Horst Gienke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Horst Gienke

Horst Gienke (* 18. April 1930 in Schwerin) war von 1972 bis 1989 Bischof der Evangelischen Landeskirche Greifswald und von 1973 bis 1976 und 1987 bis 1989 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche der Union (EKU) in der DDR.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Horst Gienke wurde als Sohn eines Beamten geboren. Nach dem Abitur an der Goethe-Oberschule in Schwerin studierte er von 1948 bis 1953 in Rostock evangelische Theologie. Danach war er Gemeindepfarrer in Blankenhagen bei Ribnitz und in Rostock. Von 1964 bis 1972 war Gienke Leiter des Predigerseminars der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs in Schwerin. 1970 wurde er für das Amt des Bischofs der Mecklenburgischen Landeskirche vorgeschlagen, die Synode wählte jedoch Heinrich Rathke ins Bischofsamt. Am 1. Januar 1972 wurde er zum Landessuperintendenten von Schwerin berufen. Im März 1972 wurde Gienke als Nachfolger von Friedrich-Wilhelm Krummacher zum Bischof der damaligen „Evangelischen Landeskirche Greifswald“ gewählt (bis 1968 und ab 1990: Pommersche Evangelische Kirche). An Gienkes Amtseinführung nahm seitens des SED der damalige Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR, Hans Seigewasser, teil.[1] Von 1973 bis 1976 und 1987 bis 1989 war er Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche der Union (EKU) in der DDR. 1980 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Sektion Theologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald verliehen. Im November 1989 wurde Gienke, dessen autoritäres Amtsverständnis[2] sowie dessen SED-nahe Amtsführung zunehmend kritisiert worden waren, von der Landessynode zum Rücktritt aufgefordert und im Anschluss mit seiner Zustimmung in den vorläufigen Ruhestand versetzt.[3] Im April 2010 würdigte die Pommersche Evangelische Kirche Gienke aus Anlass seines 80. Geburtstages mit einem Empfang im „Haus der Stille“ in Weitenhagen bei Greifswald.[4]

Gienke ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Rücktritt als Bischof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. Juni 1989 wurde in Greifswald in einem Festakt unter Anwesenheit von Erich Honecker der Dom St. Nikolai nach umfangreicher Sanierung wieder eingeweiht. Das Projekt war in Kirchenkreisen umstritten, weil für viele andere Kirchenbauten Geld fehlte.[5] Besonders die von Gienke ohne Rücksprache mit Synode und Kirchenleitung erfolgte Einladung Honeckers stieß auf Ablehnung. Der Festgottesdienst, der einer der letzten großen öffentlichen Auftritte Honeckers vor seinem Sturz am 18. Oktober 1989 war, wurde daher von vielfältigen Protesten begleitet.

Als am 19. Juli 1989 ein Briefwechsel zwischen Gienke und Honecker im SED-Organ Neues Deutschland veröffentlicht wurde[6], in dem die Kirchenblätter wegen ihrer kritischen Berichterstattung über die Domeinweihung angegriffen wurden, geriet Gienke immer mehr unter Druck. Im September 1989 forderte schließlich der Greifswalder Pfarrkonvent die Mitglieder der Kirchenleitung schriftlich auf, dem Bischof das Misstrauen auszusprechen. Gleichzeitig wurde Gienke aufgefordert, sein Amt niederzulegen. Die Kirchenleitung stellte sich jedoch nach heftigen Kontroversen am 21. September 1989 hinter Gienke.

Die Landessynode folgte dieser Position auf ihrer anschließenden Herbsttagung nicht, sondern sprach Gienke am 5. November 1989 mit 32 zu 30 Stimmen das Misstrauen aus, da „seit längerer Zeit ein tiefgreifender, zunehmender Vertrauensschwund im Blick auf die Amtsführung des Bischofs“ eingetreten sei.[7] Nach einer Bedenkzeit zog Gienke die Konsequenz und trat von seinem Amt zurück. Die Kirchenleitung versetzte Gienke daraufhin in den Ruhestand.

Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Gienkes Rücktritt wurde bekannt, dass dieser vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seit 1972 als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) „Orion“ geführt worden war.[8][9][10] In der Folgezeit wurden diese Berichte durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt.[11][12][13] Die Bezirksverwaltung Rostock des Ministeriums für Staatssicherheit hatte Gienke als IM unter der Nummer I/1066/72 registriert.[14] Nach eigener Aussage hat Gienke bis 1989 insgesamt 37 vertrauliche Gespräche mit MfS-Offizieren geführt, in denen es um „grundsätzliche Fragen nach politischen Entscheidungen sowie dem inneren und wirtschaftlichen Gefüge des Staates“ gegangen sei.[15] Diese Gespräche verstießen klar gegen den allgemeinen Konsens in den Landeskirchen der DDR, dass unabhängig von den konkreten Inhalten kirchlicherseits keinerlei Kontakte zum MfS unterhalten werden sollten.[11]

Nachdem seine Identität als Inoffizieller Mitarbeiter des MfS aufgedeckt worden war, bestritt Gienke, sich bewusst als IM zur Verfügung gestellt zu haben, und stellte sich in seiner 1996 erschienenen Autobiographie als Opfer einer Diffamierungskampagne einer westdeutschen „Journaille“ dar, die seinen Ruf als Bischof ruinieren wolle, um damit „das Image der Kirche zu beschädigen“.[16] Zugleich verband er seine Rechtfertigung in seiner Autobiographie mit einer grundlegenden Kritik an der Pressefreiheit: „Was ist eine Gesellschaft wert, deren Freiheit ungestraft dazu mißbraucht werden kann, den Ruf anderer zu beschmutzen oder gar zu zerstören?“[17] Das genaue Ausmaß der Zusammenarbeit zwischen Gienke und der Staatssicherheit kann nicht geklärt werden, da die aus sechs Bänden bestehende Akte nicht im Bestand der BStU vorhanden ist.[18] Nach Angaben der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen wurde die Akte im Zuge der Wende am 4. Dezember 1989 vernichtet.[19]

Artur Amthor, Gienkes damaliger Stasi-Gesprächspartner, erklärte, Gienke habe zwar Gespräche mit der Stasi geführt, jedoch nicht als IM gearbeitet.[20] Amthor war von Dezember 1989 bis März 1990, also in dem Zeitraum, in dem die Akte des IM „Orion“ vernichtet wurde, als Bezirksleiter der Stasi-Nachfolgebehörde Amt für Nationale Sicherheit für die Vernichtung von Aktenbeständen der Stasi im Bezirk Rostock verantwortlich.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rahel von Saß: Der „Greifswalder Weg“. Die DDR-Kirchenpolitik und die evangelische Landeskirche Greifswald von 1980 bis 1989. Herausgegeben von der Landesbeauftragten Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehem. DDR, Schwerin 1998, ISBN 3-933255-08-2.
  • Irmfried Garbe, Wolfgang Nixdorf (Hrsg.): Dom St. Nikolai Greifswald. Gemeindekirche zwischen Politik und Polemik. Studien zur Greifswalder Landeskirche und zur Wiedereinweihung des Domes 1989. Herausgegeben im Auftrag der Landessynode der Pommerschen Evangelischen Kirche, Schwerin 2005, ISBN 3-935749-43-0.
  • Uwe Funk: Gienke, Horst. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Horst Gienke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horst Gienke, Internationales Biographisches Archiv 24/1997 vom 2. Juni 1997, im Munzinger-Archiv, abgerufen am 4. August 2009 (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf zufolge vertrat Gienke schon bei seinem Amtsantritt als Bischof ein „autoritäres, katholisierendes Amtsverständnis“. Friedrich Wilhelm Graf: Rechtfertigung des begnadigten Sünders. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. Januar 1997, Nr.7, S. 6.
  3. Pommerscher Altbischof Horst Gienke wird 75 Jahre alt. 14. April 2005 auf: kirche-mv.de
  4. Empfang zum 80. Geburtstag von Altbischof Horst Gienke. 26. April 2010 auf: kirche-mv.de
  5. Frank Pergande: Ein Nachruf und seine Folgen. In der pommerschen Kirche wird über die DDR-Vergangenheit gestritten – wieder einmal. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. November 2015, S. 12.
  6. Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58357-5, S. 342, (online).
  7. Landeskirchliches Archiv Greifswald, Pressestelle der Evangelischen Landeskirche Greifswald (Hrsg): Greifswalder Informationsdienst. Nr. 4 (1989), S. 1.
  8. Einer im Niemandsland. In: Der Spiegel. Nr. 8, 1992, S. 24 f. (online).
  9. Wir hatten sie im Griff. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1992, S. 40 ff. (online).
  10. Lamm unter Wölfen. In: Der Spiegel. Nr. 23, 1993, S. 65 (online).
  11. a b Rahel von Saß: Der „Greifswalder Weg“. Die DDR-Kirchenpolitik und die evangelische Landeskirche Greifswald von 1980 bis 1989, S. 48f.
  12. Robert F. Goeckel: Der Weg der Kirchen in der DDR. In: Heydemann, Kettenacker (Hrsg): Kirchen in der Diktatur. Drittes Reich und SED-Staat. Fünfzehn Beiträge. Göttingen 1993, S. 177f.
  13. Clemens Vollnhals: Die kirchenpolitische Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit. In: Ders. (Hrsg.): Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit. Eine Zwischenbilanz. 2. Auflage. Berlin 1997, S. 91.
  14. Thomas Auerbach, Matthias Braun, Bernd Eisenfeld, Gesine von Prittwitz, Clemens Vollnhals: Hauptabteilung XX: Staatsapparat, Blockparteien, Kirchen, Kultur, »politischer Untergrund« (MfS-Handbuch), Herausgeber: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Abteilung Bildung und Forschung, Berlin 2008, S. 96, Anmerkung 38 PDF
  15. Horst Gienke: Dome, Dörfer, Dornenwege. Lebensbericht eines Altbischofs. Rostock 1996, S. 379f.
  16. Horst Gienke: Dome, Dörfer, Dornenwege. Lebensbericht eines Altbischofs. Rostock 1996, zitiert bei Friedrich Wilhelm Graf: Rechtfertigung des begnadigten Sünders. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. Januar 1997, Nr.7, S. 6.
  17. Horst Gienke: Dome, Dörfer, Dornenwege. Lebensbericht eines Altbischofs. Rostock 1996, S. 368.
  18. Rahel von Saß: Der „Greifswalder Weg“. Die DDR-Kirchenpolitik und die evangelische Landeskirche Greifswald von 1980 bis 1989, S. 49, Anm. 152.
  19. Thomas Auerbach, Matthias Braun, Bernd Eisenfeld, Gesine von Prittwitz, Clemens Vollnhals: Hauptabteilung XX: Staatsapparat, Blockparteien, Kirchen, Kultur, »politischer Untergrund« (MfS-Handbuch), Herausgeber: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Abteilung Bildung und Forschung, Berlin 2008, S. 96, Anmerkung 38 PDF
  20. Artur Amthor: Ruhe in Rostock? Vonwegen. Berlin 2009, S. 139f.
Vorgänger Amt Nachfolger
Friedrich-Wilhelm Krummacher Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche
19721989
Eduard Berger