Hermann Simon (Arzt)

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Hermann Simon
Das Ehepaar Hermann und Elisabeth Simon um 1900
Hermann Simon und sein Bruder Alexander Simon, der als Ingenieur in Bayern tätig war, um 1928
Grabstätte von Hermann und Elisabeth Simon auf dem Klinikfriedhof des LWL-Klinikums Gütersloh

Hermann Simon (* 22. März 1867 in Zweibrücken; † 14. November 1947 in Gütersloh) war ein deutscher Psychiater und Begründer der modernen Arbeitstherapie.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Simon studierte Medizin in München, Heidelberg, Berlin und Straßburg. 1891 wurde er Assistent an der Heil- und Pflegeanstalt in Saargemünd. 1896 wurde er Oberarzt in Aplerbeck, wo er seine Frau Elisabeth (geb. von Bomhard, 1876 – 1950) heiratete. Das Paar hatte zwei Söhne und eine Tochter. 1902 war er an der Klinik in Lengerich (Westfalen) tätig. Ab 1905 leitete Simon Direktor die Provinzialheil- und Pflegeanstalt Warstein (heute: LWL-Klinik Warstein), ehe er 1914 zum ärztlicher Direktor der 1919 neu eröffneten Provinzialheil- und Pflegeanstalt Gütersloh (heute: LWL-Klinik Gütersloh) ernannt wurde. Von 1914 bis 1918 war er beim Militär. Nach seiner Pensionierung 1934 arbeitete er bis 1942 als Arzt im Reservelazarett Bethel.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Simon systematisierte die bis dahin mehr oder weniger planvollen, einfachen Beschäftigungen psychisch Kranker in der Land- und Hauswirtschaft bzw. anstaltseigenen Werkstätten zu geregelten Arbeitseinsätzen. Eine solche Arbeitstherapie propagierte Simon ab 1929.[1] Die günstigen Einflüsse dieser von ihm so bezeichneten „aktiveren Krankenbehandlung“ sowohl auf den Zustand der Kranken als auch auf das triste Anstaltsmilieu fanden eine derart positive Resonanz, dass diese Erfahrungen bereits bei der Planung der Gütersloher Anstalt berücksichtigt und entsprechende Einrichtungen realisiert wurden.

Die neue Behandlungsmethode, die mit zur Überwindung der bislang auf einen Daueraufenthalt psychisch Kranker in Anstalten angelegten Behandlungskonzepte beitragen sollte, beflügelte die soziale Psychiatrie in ganz Europa, vor allem in England und Holland. Sein Therapiekonzept veröffentlichte Simon erst 1929 in einer Monografie, was einen Konflikt mit dem Psychiater Otto Dornblüth hervorrief, der auf frühere diesbezügliche Arbeiten verwies.

Gemäß seiner Auffassung, Untätigkeit, mangelnde Mitarbeit und Pflichtvergessenheit rigoros zu bekämpfen, vertrat Simon als überzeugter Sozialdarwinist und Erbbiologe nicht nur die Zwangssterilisation der „Minderwertigen“ und „Ballastexistenzen“, sondern auch deren Beseitigung, die er „Erlösung“ nannte. Er prangerte die „verhätschelnde Fürsorge“ für die Krüppel, Schwächlichen und Kränklichen an und begrüßte daher die Machtübernahme Hitlers, da er in der nationalsozialistischen Rassen- und Gesundheitspolitik die willkommene Möglichkeit sah, das „soziale Parasitentum“ als Beitrag zur rassisch-biologischen Gesundung des deutschen Volkes auszumerzen.

Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem Hitlerregime kündigte er die Mitgliedschaft bei der NSDAP.[2]

Hermann-Simon-Preis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Simon zu Ehren wurde seit 1971 von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) für herausragende Arbeiten oder Verdienste auf dem Gebiet der sozialen Psychiatrie ein Preis verliehen, gestiftet von der Fa. Lundbeck in Hamburg. Seit 2009 wird dieser Preis nicht mehr vergeben.

Kritik an Hermann Simon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernst Klee kritisierte Hermann Simon in einer Rede am 6. August 2006 an der Universität Hamburg, dass er durch seine Definition des „Personenkreises Minderwertiger“ 1931 mit die Grundlage für die spätere Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus gelegt habe.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Simon: Nachlass. LWL-Archivamt für Westfalen in Münster.
  • Hermann Simon: Aktivere Krankenbehandlung in der Irrenanstalt. de Gruyter, Berlin u. a. 1929 (Nachdruck. Mit einem Vorwort von Asmus Finzen und Anmerkungen von Christine Teller. (= Werkstattschriften zur Sozialpsychiatrie. Bd. 41). Psychiatrie-Verlag, Bonn 1986, ISBN 3-88414-071-X).
  • Angela Grütter: Hermann Simon. Die Entwicklung der Arbeits- und Beschäftigungstherapie in der Anstaltspsychiatrie. Eine biographische Betrachtung (= Studien zur Geschichte der Sozialmedizin und Psychiatrie. Bd. 7). Murken-Altrogge, Herzogenrath 1995, ISBN 3-921801-79-6 (Zugleich: Aachen, Technische Hochschule, Dissertation, 1995).
  • Franz-Werner Kersting: Anstaltsärzte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Das Beispiel Westfalen (= Forschungen zur Regionalgeschichte. Bd. 17). Schöningh, Paderborn 1996, ISBN 3-506-79589-9 (Zugleich: Siegen, Universität, Habilitations-Schrift, 1996).
  • Hans Ludwig Siemen: Reform und Radikalisierung. Veränderungen der Psychiatrie in der Weltwirtschaftskrise. In: Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. Hrsg. von Norbert Frei, R. Oldenbourg, München 1991 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 191–200; hier: S. 192 (Reformen und Wirtschaftskrise)
  • Bernd Walter: Hermann Simon – Psychiatriereformer, Sozialdarwinist, Nationalist? In: Der Nervenarzt. Bd. 73, Nr. 11, 2002, ISSN 0028-2804, S. 1047-1054, doi:10.1007/s00115-002-1431-z.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikiversity: Hermann Simon: Aktivere Krankenbehandlung in der Irrenanstalt (1929) – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Achim Thon: Kriegsopfer der Psychiatrie. Das Beispiel der Heil- und Pflegeanstalten Sachsens. In: Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. Hrsg. von Norbert Frei, R. Oldenbourg, München 1991 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 201–216; hier: S. 206
  2. Neue Westfälische Nr.103 vom 4. Mai 2011, abgerufen am 9. Mai 2011