Herrnhuter Losungen

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Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost von 1980 zur 250. Ausgabe des Losungsbuches

Die Herrnhuter Losungen bestehen aus einer Sammlung von kurzen Bibeltexten des Alten und des Neuen Testamentes. Sie gelten als überkonfessionell, da sie für alle Christen, egal welcher Konfession, verfasst werden.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entstehung der Losungen ist Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zu verdanken,[1] der der Brüdergemeine in der gewohnten „Singstunde“ am 3. Mai 1728 die erste Losung mit auf den Weg gab: „Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riß ihn von dem Thron, und ich sollte ihn nicht lieben?“ Wohl von diesem Zeitpunkt an ging ein Bruder jeden morgen in jedes der 32 Häuser des Ortes und trug die Losung des Tages vor, dabei wurde nicht nur die Losung ausgetauscht, sondern auch eine regelrechte Seelsorge betrieben. Der betreffende Bruder trug am Abend in der Singstunde die Fürbitten und Anliegen der Brüdergemeine vor. Mit Herausgabe der ersten gedruckten Version 1731 wurde die Tageslosung nicht mehr jeden Tag, sondern für ein ganzes Jahr in Herrnhut gezogen.[2] Christian David hat dieses Ziehen der Losungen für das ganze Jahr im Jahre 1735 so beschrieben, dass zum Ausgang des Jahres eine außergewöhnliche Versammlung im Beisein der Ältesten stattfindet, wobei Brüder und Schwestern jeder Klasse zugegen sind und jede Tageslosung gezogen wurde. Die Losungen im Sinne des Grafen von Zinzendorf: „Losungen sind das, was man im Kriege die Parole nennt, daraus sich Geschwister ersehen können, wie sie ihren Gang nach einem Ziele nehmen können.“ Die Grundform des Bibelworts und des Gesangbuchvers wurde schon 1731 gegeben. Die andere Form war ein Gesangbuchvers mit Hinweis auf einzelne Bibelstellen, welcher später weggefallen ist. Bemerkenswert ist, dass viele Leser der Losungen durch deren Lektüre zu einem täglichen Bibellesen gekommen sind.

Die Herrnhuter Losungen in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1943 wurde die Zuteilung von Papier verwehrt, sodass die Herrnhuter Brüdergemeine eine großzügige Papierspende von den Brüdern aus Schweden bekam. Allerdings wurde auch nach Eintreffen des Papiers die notwendige Druckerlaubnis nicht erteilt. Erst nachdem die Brüdergemeine den schwedischen Forscher Sven Hedin um Hilfe bat und dieser dann einen Brief an Joseph Goebbels schrieb, wie sehr ihm das Erscheinen der Losungen am Herzen liege, wurde die Druckerlaubnis im Oktober 1943 für die Jahre 1943, 1944 und 1945 für die Losungen erteilt. Als Antwort schrieb Goebbels am 1. April 1943 an Sven Hedin:

„Auf Ihr Schreiben vom 20. März bin ich wieder wie im vergangenen Jahre trotz der sehr eingeschränkten Druckkapazitäten im Reiche gerne bereit, die Herstellung der ‚Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde‘ zu genehmigen. Ich freue mich besonders, Ihnen damit einen persönlichen Wunsch erfüllen zu können.“

Die Herrnhuter Losungen in der Zeit der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den 720.000 Exemplaren 1946 für Gesamtdeutschland waren 145.000 für die SBZ bestimmt. 1947 und 1948 waren es 320.000 von 1,1 Millionen Stück insgesamt, wobei die Auflage nicht durch die Nachfrage, sondern durch den Papiermangel begrenzt wurde.[3] In der DDR konnten die Losungen dann in einer Auflage von 350.000 Exemplaren erscheinen.[4] Die staatliche Erlaubnis zum Druck und zur Einfuhr des Papiers für das Folgejahr wurde bis in die 1950er Jahre erst zum Jahresende erteilt. Danach begutachteten Zensoren, die seit 1963 der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel beim Ministerium für Kultur zugeordnet waren, zwei Jahre im Voraus die Manuskripte. Die Kosten für die Gutachtertätigkeit waren von der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig zu tragen. So beanstandete bspw. Gerhard Bassarak an den Losungen 1972 Verse eines Liedes:

„Schon Vers 1 mit der Aufforderung, ‚bei uns Recht und Treu‘ zu mehren[,] ist genügend missverständlich. Vers 2 aber ideologisch noch problematischer: Freiheit, Frieden, Recht.“[5]

Direkte Verbote bereits geloster Verse gab es wohl nicht. Gleichwohl kam es zu wiederholten Beanstandungen der Erwähnung von in biblischen Kontexten erwähnten „Gottlosen“, denen die Gemeine Rechnung trug, indem sie diese anstößigen Sprüche aus dem Los-Pool entfernte.[6] Dritttexte wurden durch die Zensoren von „allzu westlichen oder dekadenten Tendenzen“ und „[f]romme[n] Klagen über die Welt“ gesäubert.[7] Nicht immer folgte das Ministerium für Kultur den vorgelegten Gutachten. Direkten Einfluss auf die Gestaltung der Dritttexte hatte die Besetzung der Stelle des Losungsbearbeiters mit dem staatsloyalen Theologen Wolfgang Caffier, danach 1988 mit Christian Weber, der mit der Stasi zusammengearbeitet hatte. Andererseits übte eine „entscheidende Vorzensur […], dank einschlägiger Erfahrung und um ‚Missverständnisse‘ im Vorfeld auszuräumen, der Verlag aus“.[8] So stand dem klaren Problembewusstsein bei der Brüdergemeine ein begrenzter Handlungsspielraum gegenüber, der von dem Widerspruch zwischen verfassungsmäßiger Pressefreiheit und tatsächlicher Zensur und Selbstzensur geprägt war.

Zusammenstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Auslosen wird für jeden Tag des Jahres ein alttestamentlicher Vers aus einer Sammlung von 1824 Versen festgelegt, der dem Leser als Leitwort oder guter Gedanke für den Tag dienen kann. Aus dem Neuen Testament wird durch einen Mitarbeiter der Herrnhuter Brüdergemeine ein so genannter „Lehrtext“ gewählt, der üblicherweise in direktem oder thematischen Bezug zu dem gelosten alttestamentlichen Vers steht. Ebenfalls wird durch die Mitarbeiter ein passendes Lied oder Gebet, der „Dritte Text“ ausgesucht.

Zusätzlich angefügt sind

  • eine Lesung, die sich auf das Kirchenjahr bezieht
  • eine fortlaufende Bibellese

Für Sonntage und kirchliche Festtage sind noch der jährlich wiederkehrende Wochenspruch, der Wochenpsalm und der Predigttext angegeben.

Die Jahreslosung – ein biblisches Wort für das ganze Jahr – wird zwar in der Losung vermeldet, entstammt aber nicht der Tradition der Brüdergemeine. Sie wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen im Voraus festgelegt und verantwortet.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Losungen erscheinen in verschiedenen Druckausgaben und auf elektronischen Medien. Seit 2009 gibt es neben der normalen Ausgaben und der Großdruck-Ausgaben auch eine spezielle für junge Leute mit Platz für Notizen. Zudem wurde speziell für diese Zielgruppe eine neue Internet-Seite gestartet. Daneben gibt es eine Ursprachen-Ausgabe, in der der alttestamentliche Vers auf Hebräisch und der neutestamentliche Vers auf Griechisch zu lesen ist. Als Übersetzungshilfe sind Vokabelerklärungen mit abgedruckt. Die Tages-, Wochen- und Monatslosung wird auch als RSS-Feed bereitgestellt[9].

Es gibt auch kostenlose Software zur Darstellung der Losungen auf Computern und mobilen Geräten. Im Jahr 2014 hat die Herrnhuter Brüdergemeine in Zusammenarbeit mit dem Friedrich Reinhardt Verlag die täglichen Losungen als App herausgegeben. Wegen Lizenzgebühren ist diese kostenpflichtig geworden, von freien Entwicklern herausgegebene kostenlose Apps konnten nicht mehr verwendet werden. Diese Veränderungen und technische Unzulänglichkeiten der neuen App haben zu teilweise heftigen Reaktionen von Seiten zahlreicher Nutzer geführt, besonders in den Kundenrezensionen der App-Stores gab es – gepaart mit grundsätzlichen Fragen zum Thema Kommerzialisierung – Kritik.[10]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Losungen sind in der gesamten Christenheit weltweit verbreitet und werden in viele Sprachen übersetzt (2015 in 61 Sprachen). Dabei werden die Bibeltexte, wenn möglich, aus den Bibelausgaben in der jeweiligen Sprache ausgesucht; in Deutschland folgen die Texte der aktuellen Luther-Übersetzung. Der Dritte Text wird aus dem Liedgut und der Frömmigkeit des jeweiligen Kulturkreises gewählt. In manchen Ausgaben gibt es noch zwei Liedverse, je einen zur Losung und zum Lehrtext. Seit 2016 gibt es die Losungen auch auf Aramäisch – der Sprache von Jesus Christus –, die in einer ersten Auflage von 10.000 Stück erscheinen.[11]

In deutscher Sprache erscheinen die Losungen in über einer Million Exemplaren. Weitere Sprachen sind:

Sprache Name der Losungen Seit
Afrikaans Teksboek van die Broederkerk
Albanisch 2005
Amerikanisch Daily Texts of the Moravian Church – Daily Watchwords 1743
Amharisch
Arabisch آيات كتابية يومية للغذاء الروحي 2000[12]
Aramäisch 2016
Balinesisch
Basaa
Batak
Bulgarisch
Chichewa
Chinesisch Christian Watch-Word
Dänisch Løsensbogen
Deutsch Die täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeine 1731
Deutsch/Schweiz
Englisch Daily Watchwords (The Moravian Text Book) 1740
Estnisch Vaimulikud loosungid
Farsi 2014[13]
Finnisch Päivän Tunnussana 1905
Französisch Paroles et Textes 1741
Griechisch (Neutestamentlich) Ursprachenausgabe Losungen 1995
Hebräisch (Alttestamentlich) Ursprachenausgabe Losungen 1995
Indonesisch
Inuktetuk
Isländisch Lykilorð 2006
Italienisch Letture Quotidiane Bibliche dei fratelli moravi. Un giorno, una parola
Japanisch
Koreanisch 말씀, 그리고 하루 헤른후트 기도서 2009
Kroatisch
Lettisch Lozungi
Litauisch
Mayangna 2007
Miskito Yua Bani Bila Nani
Nepali
Niederländisch Dagteksten
Odiya
Ovambo
Pedi
Plattdüütsch Losungen auf Plattdeutsch 2016[14]
Polnisch Z Biblią na co dzień
Portugiesisch Meditações Diárias
Rongmei
Ruanda
Rumänisch
Russisch Слово Божье на каждый день (dt. „Gottes Wort für jeden Tag“)
Schwedisch Dagens Lösen 1884
Setswana
Siswati
Slowakisch
Sorbisch
Spanisch Devocionales Diarios
Swahili Kiongozi Kalenda
Surinamisch Bijbel-Almanak ofoe Dei Boekoe
Tibetisch
Tschechisch Hesla Jednoty Bratrské 1758
Türkisch
Ungarisch Utmutató
Venda
Xhosa Isalatiso Se-Moriva
Zulu

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Graf Zinzendorf Stiftung: Die Losungen. In: zinzendorf.de, abgerufen am 14. Februar 2015.
  2. Gottes Wort für jeden Tag – Die Losungen für 2016 stehen fest. In: evlks.de. 9. Mai 2013, abgerufen am 17. Januar 2017.
  3. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 186). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 337 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – – Zugleich Univ.-Diss. Köln, 2008).
  4. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 186). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 336 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – – Zugleich Univ.-Diss. Köln, 2008).
  5. Gutachten von G. Bassarak über Losungen 1972, 12. September 1970, BA DR 1 / 2537a; zit. n. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. S. 343 Anm. 266.
  6. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 186). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 343 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – – Zugleich Univ.-Diss. Köln, 2008).
  7. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. S. 343: „Zu einem Dritttext für 1970 bemerkte Bassarak: ‚Gebet für die Heiden, die dunklen Orte der Welt (DDR?), Vertreibe die Nacht des Irrtums (des Marxismus?), und der Furcht (vor ihm?). – Ändern!‘“
  8. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 186). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 345 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – – Zugleich Univ.-Diss. Köln, 2008).
  9. Losungen als RSS-Feed. In: hradetzkys.de, abgerufen am 28. Januar 2016.
  10. Neue Losungen-App problematisch gestartet. In: losungen.de. 3. Januar 2014, abgerufen am 17. Januar 2017.
  11. Losungen auf Aramäisch. Evangelische Landeskirche in Württemberg. 2. April 2016, abgerufen am 16. April 2016.
  12. In Hocharabisch, hrsg. von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Eintrag in WorldCat: OCLC 891689451. – Seit 2015 erscheint zudem eine Ausgabe in „Arabisch für Ägypten“, hrsg. von der Presbyterianisch-koptischen Kirche in Ägypten (Nilsynode). Siehe Arabische Losungen in Ägypten. In: herrnhuter-projekte-weltweit.de, abgerufen am 17. Januar 2017.
  13. Losungen in persischer Sprache. In: schwarzwaelder-bote.de. 21. Januar 2015, abgerufen am 17. Januar 2017.
  14. Losungen auf Plattdeutsch. In: plattduetsch-in-de-kark.wir-e.de, abgerufen am 17. Januar 2017. – Bibelworte für jeden Tag erscheinen auch auf Plattdeutsch. In: landeskirche-hannovers.de. 27. Oktober 2016, abgerufen am 17. Januar 2017.