Hochfinanz

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Der Begriff Hochfinanz bezeichnet eine Gruppe im Establishment, die aufgrund ihres wirtschaftlichen Einflusses politische Macht angehäuft hat und diese hauptsächlich über private Banken ausübt. Ursprünglich gemeint war die politische Einflussnahme von Finanzgrößen (Finanzoligarchie) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während der Restauration der Bourbonen in Frankreich und besonders unter König Ludwig Philipp.

Der Begriff wurde ebenso wie „jüdisches Großkapital“ in der Zeit des Nationalsozialismus als Kampfbegriff zu einem festen Bestandteil der antisemitischen Propaganda gegen eine angebliche jüdische Weltverschwörung („Finanzjudentum“) und ist bis heute in rechts-,[1][2] aber auch linksextremen[3] Milieus vorzufinden. Insbesondere seit der Finanzkrise ab 2007 finden sie inzwischen auch wieder in der Öffentlichkeit Verbreitung.[4][5][6]

Geschichte der Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buch von Gottfried Feder, 6. Auflage 1935

Marxismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Marxismus wird der Begriff Finanzoligarchie für eine Gruppe von Monopolkapitalisten verwendet, die sich im Imperialismus aus dem Finanzkapital herausbilden. Diese Gruppe sei nicht organisiert, sondern nur durch die gemeinsamen Interessen im Rahmen des Klassenkampfes miteinander verbunden.

Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Begriffe wie Hochfinanz wurden im deutschen Sprachraum ab den 1920er Jahren und später durch die Propaganda des Nationalsozialismus verwendet und sollten in diesem Zusammenhang vornehmlich jüdische Bankiers diffamieren. Am bekanntesten ist die Bankiersfamilie Rothschild. „Diktatur der Hochfinanz“ ist noch heute ein Schlüsselbegriff der politisch rechtsextremen und rechtsradikalen Szene.[1] Gemäß diesen Vorstellungen handelt es sich um eine organisierte Gruppe, die hauptsächlich durch Familienverwandtschaft miteinander verbunden ist.

Journalismus in der Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Finanzkrise ab 2007 ist der Begriff ein gängiges Schlagwort in den Medien, ohne dass damit eine bestimmte politische Aussage verbunden ist. Allerdings konzentriert sich die Sichtweise oft auf Banken mit Sitz in der Wall Street.[4]

Moderne Geschichtsforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wirtschaftshistoriker Wolfgang von Stromer machte in den 1970er Jahren den Ausdruck zum Schlüsselbegriff eines Forschungskonzeptes des Mittelalters, besonders von Oberdeutschland und der Stauferzeit, wie auch der Hanse. Er untersuchte die besonderen Beziehungen städtischer Finanz- und Wirtschaftseliten zu Macht- und Entscheidungsträgern der Reichspolitik. Stromer betrachtete dabei die gezielte Beeinflussung politischer Entscheidungen, meist in Form von Krediten, zur Durchsetzung bzw. Absicherung eigener wirtschaftlicher Interessen oder zur Erlangung und Steigerung von Macht und Prestige.

Stromer wies nach, dass der Wittelsbacher Ruprecht III. von der Pfalz seinen Italienfeldzug 1401 mit Hilfe oberdeutscher Geldleute, die wiederum mit den Medici und anderen florentiner Financiers zusammenarbeiteten, durchgeführt hatte. Europäische Geldgeber hatten auch das Lösegeld für Richard Löwenherz aufgebracht. Den Beginn der Phänomene Hochfinanz und Korruption macht er an der Durchsetzung der Geldwirtschaft im Abendland ab dem zweiten Kreuzzug (1147–1149) fest.[7]

Richard Ehrenberg untersuchte die Zusammenhänge 1896 für die schwäbische Familie Fugger.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. 2 Bände. Fischer, Jena 1896, (englische Ausgabe: Cape, London 1928; Neudruck 1985: Kelley, Fairfield NJ ISBN 0-678-00015-8, (Reprints of economic classics)).
  • Evamaria Engel: Finanzielle Beziehungen zwischen Königen und Stadtbürgern von 1250 bis 1314. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. JWG 1975, 4, ISSN 0075-2800, S. 95–113.
  • Hugo Stehkämper: Geld bei deutschen Königswahlen des 13. Jahrhunderts. In: Jürgen Schneider (Hrsg.): Wirtschaftskräfte und Wirtschaftswege Festschrift für Hermann Kellenbenz. Band 1: Mittelmeer und Kontinent. Klett-Cotta, Stuttgart 1978, ISBN 3-12-912620-1, (Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte 4), S. 83–135.
  • Wolfgang von Stromer: Oberdeutsche Hochfinanz 1350-1450. Steiner Franz Verlag, Wiesbaden 1970, (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Beihefte 55–57, ISSN 0341-0846).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Hochfinanz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Deutsche Zukunft, (1999) 1, S. 5 sowie (2000) 8, S. 7 und 18; Werner Bergmann (2005): Antisemitismus im Rechtsextremismus, in: Bundeszentrale für politische Bildung
  2. Ronald Posch (2016): Die Sprache des Antisemitismus, in: Die Presse
  3. http://www.bpb.de/politik/extremismus/linksextremismus/33604/antisemitismus-von-links?p=all
  4. a b http://www.n-tv.de/wirtschaft/Die-Kehrseite-der-Wall-Street-article5657656.html
  5. Bernhard Weidinger (2017): Antisemitismus im Monatstakt, in: FgA Antisemitismusbericht 2017: S. 39
  6. https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/dinner-der-hochfinanz-der-abend-an-dem-ackermann-das-laecheln-gefror/3324724.html
  7. Hrsg. Burghard, Haverkamp, Irslinger, Reichert: Hochfinanz im Westen des Reiches 1150–1500. Verlag Trierer Historische Forschungen, Trier 1996