Hilde Schramm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Hilde Schramm während einer Buchlesung, 2012

Hilde Schramm (* 17. April 1936 in Berlin als Hilde Speer) ist eine deutsche Erziehungswissenschaftlerin und ehemalige Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hilde Speer ist die Tochter des in der Zeit des Nationalsozialismus tätigen Architekten und Rüstungsministers Albert Speer (1905–1981) und von Margarete Speer (1905–1987), geborene Weber. Zu ihren fünf Geschwistern gehörte der Architekt und Stadtplaner Albert Speer junior (1934–2017). In Heidelberg aufgewachsen, besuchte sie einige Zeit die Elisabeth-von-Thadden-Schule, ein evangelisches Mädchengymnasium im Stadtteil Wieblingen. Dort wurde sie von 1953 bis zum Abitur 1955 im Fach Geschichte von der jüdischen Lehrerin Dora Lux (1882–1959) unterrichtet, über die sie 2012 ein Buch veröffentlichte.[1]

Als 16-Jährige erhielt Hilde Speer ein Stipendium, um in den USA zu studieren. Die US-Regierung verweigerte ihr zunächst das Einreisevisum. Allerdings wurde diese Entscheidung angesichts der Reaktion der mobilisierten Öffentlichkeit zurückgenommen. Als Hilde Speer 1952 als Austauschschülerin in den USA war, saß ihr Vater noch im Kriegsverbrechergefängnis Spandau ein. Von ihrer Familie vorgeschoben, setzte sie sich nach dem Abitur 1955 für seine vorzeitige Haftentlassung ein. So fuhr sie 1960 nach London und Paris, um bei Regierungsstellen vorzusprechen. In der Bundesrepublik Deutschland wurde sie unter anderem bei Bundespräsident Heinrich Lübke, Pfarrer Martin Niemöller und beim Regierenden Bürgermeister von Berlin Willy Brandt vorstellig. Letztlich scheiterten die Bemühungen ihrer Familie um eine vorzeitige Haftentlassung am Veto der Sowjetunion.

Schramm studierte Germanistik und Latein auf Lehramt sowie Soziologie mit Diplomabschluss und promovierte an der Freien Universität Berlin, wo sie von 1972 bis 1982 in der Lehrerbildung als Assistenz-Professorin tätig war. An der Technischen Universität Berlin habilitierte sie sich als Erziehungswissenschaftlerin.

Im Jahr 1968 zog Schramm mit einigen befreundeten Familien in ein großes Haus in Berlin-Lichterfelde. Dabei sollte das Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie und die strenge Trennung von Arbeit und Freizeit überwunden werden. Seit 2015 beherbergt die Hausgemeinschaft jeweils vier geflüchtete Syrer.

Hilde war mit dem Germanisten Ulf Schramm bis zu dessen Tod 1999 verheiratet. Gemeinsam haben sie eine Tochter und einen Sohn.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hilde Schramm war in verschiedenen sozialen Bewegungen, vor allem in der Friedensbewegung, aktiv. Sie ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Für die Alternative Liste in West-Berlin, einen Landesverband der Grünen, saß sie von 1985 bis 1987 sowie von 1989 bis 1991 im Abgeordnetenhaus von Berlin. Dort konnte sie einige Verbesserungen bezüglich der Anerkennung und Versorgung aller Opfer des Nationalsozialismus erreichen. Auch gehen Gedenktafeln an die verfolgten Berliner Stadtverordneten und Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik auf ihre Initiativen zurück.

1989/1990 war sie Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses. Zum Eklat kam es, als sie sich weigerte, bei Beginn einer Plenarsitzung die Eröffnungsformel „Wir bekunden unseren unbeugsamen Willen, dass die Mauer falle ...“ zu sprechen. Der CDU-Abgeordnete Ekkehard Wruck betitelte sie 1991 als „Brut von Nazi-Verbrechern“ und wurde daraufhin des Saales verwiesen.[2]

Nach ihrer Zeit im Abgeordnetenhaus baute Schramm in Brandenburg die Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen auf und betreute als deren Leiterin Projekte gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt. Schramm ist Mitbegründerin der Stiftung Zurückgeben, die jüdische Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen, die in Deutschland leben, fördert. Die Stiftung vergab seit 1995 etwa 100 Arbeitsstipendien und Projektzuschüsse.

Ab 2003 war Hilde Schramm einige Jahre Vorsitzende des Vereins Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion (KONTAKTE-KOHTAKTbI)[3], aktuell ist sie dort Mitglied des Beirats. Zusammen mit Eberhard Radczuweit, dem ehrenamtlichen Geschäftsführer des Vereins, lenkte sie im Rahmen der Kampagne Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer die Aufmerksamkeit darauf, dass ehemalige sowjetische Kriegsgefangene per Gesetz von jeglicher Kompensationszahlung bzw. humanitärer Hilfe für geleistete Zwangsarbeit ausgeschlossen sind. Inzwischen konnte der Verein Geldspenden und Briefe an über 7.000 hochbetagte ehemalige sowjetische Kriegsgefangene übermitteln.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2004 Moses-Mendelssohn-Preis; Albert Meyer, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, protestierte gegen die Entscheidung der Jury, den Preis in der Synagoge Rykestraße als Auftakt zu den Jüdischen Kulturtagen zu übergeben. Die Verdienste von Hilde Schramm seien unbestritten, aber es gebe eben auch Gefühle von Holocaust-Opfern, die zu respektieren seien. Die Preisverleihung erfolgte daraufhin im Französischen Dom am Gendarmenmarkt. Schramm erkannte an, dass in diesem Fall Gefühle vor der Vernunft kämen. Sie kommentierte: „In einer Synagoge ist mein Vater viel präsenter als an einem anderen Ort. Das möchte ich nicht. Es geht ja um meine Arbeit.“ Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro gab sie an die Stiftung Zurückgeben und an den Verein Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
  • Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
  • 2019 Obermayer German Jewish History Award

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Internationale Liga für Menschenrechte
  • GEW
  • Respekt für Griechenland e.V.
  • Verein für Kontakte zu ehemaligen Ländern der Sowjetunion

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882–1959. Nachforschungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012, ISBN 978-3-498-06421-1.
  • "Das kontrastreiche Bild der Deutschen", in: "Ich werde es nie vergessen" – Briefe sowjetischer Kriegsgefangener; Kontakte (Hrsg.) Ch. Links, Berlin 2007
  • Interkulturelle Beiträge der RAA Brandenburg e. V. (Regionale Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule). Autorin und Redakteurin insbesondere folgender Themenhefte:
    • Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im Unterricht. Projektvorstellung und Katalog mit Bildungsbausteinen. Interkulturelle Beiträge 32, Potsdam 2000.
    • Lokalhistorische Studien zu 1945 in Brandenburg. Interkulturelle Beiträge 18, Potsdam 1996.
    • Projektwochen gegen Ausgrenzung und Gewalt, Beratung von Schulkollegien im Land Brandenburg. Interkulturelle Beiträge 8, Potsdam (o. J.) [1994]
  • Handeln in der Schule gegen Rechtsextremismus. In: Richard Faber u. a. (Hrsg.): Rechtsextremismus, Ideologie und Gewalt. Edition Hentrich, Berlin 1995, S. 136–153.
  • Militär und Erziehung 1800 bis 1918. Sowie: Grenzen der antimilitaristischen Jugenderziehung vor dem Ersten Weltkrieg. In: Arbeitsgruppe Lehrer und Krieg (Hrsg.): Lehrer helfen siegen. Kriegspädagogik im Kaiserreich. Edition Diesterweg-Hochschule, Berlin 1987, S. 11–22 und S. 274–294.
  • Faschismus als Unterrichtsthema: Anregungen und Schwierigkeiten – Auswertung von Interviews mit Lehrerinnen und Lehrern. In: GEW Berlin (Hrsg.): Wider das Vergessen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1981, S. 30–82.
  • Frauensprache – Männersprache. Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1981. [Herausgeberin und Autorin]
  • Schulpraktikum, Arbeitsmaterialien zur Vorbereitung auf die Berufspraxis durch Unterrichtsversuche. Beltz, Weinheim/Basel: 1979. [Herausgeberin und Autorin]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Böll-Stiftung: Depositum Hilde Schramm – Bestandsverzeichnis

Werner Breunig, Andreas Herbst (Hrsg.): Biografisches Handbuch der Berliner Abgeordneten 1963–1995 und Stadtverordneten 1990/1991 (= Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin. Band 19). Landesarchiv Berlin, Berlin 2016, ISBN 978-3-9803303-5-0, S. 335.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Speer-Tochter Schramm über ihre jüdische Lehrerin sueddeutsche.de, abgerufen am 29. Dezember 2012.
  2. Die Welt online 16. Dezember 1999
  3. Kontakte/Kontakty