Ibn-Rushd-Goethe-Moschee

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Die Moschee befindet sich in einem Nebengebäude der Johanniskirche Berlin-Moabit

Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist eine liberale Moschee in Berlin. Sie wurde am 16. Juni 2017 eröffnet. Ihre Gründung geht maßgeblich auf die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş zurück. Weitere Gründer sind unter anderem der Arzt und Schriftsteller Mimoun Azizi, die Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli, die Politologin Elham Manea und der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Die Moschee besitzt kein eigenes Gebäude, sondern benutzt zur Zeit einen Raum in einem Nebengebäude der evangelischen Kirche St. Johannis in Berlin-Moabit.

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Zeitartikel begründete Seyran Ates die Moscheengründung wie folgt: „Am Freitag, dem 16. Juni, eröffnen wir in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, weil wir den Islam von innen heraus reformieren wollen [...] Die neue Moschee in Berlin soll eine spirituelle Heimat sein vor allem für jene Frauen und Männer, die sich in traditionellen Moscheen nicht wohlfühlen und die sich nicht mehr vorschreiben lassen wollen, wie sie ihre Religion zu leben haben. Toleranz, Gewaltfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit sollen im Vordergrund stehen.“[1]

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Benennung der Moschee erfolgte nach dem andalusischen Arzt und Philosophen Averroës (arab. Ibn Ruschd, 1126–1198), der im Mittelalter für seine Kommentare zum Werk von Aristoteles bekannt war, sowie nach dem deutschen Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), in Würdigung seiner Auseinandersetzung mit dem Islam, z. B. im West-Östlichen Divan.[2]

Theologische Ausrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Moschee soll ein liberaler Islam praktiziert werden. So sollen Frauen und Männer gemeinsam beten, auch die Predigt soll von Frauen gesprochen werden können. Homosexuelle Männer und Frauen seien ausdrücklich willkommen. Ferner soll die Moschee verschiedenen islamischen Konfessionen offen stehen, darunter Sunniten, Schiiten, Aleviten und Sufis.[3]

Finanzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Moschee hat die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH. Sie soll sich in Zukunft über Spenden finanzieren.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Moschee wurde am 16. Juni 2017 eröffnet.[5] Die Moschee besitzt kein eigenes Gebäude, sondern benutzt zur Zeit einen Raum in einem Nebengebäude der evangelischen Kirche St. Johannis in Berlin-Moabit.[4]

Gründungsmitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihre Gründung geht maßgeblich auf die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş zurück. Weitere Gründer sind unter anderem der Arzt und Schriftsteller Mimoun Azizi, die Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli, die Politologin Elham Manea und der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi.[4]

Rücktritt von Mimoun Azizi[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gründungsmitglied Mimoun Azizi erklärte am 17. Juni 2017 über Facebook – einen Tag nach Eröffnung der Moschee –, er wolle sich „aus persönlichen Gründen“ aus dem politischen Diskurs zurückziehen. Am 21. Juni 2017 gab er ebenfalls über Facebook bekannt, er habe sich in den letzten Jahren nur als Tarnung unter die „selbsterklärten Reformmuslime“ gemischt, um eine politikwissenschaftliche Untersuchung über „Islamkritik, Islamhass und Islamophobie“ durchzuführen, die er für eine „neue faschistische Ideologie“ halte.[6] Eine Sprecherin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee erklärte, sie habe seit den Erklärungen keinen Kontakt mehr zu Azizi. Kurz vor der Eröffnung der Moschee habe er Seyran Ateş telefonisch seinen Rückzug mitgeteilt und sei auch nicht bei den Eröffnungsfeierlichkeiten anwesend gewesen. Da Azizi und seine Familie in der Vergangenheit schon mehrfach von islamischen Fundamentalisten bedroht worden waren, gab es Spekulationen, dass dieser Widerruf unter Zwang erfolgte und nicht Ausdruck einer „False-Flag“-Operation Azizis war.[7]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eröffnung der Moschee rief ein großes nationales und internationales Medienecho hervor.[5] Neben vielen positiven Stimmen kam aber auch Kritik aus den Reihen konservativer Muslime.[8][9] Ein Bericht im arabischen Fernseh-Programm der Deutschen Welle führte zu überwiegend negativen Kommentaren im Internet, es kam sogar zu einer Morddrohung.[10]

Der Vorsitzende der Gülen-nahen Stiftung Dialog und Bildung, Ercan Karakoyun, erhielt Morddrohungen, nachdem er fälschlicherweise in einem türkischen TV-Sender mit der Moschee in Verbindung gebracht worden war.[11]

Die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet brachte die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee mit der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen in Verbindung. Sie teilte mit: „Es ist offensichtlich, dass das ein Projekt des Religionsumbaus ist, das seit Jahren unter der Federführung von FETÖ[12] und ähnlichen unheilvollen Organisationen durchgeführt wird.“ Dabei handele es sich laut Diyanet um Bemühungen, die Religion „zu untergraben und zu zerstören“. Gläubige sollten sich von der liberalen Auslegung des Islam nicht provozieren lassen.[11][13] Seyran Ateş wies jede Verbindung zwischen der Moschee und der Gülen-Bewegung zurück.[11]

Das Ägyptische Fatwa-Amt kritisierte die Moschee und schrieb auf Facebook „Nein zu liberalen Moscheen“. Frauen könnten nicht in einer Reihe neben Männern beten, und es sei ihnen nicht erlaubt, ohne Schleier zu beten. Auch einen weiblichen Imam lehnt die Behörde ab, sollten Männer anwesend sein.[13]

Auch der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) kritisierte die Moschee: „Wenn mit einem liberalen Islam die mögliche Verdrängung der göttlichen Gebote gemeint sei (…) und die ‚Verunglimpfung‘, ‚Schmähung‘ und ‚Beleidigung‘ religiöser Traditionen (…) dann sei unsere Gesellschaft vor eine große und schwere Prüfung gestellt.“ Man folgerte dass dies keine Moschee sei.[14]

Die Moscheegründer beklagen aufgrund der eingegangenen Drohungen die massive Gefährdung von liberalen Muslimen, wenn diese an die Öffentlichkeit treten. Sie erbitten Akzeptanz, Respekt und Toleranz für ihre moderne, geschlechtergerechte Lesart des Koran.[15] Ateş selbst erhielt viele, nach Gefährdungsanalyse des Landeskriminalamtes ernstzunehmende Morddrohungen und steht seitdem unter Polizeischutz.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Seyran Ateş: Islam: Grüß Gott, Frau Imamin! In: Die Zeit. 17. Juni 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. August 2017]).
  2. Matthias Drobinski: Ein Gebetshaus namens Goethe. In: sueddeutsche.de. 16. Juni 2017, abgerufen am 20. Juni 2017.
  3. Sabine Kinkartz: Ibn-Rushd-Goethe: Eine Moschee für alle. In: dw.com. 16. Juni 2017, abgerufen am 19. Juni 2017.
  4. a b c Frauke Oppenberg: „Ich will in der Moschee Mensch sein“. In: rbb-online.de. Rundfunk Berlin-Brandenburg, 16. Juni 2017, abgerufen am 20. Juni 2017.
  5. a b Uta Keseling: In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beten alle gemeinsam. In: morgenpost.de. 17. Juni 2017, abgerufen am 19. Juni 2017.
  6. Thomas Spahn: Verrat? Und wenn, an wem? – Rätselraten um Mimoun Azizi: False-Flag-Operation, Widerruf oder Zwang? In: Tichys Einblick. 22. Juni 2017, abgerufen am 26. Juni 2017.
  7. Jean Philipp Baeck: Brisante Erklärung von liberalem Moslem – Was ist passiert, Herr Dr. Azizi? In: taz.de. 25. Juni 2017, abgerufen am 26. Juni 2017.
  8. Kemal Hür: Liberaler Islam – „Ein geniales Projekt“. In: deutschlandfunk.de. 19. Juni 2017, abgerufen am 19. Juni 2017.
  9. Sebastian Leber: Berliner Moschee für liberale Muslime – „Der Islam gehört nicht den Fanatikern“. In: tagesspiegel.de. 16. Juni 207, abgerufen am 19. Juni 2017.
  10. Ibn Rushd-Goethe-Moschee: Morddrohungen wegen liberaler Moschee in Berlin. In: Berliner-Kurier.de. 19. Juni 2017, abgerufen am 19. Juni 2017.
  11. a b c Jürgen Stryjak u. a.: Diyanet wettert gegen neue Berliner Moschee. In: tagesschau.de. 21. Juni 2017, abgerufen am 21. Juni 2017.
  12. Von türkischen staatlichen Stellen verwendete Bezeichnung für die Gülen-Bewegung
  13. a b Diyanet bringt neue Berliner Moschee mit Gülen in Verbindung. In: welt.de. 21. Juni 2017, abgerufen am 21. Juni 2017.
  14. IGS: Pressemitteilung der IGS zur „Ehe für alle“. Abgerufen am 23. Juli 2017 (de-de).
  15. Andrea Schwyzer: Seyran Ateş: „Die Reaktionen überraschen mich“. In: ndr.de. 21. Juni 2017, abgerufen am 21. Juni 2017.
  16. Andrea Schwyzer: 100 Morddrohungen gegen liberale Moschee-Gründerin. In: welt.de. 1. Juli 2017, abgerufen am 2. Juli 2017.

Koordinaten: 52° 31′ 29,4″ N, 13° 20′ 57″ O