Hizb ut-Tahrir

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Hizb ut-Tahrīr
Selbstbezeichnung arabisch حِزْبُ التَحْرِير, DMG Ḥizb at-taḥrīr ‚Partei der Befreiung‘
Vorsitzender Ata Abu Rashta
Gründer Taqiuddin al-Nabhani
Gegründet 1953
Zentrale unbekannt
Ideologie Panislamismus
Webseite http://www.hizb-ut-tahrir.org/
Demonstration der Hizb ut-Tahrir in Kopenhagen

Die Hizb ut-Tahrir (arabisch حِزْبُ التَحْرِير, DMG Ḥizb at-taḥrīr ‚Partei der Befreiung‘, HuT) ist eine transnationale islamistische Bewegung, die in den frühen 1950er Jahren durch den palästinensischen islamischen Religionsgelehrten Taqī ad-Dīn an-Nabhānī gegründet wurde und für die Errichtung eines Kalifats kämpft. Seit 1999 gehört sie zu den Hauptakteuren des islamischen Radikalismus im Ferghanatal.[1] In den arabischen Ländern, in Indonesien und Malaysia, in der Türkei und auch in Deutschland ist sie mit einem Betätigungsverbot belegt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die HuT wurde 1953 von Taqī ad-Dīn an-Nabhānī im jordanisch kontrollierten Ostjerusalem gegründet.[2] An-Nabhani hatte zuvor enge Kontakte zu Mitgliedern der ägyptischen und der palästinensischen Muslimbruderschaft, gründete dann aber mit einigen Freunden seine eigene Organisation. 1953 veröffentlichte er das Buch „Die Lebensordnung des Islam“ (Nizam al-Islam), das bis heute als ideologische Grundlage der Organisation dient.[3]

An-Nabhānī versuchte, den Islam im Sinne eines neuen kohärenten Systems zu reinterpretieren, das seiner Partei ermöglichen sollte, die Avantgarde innerhalb einer intellektuellen Revolution zu werden, die die „fehlerhaften Vorstellungen“, die sich durch den Kolonialismus unter den Muslimen verbreitet hatten, zu beseitigen.[4] Nach dem Vorbild der syrischen Baath-Partei und ihrem Traum einer im arabischen Sozialismus vereinten Nation übernahm die HuT die Strukturen einer marxistisch-leninistischen Avantgarde-Bewegung und nutzte geheime Kommunikationskanäle zur Erreichung ihrer Ziele.[5]

Versuche der HuT, durch Verschmelzung mit der Muslimbruderschaft rechtliche Anerkennung zu erlangen, misslangen. Die HuT blieb eine Untergrundbewegung und gründete als solche Zellen in Libanon, Kuweit und Irak.[6] 1956 wurde die Partei in Jordanien verboten. Nabhani ging darauf nach Beirut ins Exil, wo er bis zu seinem Tod lebte.[7]

Am 18. April 1974 drangen Mitglieder der HuT in die Militärakademie in Kairo ein, um die ägyptische Regierung zu stürzen und einen islamisch-fundamentalistischen Staat auszurufen.[8]

In den frühen 1980er Jahren wanderten einige HuT-Mitglieder nach Großbritannien aus. Unter der Führung des Exil-Syrers Omar Bakri Muhammad führte die Gruppierung in der Folgezeit eine Reihe von aufsehenerregenden provokativen Aktionen gegen Juden, Hindus und Homosexuelle durch.[9] Mit dieser Strategie konnte die Gruppierung viele junge Muslime an sich binden, die von dem Islam, der in den traditionell ausgerichteten Moscheen gepredigt wurde, enttäuscht waren.[10] Die zentrale Führung von HuT im Nahen Osten war mit der ständigen Medienpräsenz von Omar Bakri Muhammad allerdings nicht einverstanden, so dass sie ihn im Februar 1996 absetzte. Omar Bakri Muhammad gründete daraufhin seine eigene Gruppe Muhajiroun, während die HuT bis 2002 in den Hintergrund trat. Nach 2002 nahm die HuT ihre Aktivitäten wieder auf und begann auch wieder mit klandestinen Rekrutierungen.[11] 2003 organisierte HuT in London eine Konferenz unter dem Motto "Are You British or Are You Muslim?", die von schätzungsweise 6000 bis 7000 Muslimen besucht wurde.[12]

In Usbekistan wurden die ersten Zellen von HuT in den 1990er Jahren in Namangan gegründet, nachdem andere lokale islamistische Organisationen (Adolat, Islam Lashkarlari und Tawba) untergegangen waren. In Tadschikistan, wo HuT seit den späten 1990er Jahren aktiv ist, kritisierte sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die US-amerikanische Militärpräsenz in Zentralasien. In Kirgistan fasste HuT 1999 Fuß, besonders in dem Gebiet Dschalalabat um die Stadt Osh im Ferghanatal, wo sie die zunehmenden Spannungen innerhalb der kirgisischen Gesellschaft für ihre Zwecke nutzte. Die usbekischen, kirgisischen und tadschikischen Autoritäten griffen in dieser Zeit gegen HuT und ihre Sympathisanten hart durch.[13]

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

HT-Demonstrant im März 2011 in London

Vorrangiges Ziel der HuT ist die Vereinigung der Umma in einem weltweiten modernen Kalifats unter der Führung eines Kalifen.[14] Andere Ziele sind die Einführung der Scharia sowie die Befreiung der muslimischen Welt von westlichen Einflüssen. Aus Sicht der HuT sind alle weltlich ausgerichteten Staatsformen abzulehnen. Die HuT verneint das Existenzrecht Israels und ruft zu dessen Vernichtung auf. Allerdings lehnt sie selbst die Anwendung von Gewalt ab.[15]

Als panislamische Bewegung wendet sie sich an die Gesamtheit der Muslime (Umma) und lehnt das auf den Erhalt islamischer Nationalstaaten gerichtete Konzept der MB ab. Demokratie und säkulare Staatsformen werden ebenso abgelehnt. Der Verein strebt ein weltweites Kalifat auf der Grundlage der Scharia an.

Banner der Hizb ut-Tahrir in Ägypten, welcher zur Rückkehr des Kalifats aufruft

Nach dem Islamwissenschaftler Guido Steinberg ist Hizb ut-Tahrir das erste Beispiel für eine palästinensisch dominierte, aber transnationale Organisation.

„Nabahani und seine Anhänger kritisierten die fehlende Unterstützung der nicht-palästinensischen Muslimbrüder für den Kampf ihrer Glaubensgenossen gegen Israel und zielten ursprünglich primär auf eine „Befreiung“ Palästinas ab, daher ihr Name. Seit den 1970er Jahren aber hat die Bewegung – vor allem nach dem Tode Nabahanis – ihren starken Palästinabezug zu Gunsten der Forderung nach einem Kalifat verloren, das die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen umfassen soll. Ihr besonders stark ausgeprägter Antisemitismus verweist jedoch noch heute auf ihre Wurzeln.“[16]

Organisationsstruktur und Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die HuT ist heute weltweit aktiv und international vernetzt. Ihr Aufbau ist hierarchisch und zentralistisch. Die Zentrale der HuT befindet sich vermutlich im Libanon. Daneben benutzt HuT Großbritannien als eine internationale Operationsbasis.[17] Weitere Stützpunkte der Organisation (so genannte wilayat) befinden sich u. A. in Ägypten, Australien, Jordanien, Kirgisistan, Kuwait, Sudan, Syrien, Tadschikistan, Türkei, Usbekistan und in den USA. Auch der europäische Bereich stellt eine eigene „wilaya“ dar. In Zentralasien, vor allem in Usbekistan, hat die Organisation starken Zulauf, wo sie diplomatisch, jedoch nicht militärisch gegen die Regierung kämpft. Regionaler Anführer der Organisation ist seit 2001 Abdurahim Tukhtasinov (Andijon).[18]

In ihrer Propaganda versucht HuT zu beweisen, dass Freiheit, Demokratie und Kapitalismus fehlerhaft sind und Muslime besser sind als Ungläubige. Ihre Propaganda verbreitet die HuT auch über ihr Khilafah-Magazin, Bücher und Websites im Internet, die herunterladbare Versionen von Flugblättern, aktuelle Mitteilungen und Meinungsartikel zu aktuellen Entwicklungen liefern. Mitglieder sind meist an ihrer Kleidung erkennbar: Die jungen Männer und Frauen sind meistens elegant gekleidet, wobei die Frauen spezielle Hidschab- und Dschilbab-Stile haben und die Männer lässige Jackets und Stoppelbärte tragen.[19]

Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Zeyno Baran kam zu dem Schluss, dass die Hizb-ut-Tahrir selbst keine Gewalt anwende, jedoch bewusst auf eine Radikalisierung ihrer Mitglieder hinarbeite, um sie gewaltbereiten islamistischen Organisationen zuzuführen.[20]

Rekrutierung von Anhängern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei ihrer Rekrutierung neuer Anhänger setzt HuT auf persönliche Ansprache, Broschüren und Pamphlete über den ideologischen Kampf zwischen Islam und Kufr, die Selbstgenügsamkeit des Islams und die Verurteilung westlicher Regierungen.[21] Wichtigster Ort für die Rekrutierung von Anhängern sind bis jetzt die Hochschulen.[22] In Deutschland trat die HuT bis zum Betätigungsverbot am 10. Januar 2003 vorwiegend in Universitätsstädten durch das Verteilen ihrer Publikationen und von Flugblättern in Erscheinung. Diese enthielten regelmäßig antijüdische, antiisraelische oder antiwestliche Positionen. Aus dem Verfassungsschutzbericht 2010 geht hervor, dass die HuT gezielt versucht, Schüler an Hamburger Schulen für ihren Verein anzuwerben.[23]

Gründe für junge Muslime, der HuT beizutreten, sind unter anderem die Suche nach Schutz vor Rassismus und Islamophobie sowie die negativen Folgen von sozialer Entwurzelung. Im Vereinigten Königreich kommt häufig die Überzeugung hinzu, dass andere muslimische Gruppierungen wie The Young Muslims UK, Young Muslim Organisation und Tablighi Jamaat die islamische Position zu wenig klar vertreten. Viele junge Menschen werden auch das elegante Erscheinungsbild, die Eloquenz und das fundierte religiöse Wissen der HuT-Mitglieder angezogen.[24]

Betätigungsverbote und Strafverfolgung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Islamische Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

HuT ist zur Zeit in fast allen Ländern des Nahen Ostens verboten mit Ausnahme des Libanon, Jemen und der Vereinigten Arabischen Emirate. Auch in Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan ist sie verboten.[25] Das Verbot in den arabischen Ländern wird damit begründet, dass sie die bestehenden Herrschaftsordnungen in der Region in Frage stellt und nicht als islamische Regenten anerkennt.

Westliche Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland wurde die HuT am 15. Januar 2003 durch eine Verfügung des Bundesministeriums des Innern wegen ihrer Betätigung gegen den Gedanken der Völkerverständigung und der Befürwortung von Gewaltanwendung zur Durchsetzung politischer Ziele verboten. Eine Klage gegen dieses Verbot wurde vom Bundesverwaltungsgericht abgewiesen und das Verbot mit Urteil vom 23. Januar 2006 bestätigt.[26] In Großbritannien ist die HuT nicht verboten, doch ist sie in den 1990er Jahren durch die National Union of Students von den Universitätscampussen verbannt worden.[27]

Der deutsche Ethnologe und Publizist Werner Schiffauer macht sich dafür stark, Organisationen wie die HuT nicht zu verbieten, da sie durch interne Diskussionen die „Demokratisierung“ der hier lebenden Muslime fördere.

Zusammenarbeit mit NPD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt und der Neonazi Horst Mahler nahmen 2002 an einer Tagung der Gruppe an der TU-Berlin teil, um ein Bündnis zwischen Islamismus und Neonazismus voranzubringen.[28][29][30] Der Sprecher Shaker Assem sagte dazu in der NPD-Zeitung Deutsche Stimme: „Je gläubiger die Muslime sind, desto stärker ist ihr Bestreben, in ihre Heimatländer zurückzukehren“, was der NPD-Forderung nach „Ausländerrückführung“ und ihrem Konzept des Ethnopluralismus entgegenkommt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Khaled Ahmad: The Rise of the Hizb al-Tahreer. In: Friday Times, Lahore, 14. Oktober 2002.
  • Rashid Ahmed: Heiliger Krieg am Hindukusch. Der Kampf um Macht und Glauben in Zentralasien. Droemer, München, 2002, ISBN 3-426-27278-4 (über den militanten Islamismus in Zentralasien und die Rolle der Hizb-ut-Tahrir).
  • Ariela Groß: Reaching waʿy: mobilization and recruitment in Ḥizb al-Taḥrīr al-Islāmī; a case study conducted in Beirut. Schwarz, Berlin, 2012.
  • Sadek Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. In: Tahir Abbas (Hrsg.): Islamic Political Radicalism: A European Perspective. Edinburgh University Press, Edinburgh, 2007. S. 145–158.
  • Suha Taji-Farouki: A fundamental quest: Hizb al-Tahrir and the search for the Islamic caliphate. Grey Seal, London, 1996.
  • M. Whine: Hizbut Tahrir in Open Societies. In: Nixon Center (Hrsg.): Hizbut Tahrir: Deciphering and Countering Radical Islamist Ideology. Nixon Center, Washington, DC, 2004.
  • Galina M. Yemelianova: The Growth of Islamic Radicalism in Eurasia. In: Tahir Abbas (Hrsg.): Islamic Political Radicalism: A European Perspective. Edinburgh University Press, Edinburgh, 2007. S. 83–99, hier S. 93f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Yemelianova: The Growth of Islamic Radicalism in Eurasia. 2007, S. 93.
  2. Thomas Schmidinger, Dunja Larise Zwischen Gottesstaat und Islam – Handbuch des politischen Islam, Wien 2008, S. 91–93
  3. Die Lebensordnung des Islam (Memento des Originals vom 27. September 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.islam-projekte.com (PDF)
  4. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 146f.
  5. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 147.
  6. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 147.
  7. Kamal Salibi: The Modern History of Jordan. 2. Auflage, London, 1998, S. 175.
  8. Thomas Schmidinger, Dunja Larise: Zwischen Gottesstaat und Islam – Handbuch des politischen Islam. Wien 2008, S. 91–93.
  9. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 148.
  10. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 150.
  11. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 148.
  12. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 156.
  13. Yemelianova: The Growth of Islamic Radicalism in Eurasia. 2007, S. 94.
  14. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 146.
  15. Yemelianova: The Growth of Islamic Radicalism in Eurasia. 2007, S. 93.
  16. Guido Steinberg: Der nahe und der Ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Islamismus. C.H. Beck, München, 2005, S. 39f.
  17. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 156.
  18. Yemelianova: The Growth of Islamic Radicalism in Eurasia. 2007, S. 93.
  19. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 149f.
  20. Zeyno Baran: Fight the War of Ideas. In: Foreign Affairs, November/Dezember 2005. Abstract verfügbar als html; abgerufen am 22. Januar 2012.
  21. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 148.
  22. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 149.
  23. Junge Islamisten werben an Hamburger Schulen. In: Abendblatt. 24. Mai 2011, abgerufen am 22. Januar 2012.
  24. Hamid: Islamic Political Radicalism in Britain: The Case of Hizb-ut-Tahrir. 2007, S. 150.
  25. Yemelianova: The Growth of Islamic Radicalism in Eurasia. 2007, S. 93.
  26. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 25. Januar 2006
  27. Tahir Abbas (Hrsg.): Islamic Political Radicalism: A European Perspective. Edinburgh University Press, Edinburgh, 2007. S. 5.
  28. Tagesspiegel 29. Oktober 2002 Berlin Empörung über Islamisten-Treffen in der TU
  29. Der Spiegel 18. November 2002 ISLAMISTEN Dolch im Herzen
  30. Verfassungsschutz Brandenburg Islamistischer Verein "Hizb ut-Tahrir" verboten