Hermeias von Alexandria

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hermeias (Hermias) von Alexandria war ein spätantiker griechischer Philosoph (Neuplatoniker). Er lebte im 5. Jahrhundert.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die Herkunft des Hermeias ist nur bekannt, dass er aus Alexandria stammte. Er studierte in Athen an der neuplatonischen Philosophenschule, einer Nachfolgeorganisation der Platonischen Akademie. Zu seinen Mitstudenten gehörte der später berühmte Philosoph Proklos. Die Schule wurde damals von Syrianos geleitet, der um 437 starb. Hermeias heiratete Aidesia, eine Verwandte des Syrianos, die wegen ihrer philanthropischen Großzügigkeit gerühmt wurde. Mit ihr hatte er zwei Söhne, Ammonios und Heliodoros. Er kehrte nach Alexandria zurück und verbrachte dort wohl den Rest seines Lebens als Philosophielehrer. Nach seinem Tod begab sich seine Witwe mit den Söhnen nach Athen; Ammonios und Heliodoros studierten bei Proklos. Ammonios wurde später ein einflussreicher Philosophielehrer und Aristoteles-Kommentator in Alexandria, Heliodoros betätigte sich als Astronom.

Der Philosoph Damaskios berichtet, Hermeias habe sich durch unübertroffenen Fleiß ausgezeichnet, sei aber nicht besonders scharfsinnig gewesen und habe mündlich vorgetragene Einwände nicht überzeugend widerlegen können. Außerdem erzählt Damaskios, Hermeias sei so gewissenhaft gewesen, dass er für ein Buch mehr als den verlangten Preis bezahlte, wenn er der Meinung war, der Verkäufer habe es aus Unwissenheit zu billig angeboten.

Kommentar zu Platons Phaidros[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nur ein Werk des Hermeias, sein Kommentar zu Platons Dialog Phaidros, ist bekannt und erhalten geblieben. Unter anderem wegen Damaskios’ Einschätzung der Fähigkeiten des Hermeias geht die Forschung mehrheitlich davon aus, dass er darin kaum eigene Ansichten mitteilt; vielmehr handle es sich um eine Aufzeichnung aus dem Unterricht seines Lehrers Syrianos, die somit nur dessen Phaidros-Kommentierung wiedergebe.[1] Allerdings wird vereinzelt auch die Ansicht vertreten, dass die Abhängigkeit von Syrianos geringer war als traditionell angenommen wird.[2] Der Kommentar ist stark von der Auslegungsmethode des Iamblichos von Chalkis beeinflusst, besonders hinsichtlich des Bestrebens, metaphysische Hintergründe aufzuzeigen. Die Entscheidung zwischen allegorischer und wörtlicher Auslegung einer Textstelle wird von der Abwägung der jeweiligen Umstände abhängig gemacht.[3] Hermeias betont – an eine Forderung Platons im Phaidros (264c2ff.) anknüpfend, wonach jede Schrift so wie ein Lebewesen stimmig gestaltet sein muss –, dass der Dialog auf ein einziges Ziel (skopós) hin konzipiert sei, welches daher für die Auslegung der überall maßgebliche Gesichtspunkt sein müsse. Dieses dominierende Thema sei „das Schöne in jedem Sinne“. Dabei beruft sich Hermeias auf Iamblichos.[4] Sokrates wird als ein Botschafter aus einer göttlichen Welt dargestellt, der die herabgesunkenen Seelen der Menschen erlösen wollte; Homer und Orpheus erscheinen als göttlich inspirierte Dichter und damit auch als theologische Autoritäten (trotz der scharfen Homer-Kritik Platons); sie werden zu den „Theologen“ gezählt.[5]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die älteste Handschrift stammt aus dem 13. Jahrhundert; von ihr scheint die gesamte spätere Überlieferung abzuhängen. Im späten 15. Jahrhundert übersetzte der Humanist Marsilio Ficino den Phaidros-Kommentar ins Lateinische. Er ließ sich davon hinsichtlich der Lehre von den Inspirationsarten beeinflussen, zeigt aber ansonsten kaum Nähe zu Hermeias.[6]

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carlo M. Lucarini, Claudio Moreschini (Hrsg.): Hermias Alexandrinus: In Platonis Phaedrum scholia (= Bibliotheca Teubneriana 2010). De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-020115-4 (kritische Edition)
  • Hildegund Bernard (Hrsg.): Hermeias von Alexandrien: Kommentar zu Platons „Phaidros“. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146803-1 (Übersetzung)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard Goulet: Hermeias d'Alexandrie. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 3, Paris 2000, ISBN 2-271-05748-5, S. 639–641

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diese Auffassung vertreten u.a. Karl Praechter: Hermeias. In: Pauly-Wissowa RE, Band 8/1, Stuttgart 1912, Sp. 733f.; Rosa Loredana Cardullo: Siriano, esegeta di Aristotele. Band 1: Frammenti e testimonianze dei commentari all’Organon. Firenze 1995, S. 25–28 und Christina-Panagiota Manolea: The Homeric Tradition in Syrianus. Thessaloniki 2004, S. 47–58.
  2. Hildegund Bernard: Hermeias von Alexandrien: Kommentar zu Platons „Phaidros“, Tübingen 1997, S. 4–23; Claudio Moreschini: Alcuni aspetti degli Scholia in Phaedrum di Ermia Alessandrino. In: Marie-Odile Goulet-Cazé (Hrsg.): Sophies maietores, “Chercheurs de sagesse”. Hommage à Jean Pépin. Paris 1992, S. 451–460.
  3. Siehe hierzu Hildegund Bernard: Hermeias von Alexandrien: Kommentar zu Platons „Phaidros“, Tübingen 1997, S. 47–50, 55f.
  4. Hermeias, In Phaedrum 9 und 11 (übersetzt von Hildegund Bernard: Hermeias von Alexandrien: Kommentar zu Platons „Phaidros“, Tübingen 1997, S. 87 und 89f.).
  5. Dominic J. O’Meara: Pythagoras Revived. Oxford 1989, S. 125–128; Christina-Panagiota Manolea: The Homeric Tradition in Syrianus. Thessaloniki 2004, S. 126ff., 164ff., 178ff., 237–239.
  6. Anne Sheppard: The Influence of Hermias on Marsilio Ficino’s Doctrine of Inspiration. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes. Band 43, 1980, S. 97–109; Michael J.B. Allen: Two Commentaries on the Phaedrus: Ficino’s Indebtedness to Hermias. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes. Band 43, 1980, S. 110–129.