Hostienwunder

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Beschreibung des Benninger Hostienwunders in der Riedkapelle

Unter einem Hostienwunder, auch eucharistisches Wunder genannt, versteht man unerklärte Erscheinungen an einer konsekrierten Hostie.

Da nach katholischer Lehre bei der Eucharistie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden, gibt es viele Legenden darüber, dass diese normalerweise nicht sinnlich wahrnehmbare Verwandlung nach außen sichtbar geworden sei. Diese Wunderberichte haben auch beim Fronleichnamsfest Pate gestanden. Sie sind aus älteren Kreuzigungsberichten und den schon bald einsetzenden Legenden über den Verbleib des Blutes, das bei der Kreuzigung Jesu dessen Leib verlassen hatte, entstanden. Sie entzündeten sich zunächst an den Blutreliquien – Ampullen mit dem Blut Jesu, die an bestimmten Tagen durch Flüssigwerden ihre Wunderkraft zeigten. Zur Zeit der Kreuzzüge verband sich die Legende von Josef von Arimathäa, der das Blut Jesu aufgefangen haben soll, mit dem Ritterepos von der Artusrunde zur Gralssage. Andere Legenden berichteten, dass Maria Magdalena oder Longinus das Blut aufgefangen haben sollten.

Nachdem im 11. Jahrhundert Berengar von Tours die Lehre von der wirklichen Verwandlung der eucharistischen Gaben bestritten hatte, wurden Bluthostien zu einer Art Gottesurteil über die „wahre Lehre“. Die häufigsten Erzählungen über Hostienwunder seit dem 12. Jahrhundert sind die Berichte über Bluthostien: konsekrierte Hostien, an denen sich auf „wunderbare Weise“ Blut gezeigt haben soll. Es gibt auch solche Berichte, nach denen sich in der Heiligen Messe die Hostie in Fleisch und der Wein in Blut verwandelt haben sollen.

Als erstes Hostienwunder der Kirchengeschichte gilt das Eucharistische Wunder von Lanciano. Es wird erstmals in einem Dokument aus dem Jahr 1631 erwähnt, das den Ursprung der in Lanciano aufbewahrten Blut- und Hostienreliquie mit einem Wunder erklärt, das im 8. Jahrhundert einem während des Bilderstreits nach Italien geflohenen griechischen Mönch widerfahren sein soll.[1] Weitere Reliquien mit angeblich von Jesus stammenden Blutstropfen werden u. a. in Brügge, Mantua und Bolsena verehrt.

Messe des hl. Papstes Gregor, Ulm oder Ravensburg um 1480 (Bode-Museum Berlin)

Zum Vorstellungskreis der eucharistischen Wunder gehören auch Erscheinungen, die dem Priester während der Messe zuteilgeworden sein sollen. Bekanntestes Beispiel ist die Gregorsmesse, ein seit dem 13. Jahrhundert verbreiteter Bildtyp, der auf einen Bericht des Paulus Diaconus über eine Messe Gregors des Großen zurückgeht. Abgebildet ist die Erscheinung Jesu als Schmerzensmann, der ihm in der Messe erschienen sein soll. Bei Paulus Diaconus ist allerdings nur von einem blutigen Finger die Rede. Ein typisches Beispiel für eine frühe Wundererzählung ist auch der böhmische Priester Peter von Prag, der nach Zweifeln an der Wirklichkeit der Wandlung 1263 in Bolsena das Brot für die Kommunion gebrochen und dabei Blutstropfen entdeckt haben soll. Die blutstropfenähnlichen Erscheinungen werden oft im Zusammenhang mit ritueller Nachlässigkeit, mit Glaubenszweifeln oder mit angeblichem Hostienfrevel beschrieben. Im letzteren Fall waren es meist Juden, denen Hostienfrevel zur Last gelegt wurde, so bei den Hostienwundern von Röttingen, Deggendorf, Sternberg und Flassau. Hostienwunder waren daher auch Anlass für antijüdische Pogrome.

Hostienwunder riefen teils nur kurzlebige, teils auch bis heute andauernde Wallfahrtsbräuche hervor. Die märkische Wunderblutkirche Wilsnack und die Kapelle des Heiligen Blutes in Sternberg wurden wegen solcher Hostienwunder in Nordeuropa zu Zielen von Wallfahrten. Die Wunderblutkirche Wilsnack war Ziel des Pilgerwegs von Berlin nach Wilsnack. Im Süden war Seefeld in Tirol wegen seines Hostienwunders Pilgerort.

Schon seit der Entstehungszeit dieses Wundertyps gab es daran theologisch begründete Kritik. Albertus Magnus hielt die Wunder für bloße Visionen. Thomas von Aquin betrachtete sie skeptisch, da er ihren Sinn in Frage stellte und sie als Widerspruch zu seiner Lehre der streng übernatürlichen (und darum äußerlich definitionsgemäß nicht wahrnehmbaren) Transsubstantiation ansah. Auch Nikolaus von Kues wandte sich entschieden gegen den Bluthostienkult, ebenso Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz und desgleichen die Erfurter Theologen, die gegen die Wallfahrt nach Wilsnack eintraten und dazu auf die kritische Haltung des Thomas von Aquin zum eucharistischen Wunder verwiesen. Sie konnten sich nicht gegen die päpstliche Kurie durchsetzen, die die Wallfahrt 1453 sanktionierte. In den theologischen Diskussionen des Mittelalters warfen vor allem der theologische Zweck solcher Erscheinungen, die unklare Logik des Wundergeschehens und die damals noch uneinheitlich gehandhabte Praxis der Aufbewahrung geweihter Hostien Fragen auf.

Heute geht man auch in der römisch-katholischen Kirche überwiegend davon aus, dass es sich bei den historischen Erscheinungen großteils um fromme Legenden, um Betrug, Selbsttäuschungen oder auch anderweitig erklärbare Phänomene handelt. Nur bei überzeugenden Hinweisen auf ein mögliches übernatürliches Geschehen erlaubt die katholische Kirche auch heute noch Verehrungshandlungen, wie etwa in Polen, wo am 17. April 2016 der Bischof von Liegnitz die Verehrung einer im Dezember 2013 aufgetauchten Hostie genehmigte, welche „die charakteristischen Merkmale eines eucharistischen Wunders“ aufweise.[2]

Insbesondere das Bakterium Serratia marcescens soll für viele Erscheinungen vom Typ des Wunders von Bolsena verantwortlich sein, bei denen rötliche Gewächse an den Hostien auftreten, die als Blutreste gedeutet werden. Das Bakterium entfaltet sich besonders rasch auf mit Wein getränkten Hostien, der früher üblichen Aufbewahrungsweise des Allerheiligsten im Tabernakel. Auch bei gewässerten Hostien (dies ist übliche Art der Vernichtung geweihter Formen, die wegen Verschmutzung oder Beschädigung nicht mehr konsumiert werden können) kommt Pilzbewuchs oft vor. Auch der Schimmelpilz Neurospora crassa kann auf Hostien gedeihen und diese rot verfärben, was den falschen Eindruck eines Blutwunders erweckt.[3]

Durch Pilzbefall nicht zu erklären sind dagegen Wunder, bei denen menschliches Blut oder Körperzellen an den Hostien gefunden werden, die histopathologisch untersucht und näher bestimmt werden können, oder Wucherungen aus solchen Zellen an den Gestalten auftreten (meist als „Herzgewebe“ identifiziert). Ein solches Wunder soll es 2013 auch in Polen gegeben haben.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carl Andersen und Georg Denzler: Wörterbuch der Kirchengeschichte. München 1982.
  • Peter Browe: Die eucharistischen Wunder des Mittelalters In: Breslauer Studien zur historischen Theologie NF 4, Breslau 1938.
  • Alois Döring: Bluthostien. In: Lexikon für Theologie und Kirche Bd. 2 Sp. 539. Freiburg 2006.
  • J. Heuser: „Heilig Blut“ und Brauchtum des deutschen Kulturraumes. Diss. Bonn 1948.
  • Walter Michel: Blut und Blutglaube im Mittelalter. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. VI. Berlin 1980.
  • Olaf B. Rader: Hokuspokus. Bluthostien zwischen Wunderglaube und Budenzauber, Fink, Paderborn 2015, ISBN 978-3-7705-5738-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. L’Evento. Beschreibung auf der Internetseite der Wallfahrtsstätte, abgerufen am 26. Dezember 2016 (italienisch).
  2. Neues Eucharistisches Wunder in Polen. In: CNA Deutsche Ausgabe vom 19. April 2016 (abgerufen am 11. Juli 2016).
  3. US-Bistum: Vermeintliches Blutwunder war nur ein Schimmelpilz. In: kath.net vom 18. Dezember 2015 (abgerufen am 11. Juli 2016).
  4. Elizabeth Scalia: Miracles aren’t ‘making a comeback’ – they never went away. In: Catholic Herald vom 8. Juli 2016 (abgerufen am 11. Juli 2016).