichte Berlins. Die Glockengießerei Rudolf Perner in Passau goss 2009 drei Glocken, die am 28. September desselben Jahres in den Glockenstuhl der Weimarer Stadtkirche gehoben wurden. Am Reformationstag 2009 wurde das Geläut indienstgenommen.[9] Die drei neuen Glocken heißen Luther (Ewigkeitsglocke, Schlagton h0, Masse 3.000 kg), Herder (Friedensglocke, Schlagton cis1, Masse 1.930 kg) und Bach (Taufglocke, Schlagton e1, Masse 1.382 kg). Die neuen Glocken wurden auf die des Schlossturmes, der römisch-katholischen Herz-Jesu-Kirche und der Jakobskirche abgestimmt.

Foto Gießer/
Gießort
Gussart Jahr Ø (mm) Gewicht (kg) Nominal Glockenzier und
Inschriften
Glockengeschichte
Weimar Stadtkirche Gl 1.jpg
Rudolf Perner GmbH & Co. KG (Passau) Bronze 2009 1650 2650
oder
3000 kg
h0 Schulter zwischen zwei runden Reifen /Stadtkirche St. Peter und Paul-Weimar 2009/ Schulter (andere Seite) / Gießerzeichen/ Flanke /SOLA FIDE SOLA GRATIA SOLA SCRIPTURA /[Linienrelief: Beten – Flehen; Linienrelief: Segnen- Helfen; Linienrelief: Lesen] (Schmuck von Walter Sachs) 1566 Bronzeglocke Wolff Hillinger d.J. od. Hilger (Freyberg); 1587 zersprungen; 1587 Bronzeglocke Melchior Möring[k] (Erfurt); 1588 zersprungen; 1589 Bronzeglocke Melchior Möring[k] (Erfurt); 1602 zersprungen; 1604 Bronzeglocke Hermann König[k] (Erfurt); Verlust 1. Weltkrieg (einschmelzen); 1922 Eisenhartgussglocke Schilling & Lattermann (Apolda und Morgenröthe); 2011 in Landgut Holzdorf abgegeben
Weimar Stadtkirche gl2.jpg
Rudolf Perner GmbH & Co. KG (Passau) Bronze 2009 1460 1850
oder
1930
cis1 Schulter zwischen zwei runden Reifen /Stadtkirche St. Peter und Paul-Weimar 2009/ Schulter (andere Seite) / Gießerzeichen/ Flanke /Licht Liebe Leben/[Linienrelief: In Betrachtung (Denker); Linienrelief:In Zuneigung (Mutter, Kind); Linienrelief: Baum] (Schuck von Walter Sachs) 1632/ 37 Bronzeglocke Jacob König[k] (Erfurt); 1850 Feuer – Riss; 1851 Bronzeglocke Carl Friedrich Ulrich (Apolda)[klanglich nicht ganz rein]; Verlust im 1. Weltkrieg (einschmelzen); 1922 Eisenhartgussglocke Schilling & Lattermann (Apolda und Morgenröthe) Nr. 3619; 2011 in Landgut Holzdorf abgegeben
Weimar Stadtkirche gl3.jpg
Rudolf Perner GmbH & Co. KG (Passau) Bronze 2009 1250 1200
oder
1382
e1 Schulter zwischen zwei runden Reifen /Stadtkirche St. Peter und Paul-Weimar 2009/ Schulter (andere Seite) Gießerzeichen Flanke /SOLI DEO GLORIA/[Linienrelief: Bläser; Linienrelief: Streicher; Linienrelief: Sänger] (Schmuck von Walter Sachs) 1566 Bronzeglocke Wolff Hillinger d.J oder Hilger [Bergner/ Mende] (Freyberg); 1616 Umguss; 1851 Bronzeglocke Gebrüder Ulrich (Apolda); 1888 Bronzeglocke Franz Schilling als C.F. Ulrich (Apolda) Nr. 597; Verlust im 1. Weltkrieg (einschmelzen); 1922 Eisenhartgussglocke Schilling & Lattermann (Apolda und Morgenröthe) Nr. 3620; 2011 in Landgut Holzdorf abgegeben

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Autorenkollegium: Das Wort Gottes aber bleibt - Weimarer Stadtkirchengeschichte im 20. Jahrhundert. Herausgegeben vom Gemeindekirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Weimar anlässlich der 500-Jahrfeier der Stadtkirche St. Peter und Paul am 24. Juni 2000. Format A5, 68 Seiten, Weimar 2000, ohne ISBN
  • Ricklef Münnich: Die Stadtkirchgemeinde Weimar und die Weimarer Juden im Nationalsozialismus. In: Erika Müller, Harry Stein: Jüdische Familien in Weimar. Ihre Verfolgung und Vernichtung. Weimar 1998, ISBN 3-910053-31-9, S. 217ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stadtkirche St. Peter & Paul (Herderkirche) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bilder der Zerstörung. Weimar 1945. Fotos von Günther Beyer. Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum 2015. S. 53.
  2. Rudolf Zießler: Bezirk Erfurt. In: Götz Eckardt (Hg.): Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg. Henschel-Verlag, Berlin 1978. Band 2, S. 489–499.
  3. Aus der Herderkirche ging es direkt in den Knast. Vor 25 Jahren lieferte der damalige Weimarer Superintendent fünf Kirchenbesetzer den DDR-Behörden aus. Thüringische Landeszeitung, 3. Dezember 2013.
  4. Nagelkreuz mahnt zur Versöhnung. Thüringische Landeszeitung, 17. Dezember 2012.
  5. RBB kulturradio: Festgottesdienst zur Wiedereröffnung von Weimarer Herderkirche, 29. November 2016.
  6. Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Weimar: Zweiter Bauabschnitt in der Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche), abgerufen am 1. Dezember 2016.
  7. Mirko Krüger: Cranach in Thüringen: Vorzeichnung unter der Farbe entdeckt. Thüringer Allgemeine. 26. April 2011. Abgerufen am 20. Oktober 2015.
  8. Bernd Mende: Die Glocken der Weimarer Schlosskirche. Weimarer Schriften, Bd. 62, Weimar 2008, S. 9.
  9. Jörg Kluge: Glocken für die Herderkirche in Weimar. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Heft 4, Oktober 2009, S. 286.

Koordinaten: 50° 58′ 52″ N, 11° 19′ 45″ O