Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung

Auf der Grundlage der Kapitel XI, XII und XIII der Charta und einer Vielzahl von Resolutionen führen die Vereinten Nationen eine Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung (deutsch für Non-Self-Governing Territories, NSGT).[1]
Ein Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung wird von den Vereinten Nationen definiert als ein Territorium, das kein souveräner Staat ist, sich nicht in freier Assoziierung mit einem souveränen Staat befindet und nicht in einen souveränen Staat integriert ist.[2]
Die Liste wurde 1946 aufgestellt und enthielt im Juli 2017 siebzehn Territorien.[3]
Kapitel XI der UN-Charta
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gemäß Kapitel XI (Artikel 73 und 74) der UN-Charta[4] sind „Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben“ (Verwaltungsmächte) unter anderem verpflichtet,
- „den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und erzieherischen Fortschritt, die gerechte Behandlung und den Schutz dieser Völker gegen Mißbräuche unter gebührender Achtung vor ihrer Kultur zu gewährleisten“
- „die Selbstregierung zu entwickeln, die politischen Bestrebungen dieser Völker gebührend zu berücksichtigen und sie bei der fortschreitenden Entwicklung ihrer freien politischen Einrichtungen zu unterstützen, und zwar je nach den besonderen Verhältnissen jedes Hoheitsgebiets, seiner Bevölkerung und deren jeweiliger Entwicklungsstufe“
- „Aufbau- und Entwicklungsmaßnahmen zu fördern, die Forschungstätigkeit zu unterstützen sowie miteinander und gegebenenfalls mit internationalen Fachorganisationen zusammenzuarbeiten, um die (...) dargelegten sozialen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Ziele zu verwirklichen“
Kapitel XII und XIII der UN-Charta
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Kapitel XII und XIII (Artikel 75 bis 91) der UN-Charta betreffen das seit 1994 ausgesetzte internationale Treuhandsystem. In der aktuellen Liste sind daher keine Treuhandgebiete aufgeführt.
UN-Resolution 9 (I)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Resolution 9 (I) wird von der Generalversammlung unter anderem erklärt:[5]
- „The United Nations (...) is keenly aware of the problems and political aspirations of the peoples who have not yet attained a full measure of self-government (...)“
„Die Vereinten Nationen (...) sind sich der Probleme und der politischen Bestrebungen der Völker bewusst, die noch kein volles Maß an Selbstregierung erreicht haben (...)“ (na) - „Chapters XI, XII and XIII of the Charter recognize the problems of the non-self-governing peoples as of vital concern to the peace and general welfare of the world community.“
„Die Kapitel XI, XII und XIII der Charta anerkennen die Probleme der nicht-selbstregierten Völker als von entscheidender Bedeutung für den Frieden und das allgemeine Wohlergehen der Weltgemeinschaft.“ (na) - „The General Assembly expects that the realization of the objectives of Chapters XI, XII and XIII will make possible the attainment of the political, economic, social and educational aspirations of non-self-governing peoples.“
„Die Generalversammlung erwartet, dass die Verwirklichung der Ziele der Kapitel XI, XII und XIII die Erreichung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und pädagogischen Bestrebungen der nicht-selbstregierten Völker ermöglichen wird.“ (na)
UN-Resolution 1514 (XV)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Resolution 1514 (XV) wird von der Generalversammlung unter anderem erklärt:[6][7]
- „Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung; kraft dieses Rechts bestimmen sie frei ihren politischen Status und verfolgen frei ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung“
- „Alsbaldige Schritte sind in den Treuhandgebieten und den Gebieten ohne Selbstregierung sowie in allen anderen Gebieten, welche noch nicht die Unabhängigkeit erlangt haben, zu unternehmen, um den Völkern dieser Gebiete alle Hoheitsbefugnisse zu übertragen, ohne irgendwelche Bedingungen oder Vorbehalte, im Einklang mit ihrem frei geäußerten Willen und Wunsch, ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens oder der Hautfarbe, um sie in die Lage zu versetzen, volle Unabhängigkeit und Freiheit zu genießen“
Aktuell gelistete Territorien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das nach Fläche kleinste Territorium ist Gibraltar, dasjenige mit den wenigsten Einwohnern sind die Pitcairninseln. Das nach Fläche und Anzahl der Einwohner größte Territorium ist Westsahara.
| Territorium (t) | Kontinent (k) | gelistet | Verwaltungsmacht | Fläche in km²[8] |
Einwohner[8] | UN- Datenblatt |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Amerika | 1946– | 352 | 105.413 | |||
| Pazifik (Ozeanien) | 1946– | 200 | 49.710 | |||
| Amerika | 1946– | 96 | 15.899 | |||
| Amerika | 1946– | 53,35 | 63.982 | |||
| Amerika | 1946– | 153 | 33.595 | |||
| Amerika | 1946– | 264 | 71.105 | |||
| Amerika | 1946– | 12.173 | 3.662 | |||
| Pazifik (Ozeanien) | 2013– 1946–1947 |
3.500 | 279.550 | |||
| Europa | 1946– | 5,8 | 34.003 | |||
| Pazifik (Ozeanien) | 1946– | 544 | 153.836 | |||
| Amerika | 1946– | 103 | 4.433 | |||
| Pazifik (Ozeanien) | 1986– 1946–1947 |
18.575 | 268.500 | |||
| Pitcairn (t) ( |
Pazifik (Ozeanien) | 1946– | 35,5 | 42 | ||
| St. Helena (t) ( |
Afrika | 1946– | 310 | 5.146 | ||
| Pazifik (Ozeanien) | 1946– | 12,2 | 1.647 | |||
| Amerika | 1946– | 948,2 | 49.309 | |||
| Afrika | 1963– | (unklar) (w) | k. A. | k. A. |
Besonderheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Referenden
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Falklandinseln (Malwinen)
- Gibraltar
- Neukaledonien
Wiederaufnahmen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Französisch-Polynesien
- Neukaledonien
Konflikte der Verwaltungsmächte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Falklandinseln (Malwinen)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Westsahara
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ehemals gelistete Territorien
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Aufgrund der UN-Resolution 1541 (XV) verliert ein Territorium den Status als Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung gemäß Kapitel XI der Charta durch Gründung eines souveränen Staates, durch freie Assoziierung mit einem souveränen Staat oder durch Integration in einen souveränen Staat.[2][14]
Als letztes UN-Treuhandgebiet gemäß Kapitel XII der Charta wurde 1994 Palau von der Liste gestrichen.[14]
UN-Resolution 1541 (XV)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bis zur UN-Resolution 1541 (XV) konnten die Verwaltungsmächte nach eigenem Ermessen entscheiden, nach welchen Kriterien ein Territorium von der Liste zu streichen ist.[18] Dies führte unter anderem zur Wiederaufnahme von Neukaledonien (1986) und Französisch-Polynesien (2013) in die Liste. 1947 waren beide Territorien von der Liste gestrichen worden, weil seitens der Verwaltungsmacht Frankreich keine Meldung gemäß Artikel 73 der UN-Charta erfolgt war.
Besonderheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Afrikanisches Jahr
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Afrikanisches Jahr wird das Jahr 1960 bezeichnet, da in diesem Jahr viele Kolonien in Afrika die Unabhängigkeit von ihren Kolonialmächten erlangt haben.
Osttimor
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als bisher letztes Territorium gemäß Kapitel XI der Charta wurde 2002 Osttimor gestrichen.[14] In die Liste wurde es ursprünglich als Kolonie Portugiesisch-Timor aufgenommen. Während es 1975 auf die Unabhängigkeit vorbereitet wurde, kam es zu einem kurzen Bürgerkrieg. Die portugiesische Administration zog sich auf die vorgelagerte Insel Atauro zurück, während die siegreiche FRETILIN die Macht übernahm. Kurz darauf begann Indonesien mit Soldaten in die Grenzgebiete einzudringen. Um internationale Unterstützung zu bekommen, rief die FRETILIN am 28. November 1975 einseitig die Unabhängigkeit aus. Sie wurde von zwölf Mitgliedern der Vereinten Nationen anerkannt, neben ehemaligen portugiesischen Kolonien wie Angola, Kap Verde, Guinea-Bissau, Mosambik oder São Tomé und Príncipe, auch von der Volksrepublik China (als einzigem ständigen Mitglied des Weltsicherheitsrates), Kuba, Vietnam und Schweden. Portugal, Indonesien, Australien, die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen verweigerten aber die Anerkennung. Neun Tage später begann Indonesien mit der offenen Invasion. Der letzte portugiesische Gouverneur verließ die Kolonie. 1976 erklärte Indonesien die Annexion Osttimors, die nur von Australien anerkannt wurde. International galt Osttimor als „abhängiges Territorium unter portugiesischer Verwaltung“. Die FRETILIN ging in den bewaffneten Widerstand. 1999 wurde ein Unabhängigkeitsreferendum in Osttimor durchgeführt, in dem sich die Bevölkerung für die Unabhängigkeit aussprach. Nachdem indonesische Sicherheitskräfte nochmals das Land mit einer Gewaltwelle überzogen, übernahmen die Vereinten Nationen die Kontrolle über Osttimor. Von 1999 bis 2002 bestand die Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen für Osttimor. Am 20. Mai 2002 wurde Osttimor in die Unabhängigkeit entlassen.
Völkerrechtliche Grundlagen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Völkerrechtliche Grundlagen sind die Kapitel XI, XII und XIII der UN-Charta[19] sowie die sich auf diese Kapitel beziehenden Resolutionen.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fußnoten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Andere gebräuchliche Bezeichnungen: Hoheitsgebiete, die noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben; territories whose peoples have not yet attained a full measure of self-government; Hoheitsgebiete, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben
- 1 2 Resolution 1541 (XV). (PDF) In: un.org. Abgerufen am 7. Juli 2017.
- 1 2 The United Nations and Decolonization. In: un.org. Abgerufen am 18. März 2020 (englisch).
- ↑ Charta. In: unric.org. Abgerufen am 30. Juli 2017 (deutsch).
- ↑ Resolution 9 (I). In: un.org. Abgerufen am 1. August 2017.
- ↑ Resolution 1514 (XV). (PDF) In: un.org. Abgerufen am 30. Juli 2017 (englisch).
- ↑ UN-Resolution 1514 (XV), amtliche deutsche Übersetzung, abgerufen am 30. Juli 2017
- 1 2 United Nations Secretariat 2024 Working Papers on Non-Self-Governing Territories. Vereinte Nationen. Abgerufen am 1. Oktober 2024.
- ↑ Falklands referendum: Voters choose to remain UK territory. In: BBC News. 2013 (bbc.com [abgerufen am 7. Juli 2017]).
- ↑ BBC NEWS | Europe | Q&A: Gibraltar's referendum. In: co.uk. news.bbc.co.uk, 8. November 2002, abgerufen am 7. Juli 2017.
- ↑ Tahiti assembly votes against UN decolonisation bid. In: Radio New Zealand. 2013 (co.nz, 17 Mai 2013 [abgerufen am 7. Juli 2017]).
- ↑ Resolution 67/265. Self-determination of French Polynesia. In: documents.un.org. 23. August 2013, abgerufen am 25. November 2024 (englisch).
- ↑ A/RES/41/41. Implementation of the Declaration on the Granting of Independence to Colonial Countries and Peoples. In: documents.un.org. 2. Dezember 1986, abgerufen am 25. November 2024 (englisch).
- 1 2 3 The United Nations and Decolonization. In: un.org. Abgerufen am 7. Juli 2017 (englisch).
- ↑ Die Türkische Republik Nordzypern wird von den UN nicht anerkannt. Siehe auch Zypernkonflikt.
- ↑ In der Liste als "British Honduras" bezeichnet.
- ↑ Von 1975 bis 1999 war Osttimor von Indonesien besetzt. Zur Verwaltung zwischen 1999 und 2002 siehe Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen für Osttimor
- ↑ Blickpunkt Pazifik, Nr. 12, 2003 ( des vom 30. Juli 2017 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 30. Juli 2017
- ↑ UN-Charta ab Kapitel XI, abgerufen am 31. Juli 2017.