Hirschlanden (Ditzingen)

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Koordinaten: 48° 50′ 15″ N, 9° 2′ 18″ O

Hirschlanden
Stadt Ditzingen
Wappen von Hirschlanden
Höhe: 333 m
Eingemeindung: 1. Januar 1975
Postleitzahl: 71254
Vorwahl: 07156

Hirschlanden ist ein Ortsteil der Stadt Ditzingen in Baden-Württemberg. Er liegt rund zwei Kilometer nordwestlich von Ditzingen. Benachbarte Orte sind Schöckingen im Norden, Heimerdingen im Westen, Höfingen im Süden, Ditzingen im Südosten und Münchingen im Osten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor- und Frühgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der „Hirschlander Krieger“ (Nachbildung der Statue am Fundort)

Hirschlanden kann auf eine mehrere tausend Jahre alte Siedlungsgeschichte zurückblicken. Hier wurde die berühmte keltische Grabstelle mit dem Krieger von Hirschlanden (auch Mann von Hirschlanden genannt) gefunden. Er ist die älteste lebensgroße plastische Darstellung eines Menschen in Mitteleuropa, aus der Zeit um 500 vor Christus, der Hallstattzeit. Die Statue wurde 1963 am Rande eines fast gänzlich eingeebneten keltischen Grabhügels gefunden.[1] 2001 wurde der Grabhügel mit den Mitteln eines privaten Sponsors rekonstruiert und eine Kopie der Statue daneben aufgestellt. Das Original befindet sich im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart.

Die Hirschlander Markung ist auch Fundort einer Reihe von keltischen und römerzeitlichen Relikten. An der westlichen Markungsgrenze wurde 1853 ein römischer Gutshof ergraben. Auch an anderen Stellen in der Markung kamen römische Funde zum Vorschein.[2]

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hirschlanden 1682, Forstlagerbuch von Andreas Kieser

Gemeinsam mit Ditzingen erscheint der Name des Ortes Hirschlanden erstmals in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch an der Bergstraße aus dem Jahr 769 n. Chr. Ein gewisser Lantbold (vermutlich ein fränkischer Grundbesitzer) vermacht darin von seinem Besitz im Glemsgau dem Kloster acht Huben im Dorf Hirslande, vier Huben in Ditzingen (Tizingen), sowie zwölf Ackerlose und acht Leute.[3] Die Abschrift dieser Schenkungsurkunde befindet sich im sogenannten Lorscher Codex. Im Jahre 786 erfolgte dann die Schenkung der Kirche in Hirschlanden an das Kloster Lorsch. Damit hatte das Kloster Lorsch auch die geistliche Betreuung Hirschlandens übernommen. In späteren Jahrhunderten fielen die Besitztümer an das Kloster Hirsau und das Hirsauer Priorat Klosterreichenbach im Murgtal.

Auf der heutigen Hirschlander Markung lagen westlich der heutigen Ortslage zwei weitere Siedlungen: der Weiler Holzheim und das vermutlich aus einem Einzelhof hervorgegangene Rottweil, die wohl beide im 15. Jahrhundert wüst fielen. Ihre Zelgeinteilung war noch im 19. Jahrhundert sichtbar.[4]

Ortsname[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ortsname Hirschlanden wird daraus abgeleitet, dass auf diesem Gebiet früher Hirse angebaut wurde.[5] Hirschlanden (Ditzingen) ist der älteste bekannte Ort überhaupt, dessen Name auf -landen endet.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sendemast der Deutschen Telekom AG für den AFN.

1920 wurde der Landwirt und frühere Jagdflieger Emil Koch zum Schultheißen gewählt. In seiner Amtszeit erfolgte 1922 der Anschluss der Gemeinde an die Strohgäuwasserversorgung. 1929 wurde das neue Schulhaus (der spätere Rathausbau) eingeweiht. 1930 wurde Koch auf Lebenszeit wiedergewählt. 1935 übernahm er als Amtsverweser zugleich die Funktion des Bürgermeisters in der Nachbargemeinde Schöckingen. Trotz unbestreitbarer Verdienste um die Entwicklung der Gemeinde wird seine Tätigkeit während des Dritten Reichs rückblickend kritisch bewertet. Als Mitglied der NSDAP (seit 1933) setzte er die Vorgaben des NS-Regimes kritiklos um, organisierte die Unterbringung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen und förderte die Einrichtung eines Arbeitslagers für die weibliche Jugend in Hirschlanden. 1945 wurde er aus dem Amt entfernt (Nachfolger als Bürgermeister in Hirschlanden wurde sein Bruder Karl Koch), 1954 jedoch erneut gewählt.

Vor große Herausforderungen sah sich Hirschlanden mit der Zuweisung von Heimatvertriebenen gestellt. Ein Wohnungsausschuss organisierte die Zuteilung von Wohnraum. Als provisorische Unterkunft stellte die Gemeinde das frühere Arbeitsdienstlager zur Verfügung. Einwohnerzahl wuchs bis Ende des Jahres 1946 auf 683 an. Angesichts der zunehmenden Nachfrage nach Bauland wurde 1949 im Westen des Ortsetters im Gewann Knäpple die erste Baulandumlegung eingeleitet, die zweite 1955 südöstlich im Gewann Unten im Dorf. 1953/54 wurde eine neue Gemeindehalle errichtet. 1955 begannen die Arbeiten an der Ortskanalisation. 1961 wurde der erste Flächennutzungsplan aufgestellt.

1962 schied Emil Koch aus dem Amt aus und wurde von der Gemeinde zum Ehrenbürger ernannt. Sein Nachfolger wurde der spätere Ditzinger Oberbürgermeister Alfred Fögen, unter dem sich die bauliche Erschließung der Gemeinde fortsetzte. 1964/66 erhielt Hirschlanden gemeinsam mit Schöckingen ein neues Schulhaus (jetzt Theodor-Heuglin-Schule), 1963 einen Kindergarten. 1964 wurde die Gemeinde an das Gruppenklärwerk Ditzingen/Stuttgart angeschlossen. Zur Sicherstellung der Wasserversorgung trat Hirschlanden 1965 dem Zweckverband Bodenseewasserversorgung bei. 1965 erhielt die Freiwillige Feuerwehr ein neues Gerätehaus.

Am 1. Januar 1975 wurde die ehemals selbständige Gemeinde nach Ditzingen eingemeindet.

Verbindungen zwischen Hirschlanden und Schöckingen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die geographische Nähe von Hirschlanden und Schöckingen führte im Laufe des 20. Jahrhunderts in mehrerlei Hinsicht zu Kooperationen: In der Verwaltung (gemeinsamer Bürgermeister, 1935-1945), im Schulwesen (gemeinsame Schule seit 1966), im kirchlichen Bereich (1938-1965 evangelische Kirchengemeinde; bis heute die katholische Kirchengemeinde) und nicht zuletzt im Vereinswesen. Mehrere Vereine wählten beide Orte als Namensbestandteil, etwa die Sportvereinigung Hirschlanden-Schöckingen 1947 e. V. Das Gelände des Sportvereins, die 1974 erbaute katholische Kirche und die Grund- und Hauptschule befinden sich auf einer Anhöhe zwischen Hirschlanden und Schöckingen und sind von beiden Orten bequem zu Fuß zu erreichen. Da es in Schöckingen keine Einkaufsmöglichkeiten mehr gibt, baute im Jahr 2005 eine Supermarktkette, die Interesse am Standort Hirschlanden hatte, ihre Filiale auf Wunsch des Gemeinderates ebenfalls auf die Anhöhe zwischen beiden Ortsteilen.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen Hirschlanden Ditzingen.png

Erst seit 1960 hat die Gemeinde ein eigenes Wappen. Bei der Gestaltung des Ortswappens folgte man historischen Gesichtspunkten. Entsprechend einem Vorschlag der Archivdirektion Stuttgart übernahm man das im Jahre 1599 über der Türe des alten Rathauses angebrachte Zeichen in Form einer Hirschstange und einer Lanne als Wappenfigur. Auf goldenem (gelben) Grund wurde dabei unter einer liegenden schwarzen Hirschstange eine pfahlweise aufgestellte rote Wagenlanne angeordnet. Wagenlanne ist eine alte Bezeichnung für eine doppelte Deichsel vorne an einem Erntewagen, zwischen die sich ein Pferd oder – bei armen Bauernfamilien – auch ein Mensch spannen lasse.[6]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ehemalige Rathaus
Die evangelische St. Oswald-Kirche
Die katholische Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit

Sender Hirschlanden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1963 bis 2015 befand sich auf Hirschlander Marung südlich der Ortslage ein Mittelwellensender (Sender Hirschlanden).

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Buslinien 620 und 623 stellen eine Verbindung zur S-Bahn am Bahnhof Ditzingen her. Die Buslinie 651 fährt über Höfingen nach Leonberg. Die Ausfahrt Stuttgart-Feuerbach der Bundesautobahn 81 ist etwa 3,5 km entfernt.

Öffentliche Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt ein Rathaus (Bürgeramt im Stadtteil), eine Stadtteilbibliothek, vier Kindergärten, die Freiwillige Feuerwehr Hirschlanden und das Pflegezentrum Haus Guldenhof.

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Hirschlanden befindet sich die 1964/66 errichtete Theodor-Heuglin-Schule Hirschlanden-Schöckingen (Grund-, Hauptschule mit Werkrealschule). Alle anderen weiterführenden Schulen befinden sich in Ditzingen.

Ansässige Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Oswaldkirche in Hirschlanden ist seit Einführung der Reformation in der Grafschaft Württemberg 1534 evangelisch. Daneben gibt es heute eine katholische Kirchengemeinde (Zur Heiligsten Dreifaltigkeit, mit Heimerdingen und Schöckingen) sowie eine Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde.

Sport und Freizeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freizeitgelände und -gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sportanlage Seehansen
  • Karl-Koch-Halle (Sport- und Veranstaltungshalle)

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehrenbürger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eduard Hauber, 1904-1928 Pfarrer in Hirschlanden, verliehen am 11. September 1928
  • Emil Koch (1893-1977), Bürgermeister der Gemeinde Hirschlanden, verliehen am 12. Februar 1962

Söhne und Töchter der Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor von Heuglin (1824–1876), deutscher Ornithologe und Afrika-Forscher
  • Karl Christoph Stockmayer (1803–1870), deutscher Pädagoge, Rektor des Lehrerseminars in Esslingen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zwölfhundert Jahre Hirschlanden (769–1969). Ein Gang durch die Ortsgeschichte. Hrsg. von der Gemeindeverwaltung Hirschlanden. [1969]
  • Ditzingen. Silberburgverlag, 1994. ISBN 3-87407-188-X. (Bildband)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Julius Beeser: Der kouro-keltos von Hirschlanden. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 8 (1983), S. 21-46; Hartwig Zürn: Die hallstattzeitliche steinerne Kriegerstele von Hirschlanden, Württemberg. [Berlin] 1969
  2. Hartwig Zürn: Die Früh- und Vorgeschichte der Markung Hirschlanden. In: Zwölfhundert Jahre Hirschlanden 769-1969. Ein Gang durch die Ortsgeschichte. [Hirschlanden 1969], S. 23-30.
  3. Karl Josef Mint: Lorscher Codex. Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch. Band V: Schenkungsurkunden. Lorsch 1971, Nr. 3559.
  4. Willi Müller: Die Flur- und Siedlungsgeschichte. In: Zwölfhundert Jahre Hirschlanden 769-1969. Ein Gang durch die Ortsgeschichte. [Hirschlanden 1969], S. 31-48
  5. Willi Müller: Die Flur- und Siedlungsgeschichte. In: Zwölfhundert Jahre Hirschlanden 769-1969. Ein Gang durch die Ortsgeschichte. [Hirschlanden 1969], S. 31f.
  6. [1] Gerlinger Heimatforscher Imanuel Stutzmann in der Stuttgarter Zeitung vom 6. Oktober 2010 (WebCite (Memento vom 18. Juli 2013 auf WebCite))

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hirschlanden (Ditzingen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien