Hochpreisinsel Schweiz

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Die Bezeichnung Hochpreisinsel Schweiz wird verwendet, um die Schweiz als Land zu charakterisieren, in dem zahlreiche Produkte und Dienstleistungen zum Teil deutlich teurer sind als im umliegenden Ausland.[1] Der Begriff ist mindestens seit dem Jahr 2003 etabliert[2] und wird u. a. auch vom amtlichen Schweizer Preisüberwacher verwendet.[3]

Situation der Schweiz im Vergleich zum Ausland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vergleichsweise teuer sind lokal produzierte Güter und Dienstleistungen. Bezogen auf die Europäische Union (EU) lag das Preisniveau 2015 im Wohnungswesen um 87 % höher. Bei Gas und Brennstoffen, sogenannten handelbaren Gütern, ist die Schweiz nur 2 % teurer. Dies gilt auch bei anderen Warenkategorien, wenn keine Handelshemmnisse bestehen, wie beispielsweise bei elektronischen Geräte, die teilweise in der Schweiz sogar günstiger sind. Nahrungsmittel sind um 72 % teuerer, auch weil hier Schutzzölle eine Nivellierung für die importierten Produkte verhindern. Die Gesundheitspflege ist um 114 %, Gaststätten und Hotels sind um 68 % teurer. Auch in mehrheitlich vom Staat zur Verfügung gestellten Gütern ist das Preisniveau höher: Erziehung und Unterricht sind 167 % und die stationären Gesundheitsdienstleistungen 173 % teurer als in der EU.[4]

Das Konsumentenmagazin Kassensturz stellt im Januar 2017 fest, dass seit der Aufhebung des Mindestkurses im Jahr 2015 die Preise in der Schweiz um 7 % gesunken seien. Trotzdem sei der Preisunterschied zum Ausland noch einmal gestiegen, was anhand eines Warenkorbes von 150 Produkten ermittelt wurde.[5] 2015 sei jeder zehnte in der Schweiz konsumierte Franken in die Kassen ausländischer Detailhändler geflossen.[6] Der Einfluss sei gross, da die wirtschaftlichen Zentren der Schweiz nahe der Grenze liegen (Genf, Basel, aber auch Zürich, Lausanne, St. Gallen und das Städtedreieck im Tessin).[7]

Die Nachfrage aus Europa bei Hotelübernachtungen sank 2015 um 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[8] Mehr als die Hälfte aller Übernachtungen im Jahr 2012 ging auf ausländische Gäste zurück, die vor allem aus der Europäischen Union und insbesondere aus Deutschland stammten. Nur durch die Frankenaufwertung haben sich Hotelaufenthalte verteuert und auch Schweizer konsumieren mehr Tourismusdienstleistungen im Ausland.[9]

Ursachen und Folgen der hohen Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachen scheinen vielfältig. Genannt werden die hohe Kaufkraft und geringere Preissensibilität der Schweizer Konsumenten, inländische den grenzüberschreitenden Handel behindernde Sonderregeln und hohe lokale Kosten (Löhne, Mieten, Werbekosten, kleiner Binnenmarkt). Eine im Auslandsvergleich höhere Produktivität, längere Arbeitszeiten, tiefere Steuern und Sozialabgaben sowie tiefere Zinsen wirken dagegen dämpfend auf die Preisunterschiede.[10] Die markante Aufwertung des Franken (Wechselkurs zum Euro 2014 1.22, 2016 1.07) trieb die Schweizer Preisniveau-Indikatoren ebenfalls in die Höhe. Bei Erziehung und Unterricht sowie stationären Gesundheitsdienstleistungen handele es sich ausserdem um nicht handelbare Leistungen – bzw. hier könnte auch der Staat ein schlechter Preisverhandler sein.[4]

Negative Folgen der Hochpreisinsel sind für die Schweizer Wirtschaft neben einem Einkaufstourismus der Schweizer ins nahe Ausland (und entsprechend fehlender Umsätze im eigenen Land) auch das Ausbleiben von ausländischen Gästen im Tourismus.[11] Die exportintensive Industrie gerät durch die Währungssituation ebenfalls unter Druck. Höhere Löhne und Produktionskosten in der Schweiz wirken sich stärker auf die Konkurrenzfähigkeit aus und zwingen zur Wiederherstellung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, was Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote haben kann. Die Konsumneigung kann durch die Sorge um die eigene Arbeitsplatzsicherheit zu sinkendem Pro-Kopf-Konsum führen und könnte nur durch Zuwanderung ausgeglichen werden.[12]

Engeli (Handel Schweiz), Henze (Economiesuisse) und Jenni (Swiss Retail Federation) nennen einige Gründe für die hohen Preise in der Schweiz. Es wird differenziert nach der Angebotsseite (zum Beispiel hohe Löhne, kleiner Markt, Mehrsprachigkeit, hohe Miet- und Bodenkosten, dichtes Filialnetz), der Nachfrageseite (hohe Ansprüche, hohe Kaufkraft, geringe Ausweichbereitschaft) und staatlichen Vorschriften und Rahmenbedingungen (Schweizer Vorschriften, Abschottung, Zollkosten, steigende Abgaben und Gebühren). Höhere Preise existieren auch ohne Währungsdifferenzen. Im Detailhandel sind die Kostenblöcke laut einer Studie der BAK Basel: Warenbeschaffung im Inland (44 % Anteil als Kostenfaktor und 25 % teurer als in der EU), Warenbeschaffung im Ausland (17 % Anteil als Kostenfaktor), Personalkosten (14 % Kostenfaktor) und Vorleistungskosten (11 %).[13]

Auch Wettbewerbsbehinderungen werden als Ursache genannt. Die Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz Prisca Birrer-Heimo sagte 2016:

«Schweizer Unternehmen werden gezwungen, die Produkte von ausländischen Herstellern zu überhöhten Preisen beim Schweizer Alleinimporteur oder bei der Schweizer Niederlassung zu beziehen. Wollen sie die Produkte direkt aus dem Ausland beziehen, werden sie mit diversen Tricks daran gehindert.»

Importprodukte müssten eigentlich in der Schweiz zu (mit dem umliegenden Ausland) konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden können. Höhere Löhne im Detailhandel wären daran nach einer Studie der BAKBASEL[14] nicht schuld, da das durch eine höhere Produktivität und tiefere Mehrwertsteuerbelastung mehr als wettgemacht würde.[15] Einige Hürden gegen Direkt- oder Parallelimporte werden von Vera Bueller genauer beschrieben: Patentschutz und «Scheininnovationen» sowie spezielle Normen (dreisprachige Auszeichnung in der Schweiz).[16]

Der ehemalige Preisüberwacher (2004–2008) Rudolf Strahm präzisiert, dass es vor allem die Detailhandelsunternehmen und KMU-Inhaber sind, die schätzungsweise 15 Milliarden Franken mehr an ausländische Hersteller bezahlen als vergleichbare ausländische Ketten. Produkte werden nur über ihre Schweizer Verkaufsfilialen oder über Alleinimporteure teurer an Schweizer Detailhändler ausgeliefert. Grosse Konzerne wickeln ihre Einkäufe über ihre ausländischen Töchter ab. Die Wettbewerbskommission (Weko) sei «nahezu wirkungslos». In der Kommission sässen auch wettbewerbsverhindernde Verbandsvertreter.[17]

Einige Experten wie z. B. der Freiburger Wissenschaftler Reiner Eichenberger halten die hohen Preise für volkswirtschaftlich schädlich.[1] Die Preise könnten gesenkt werden, indem der Schweizer Markt für Produkte geöffnet wird, die den Normen und Vorschriften der Europäischen Union und wenn möglich anderer OECD-Staaten entsprechen[1] (vergleiche Gültigkeit der Cassis-de-Dijon-Entscheidung auch für die Schweiz).

Aymo Brunetti, damals Chefökonom des SECO, sah 2005 in hohen Schweizer Preisen «letztlich ein Symptom für die wichtigste Ursache der Schweizer Wachstumsschwäche: den mangelnden Wettbewerb auf dem Binnenmarkt». Dieses Phänomen sei vor allem in Märkten ausgeprägt, die von der internationalen Konkurrenz abgeschirmt sind. Eine stärkere Öffnung für Importkonkurrenz sei für die Schweiz deshalb eine effektive wettbewerbs- und wachstumspolitische Massnahme.[18]

Initiativen gegen eine Hochpreisinsel Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stiftung Konsumentenschutz hat einen ausführlichen Überblick der Massnahmen seit 2010 erstellt.[19]

  • Im September 2016 wurde die Eidgenössische Volksinitiative «Stop der Hochpreisinsel – für faire Preise (Fair-Preis-Initiative)» lanciert. Hinter ihr stehen die Stiftung für Konsumentenschutz, Gastrosuisse und der Wirtschaftsverband Swissmechanic, der 1400 KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallbranche vereint. Die Unterschriftensammlung läuft längstens bis zum 20. März 2018.[20][21] Abgeschafft werden sollen ungerechtfertigte Schweiz-Zuschläge, die den Wettbewerb behindern, wo internationale Konzerne die hohe Kaufkraft in der Schweiz gezielt abschöpfen und die Preise künstlich hoch halten. Das Kartellgesetz soll dazu verschärft werden, um den faktischen Beschaffungszwang überteuerter Waren aufzuheben und Preisdiskriminierungen zu unterbinden. Schweizer Unternehmen sollen eine echte Beschaffungsfreiheit erhalten, was wiederum eine Voraussetzung für faire Konsumentenpreise sei. Auch im Online-Handel sollen Schweizer nicht mehr durch höhere Preise diskriminiert werden.[22] Der Bundesrat ist derweil dabei einen indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative auszuarbeiten.[23]
  • Der Schweizer Konsumentenschutz lancierte die Seite Preisbarometer.ch, welche Produktpreise im In- und Ausland vergleicht.[24]
  • Weiterhin gibt es das Forum Hochpreisinsel.ch, eine Diskussionsplattform für Schweizer Konsumenten.[25]

Der Schweizer Wirtschaftsverband Economiesuisse sieht die «Einebnung der Hochpreisinsel» weder als realistisch noch als sinnvoll an. Bestimmte Kostenfaktoren blieben entweder unabänderlich (Topografie) oder entsprächen den Bedürfnissen nach gehobener Qualität oder seien Ausdruck des politischen Willens (Agrarprotektionismus zum Schutz der eigenen Landwirtschaft). Lohnniveau und Kaufkraft seien «dank der Produktivität und Effizienz der Schweizer Wirtschaft und einer starken, wertschöpfungsintensiven Exportindustrie» hoch («Wir können uns für mehr Geld eine bessere Qualität leisten»). Die Absenkung der Schweizer Preise auf EU-Niveau würde auch eine Lohnabsenkung auf breiter Front bedingen, was nicht erwünscht sei. Abgebaut werden müsse die Hochpreisinsel dort, wo verfehlte Wettbewerbshindernisse die Kosten anheizen und die Produkte unnötig verteuern.[13]

Vergleichbarkeit mit anderen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch in Norwegen besteht eine vergleichbare Situation, wo durch die Einnahmen aus dem Erdöl- bzw. Erdgashandel Löhne und Lebenshaltungskosten gestiegen sind – ein extensiver «Heimatschutz» und Importzölle internationalen Wettbewerb verhindern.[26] Island und Schweden haben ebenfalls ein hohes Preisniveau und eine Marktabschottung. Reiner Eichenberger meint aber, dass die periphere Lage, die tiefere Besiedlungsdichte sowie höhere Steuerquoten die Vergleichbarkeit mit der Schweiz einschränken, die bezüglich der wirtschaftlichen, geografischen, politischen und kulturellen Struktur Österreich und Deutschland ähnlicher sei als den nordischen Hochpreisländern.[1]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Reiner Eichenberger: Hochpreisinsel Schweiz. Ursachen, Folgen, wirkungsvolle Rezepte. Universität Fribourg - Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie, Fribourg (Schweiz) Mai 2005 (unifr.ch [PDF]).
  2. Der Begriff Hochpreisinsel Schweiz erscheint in 52 Geschäftsvorgängen der Schweizer Parlamentsdatenbank Curia Vista (Stand: 18. Januar 2017), wobei die älteste Erwähnung die Interpellation «Mehr Arbeitsplätze. Die Schweiz braucht ein Wachstums- und Preissenkungsprogramm» aus dem Jahr 2003 ist, siehe Curia-Vista Datenbank-Abfrage zu Hochpreisinsel
  3. Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung, Preisüberwachung PUE: Zusammenfassung Preise und Kosten, 28. Mai 2014
  4. a b Jürg Müller: Hochpreisinsel Schweiz – Das teuerste Pflaster Europas. In: NZZ. 21. Dezember 2016 (nzz.ch).
  5. Zwei Jahre nach Euro-Sturz: Kunden zahlen noch immer zu viel. In: Kassensturz. 17. Januar 2017, abgerufen am 30. Januar 2017.
  6. Mathias Ohanian: Einkaufstourismus. Jeder zehnte Franken geht verloren. In: Handelszeitung. 5. Januar 2016 (handelszeitung.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).
  7. Peter Moser: Einkaufstourismus. Lage, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten. In: Die Volkswirtschaft. 1. März 2013 (dievolkswirtschaft.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).
  8. Hoteliers spüren die Frankenstärke. In: Neue Zürcher Zeitung. 23. Februar 2016 (nzz.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).
  9. UBS (Hrsg.): Alpiner Tourismus. Herausforderungen und Chancen (= UBS Outlook). 2013 (gr.ch [PDF; abgerufen am 30. Januar 2017]). Alpiner Tourismus. Herausforderungen und Chancen (Memento des Originals vom 18. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gr.ch
  10. Hansueli Schöchli: Die lange Suche nach den Gründen für die Hochpreisinsel Schweiz. In: NZZ. 29. Mai 2014 (nzz.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).
  11. Einkaufstouristen kosten Detailhändler 11 Milliarden Franken. In: Tagesanzeiger. 1. Oktober 2015 (tagesanzeiger.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).
  12. Credit Suisse (Hrsg.): Mehr als nur eine Konjunkturdelle? (= Monitor Schweiz). März 2016 (credit-suisse.com [PDF; abgerufen am 30. Januar 2017]).
  13. a b Kaspar Engeli (Handel Schweiz), Marlis Henze (Economiesuisse), Dagmar Jenni (Swiss Retail Federation): Wettbewerb ist die beste Medizin. Zürich/Bern/Basel 2012 (economiesuisse.ch).
  14. Kosten, Preise und Performance. Der Schweizer Detailhandel im internationalen Vergleich. (PDF) BAKBASEL, Oktober 2010, abgerufen am 30. Januar 2017.
  15. Importprodukte sind in der Schweiz viel zu teuer. Interview mit Prisca Birrer-Heimo. In: Blickpunkt. Nr. 2, 2016, S. 6 (priscabirrer-heimo.ch [PDF]).
  16. Vera Bueller: Hohe Hürden für niedrige Preise. In: Die Selezione. März 2006, abgerufen am 30. Januar 2017.
  17. Rudolf Strahm: Die Profiteure der Hochpreisinsel Schweiz. In: Tagesanzeiger/Bund. 25. Oktober 2016 (rudolfstrahm.ch [abgerufen am 30. Januar 2017] Kolumne).
  18. Aymo Brunetti: Eine einfache Geschichte. In: Die Weltwoche. Nr. 18, 2005 (weltwoche.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).
  19. Kampf gegen Hochpreisinsel Schweiz. Chronologie der Ereignisse. In: konsumentenschutz.ch. Abgerufen am 30. Januar 2017.
  20. «Fair-Preis-Initiative» kämpft gegen die Hochpreisinsel. In: tagesanzeiger.ch. Abgerufen am 15. Januar 2017.
  21. Eidgenössische Volksinitiative 'Stop der Hochpreisinsel – für faire Preise (Fair-Preis-Initiative)'. In: www.admin.ch. Abgerufen am 15. Januar 2017.
  22. Argumentarium. In: Fair-Preis-Initiative. Abgerufen am 30. Januar 2017.
  23. Der Bundesrat: Bundesrat beschliesst indirekten Gegenvorschlag zur «Fair-Preis-Initiative». In: admin.ch. Abgerufen am 22. August 2018.
  24. Preisbarometer.ch. Abgerufen am 15. Januar 2017.
  25. Hochpreisinsel.ch. Abgerufen am 30. Januar 2017.
  26. Rudolf Hermann: Wenn der König an die Kasse kommt. In: Neue Zürcher Zeitung. 17. September 2016 (nzz.ch [abgerufen am 30. Januar 2017]).