Bulimie

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Klassifikation nach ICD-10
F50.2 Bulimia nervosa
F50.3 atypische Bulimia nervosa
F50.4 Essattacken bei anderen psychischen Störungen
F50.5 Erbrechen bei anderen psychischen Störungen
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Bulimie, auch Ess-Brechsucht (Syn. Bulimarexie oder Bulimia nervosa[1]) oder Ochsen- bzw. Stierhunger genannt, gehört zusammen mit der Magersucht, der Binge-Eating-Disorder und der Esssucht zu den Essstörungen.

Bulimie stammt von altgriech. βουλιμία, boulimía, wörtlich „der Ochsenhunger“, aus βοῦς, „Ochse“ und λιμός, „Hunger“ (über neulateinisch bulimia)[2] und bezeichnet allein streng gesehen lediglich das Symptom des Heißhungers und wird dann auch als Hyperorexie (aus altgriech. ὕπέρ- hypér, „über-“ und ὄρεξις órexis, „Appetit“) bezeichnet.

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Bulimia nervosa sind überwiegend (zu 90–95 %) Frauen betroffen. Bei jungen Frauen in der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter liegt die Prävalenz bei 1–3 %. Berufsgruppen, bei denen geringes Körpergewicht für das Ausüben des Berufs verlangt oder vorteilhaft ist (zum Beispiel Fotomodell, Tänzer, Skispringer), sind für diese Krankheit besonders anfällig.

Merkmale und Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bulimie-Betroffene sind meist normalgewichtig, können aber auch unter- oder übergewichtig sein. Ein typisches Merkmal sind Essanfälle, nach denen sogenannte gegenregulatorische Maßnahmen ergriffen werden, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden: Hierzu zählen selbstinduziertes Erbrechen, Hungern, extreme Diäten, exzessiver Sport, der Missbrauch von Laxantien (Abführmitteln) und Brechmitteln.

Die Essanfälle treten unterschiedlich häufig auf, wobei die Häufigkeit auch im Störungsverlauf variieren kann — zwischen zwei Essanfällen können mehrere Tage liegen, das Essen und anschließendes Erbrechen können auch mehrmals täglich erfolgen. Als Auslöser für Essanfälle gelten insbesondere emotionale Faktoren, psychischer Stress, Unzufriedenheit mit der eigenen Person oder starke Gefühle von Verlassenheit. Später wird Heißhunger über das Energiedefizit, das durch die gegenregulatorischen Maßnahmen wie Hungern und Erbrechen entsteht, mit ausgelöst und weiter verstärkt.

Während der Essanfälle haben die Betroffenen das Gefühl, die Kontrolle über sich selbst und über die Nahrungsmengen, die sie zu sich nehmen, zu verlieren. Die Essanfälle können aber auch geplant stattfinden.

Die Bulimia nervosa beginnt oft in einem wenig höheren Alter als die mit ihr als Gegensatz verknüpfte Anorexia nervosa, etwa mit 17 oder 18 Jahren. In der Vorgeschichte der Betroffenen kann eine Magersucht bestehen. Der Übergang kann zu einem Zeitpunkt stattfinden, wenn, bezogen auf das Gewicht und Essverhalten, eine Remission der Symptome der Magersucht erzielt wurde und die betreffende Person demnach wieder begonnen hat, mehr oder regelmäßiger zu essen. Die Betroffenen leiden meistens unter einer gestörten Selbstwahrnehmung und/oder einer Körperschemastörung (Dysmorphophobie). Die Betroffenen empfinden sich häufig bereits bei Normalgewicht als „zu dick“. Kennzeichnend ist die übergroße Angst vor einer Gewichtszunahme, selbst bei kleineren Gewichtsschwankungen.

Zu den häufigsten psychiatrischen Komorbiditäten und sozialen Problemen zählen:

Ausgeprägte Zahndefekte im Unterkiefer durch Magensäure. Der Oberkiefer wurde bereits durch Zahnkronen restauriert.

Infolge einer Bulimie kann es zu einer Reihe von organischen Schäden kommen. Das erhöhte Magensäureangebot im Mund schädigt bei lang anhaltender Symptomatik die Zähne (v. a. Erosionen des Zahnschmelzes und Verlust der Zahnhartsubstanz) sowie die Speicheldrüsen (Anschwellung, Entzündung, was zu einer Erhöhung des Enzyms Amylase führt). Eine Bulimie kann dann akut lebensgefährlich werden, wenn durch das wiederholte Erbrechen oder den Laxantienmissbrauch eine massive Störung des Elektrolyt-Haushaltes (v. a. Kaliummangel) entsteht, die zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und Nierenschäden führen kann. Weitere gravierende Folgen im Langzeitverlauf sind Pankreatitis und gastrointestinale Störungen (z. B. akute atonische Magenerweiterungen, Magenruptur, Entzündungen oder Ruptur der Speiseröhre). Bei 10-30 % der Betroffenen findet sich trockene Haut (vermutlich in Zusammenhang mit einem gestörten Schilddrüsenhormonhaushalt), und bei ca. 50 % morphologische Veränderungen des Gehirns („Pseudoatrophie“).[3] Das langfristige Risiko, eine Osteoporose zu entwickeln, ist bei Bulimiepatientinnen (im Gegensatz zur Anorexia nervosa) vermutlich nicht erhöht.[4]

Betroffene, die an einer Bulimie leiden, versuchen meist, ihre Krankheit zu verbergen. Oft wird sie erst mehrere Jahre, nachdem sie begonnen hat, erkannt/eingestanden und behandelt. Die Prognose ist von der Dauer der Erkrankung abhängig.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachen der Bulimie ähneln denen der Magersucht. Nicht selten geht der Bulimie eine anorektische Phase voraus oder wechselt sich mit Phasen der Magersucht ab.

Gründe für das Erbrechen sind vor allem die Angst vor einer möglichen Gewichtszunahme sowie Scham über den eigenen Kontrollverlust/das eigene Versagen. Die Nahrungsmenge kann im Magen auch ein unangenehmes Völlegefühl und Schmerzen verursachen, sodass das anschließende Erbrechen erleichternd wirkt.

Definitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriterien des DSM-5 (American Psychiatric Association) für Bulimia Nervosa:

  1. Wiederkehrende Episoden von Essanfällen. Eine Essanfall ist durch die folgenden beiden Merkmale charakterisiert:
    • Verzehr einer großen Nahrungsmenge in einem bestimmten Zeitraum (z.B. 2 Stunden), die erheblich größer ist als die Menge, die die meisten Menschen unter vergleichbaren Bedingungen essen würden
    • Gefühl, während der Episode die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren
  2. Wiederholte Anwendung von unangemessenen kompensatorischen Maßnahmen, um einer Gewichtszunahme entgegenzusteuern (z.B. Fasten, Erbrechen, Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmitteln, exzessive Bewegung)
  3. Essanfälle und unangemessene kompensatorischen Maßnahmen treten im Schnitt mindestens einmal wöchentlich für drei Monate auf.
  4. Die Selbstwahrnehmung ist unangemessen stark durch die Figur und das Gewicht beeinflusst.
  5. Die Störung tritt nicht ausschließlich während Episoden einer Anorexia Nervosa auf (in dem Fall handelt es sich um Anorexia Nervosa: bulimischer Typ).

Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriterien des ICD-10, F 50.2 Bulimia Nervosa:

  1. Andauernde Beschäftigung mit Essen, unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln.
  2. Essattacken, bei denen in kurzer Zeit sehr große Mengen an Nahrung konsumiert werden.
  3. Versuch, dem dickmachenden Effekt von Nahrungsmitteln durch verschiedene ausgleichende Verhaltensweisen entgegenzusteuern: selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Einnahme von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika. Bei Diabetikerinnen kann es zur Vernachlässigung der Insulinbehandlung kommen.
  4. Krankhafte Furcht, dick zu werden, und eine scharf definierte Gewichtsgrenze, die, weit unter dem prämorbiden Zustand, medizinisch als "gesund" betrachtet wird.
  5. Häufige Vorgeschichte einer Episode mit Anorexia nervosa mit einem Intervall von einigen Monaten bis mehreren Jahren. Diese Episode kann voll ausgeprägt gewesen sein oder eine verdeckte Form mit mäßigem Gewichtsverlust und/oder einer vorübergehenden Amenorrhoe.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Zielen einer Psychotherapie der Bulimie zählen unter anderem die Normalisierung des Essverhaltens, der Abbau von gegensteuernden Maßnahmen wie etwa das Erbrechen, eine Normalisierung der Einstellung zu den Lebensmitteln, um diese nicht weiter nur in Hinblick auf ihren Kaloriengehalt zu werten, und verzerrte Überzeugungen hinsichtlich ihrer "dick machenden" Wirkung zu prüfen, die Verbesserung der persönlichen Einstellung zur eigenen Person und zum eigenen Körper, der Aufbau eines stabilen, von äußeren Faktoren weitgehend unabhängigen Selbstwertgefühls und der (Wieder-)Aufbau sozialer Kontakte. Die Prognose hängt von verschiedenen Faktoren ab, zu denen unter anderem auch die Krankheitsdauer bis zum Beginn einer Psychotherapie und weitere psychische Erkrankungen (Komorbidität) gehören. Studien weisen darauf hin, dass sich die Therapie der Bulimie durch bestimmte Antidepressiva unterstützen lässt. Eine isolierte Behandlung mit Antidepressiva führt jedoch selten zu mehr als einer Reduktion der vordergründigen Symptome, Heißhunger und negativer Stimmung, und ändert nichts an den zugrunde liegenden Ursachen, die zur Entstehung der psychischen Störung beigetragen haben. Des Weiteren ist der Langzeitverlauf nach Absetzen der Medikamente sehr ungünstig, da die Gefahr eines Rückfalls oder der Manifestation anderer psychischer Symptome besteht.

Einordnung der Bulimie im Feld der Essstörungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gruppe der Essstörungen umfasst die Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie und Esssucht (Binge Eating), die mit Übergewicht (Adipositas) einhergehen kann. Die Grenzen zwischen den Störungen sind fließend. Nicht selten geht eine Erkrankungsform aus dieser Gruppe in eine andere über. Die psychische Hintergrundproblematik, die zu einer Essstörung führt, unterscheidet unter den einzelnen Störungsbildern nicht wesentlich. Allen Essstörungen gemeinsam sind ein geringes Selbstwertgefühl, Unsicherheit im Selbstbild und in der Selbstwahrnehmung und eine hieraus resultierende erhöhte Anpassung an die Vorstellung und Wünsche anderer. Diese Merkmale bestehen vor der Erkrankung und verschlechtern sich oftmals in deren Verlauf. Bei essgestörten Menschen besteht eine deutlich größere Orientierung auf die Figur, wenngleich dies nicht allein als Auslöser einer Essstörung gilt. Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist eine aus unterschiedlichen Gründen schwierige bis gestörte familiäre Interaktion, die weit vor der Manifestation der Störung besteht. Die Kenntnis der Hintergrundprobleme verdeutlicht, dass es sich um psychische und nicht um organisch ausgelöste Erkrankungen handelt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reinhold G. Laessle, Harald Wurmser, Karl M. Pirke: Essstörungen. In: J. Margraf: Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 2, 2. Auflage. Springer, Berlin 2000, ISBN 3-540-66440-8.
  • Manfred M. Fichter: Magersucht und Bulimie. Mut für Betroffene, Angehörige und Freunde. Karger, Basel u. a. 2008, ISBN 978-3-8055-8208-7.
  • Peggy Claude-Pierre: Der Weg zurück ins Leben. Magersucht und Bulimie verstehen und heilen. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Herbst. 4. Auflage. Fischer, Frankfurt 2006, ISBN 3-596-14922-3.
  • C. Keppler: Wenn Nahrung und Körper die Mutter ersetzen: wegweisend, ohne zu zerreden... Patmos, 2002.
  • T. Legenbauer, S. Vocks: Wer schön sein will, muss leiden? Wege aus dem Schönheitswahn- ein Ratgeber. Hogrefe, 2005.
  • Peter J. Cooper: Bulimia nervosa and Binge-Eating. London 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Bulimie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gesundheitsdirektion des Kantons Zug: Essstörungen. (online); zuletzt eingesehen am 14. April 2009.
  2. dictionary.reference.com
  3. Laessle u. a., 2000.
  4. Christina Siebrecht: Osteoporose bei Patientinnen mit Anorexia und Bulimia nervosa: Eine Längsschnittstudie. (pdf)
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