Hilfszug (Eisenbahn)

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Einheits-Hilfszug der DB Notfalltechnik, Saalfeld 2008
Schmalspurhilfszug der HSB, Wernigerode Westerntor 2010

Als Hilfszug bezeichnet man alle selbstfahrenden oder mit Lokomotiven bespannten Eisenbahnfahrzeuge (Gerätewagen, Oberleitungsgerätewagen, Kranwagen oder andere Sonderfahrzeuge), die bei Eisenbahnbetriebsunfällen oder anderen Betriebsstörungen eingesetzt werden, um Hilfe zu leisten, zu räumen oder Unfallfolgen zu beseitigen.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hilfszug (Baujahr 2015) in Hagen Hbf.

Der wahrscheinlich erste Eisenbahnkranwagen mit 1500 kg Tragfähigkeit wurde von Cramer-Klett (heute MAN) laut Tafel 1849 gebaut und steht in Burg auf dem Bahnhofsvorplatz. Ein ähnliches Fahrzeug Bj. 1853 mit Nummer 1 ist jedoch auf dem Gelände der MAN Nutzfahrzeuge in Nürnberg (Vogelweiherstraße) als Denkmal erhalten. Erstmals bezeugt ist ein solches Fahrzeug, ein Werkstattwagen, bei der Herzoglich Braunschweigischen Staatseisenbahn 1869. 1870 wurde der erste Kranwagen in Dienst gestellt. Auch befand sich ein transportables Telegrafen-Gerät und später – als die Technik Anfang des 20. Jahrhunderts zur Verfügung stand – ein transportables Telefon im Zug, die gegebenenfalls an die die Strecke begleitende Telegrafen- oder Telefonleitung angeklemmt werden konnten.[1]

Seit 1902 gab es Arztwagen,[Anm. 1] die mit dem zur ärztlichen Hilfeleistung erforderlichen Material, Tragbahren (zu je zwei übereinander an Federn aufgehängt) oder Betten für die Verletzten sowie einem Operationsraum ausgestattet waren.[2]

1905 wurde der Verband um einen Mannschaftswagen ergänzt. Meist handelte es sich um umgebaute ältere Personen- oder Güterwagen. Die Deutsche Reichsbahn übernahm die Fahrzeuge 1920.[3] Ab dem Ende der 1920er Jahre wurden größere Dampfkräne beschafft, später auf Dieselmotoren umgestellt.[4] 1931 besaß die Deutsche Reichsbahn 380 Kranwagen mit einer Tragfähigkeit bis zu 60 t.[5]

Erst die Deutsche Bundesbahn begann, diese alten Fahrzeuge abzulösen. Zwischen 1953 und 1957 wurden 16 vierachsige Behelfspersonenwagen zu Arztwagen und zwischen 1961 und 1966 weitere Behelfspersonenwagen zu vierachsigen Einheitsgerätewagen umgebaut. Bei der Deutschen Reichsbahn in der DDR geschah das erst ab 1976, wo innerhalb von zwei Jahren 50 moderne, dreiteilige Hilfszüge gebaut und in Betrieb gestellt wurden.[6]

DB Netz AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehg388 in Hagen (Westf.)

Die DB Netz AG unterhält als größte Betreiberin des bundeseigenen Schienennetzes in ihrem Notfallmanagement an 49 Standorten[7] Einheitshilfsgerätewagen oder Einheits-Hilfszüge (ex DR). In größeren Rangierbahnhöfen existieren teilweise Zweiwege-Kraftfahrzeuge zum Aufgleisen von Güterwagen. Des Weiteren werden an mehreren zentralen Standorten (Leipzig, Fulda und Wanne-Eickel) Kranwagen vorgehalten,[8] die eine Tragkraft von 75 bzw. 160 t haben.

Seit 2014 bzw. 2018 sind die neuen Kranwagen der Baureihe 732 (Multitasker 1200) mit 160 t Tragfähigkeit an den Standorten Leipzig, Fulda und Wanne-Eickel sowie der Baureihe 733 (KRC910) mit 100 t Tragfähigkeit an den Standorten Fulda und Wanne-Eickel im Einsatz. Hersteller ist die Firma Kirow in Leipzig.

Für Rettungs- und Bergungsarbeiten in Tunneln der Schnellfahrstrecken Hannover–Würzburg und Mannheim–Stuttgart werden Tunnelrettungszüge in Hildesheim, Kassel, Fulda, Würzburg, Mannheim und Kornwestheim vorgehalten. Dieses Hilfskonzept wurde bei späteren Neubaustrecken (z. B. Köln–Rhein/Main) nicht mehr angewandt.

Seit einiger Zeit wird der Betrieb der Hilfszüge teilweise auf externe Partner übertragen. So wird der Hilfszug am Standort Dresden vom Technischen Hilfswerk betrieben.[9] Des Weiteren betreibt das Technische Hilfswerk die Hilfszugstandorte in Braunschweig (gemeinsam mit dem THW Wolfenbüttel), Frankfurt (Oder), Zwickau (gemeinsam mit dem THW Reichenbach), Singen und Niebüll.

Bei nichtbundeseigenen Eisenbahnen und bei Schmalspurbahnen kommen derzeit meist Zweiwegefahrzeuge zum Einsatz. Eine Ausnahme bilden die Harzer Schmalspurbahnen, die bereits zu DDR-Zeiten einen eigenen schmalspurigen Hilfszug besaßen.

Betrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Betrieblich wird zwischen dringlichen und nichtdringlichen Hilfszügen unterschieden.[10][11] Dringliche Hilfszüge haben Vorrang vor allen anderen Zügen, selbst bei Probealarm.[12]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die SBB besitzen nur Hilfswagen und keine eigentlichen Hilfszüge. Die Ausführungsbestimmungen zu den Fahrdienstvorschriften bezeichnen einen Zug im Einsatz mit Hilfswagen als Hilfszug.[13] Die vierachsigen Wagen sind mit hydraulischen Hebewerkzeugen ausgerüstet und haben alle sonstigen Materialien an Bord, um auch Lokomotiven wieder aufgleisen zu können. Daneben führen diese Fahrzeuge auch mehrere Dipploris (zweiachsiger Raduntersatz, der in seiner Funktion mit einem Rollbock vergleichbar ist) mit, mit denen ein defekter Wagen oder eine defekte Lokomotive in eine Werkstatt überführt werden kann, selbst wenn die Achsen am Fahrzeug beschädigt sind. Die derzeitigen zehn Hilfswagen wurden bereits um 1960 beschafft. Geplant ist, die alten Fahrzeuge durch neue zu ersetzen.

Vor 2006 waren die Hilfswagen den Depotinspektionen unterstellt. Mit der Einführung der vollamtlichen Betriebswehren im Jahr 2006 wurden sie diesen zugeordnet. Allerdings ist nicht jeder Betriebswehrstandort mit einem Hilfswagen ausgerüstet. Lediglich neun der fünfzehn Standorte verfügen über einen Hilfswagen. Diese neun Standorte besitzen daneben auch noch ein Strassenfahrzeug mit leichtem Hilfsmaterial, mit dem zum Beispiel ein Güterwagen aufgegleist werden kann. Des Weiteren besitzen die beiden Miliz-Betriebsfeuerwehr-Standorte Chiasso und RB Limmattal ein Strassenfahrzeug, das mit leichtem Hilfsmaterial ausgerüstet ist.

Alle Schweizer Bahnen mit größerem Netz (BLS, SOB, RhB) besitzen eigene schienengebundene Hilfswagen während kleinere Bahnen nur mit einem entsprechenden Strassenfahrzeug ausgerüstet sind. Sowohl die SBB wie auch die BLS verfügen überdies über eigene Lösch- und Rettungszüge: LRZ SBB bzw. LRZ BLS. Weitere 8 Rettungszüge werden von den Firmen Windhoff, Joseph Meyer und Vogt für die SBB gebaut. Die Zentralbahn besitzt einen Hilfswagen der von der SBB Brünig übernommen wurde. Es handelt sich dabei um einen – an die Bedürfnisse der schmalspurigen Zahnradbahn angepassten – Hilfswagen der SBB.

In der Schweiz werden keine speziellen Schienenkräne ausschließlich für den Rettungsdienst bereitgehalten, sondern bei Bedarf von Baustellen abgezogen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Axel Polnik u. Lutz Zschage: Aufgleisen – abschleppen. Die Hilfszüge der Eisenbahn. In: Martin Weltner: Bahn-Katastrophen. Folgenschwere Zugunfälle und ihre Ursachen. München 2008. ISBN 978-3-7654-7096-7, S. 68–70.
  • Königlich Preußische und Großherzoglich Hessische Eisenbahndirektion: Heranziehung von Hülfszügen bei Eisenbahnunfällen. In: Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter vom 24. Mai 1902. 6. Jahrgang, Nr. 26. Bekanntmachung Nr. 254, S. 189ff.
  • Königlich Preußische und Großherzoglich Hessische Eisenbahndirektion: Dienstvorschrift für das Meldeverfahren und den Nachrichtendienst, sowie für die Verwendung der Hülfszüge und Hülfsgeräthewagen bei Unfällen u.s.w. In: Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter vom 25. August 1902. 6. Jahrgang. Nr. 44. Bekanntmachung Nr. 386, S. 311 und Anlage.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Bericht zu einer Übung mit einem Hilfszug 1903 findet sich in: Bekanntmachung Nr. 156, S. 160. In: Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter 7 (1903). Mainz 1904. Amtsblatt vom 14. März 1903. Nr. 15.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 6. Oktober 1906, Nr. 53. Bekanntmachung Nr. 565, S. 474.
  2. Victor von Röll: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens. 2. Auflage. Urban & Schwarzenberg, Berlin/ Wien 1923 (zeno.org [abgerufen am 29. April 2020] Lexikoneintrag „Hilfszug“).
  3. Polnik, S. 68.
  4. Polnik, S. 69.
  5. Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (Hg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion Mainz vom 14. November 1931, Nr. 52. Bekanntmachung Nr. 738, S. 338.
  6. Polnik, S. 68.
  7. Neue Hilfszüge der DB Netz AG, abgerufen am 27. Juni 2020
  8. Der Notfallkran der DB Netz Notfalltechnik. (PDF; 708 KiB) (Nicht mehr online verfügbar.) DB Netz AG, I.NPB 2, archiviert vom Original am 23. September 2016; abgerufen am 21. Februar 2017.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutschebahn.com
  9. Bericht THW-Ortsverband Dresden über Kooperation, abgerufen am 14. Juli 2013
  10. Hilfszug. In: Victor von Röll (Hrsg.): Enzyklopädie des Eisenbahnwesens. 2. Auflage. Band 6: Güterverkehr–Krisen. Urban & Schwarzenberg, Berlin/Wien 1914, S. 194-197.
  11. Hilfszug bei Zeno.org Artikel aus Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 5 Stuttgart, Leipzig 1907, S. 61
  12. Reichsbahndirektion in Mainz (Hg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion in Mainz vom 20. November 1926, Nr. 52. Bekanntmachung Nr. 875, S. 418.
  13. Ausführungsbestimmungen zu den Fahrdienstvorschriften (AB FDV Infrastruktur) R I-30111, Kapitel 1.4 Abschnitt 1 Zuggattungen. (PDF; 5,0 MB) (Nicht mehr online verfügbar.) SBB und BLS Netz AG, Südostbahn, 18. Januar 2013, archiviert vom Original am 7. November 2017; abgerufen am 1. Juli 2017.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.sbb.ch