Hisba

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Die Hisba (حسبة, DMG ḥisba) ist im Islam eine religiöse Institution unter der Autorität des Staates für die Wahrung der Ordnung nach den Gesetzen Allahs. Derjenige, der die Hisba vollzieht, wird Muhtasib genannt.

Hisba als kollektive Pflicht der Muslime[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hisba ist die Pflicht jedes Muslims, zu gebieten, was recht ist und zu verbieten, was verwerflich ist (al-amr bi-l-maʿrūf wa-n-nahy ʿani-l-munkar). Diese Pflicht auf den Koran zurückgeführt, in dem von der Umma (Glaubensgemeinde) gesagt wird:

„Und aus euch soll eine Gemeinde werden, die zum Guten einlädt und das gebietet, was Rechtens ist, und das Unrecht verbietet; und diese sind die Erfolgreichen.“

Koran 3:104

„Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah. Und wenn die Leute der Schrift geglaubt hätten, wahrlich, es wäre gut für sie gewesen! Unter ihnen sind Gläubige, aber die Mehrzahl von ihnen sind Frevler“

Koran 3:110

Weitere Koranstellen, an denen diese Norm erwähnt wird, sind Sure 3,110; 7,157; 9,71; 9,112; 22,41.

In der islamischen Rechtstheorie hat al-Ghazālī diese moralische Verpflichtung des Muslims gegenüber seinem Mitmenschen und mit Hinweis auf die oben genannte koranische Norm erstmals ausführlich beschrieben. Ihm folgte Ibn Taimiya mit einem eigenen Hisba-Traktat. Bei der Ermittlung dessen, was recht, und dessen, was verwerflich ist, kommt es freilich auf die Interpretation der Scharia an.

Die Hisba als Amt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den meisten islamischen Staaten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit war die Hisba in Form eines öffentlichen Amtes organisiert. Derjenige, der das Hisba-Amt versah, wurde Muhtasib genannt und war meist dem Qādī unterstellt. Er sorgte dafür, dass Kaufgeschäfte mit den Grundsätzen des islamischen Rechts übereinstimmen, und kontrollierte die ordnungsgemäße Abwicklung der Geschäfte. Ähnliche Aufgaben erfüllte in hellenistischer und frühbyzantinischer Zeit der Agoranomos (ἀγορανόμος). Der Muhtasib kümmert sich aber auch darum, dass die Gebetszeiten, Kleidungsvorschriften, Kopftuchpflicht und Kundgebungsverbote beachtet werden und Männer und Frauen im Umgang miteinander „Sitte und Anstand“ wahren.

Der Rechtsgelehrte al-Māwardī (972–1058) beschreibt in seinem Buch al-Aḥkām al-sulṭānīya die Hisba als ein Amt, das in der Mitte zwischen den Regeln des Qādī-Amtes und den Regeln des Amts der Rechtsbeschwerden (maẓālim) steht. Zwischen Qādī-Amt und Hisba bestehen nach al-Māwardī zwei Gemeinsamkeiten, zwei Punkte, bei denen die Hisba beschränkter ist als das Qādī-Amt, und zwei Punkte, in denen die Hisba über das Qādī-Amt hinausgeht. Die beiden Gemeinsamkeiten sind: 1.) bei beiden Ämtern kann bei Rechtsverletzungen um Beistand gebeten und Klage erhoben werden; 2. die Inhaber der beiden haben das Recht, den Beklagten dazu zwingen, das zu leisten, was ihm obliegt. Die beiden Punkte, bei denen die Hisba gegenüber dem Qādī-Amt beschränkter ist, sind: 1. die Hisba ist nur für Klagen zuständig, die offensichtliche Verfehlungen betreffen, nicht aber für Klagen, die Verträge oder Transaktionen betreffen; 2. die Hisba ist nur für anerkannte Rechtsansprüche zuständig. Die zwei Punkte, bei denen die Hisba über das Qādī-Amt hinausgeht, sind: 1. derjenige, der für die Hisba zuständig ist, darf hinsichtlich der von ihm überwachten Gebote und Verbote selbständig Ermittlungen durchführen, im Gegensatz zum Qādī, der nur dann ermitteln darf, wenn sich ein Kläger an ihn wendet; 2. derjenige, der für die Hisba zuständig ist, hat hinsichtlich von Vergehen die Zwangsgewalt des Staates und kann sich auf Ordnungsschützer stützen, die Qādīs dagegen nicht.[1]

Das älteste erhaltene Werk, in dem dieses Amt in diesem Sinne beschrieben wird, stammt aus der Mitte des 9. Jahrhunderts und ist in Kairouan unter dem Titel Aḥkām al-sūq ("Rechtsvorschriften des Marktes") verfasst worden. Ibn Chaldun beschreibt dieses Amt und dessen Bedeutung in seiner al-Muqaddima.

Hisba-Klagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn der Mitmensch sündigt, kann jeder eine Hisba-Klage erheben, wie es in Ägypten in den 1990er Jahren auch formaljuristisch jedem Bürger möglich war.

  • Der Schriftsteller Salman Rushdie wurde am 14. Februar 1989 vom iranischen Staatsoberhaupt Khomeini mittels einer Fatwa zum Tode verurteilt, weil Rushdies 1988 erschienenes Buch „Die satanischen Verse„gegen den Islam, den Propheten und den Koran“ gerichtet sei. Salman Rushdie war vogelfrei. Khomeini rief die Moslems in aller Welt zur Vollstreckung auf. Um die Durchführung zu beschleunigen, wurde ein Kopfgeld von drei Millionen US-Dollar ausgesetzt.
  • Amina Lawal wurde 2002 von einem nigerianischen Gericht zur Steinigung verurteilt, weil sie als geschiedene Frau ein Kind erwartete.

Hisba in Nigeria[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch: Hisba-Gruppen in Nigeria und Scharia-Konflikt in Nigeria

Nach der Wahl des Christen Olusegun Obasanjo zum Präsidenten von Nigeria akzeptieren seit 2000 folgende Bundesstaaten die Schari'a als ihr Rechtssystem, werden damit zu islamischen Gottesstaaten und nutzen entsprechend die Institution Hisba:[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Muhammad Abdel-Wahhab Khallaf: Documentos sobre las ordenanzas del zoco en la España musulmana. Extraidos del manuscrito de "al-ahkam al-kubra" del Cadi Abu-l-Asbag Isa ibn Sahl. Kairo 1985 (in arabischer Sprache).
  • Kilian Bälz: Die Popularklage der "Rechte Gottes": Hisba im heutigen Ägypten. In: Verfassung und Recht in Übersee (VRÜ). 31. Jg., 1998, S. 60–69.
  • Michael Cook: Commanding Right and Forbidding Wrong in Islamic Thought, Cambridge UP, 2000 ISBN 0-521-66174-9
  • The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden 1965–1971, Band 3, S. 485ff
  • Évariste Lévi-Provençal: Trois traités hispaniques l'hisba. Institut Français d'Archéologie Orientale, Kairo 1955 (Publications de l'Institut français d'archéologie orientale du Caire. Textes et traductions d'auteurs orientaux, 2).
  • Jörn Thielmann: Nasr Hamid Abu Zaid und die wiedergefundene Hisba. Scharia und Qanun im heutigen Ägypten. Ergon-Verlag, Würzburg 2003, ISBN 3-89913-290-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. al-Māwardī: al-Aḥkām as-sulṭānīya. Ed. Aḥmad Mubārak al-Baġdādī. Dār Ibn Qutaiba, Kuweit, 1989. S. 316-318. Digitalisat - Engl. Übers. Wafaa H. Wahba unter dem Titel "The Ordinances of Government". Garnet, Reading, 1996. S. 261-263.
  2. Nigeriafirst: Ethnic militia groups of Nigerian societies. 9. April 2003, abgerufen am 5. Januar 2013.