Hermann-Lietz-Schule Haubinda

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Lietz Internatsdorf Haubinda
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Schulform Staatlich anerkannte Schule in freier Trägerschaft, Grund-, Haupt- und Realschule, Fachoberschule und Berufliches Gymnasium, Klassen 1–13
Gründung 1901
Ort Haubinda
Land Thüringen
Staat Deutschland
Koordinaten 50° 20′ 16″ N, 10° 38′ 35″ OKoordinaten: 50° 20′ 16″ N, 10° 38′ 35″ O
Träger Stiftung Deutsche Landerziehungsheime
Schüler 400, davon 120 im Internat (März 2019)
Lehrkräfte ca. 50 (3. November 2011)
Leitung Burkhard Werner (seit 2001)
Website http://www.internatsdorf.de/
Gesamtansicht

Das Lietz Internatsdorf Haubinda ist eine 1901 von Hermann Lietz als reformpädagogisches Landerziehungsheim in Haubinda (Thüringen) gegründete Schule in freier Trägerschaft. Sie ist eine staatlich anerkannte Regelschule mit Grund-, Haupt-, Real- und Fachoberschule sowie Beruflichem Gymnasium.[1]

Schulgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptgebäude

Bei dem Hauptgebäude der Hermann-Lietz-Schule in Haubinda handelt es sich um einen fränkischen Fachwerkbau mit englischen Einflüssen. Das Lietz Internatsdorf Haubinda ist eine von wenigen Landerziehungsheimen, welches als Schule konzipiert und neu gebaut wurde. Seit 1991 stehen alle historischen Gebäude der Hermann-Lietz-Schule unter Denkmalschutz. Ursprünglich sollte es eine reine Internatsschule für Jungen sein. 2019 leben von den circa 400 Schülern etwa 120 im Internat. Es gibt einen Sportplatz mit Beachvolleyballfeld, eine Zwei-Felder-Sport- und Mehrzweckhalle, einen Schulgarten, eine Bibliothek mit rund 20 PC-Arbeitsplätzen, einen Naturlehrpfad, eine Holzwerkstatt und eine Schmiede. Des Weiteren besitzt die Schule einen landwirtschaftlichen Bereich mit einem eigenen Reitplatz. Das Schulgelände umfasst etwa 90 ha. Insgesamt gibt es 14 Internatshäuser, in denen die Schüler mit den Lehrern leben.

Nebenhaus

Das Nebenhaus ist ebenfalls ein fränkischer Fachwerkbau. Zurzeit leben in dem oberen Stockwerk des renovierten Gebäudes zwei Internatsfamilien. Im unteren Stockwerk befinden sich ein Unterrichtsraum, ein Medienzentrum und ein Aufenthaltsraum für Schüler. Früher befand sich dort die erste Turnhalle der Schule.

Emiliahaus

Das Emiliahaus der Hermann-Lietz-Schule Haubinda wurde nach der Mutter von Hermann Lietz benannt. Er lebte in diesem Haus mit seiner Frau und seinen drei Kindern bis zu seinem Tod im Jahre 1919. Es wurde 1910 gebaut.

Volkerthaus

Das Volkerthaus wurde nach Friedrich Volkert benannt, der die Schule von 1909 bis 1921 leitete. Es wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und 2002 neu aufgebaut.

Volkerthaus
Prinzenhaus

Als der Sohn der Familie von Saalfeld die Schule besuchte, wurde für ihn 1920 ein Haus gebaut. 1930 wurde das Prinzenhaus der „Hermann-Lietz-Stiftung“ geschenkt.

Mensa

Seit 2014 steht nördlich der historischen Gebäude die neue Mensa, in der jeder Schüler seinen individuellen Platz hat, an dem er speist.

Geschichte der Schule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Lietz kaufte das freistehende Rittergut in Haubinda für 250.000 Mark, gründete dort das zweite deutsche Landerziehungsheim und zog 1901 mit 60 Jungen ein. 1903 kam es mit Theodor Lessing, der in Haubinda als Aushilfslehrer wirkte, zu einer Auseinandersetzung über die Aufnahme jüdischer Schüler, die als „Haubinder Judenkrach“ bezeichnet wird.[2] Die Schule wurde 1919, im Rahmen der Gründung einer Stiftung durch Lietz, noch kurz vor dessen Tod, unter die Trägerschaft der „Hermann-Lietz-Stiftung“ gestellt. Karl Langenstraß, Ehemann der Malerin Magda Langenstraß-Uhlig wirkte hier 1919 als Arzt und nach dem Tod von Lietz kurze Zeit als Konrektor.[3] Die Schule konnte während beider Weltkriege und im Nationalsozialismus weitergeführt werden. 1945 trat in der sowjetischen Besatzungszone, in der die Schule lag, das Gesetz über die Bodenreform in Kraft. So wurde der Grundbesitz von über 100 Hektar Land entschädigungslos enteignet. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Kapitel Reformpädagogik in Haubinda vorerst beendet. Die Schule stand bis 1951 unter der Trägerschaft des Landes Thüringen. Zwischen 1951 und 1957 wurde dort die Grenzpolizei der DDR stationiert. Von 1957 bis 1961 diente die Schule als Zentralschule für die Klassen fünf bis zehn aus den Orten Schlechtsart, Gompertshausen, Westhausen und Haubinda sowie von anderen Schulen versetzte Kinder. Die Schule wurde 1961 erneut geschlossen, und es zogen Soldaten ein. Ab 1971 stand die Schule den Kindern aus den umliegenden Dörfern als zehnklassige Polytechnische Oberschule zur Verfügung. Nach der Wende und dem Wiedererwerb durch die Stiftung wurde 1990 ein neues Konzept für die Schule erarbeitet, welches als Schulversuch im Land Thüringen genehmigt wurde. Die Privatisierung wurde zum Schuljahr 2001/2002 vollzogen, womit auch der Schulversuch erfolgreich endete. Seit der Privatisierung ist die Schule wieder im Aufbau. 2015 belegte die Hermann-Lietz-Schule Haubinda den ersten Platz im Wettbewerb „Thüringer Zukunftspreis – Sonderpreis Jugend“.[4][5]

Haubinda heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lietz Internatsdorf Haubinda ist einzigartig im deutschen Bildungswesen. Persönlichkeitsbildung und Nähe zur Natur stehen im Blickpunkt. Freude am Lernen ist die Voraussetzung für ein lebenslanges Lernen. Deshalb ist es das Ziel, bei den Schülerinnen und Schülern die Freude am Lernen zu wecken und zu fördern.

Im eigenen "Schulstaat Haubinda" lernen die Kinder und Jugendlichen das Zusammenleben selbstständig und demokratisch zu regeln.

Von großem Wert ist die bewusst gewählte Lage auf dem Lande. Idyllisch gelegen im Süden von Thüringen, wachsen die Schülerinnen und Schüler behütet in der Dorfgemeinschaft auf.

Ein eigenes Haus für jede Familie, ein Backhäuschen, eine Gärtnerei mit Gewächshaus, ein großer Bio-Bauernhof und eine große Werkstatt für Holz- und Metallarbeiten – das alles zeichnet das Leben im Lietz Internatsdorf Haubinda aus.

In einer schnelllebigen Zeit bietet dies die Möglichkeit, aus der Natur Ruhe zu schöpfen und ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln. Die bewusste Reduzierung schärft den Blick für das Wesentliche und spiegelt eine gesunde Lebensweise wider. Dabei lernen die Dorfbewohner nachhaltig durch die praktizierte Landwirtschaft mit natürlichen Ressourcen umzugehen und den Naturkreislauf der Produktion nachzuvollziehen.

Unterrichtsfächer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Hermann-Lietz-Schule Haubinda werden die Fremdsprachen Englisch und Spanisch angeboten. Bereits ab der 1. Klasse werden die Schüler in Englisch unterrichtet. Ab der 5. Klasse können die Schüler freiwillig am Spanischunterricht teilnehmen. Weiterhin besteht die Möglichkeit, Sprachzertifikate im Fach Englisch (Cambridge ESOL) zu erwerben.

Unterrichtszweige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 7. bis 10. Klasse gliedert sich in drei Zweige bzw. Wahlpflichtfächer (Darstellen und Gestalten, Naturwissenschaften und Wirtschaft, Umwelt und Europa). Die Schüler der Hermann-Lietz-Schule Haubinda müssen sich zu Beginn der 7. Klasse für einen der drei Zweige entschieden haben. Jeder dieser Bereiche hat ein anderes Bereichsfach, in dem die Schüler vier Unterrichtsstunden in der Woche unterrichtet werden. Alle Schüler besuchen den von ihnen gewählten Zweig bis zum Abschluss der mittleren Reife, Fachhochschulreife oder Abitur.

Naturwissenschaftlicher Zweig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schüler werden jede Woche vier Schulstunden im Fach „Nawi“ unterrichtet. Naturwissenschaftliche Fächer (Physik, Mathematik, Biologie und Chemie) werden in Doppelstunden unterrichtet. Der Bereich nimmt regelmäßig an Wettbewerben, wie der Matheolympiade, Känguruwettbewerb, Exciting Physics und Chemiekids teil.

Zweig Wirtschaft-Umwelt-Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Unterrichtszweig gibt es als weiteres Profilfach neben Wirtschaft-Recht-Technik das Fach Wirtschaft-Umwelt-Europa. Die Schule nahm an dem Projekt der internationalen Stiftung für Umwelterziehung teil und wurde mit dem Prädikat Umweltschule in Europa ausgezeichnet.[6]

Künstlerischer Zweig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bereich „Darstellen und Gestalten“ der Hermann-Lietz-Schule Haubinda befasst sich hauptsächlich mit der Inszenierung und Aufführungen von Theaterstücken. Jede Klasse des Bereiches führt zwei Stücke in einem Schuljahr vor. In der 8. Klasse ist eines dieser beiden Inszenierungen ein englisches Stück und in der 9. Klasse ein Musical.

Der Schulstaat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die Region hinaus wurde in pädagogischen Kreisen das Projekt Schulstaat Haubinda, eine demokratische Verwaltung von Schülern, Lehrern und Angestellten, positiv bekannt und wird aufmerksam beobachtet.

Schülergericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Schule gibt es ein Schülergericht, bei dem alle bei einer Gerichtsverhandlung anwesenden Organe (Verteidiger, Staatsanwalt, Richter) von Schülern bekleidet werden. Ein solches Schülergericht gibt es seit 1998, womit es das erste und auch älteste Schülergericht in der Bundesrepublik Deutschland ist. Es ist auch das bisher einzige Schülergericht im Freistaat Thüringen.[7][8]

Fachoberschule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Fachoberschule im Lietz Internatsdorf Haubinda werden die Fachbereiche Wirtschaft/Verwaltung und Technik mit dem Schwerpunkt Informationstechnik angeboten.[9] Seit dem Schuljahr 2009/2010 haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, die 13. Klasse zu besuchen, um ihr allgemeines Abitur abzulegen. Die Hermann-Lietz-Schule Haubinda ist derzeit die einzige Schule in Thüringen, an der man nach der Fachhochschulreife das allgemeine Abitur ablegen kann. Die Arbeit mit Notebooks ist fester Bestandteil im Unterricht der Fachoberschule.

Projektfahrten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einmal im Jahr begeben sich die Schüler der Schule auf eine fünftägige Projektfahrt. Jeweils in Gruppen von 15 bis 20 Schülern bereisen sie Ziele in ganz Deutschland. Vor den Projektfahrten muss sich jeder Schüler der Klassen 7 bis 9 ein zur Projektfahrt passendes Thema wählen, über das er dann eine Jahresarbeit schreibt. Jeder Schüler wird über das gesamte Schuljahr während der Erstellung der Arbeit betreut. Außerdem werden jedes Jahr Kanu- und Radtouren unternommen.

Zweige und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude wurde 1989 wieder an die „Stiftung Deutsche Landerziehungsheime“ zurückgegeben. Die Schule ist seitdem wieder im Aufbau. Sie ist eine Internatsschule mit Grundschule, Regelschule (Thüringen) und Fachoberschule und bietet somit Bildungsgänge zum Hauptschulabschluss, zum Qualifizierenden Hauptschulabschluss, zum Realschulabschluss, zur Fachhochschulreife und zum Abitur an. Der Verwaltungssitz der vier Hermann-Lietz-Schulen (Hermann-Lietz-Schule Haubinda, Hermann-Lietz-Schule Schloss Hohenwehrda, Hermann Lietz-Schule Spiekeroog und Hermann-Lietz-Schule Schloss Bieberstein) befindet sich in Hofbieber. Die Internatsschule ist wichtigster Arbeitgeber in der Region; der Internats- und Schulleiter ist Burkhard Werner.

Schulgeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das monatliche Schulgeld beträgt für Internatsschüler zwischen 2447 und 2577 Euro, zuzüglich Nebenkosten und für Tagesschüler je nach Alter zwischen 310 und 410 Euro (Stand Juni 2018).[10][11]

Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schüler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1905 bis 1907 lebte und lernte hier der bekannte Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin, der in Haubinda wichtige Impulse für sein späteres Wirken, insbesondere in der Jugendbewegung erhielt.

Weitere Absolventen:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 100 Jahre Hermann-Lietz-Schule Haubinda – Festschrift zum 100jährigen Bestehen 28. April 1901.
  • Heike Papenfuss: Lernen geht auch anders – Reformschulen sind die bessere Alternative. 1. Auflage. Patmos, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-491-40147-1, 8. Kapitel Hermann-Lietz-Schule Haubinda: Der demokratische Schulstaat auf dem Rittergut, S. 104 - 113.
  • Elisabeth Kutzer: Hermann Lietz – Zeugnisse seiner Zeitgenossen. 1968.
  • Ralf Koerrenz: Hermann Lietz: Einführung mit zentralen Texten. 2011, ISBN 978-3-506-77204-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hermann-Lietz-Schule Haubinda – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. internatsdorf.de
  2. Vom „Haubinder Judenkrach“ über die Odenwaldschule. FAZ, 1. September 2010
  3. private Künstlernachlässe im Land Brandenburg: Magda Langenstraß-Uhlig
  4. hm-ZweiLänder-Magazin Ausgabe 1/2 2016, Verlag Horst Mitzel, Ahorn, S. 43.
  5. Homepage der Schule, Artikel vom 15. Dezember 2015
  6. http://www.umwelterziehung.de/projekte/umweltschule/index.html
  7. Zeitungsartikel über das Schülergericht Haubinda (PDF; 1,6 MB)
  8. http://www.das-rechtsportal.de/recht/schulrecht/gewalt-kriminalitaet/schuelergericht
  9. Bildungswege
  10. Kosten im Lietz Internatsdorf Haubinda. Lietz Internatsdorf Haubinda. Abgerufen am 9. Mai 2019.
  11. hm-ZweiLänder-Magazin Ausgabe 1/2 2016, Verlag Horst Mitzel, Ahorn, S. 43.