Hermann L. Gremliza

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Hermann Ludwig Gremliza (* 20. November 1940 in Köln; † 20. Dezember 2019 in Hamburg) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er war seit 1974 Herausgeber der Monatszeitschrift konkret.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gremliza wuchs in Gerlingen auf. Seine Schwester ist die Politikwissenschaftlerin und Verlegerin (Hamburger Konkret Literatur Verlag) Dorothee Gremliza.[1]

Nach dem Abitur am Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium studierte er von 1960 bis 1966 in Tübingen und an der FU Berlin Geschichtswissenschaft und Politikwissenschaft.[2] In Tübingen gab er im Auftrag des dortigen AStA die Studentenzeitung Notizen heraus.

Er begann 1966 als Redaktionsassistent und arbeitete zuletzt als leitender Redakteur des Politikressorts des Spiegel. Infolge einer Auseinandersetzung mit dem Herausgeber Rudolf Augstein um redaktionelle Mitbestimmung verließ Gremliza Ende 1971 das Magazin. Ab 1974 bis zu seinem Tod gab er die monatlich erscheinende Zeitschrift konkret heraus. Neben dem Editorial veröffentlichte er dort regelmäßig Kolumnen, in denen er sich kritisch mit Positionen in den Massenmedien auseinandersetzte. Außerdem führte er in unregelmäßiger Folge Interviews mit Persönlichkeiten aus Politik und Kultur.

Gremliza war ein scharfer Kritiker der politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland und ein erklärter Gegner von deutschem Patriotismus und Nationalismus. 1980 unterstützte er den Aufruf zum Anachronistischen Zug gegen die Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß.[3] Im Jahre 1989 trat er aus der SPD aus. Ein Anlass dazu war, dass die Bundestagsabgeordneten der SPD nach der Maueröffnung am 9. November im Bundestag spontan mit den Abgeordneten der CDU, CSU und FDP aufstanden, um die deutsche Nationalhymne zu singen. Gremliza erinnerte diese Szene an den 17. Mai 1933, als sich die sozialdemokratischen Abgeordneten anlässlich der „Friedensrede“ Hitlers gemeinsam mit den Nationalsozialisten zum Singen der Hymne erhoben.[4] Er war Kommunist.[5]

Er gab 1987 öffentlich an, als Ghostwriter für Günter Wallraff dessen Buch Der Aufmacher über die Bild-Zeitung geschrieben zu haben,[6] was von Wallraff seinerzeit „im Kern“ auch nicht bestritten wurde.[7]

1994 unternahm er als externer Berater gemeinsam mit Wiglaf Droste einen Versuch, die Tageszeitung junge Welt zu reformieren.[8]

Für die von ihm herausgegebene Zeitschrift konkret schrieb er monatlich mindestens einen politischen Leitartikel (Gremlizas Kolumne) und eine Sprachkritik (Gremlizas Express), in der er im Geiste von Karl Kraus aus aktuellen Äußerungen von Politikern und anderen öffentlichen Personen die zugrunde liegende Gesinnung extrahierte.[9][10]

Gremliza war ein Vertreter der israel-solidarischen Linken.[11]

Gremliza war seit 1976 verheiratet und hatte vier Kinder. Er starb im Dezember 2019 im Alter von 79 Jahren in Hamburg[12] nach langer schwerer Krankheit.[13]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Was Gabriele Henkel alles mit der Hand macht. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979, DNB 800691423.
  • Betrug dankend erhalten. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1983, ISBN 3-922144-30-6
  • Krautland einig Vaterland. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1990, ISBN 3-922144-83-7
  • Ein Volk gibt Gas. 28 Berichte zur Lage der deutschen Nation. Gremliza Verlags GmbH, Hamburg 1992, ISBN 3-929201-03-8
  • Ganghofer im Wunderland. 73 Absagen an die herrschende Meinung 1978–1994. KVV „konkret“ Vertriebsgesellschaft, Hamburg 1994, ISBN 3-930786-00-1
  • Herrschaftszeiten oder Freiheit ist immer die Freiheit von Radio Luxemburg. KVV „konkret“ GmbH, Hamburg 1996, ISBN 3-930786-05-2
  • Drei Damen (Sammelband). Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1996
  • Gegen Deutschland. 48 Nestbeschmutzungen. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3-89458-193-X
  • Haupt- und Nebensätze. edition suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-12715-5

Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 30 Jahre Konkret. Konkret-Verlag, Hamburg 1987, ISBN 3-922144-63-2
  • Vorwärts. Nieder. Hoch. Nie wieder. Vierzig Jahre Konkret. Eine linke deutsche Geschichte 1957–1997. Konkret-Verlag, Hamburg 1997, ISBN 3-89458-156-5
  • Hat Israel noch eine Chance? Palästina in der neuen Weltordnung. Konkret-Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-930786-32-X

Interviews[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Triumph des guten Willens, Dokumentarfilm von Mikko Linnemann, Deutschland, 2016

Vorträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachrufe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Roger Behrens: Einer gegen die Dummheit, taz vom 28. Dezember 2019, online.
  • Joachim Bischoff, Gerd Siebecke: Hermann L. Gremliza (20.11.1940–20.12.2019) ist tot, sozialismus.de, 25. Dezember 2019, online.
  • Thomas Blum: Nicht einverstanden, neues-deutschland.de, 23. Dezember 2019, online.
  • Andreas Busche: Stachel im Fleisch der deutschen Linken, tagesspiegel.de, 23. Dezember 2019, online.
  • Dietmar Dath: Verstand statt Angst, faz.net, 23. Dezember 2019, online.
  • Georg Fülberth: Die verlassene Sprache. Der Publizist und Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza ist gestorben, in: junge Welt, 24. Dezember 2019, online.
  • Clemens Heni: Das Ende einer linksradikalen Ära: Zum Tode von Hermann L. Gremliza (20.11.1940–20.12.2019), clemensheni.net, 23. Dezember 2019, online.
  • Gerhard Henschel: Er war ein guter Lehrer, neues-deutschland.de, 27. Dezember 2019, online.
  • David Hugendick: Stilvoll gegen Deutschland, zeit.de, 23. Dezember 2019, online.
  • Markus Joch: Das Gegengewicht, literaturkritik.de, 15. Januar 2020, online
  • Torsten Krauel: Je mehr Gegner er hatte, desto besser ging es ihm, welt.de, 26. Dezember 2019, online.
  • Martin Krauss: Vielleicht der größte Journalist des Landes, juedische-allgemeine.de, 23. Dezember, online.
  • Alexander Nabert: Der polemische Bourgeois, taz.de, 24. Dezember 2019, online.
  • Peter Nowak: Der kollektive Organisator, freitag.de, 27. Dezember 2019, online.
  • Norbert F. Pötzl: Der aufgeweckte Seminarist, spiegelonline, 24. Dezember 2019 online.
  • Kay Sokolowsky: Sail away, HLG, 24. Dezember 2019, online.
  • Oliver Tolmein: Er wird fehlen, jungle-world, 2. Januar 2020, online.
  • Willi Winkler: Freibeuter mit messerscharfem Verstand, sueddeutsche.de, 23. Dezember 2019, online.
  • Michael Wuliger: Ein Kommunist für Israel, juedische-allgemeine.de, 2. Januar 2020, online.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friederike Gräff: „Reich bin ich dabei nicht geworden“. In: Die Tageszeitung: taz. 6. Oktober 2018, ISSN 0931-9085, S. 55 ePaper 43 Nord (taz.de [abgerufen am 1. November 2018]).
  2. Hermann L. Gremliza. In: Munzinger-Archiv. Abgerufen am 29. Mai 2011.
  3. Gespenstische Kulisse. In: Der Spiegel. Nr. 39, 1980 (online).
  4. [1] konkret 09/2007
  5. Roger Behrens: Einer gegen die Dummheit. taz vom 28. Dezember 2019.
  6. Hermann L. Gremliza: „von Konkret“, Konkret (11/2007).
  7. „Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza ist tot, deutschlandfunkkultur.de, erschienen und abgerufen am 23. Dezember 2019
  8. Helmut Ziegler: Der Vertreter der Anklage, In: Berliner Zeitung vom 18. Oktober 2004.
  9. Hartmut Steinecke: Deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts. Erich Schmidt Verlag, 1996, S. 133
  10. Eckhard Henscheid: „Zeitung lesen“, TAZ vom 18. September 2004
  11. Radikal pro Israel, Jüdische Allgemeine, 20. Februar 2014.
  12. Hermann L. Gremliza gestorben. In: junge Welt. 23. Dezember 2019, abgerufen am 23. Dezember 2019.
  13. Martin Krauss: Vielleicht der größte Journalist des Landes, juedische-allgemeine.de, 23. Dezember 2019, abgerufen am 24. Dezember 2019