Hessische Erstaufnahmeeinrichtung

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Die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung, abgekürzt HEAE, befindet sich in Gießen an der Rödgener Straße im ehemaligen US-Depot Gießen. Von 1946 bis 2018 befand sich die Einrichtung südwestlich des Bahnhofs im Meisenbornweg und trug die Bezeichnung Notaufnahmelager Gießen, Aufnahmelager Gießen und Durchgangslager Gießen. Die Erstaufnahmeeinrichtung ist für Flüchtlinge und Asylbewerber zuständig, deren vorläufige Unterbringung, Versorgung und Zuweisung an hessische Landkreise, Städte und Gemeinden. Sie ist organisatorisch inzwischen dem Regierungspräsidium Gießen zugeordnet, seit November 2016 als eigene Abteilung.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie im Durchgangslager 1950, Bundesarchiv, Prof. Arntz
Baumaßnahmen im Durchgangslager Gießen (1950), Bundesarchiv, Prof. Arntz
Lageplan des Notaufnahmelagers (1977)

Infolge des Zweiten Weltkrieges wurde das „Regierungsdurchgangslager“ im Jahre 1946 als Flüchtlingslager für sogenannte Displaced Persons gegründet, später hieß es „Zonenlager“. Das Notaufnahmegesetz machte das Gießener „Notaufnahmelager“ ab dem 1. September 1950 – neben den Aufnahmelagern Marienfelde und Uelzen-Bohldamm – zur zentralen Anlaufstelle für alle Flüchtlinge aus der Deutschen Demokratischen Republik, die insbesondere nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juni 1953 in großen Zahlen kamen. Nach dem Mauerbau 1961 und der Schließung der beiden anderen Notaufnahmelager blieb Gießen als das kleinste der drei bestehen.[1]

Bis zur deutschen Wiedervereinigung wurde die Einrichtung von 900.000 Flüchtlingen und Übersiedlern aus der DDR in Anspruch genommen. Im Juni 1990 schloss das Bundesnotaufnahmelager in Gießen.

1993 erfolgte die Umbenennung in „Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen“, wodurch sich die Aufgabenstellung für die neu errichtete Dienststelle änderte. Seitdem nimmt die Erstaufnahmeeinrichtung neben Spätaussiedlern auch alle Personen auf, die einen Asylantrag stellen wollen. Bereits einige Monate zuvor wurde auf dem Gelände eine Außenstelle des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (BAFl), heute Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eröffnet, bei dem die Asylverfahren der hier aufgenommenen Personen durchgeführt werden. Die Dauer der Unterbringung in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) soll so kurz wie möglich ausfallen. In der Regel sind die Betroffenen nicht länger als vier bis sechs Wochen in der Erstaufnahme untergebracht, bevor sie durch das Regierungspräsidium in die Landkreise weitergeleitet werden. Dort warten sie den Ausgang des Asylverfahrens ab. Die Entscheidung über den Asylantrag trifft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).[2]

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einrichtung im Meisenbornweg bot 500 feste Unterkunftsplätze.[2] Im Mai 2012 befanden sich 434 Menschen im Erstaufnahmelager, die seitdem steigende Zahl von Flüchtlingen erforderte die Einrichtung von weiteren festen und temporären Außenstellen: Im Mai 2015 waren es in allen Teilen der Einrichtung 5499 Flüchtlinge, im Juli 2015 mehr als 7900, im August 2015 über 10.000[3], Anfang September 2015 über 12.000[4], Mitte September knapp 16.000[5], Ende September knapp 19.000 (davon 5.500 in Gießen)[6]. In Summe gab es 2014 knapp 31.000 neue Flüchtlinge in Hessen, diese Zahl wurde Ende Juni 2015 bereits erreicht.[7][8] Insgesamt erreichten 2015 rund 110.000 Menschen als Flüchtlinge das Land Hessen. „Davon sind 75.000 Asylsuchende hier in Hessen geblieben. In 2016 waren es noch rund 20.500, in 2017 rund 11.100 Flüchtlinge.“[9]

Durch die hohe Zahl der Flüchtlinge wurde die Zahl der Standorte im ganzen Land ausgebaut und nach dem Rückgang durch die Schließung der sogenannten Balkanroute in Stufen verringert bzw. passiv gestellt. Gehörten im März 2017 noch neun aktive und vier passive Einrichtungen zur HEAE[6], waren es im März 2019 nur noch die folgenden fünf Erstaufnahmeeinrichtungen:[10]

Geplante Gedenkstätte Standort Meisenbornweg [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Erstaufnahmestandort im Gießener Meisenbornweg wurde zum 30. September 2018 geschlossen. Seitdem werden die Gebäude zum Teil vom Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH) als Büro-Standort genutzt.[11] Im Wahlkampf zur Landtagswahl in Hessen 2018 wurde eine Nachnutzung des Geländes als Gedenkstätte thematisiert, in der Koalitionsvereinbarung der Parteien CDU und Bündnis 90/Die Grünen wurde dann im Dezember 2018 festgehalten: „Insbesondere in der Zeit der Deutschen Teilung und der Flüchtlings- und Migrationsbewegung im Jahr 2015 und danach hat das Notaufnahmelager Gießen herausragende Bedeutung für Hessen und Deutschland erlangt. Um dieses Erbe als Erinnerungs- und Lernort zu erhalten, wollen wir für diese Einrichtung eine Konzeption zur Umwandlung in eine Gedenkstätte erarbeiten. Dies soll gemeinsam mit dem Bund und der Stadt Gießen geschehen.“[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jeannette von Laak: Sehnsuchtsort Gießen – Zur Geschichte des Notaufnahmelagers nach dem Mauerbau, In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins (MOHG), Bd. 99 (2014), S. 185–194
  • Lars Witteck: Vom Erstaufnahmelager zur Erstaufnahmeeinrichtung, In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins (MOHG), Bd. 99 (2014), S. 195–209

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Durchgangslager Gießen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. kw: DDR-Bürger nicht immer willkommen. In: Gießener Allgemeine Zeitung, 1. September 2015
  2. a b Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen. In: rp-giessen.hessen.de. Regierungspräsidium Giessen, abgerufen am 21. August 2019.
  3. dpa: Erstmals über 10.000 Flüchtlinge im Erstaufnahmelager in Gießen. In: http://www.giessener-anzeiger.de/. 17. August 2015, abgerufen am 22. August 2015.
  4. Vaupel fordert kleinere Wohneinheiten für Camp. In: Oberhessische Presse, 28. August 2015
  5. Fünf weitere Außenstellen. In: Gießener Anzeiger, 16. September 2015
  6. a b https://fluechtlinge.hessen.de/sites/fluechtlinge.hessen.de/files/content-downloads/2017_03_08_uebersicht_standorte_0_0.pdf
  7. Martin Lugauer: Hessen schiebt schneller ab. RP Gießen setzt Vorgaben aus Wiesbaden um. In: mittelhessen.de. 25. Juni 2015, abgerufen am 28. Juli 2015.
  8. dpa/lhe: Hessen stellt weitere Zelte für Asylsuchende auf. In: mittelhessen.de. 21. Juli 2015, archiviert vom Original am 29. September 2015; abgerufen am 28. Juli 2015.
  9. Hessische Landesregierung: Flüchtlingszugänge nach Hessen. In: fluechtlinge.hessen.de, abgerufen am 21. August 2019
  10. Übersicht: Standorte nach Modifikation des Standortorganisationskonzepts. In: fluechtlinge.hessen.de, abgerufen: 21. August 2019
  11. Gießen: Nähere Zukunft der früheren Flüchtingsunterkunft am Meisenbornweg geklärt. In: Gießener Allgemeine, 6. März 2019, abgerufen am 21. August 2019
  12. Was Schwarz-Grün alles für Gießen plant. In: Gießener Allgemeine, 25. Dezember 2018, abgerufen am 21. August 2019

Koordinaten: 50° 35′ 28,3″ N, 8° 43′ 22,6″ O