Hildegard Elisabeth Keller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Hildegard E. Keller, fotografiert von Ayse Yavas
Hildegard E. Keller (2020)

Hildegard Elisabeth Keller (* 1960 in St. Gallen) ist eine Schweizer Autorin, Literaturwissenschaftlerin, Literaturkritikerin und Kulturunternehmerin. Sie lehrt und forscht an der Universität Zürich und war bis 2017 Professorin an der Indiana University Bloomington (USA).[1][2]

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hildegard E. Keller wuchs in Wil SG auf. Von 1981 bis 1983 studierte sie Germanistik, Hispanistik und Soziologie an der Universität Basel, ab 1984 Deutsche und Spanische Literatur- und Sprachwissenschaft in Zürich. In dieser Zeit entwickelte sie ein besonderes Interesse für die Literatur des Mittelalters und deren Köpfe, insbesondere die Autorinnen mystischer Texte. 1992 promovierte sie bei Alois Maria Haas an der Universität Zürich zur Allegorese des St. Trudperter Hohelieds (12. Jh.). 2000 wurde sie mit ihren Arbeiten zur mittelalterlichen Mystik habilitiert und erhielt die Venia Legendi für deutsche Literaturwissenschaft.

Autorin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während ihres Studiums begann Keller eigene Texte zu schreiben, vor allem für das Theater. Als Autorin und Produzentin von Texten, Hörspielen, Performances, Filmen und transmedialen Erzählformen erforscht sie seither Biografien von Künstlern und Denkern und verbindet historische Fakten und Fiktion, um einen frischen Blick auf ihr Leben und Wirken zu gewinnen. Ihre Trilogie des Zeitlosen (2011) schafft so einen neuen Zugang zu Heinrich Seuse, Elsbeth Stagel, Meister Eckhart, Zhuangzi, Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch und Etty Hillesum. Der Band Die Stunde des Hundes wurde mit dem Mystikpreis der Theophrastus-Stiftung ausgezeichnet und für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Zu Gottfried Kellers 200. Geburtstag im Jahr 2019 erschien Lydias Fest, in dem Hildegard Keller die fiktive Geschichte einer von Lydia Welti-Escher geplanten Geburtstagsfeier für den Schriftsteller erzählt, ergänzt durch Rezepte und nahrungsmittelhistorische Einschübe von Christof Burkard. 2020 folgte Frisch auf den Tisch mit gesammelten Kolumnen aus dem Magazin Literarischer Monat sowie neuen Texten und Rezepten zu Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Keller gestaltete und illustrierte die Bücher selbst.

Im Februar 2021 erschien der erste Roman Kellers, Was wir scheinen, beim Eichborn-Verlag. Der Roman begleitet Hannah Arendt in ihrem letzten Sommer auf eine Urlaubsreise in die Schweiz und lässt sie auf ihr bewegtes Leben zurückblicken.[3] Die Autorin verwebt dabei historische Fakten und Fiktion.[4] So seien die Fakten der Eichmann-Kontroverse für den Roman zentral, weil sie Arendt zur Ikone und Stigmatisierten gemacht hätten. Der Frage, was das mit Arendt selbt gemacht habe, könne man aber man nur in einem Roman nachgehen, weil es dafür zwar Indizien, aber keine Belege gebe, so Keller im Schweizer Fernsehen.[5] Das Kulturmagazin Saiten schrieb, Keller sei "das Kunstwerk gelungen, einen Roman über Hannah Arendt zu schreiben, der sich leicht lesen lässt, ohne das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen." Der Devise von Arendt selbst folgend gelinge es Keller, in die Schuhe anderer zu schlüpfen, um "den Menschen Hannah Arendt hinter dem Monument zu erkennen".[6] Ebenfalls im Frühjahr 2021 erscheint Kellers zweibändige Biografie der Schriftstellerin Alfonsina Storni.[7]

Literaturkritikerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einem breiten Publikum im deutschsprachigen Raum ist Hildegard E. Keller als Literaturkritikerin bekannt. Von 2012 bis 2019 gehörte sie zur festen Kritikerrunde der Sendung Literaturclub des Schweizer Fernsehens. Sie publiziert u. a. in der Neuen Zürcher Zeitung, der NZZ am Sonntag, im Du, im Literarischen Monat und auf Radio SRF 2 Kultur.

Von 2009 bis 2019 gehörte Hildegard E. Keller zur Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Im Jahr 2013 gewann die von ihr eingeladene Katja Petrowskaja den Wettbewerb.[8] In ihrer Laudatio auf Petrowskajas Siegertext, die Erzählung Vielleicht Esther, lobte Keller:

Ihre Erinnerungsreise zur jiddisch sprechenden Urgroßmutter in Kiew in Zeiten deutscher Okkupation zeigt ungeschützt Herz, um gerade dadurch bloßer Sentimentalität zu entgehen. Gute Literaten zeigen im Individuellen das Allgemeine und Allgemeingültige, das Exemplarische. Die Petrowskaja schafft das. Ihre Schicksale sind menschliche Schicksale, nicht bloß rein individuelle.[9]

Weitere von Keller nach Klagenfurt eingeladene Kandidaten gewannen beim Bachmann-Wettbewerb Nebenpreise: Gregor Sander (3sat-Preis, 2009), Karsten Krampitz (Publikumspreis, 2009), Judith Zander (3sat-Preis, 2010), Matthias Nawrat (Kelag-Preis, 2012), Dana Grigorcea (3sat-Preis, 2015), Gianna Molinari (3sat-Preis, 2017), Anna Stern (3sat-Preis, 2018) und Yannic Han Biao Federer (3sat-Preis, 2019).

Literaturwissenschaftlerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der Literaturwissenschaft ist Hildegard E. Keller Spezialistin für Mediävistik und für multimediale Erzählformen historischer Stoffe.[10] Schwerpunkte ihrer Forschung sind die mittelalterliche Mystik, die Medizingeschichte sowie die Stadtgeschichte Zürichs im Reformationszeitalter. Von 2001 bis 2007 war Keller Assistenzprofessorin an der Universität Zürich, seither ist sie ebendort Titularprofessorin und unterrichtet multimediales Storytelling. Von 2004 bis 2007 leitete sie ein interdisziplinäres, vom Schweizerischen Nationalfonds gefördertes Forschungs- und Editionsprojekt zum Zürcher Stadtchirurgen und Theatermacher Jakob Ruf. Das Team edierte das Gesamtwerk, veröffentlichte Rufs Biografie und kuratierte eine Ausstellung im Museum Strauhof. Von 2008 bis 2017 lehrte sie als Professorin an der Indiana University Bloomington (USA) deutsche Literatur.[11] Sie hatte Gastprofessuren in Konya, Amsterdam, München, London und Buenos Aires.

Übersetzerin, Regisseurin und Kulturunternehmerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hildegard E. Keller ist auch als Verlegerin, Übersetzerin und Regisseurin tätig. Sie übersetzte das Prosawerk von Alfonsina Storni erstmals ins Deutsche und machte die Autorin im deutschsprachigen Raum bekannt.[12] 2021 soll Kellers zweibändige Biografie über Storni beim Verlag Edition Maulhelden erscheinen, den Keller seit 2019 mit ihrem Mann Christof Burkard betreibt. Kellers erster Dokumentarfilm, Whatever Comes Next, wurde 2015 an amerikanischen Filmfestivals, in deutschsprachigen Kinos und auf 3sat gezeigt.

Als Gründerin und Geschäftsführerin der Bloomlight Productions GmbH konzipiert und produziert Keller Filme, multimediale Veranstaltungen und Hörstationen für Ausstellungen (u. a. Museum Rietberg, Bernisches Historisches Museum, Bundeskunsthalle Bonn). Sie bietet Coachings für Drehbuchautoren und für multimediales Storytelling sowie Moderationen an. Keller entwickelte ein Konzept, wie Ärzte und Medizinstudenten die ethische Dimension ihrer Tätigkeit schreibend reflektieren und langfristig in ihr Handeln einbauen können, und gibt Schreibkurse. Gemeinsam mit Christof Burkard führt sie thematische Stadttouren durch, unter anderem zur Zürcher Kriminal- und zur Medizingeschichte.[13]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literaturwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wort und Fleisch. Körperallegorien, mystische Spiritualität und Dichtung des St. Trudperter Hoheliedes im Horizont der Inkarnation. Dissertation. Universität Zürich 1992. Lang, Bern u. a. 1993, ISBN 3-906750-23-X.
  • (Hrsg.) Ins Wort gebracht. Gespräche mit Margrith Schneider von 1983 bis 2002. Stiftung Sunnehus, Wildhaus 2002, ISBN 3-9522526-1-1.
  • My Secret is Mine. Studies on Religion and Eros in the German Middle Ages. Peeters, Leuven 2000, ISBN 90-429-0871-8.
  • (Hrsg. und mit einem biografischen Essay versehen) Alois M. Haas: Nietzsche zwischen Dionysos und Christus. Einblicke in einen Lebenskampf. DreiPunktVerlag, Wald 2003, ISBN 3-905409-06-2.
  • (Hrsg., mit Andrea Kauer und Stefan Schöbi): Jakob Ruf, ein Zürcher Stadtchirurg und Theatermacher im 16. Jahrhundert. Chronos, Zürich 2006.
  • (Hrsg.) Jakob Ruf. Leben, Werk und Studien. NZZ Libro, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-415-9.
    • Band 1 (mit Andrea Kauer und Stefan Schöbi): «Mit der Arbeit seiner Hände». Leben und Werk des Zürcher Stadtchirurgen und Theatermachers Jakob Ruf (1505–1558).
    • Band 2: Jakob Ruf. Kritische Gesamtausgabe, Teil 1: Werke bis 1544.
    • Band 3: Jakob Ruf. Kritische Gesamtausgabe, Teil 2: Werke 1545–1549.
    • Band 4: Jakob Ruf. Kritische Gesamtausgabe, Teil 3: Werke 1550–1558.
    • Band 5: «Anfänge der Menschwerdung». Perspektiven zur Medizin-, Pharmazie-, Theater- und Mediengeschichte des 16. Jahrhunderts.
  • Verwandte Kräfte. In: Leichtgesinnte Flattergeister. Kantate BWV 181. Rudolf Lutz (Leitung und Cembalo), Orchester der J. S. Bach-Stiftung, Miriam Feuersinger, Alex Potter, Julius Pfeiffer, Klaus Mertens. Samt Einführungsworkshop sowie Reflexion von Hildegard Elisabeth Keller. DVD. Gallus Media, 2015.[14]

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfonsina Storni: Meine Seele hat kein Geschlecht. Erzählungen, Kolumnen, Provokationen. Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Hildegard Elisabeth Keller. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Limmat Verlag, Zürich 2013, ISBN 978-3-85791-717-2.
  • (Hrsg.) Alfonsina Storni: Cronache da Buenos Aires. Ins Italienische übersetzt von Marco Stracquadaini. Edizioni Casagrande, Bellinzona 2017, ISBN 978-88-7713-780-7.
  • Alfonsina Storni: Chicas. Kleines für die Frau. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller. Mit Geleitwort von Georg Kohler. Edition Maulhelden, Zürich, 2021.
  • Alfonsina Storni: Cuca. Geschichten. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller. Mit Geleitwort von Elke Heidenreich. Edition Maulhelden, Zürich, 2021.

Hörspiele und -bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • âventiure vür daz ôre - Hartmanns von Aue «Erec». vdf Hochschulverlag, Zürich 2005, ISBN 3-7281-3015-X.
  • Die Stunde des Hundes (= Trilogie des Zeitlosen. 1). vdf Hochschulverlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-7281-3435-6.
  • Das Kamel und das Nadelöhr (= Trilogie des Zeitlosen. 2). vdf Hochschulverlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-7281-3436-3.
  • Der Ozean im Fingerhut (= Trilogie des Zeitlosen. 3). vdf Hochschulverlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-7281-3437-0.

Erzählungen und Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2009: Forschungsbeitrag von Pro Helvetia für die Forschungs- und Publikationsprojekte zu Alfonsina Storni
  • 2010: Mystikpreis der Theophrastus-Stiftung (für Die Stunde des Hundes)
  • 2016: Atelierstipendium der Landis & Gyr Stiftung in Berlin
  • 2020: Werkbeitrag der Kulturförderung des Kantons St.Gallen für Was wir scheinen

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Prof. Dr. Hildegard Elisabeth Keller. Abgerufen am 16. Dezember 2020.
  2. Affiliated Faculty. Abgerufen am 16. Dezember 2020 (englisch).
  3. Was wir scheinen. Abgerufen am 16. Dezember 2020.
  4. Daniel Arnet: «Sie wollen einen Sitz im Leben, keinen Klappstuhl». In: Blick. 1. März 2021, abgerufen am 9. März 2021.
  5. SRF 1: Gesichter und Geschichten. SRF 1, 25. Februar 2021, abgerufen am 9. März 2021.
  6. Eva Bachmann: In Hannah Arendts Schuhen. In: Saiten. Nr. 03/2021, S. 59.
  7. About | Alfonsina Storni. Abgerufen am 16. Dezember 2020 (deutsch).
  8. Bachmannpreis für Katja Petrowskaja | Bachmannpreis.eu. Abgerufen am 16. Dezember 2020.
  9. Laudatio für Katja Petrowskaja | Bachmannpreis.eu. Abgerufen am 16. Dezember 2020.
  10. HILDEGARD KELLER: Geschichten aus Zürich neu erzählt. Abgerufen am 16. Dezember 2020 (englisch).
  11. Hansruedi Kugler: St.Galler Literaturprofessorin erfindet kulinarisch-literarische Events: «Unser Leben ist ein Experiment». Abgerufen am 1. Juni 2020.
  12. Alfonsina Storni - Meine Seele hat kein Geschlecht. Abgerufen am 16. Dezember 2020 (deutsch).
  13. maulhelden.ch. Abgerufen am 16. Dezember 2020.
  14. Produktinformationen (Memento des Originals vom 18. Mai 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bachstiftung.ch auf der Website der J. S. Bach-Stiftung, abgerufen am 30. April 2015.