Ibrahim Abou-Nagie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ibrahim Abou-Nagie (arabisch إبراهيم أبو ناجي Ibrahim Abu Nadschi, DMG Ibrāhīm Abū Nāǧī;[1] * 1964 im Flüchtlingslager Nuseirat bei Gaza)[2] ist ein salafistischer deutscher Prediger palästinensischer Herkunft.[2][3]

Abou-Nagie besitzt keine akademische Ausbildung in islamischer Theologie,[4] gilt aber als eine der führenden Personen des deutschen Salafismus, der am schnellsten wachsenden radikalen und neofundamentalistischen Strömung innerhalb des Islam. In seinen im Internet verbreiteten Videos predigt er eine äußerst repressive Auslegung des Koran. Er unterscheidet dabei nur Muslime und die „Kuffar“ (Kāfir, die sogenannten Ungläubigen),[3] gegen die Gewaltanwendung „legitim sei“, zitierte die Kölner Staatsanwaltschaft.[5]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach eigenen Angaben kam Abou-Nagie 1982 mit 18 Jahren aus dem Gazastreifen nach Deutschland, um hier Elektrotechnik zu studieren, hat aber das Studium nicht abgeschlossen.[6][7] Am 15. Dezember 1994 wurde Abou-Nagie deutscher Staatsbürger.[2] Bis zu einer nachträglichen Steuerforderung von 70.000 Euro im Jahr 2007 betrieb er ein Geschäft für selbstklebende Folien. Nach seinem wirtschaftlichen Misserfolg, der im Insolvenzverfahren endete,[8][9] widmete Abou-Nagie sich ganz der islamischen Missionierung und bezog Hartz-IV-Leistungen.[10][11] Zum 1. Juni 2012 haben die Behörden Abou-Nagie die Arbeitslosengeld-II-Leistungen gestrichen, da er offenbar nicht angegebene Einnahmen habe und somit nicht bedürftig sei. Der Vater eines erwachsenen Sohnes und zweier Töchter wohnt mit seiner Familie in Köln-Esch.[12][13]

Die wahre Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammen mit dem salafistischen Prediger-Konvertiten Pierre Vogel versucht Abou-Nagie gezielt, Kinder und Jugendliche zum salafistischen Islam zu bekehren. Auf Open-Air-Veranstaltungen wurden immer wieder Jugendliche zur Konversion zum Islam bewegt.[14] Abou-Nagie hält auf Deutsch Koranunterricht für Kinder und Jugendliche in verschiedenen Moscheen in Deutschland.

Abou-Nagies deutschsprachiges Internetportal Die wahre Religion wurde 2005 gestartet. Zeitweise war es offline,[3] dann aber bis zum Vereinsverbot im November 2016 wieder zugänglich.

Bei seinen regelmäßig stattfindenden Vorträgen und Seminaren vermitteln Abou-Nagie und seine vor allem im Raum Bonn-Köln beheimateten Anhänger laut NRW-Verfassungsschutzbericht „die ganze Bandbreite salafistischer Ideologie“. Die Inhalte reichten dabei von religiösen Handlungsanweisungen und Glaubensauslegungen bis hin zur Verherrlichung des Märtyrertods im Dschihad[3][15] und die Befürwortung der Todesstrafe für Homosexuelle.[16] In seinen Reden warnt er seine Anhänger vor dem „lasterhaften“ westlichen Leben: „Sie wollen uns zu Kuffar machen, weil sie die Befehle des Satans praktizieren“. Die salafistische Interpretation der Scharia müsse über allen Gesetzen stehen.[17]

Am 15. November 2016 wurde der Verein Die wahre Religion alias Stiftung Lies vom Bundesministerium des Innern nach dem Vereinsgesetz verboten,[18][19] da der Verein sich „gegen die verfassungsmäßige Ordnung sowie gegen den Gedanken der Völkerverständigung“ richte.[20] Die wahre Religion nutzte die Infostände um Interessierte zu radikalisieren und für die Terrororganisation Islamischer Staat (Organisation) (IS) zu werben. Von 140 Menschen ist bekannt, dass sie nach Teilnahme an Lies!-Aktionen nach Syrien oder in den Irak reisten um sich dem IS anzuschließen.[17]

Ermittlungen und Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kölner Staatsanwaltschaft klagte Abou-Nagie im Sommer 2011 an.[3][21][22] Sie warf ihm vor, der Kopf eines salafistischen Netzwerks um die Internetplattform Die Wahre Religion zu sein, auf deren Seite öffentlich zu Straftaten sowie zur Störung des religiösen Friedens aufgerufen würde. Laut Oberstaatsanwalt Rainer Wolf gab Abou-Nagie „Empfehlungen“, die Gewalt legitimierten und bis hin zur Vernichtung Andersgläubiger reichten.[3] Im April 2012 wurde das Verfahren mangels hinreichender Beweise eingestellt.[21][22][23]

Im Juni 2012 leitete Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich Ermittlungen mit dem Ziel eines Verbotes gegen Die Wahre Religion ein, die gleichzeitige Hausdurchsuchungen in sieben Bundesländern einschlossen, während er das salafistische Netzwerk Millatu Ibrahim gemäß dem Vereinsgesetz auflöste.[24][25][26] Die mit den beiden Organisationen kooperierende Frankfurter Salafistengruppe DawaFFM, gegen die parallel ebenfalls Ermittlungen eingeleitet wurden, wurde im März 2013 gemeinsam mit kleineren Gruppen verboten.[27][28]

Nachdem Abou-Nagie im Juli 2012 der Anstiftung zum Mord an einem Islamkritiker beschuldigt worden war,[29] nahm die Staatsanwaltschaft Darmstadt Ermittlungen auf, die sie jedoch im folgenden November einstellte, da sich die Anschuldigungen nicht erhärten ließen.[30]

Am 22. Oktober 2013 erhob die Staatsanwaltschaft Köln Anklage gegen Ibrahim Abou-Nagie wegen Sozialhilfebetrugs.[31] Am 11. Februar 2016 wurde er vom Amtsgericht Köln wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von dreizehn Monaten verurteilt, da er nach Ansicht des Gerichts Sozialleistungen in Höhe von 53.000 Euro unrechtmäßig bezogen habe.[32]

Koranverteilungskampagne Lies![Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Herbst 2011 begann Die wahre Religion im Rahmen der Kampagne Lies! mit großflächigem Verschenken von Koranübersetzungen in den Fußgängerzonen deutscher Großstädte.[33][34][35] Mit 25 Millionen Exemplaren soll das Ziel, ein Koran pro Haushalt, erreicht werden.[36] Die Kampagne war auf massive Kritik aus der Politik gestoßen.[37][38][39] Der damalige niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) verurteilte die Aktion als „missbräuchliche extremistische Instrumentalisierung des Islams“.[40] Kritik erfährt das Projekt auch von der Gruppe 12thMemoRise. Sie wirft den Initiatoren vor, Kämpfer für die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation Islamischer Staat zu werben.[41]

Bewertung durch liberale Muslime[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Publizistin Lamya Kaddor, erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, lehnt die Positionen und die Missionierungsversuche Abou-Nagies ab. Kaddor fühlt sich durch die salafistischen Missionierungsaktionen in ihrer Arbeit „um mindestens 20 Schritte zurückgeworfen“ und kritisierte, dass sich die öffentliche Diskussion wegen der Aktionen vor allem darum drehe, ob „Muslime generell rückständig und gewaltbereit sind.“[42] Abou-Nagie gehöre zu der relativ aggressiven und sehr offensiven Strömung innerhalb der Salafisten. An dem Verteilen des Koran an sich sei nichts auszusetzen, allerdings seien die Methoden und die Masse von 25 Millionen für jeden deutschen Haushalt befremdlich, auch, dass Korane auf Holzpaletten aufgestapelt und wie Flyer unter die Menge gemischt werden. Sie wertet die Aktion der Salafisten als eine PR-Strategie, um sich als Opfer zu stilisieren und andere Muslime zu vereinnahmen.[43]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. إبراهيم أبو ناجي.. إسلامي يقلق الألمان (Ibrahim Abu Nagie .. ein Islamist beunruhigt die Deutschen). In: aljazeera.net. 20. Juni 2012, abgerufen am 15. November 2016 (arabisch).
  2. a b c Florian Flade: Ibrahim Abou-Nagie – Der Mann, der Deutschland vor der Hölle retten will. In: Die Welt, 14. April 2012, abgerufen am 15. November 2016.
  3. a b c d e f Anklage gegen Hassprediger: „Das sind Allahs Gesetze“. In: Die Tageszeitung, 12. September 2011.
  4. „LIES!“ – Das Koran-Projekt in Deutschland.@1@2Vorlage:Toter Link/www.verfassungsschutz-bw.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, Islamismus 6/2012.
  5. Salafisten: Einen Koran in jeden Haushalt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 3. April 2012, abgerufen am 3. April 2012.
  6. Interview von Abou-Nagie bei aljazeera.net, 20. Juni 2012
  7. Extremistischer Islam-Prediger: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Salafisten RP ONLINE, 22. April 2011
  8. Abou-Nagie: Hassprediger meldete Insolvenz an EXPRESS, 25. April 2012
  9. Verdacht auf Sozialbetrug Endlich! Staatsanwalt jagt Kölner Hassprediger, Bild, 26. April 2012
  10. Salafisten-Aktion – Koran-Verteilung in Stuttgart Stuttgarter Nachrichten, 14. April 2012
  11. Kölner Ibrahim Abou Nagie: Salafisten-Prediger bekommt Hartz IV RP ONLINE, 23. April 2012
  12. Islamismus: Razzia bei Kölner Salafisten Kölner Stadt-Anzeiger 14. Juni 2012
  13. Ibrahim Abou Nagie – Um 6 Uhr klingelten die Fahnder beim Kölner Salafisten-Prediger Kölner Express 14. Juni 2012
  14. Wie Salafisten Kinder und Jugendliche beeinflussen, Report Mainz, SWR, 9. Mai 2011; Nachgefragt:Radikale Prediger als Religionslehrer – Wie Salafisten Kinder und Jugendliche beeinflussen, Report Mainz, SWR, 29. November 2011
  15. Verfassungsschutzbericht NRW 2010. S. 219.
  16. Wolf Schmidt: Salafisten-Gruppen in Deutschland: Die Radikalen unter den Radikalen. In: Die Tageszeitung. (taz.de [abgerufen am 25. August 2016]).
  17. a b Die Zeit, Fanatiker in Deutschlands Fußgängerzonen, 15.11.2016
  18. Bekanntmachung eines Vereinsverbots gegen die Vereinigung „Die wahre Religion“ (DWR) alias „LIES! Stiftung“/„Stiftung LIES“ vom 25. Oktober 2016 (BAnz AT 15.11.2016 B1)
  19. Bundesweite Razzia: Innenminister verbietet Salafisten-Verein. In: Spiegel Online. Abgerufen am 15. November 2016.
  20. Pressemitteilung zum Vereinsverbot der Vereinigung „Die wahre Religion (DWR)“ alias „Stiftung LIES“. Bundesministerium des Innern, 15. November 2016, abgerufen am 15. November 2016.
  21. a b Peinliche Justiz-Posse um den Salafisten Abou-Nagie: Klage gegen Hass-Prediger muss eingestellt werden. In: Focus, 16. April 2012.
  22. a b Staatsanwaltschaft Köln hört Stimmen – und schaltet das BKA ein von Holger Schmidt, SWR, 16. April 2012.
  23. Initiator der Koran-Aktion: Schlappe für Staatsschutz bei Ermittlungen gegen Salafisten-Prediger. In: Focus Online, 14. April 2012.
  24. Salafisten: Razzia und Vereinsverbot. (Memento des Originals vom 7. Februar 2017 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bmi.bund.de Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums vom 14. Juni 2012, abgerufen am 4. Dezember 2013.
  25. Reimann, Anna: Islamismus in Deutschland: Innenminister Friedrich verbietet Salafistenverein. In: Spiegel Online, 14. Juni 2012. Abgerufen am 14. Juni 2012.
  26. Islamismus: Polizei startet Großrazzia gegen Salafisten. In: Spiegel Online, 14. Juni 2012. Abgerufen am 15. Juni 2012.
  27. Bundesinnenminister geht konsequent gegen salafistische Strukturen in Deutschland vor. Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums vom 13. März 2013, abgerufen am 4. Dezember 2013.
  28. Bekanntmachung des Bundesministeriums des Innern vom 15. Mai 2014 über die Unanfechtbarkeit des Vereinsverbots gegen DawaFFM einschließlich seiner Teilorganisation Internationaler Jugendverein – Dar al Schabab e. V . (BAnz AT 22.05.2014 B1)
  29. Hinweise auf Mordpläne von Salafisten in Darmstadt. In: Echo vom 18. Juli 2012, abgerufen am 4. Dezember 2013.
  30. Ermittlungen eingestellt. In: Echo, 16. November 2012 (teilweise online).
  31. Hassprediger soll im großen Stil abgezockt haben Focus Online, 24. November 2013
  32. Hartz IV erschlichen: Hassprediger zu Bewährungsstrafe verurteilt. In: Spiegel Online, 11. Februar 2016.
  33. Salafisten: Verfassungsschutz kritisiert Koran-Verteilung. In: Frankfurter Rundschau, 13. April 2012.
  34. Der Koran aus Ulm. In: Südwest Presse, 13. April 2012.
  35. Ibrahim Abou-Nagie: Mittelalterliche Missionare. In: Frankfurter Rundschau, 14. April 2012.
  36. Islamistisches Projekt – Ein Koran in jedem deutschen Haushalt. In: Die Welt, 8. April 2012.
  37. Wut über Korane in deutschen Fußgängerzonen. In: Die Welt, 11. April 2012, abgerufen am 13. Juni 2012.
  38. Salafisten missbrauchen den Koran als Waffe. In; Die Welt, 14. April 2012, abgerufen am 13. Juni 2012.
  39. Druckerei produziert wieder Korane für Salafisten. In: Die Welt, 13. Juni 2012, abgerufen am 13. Juni 2012.
  40. Niedersachsen fordert „Pakt gegen den Salafismus“. In: Die Welt, 17. April 2012, abgerufen am 13. Juni 2012.
  41. Jan Jessen: Muslimen-Gruppe "12thMemoRise" demonstriert gegen Salafisten. In: derwesten.de. 4. August 2015, abgerufen am 15. November 2016.
  42. Salafismus: Die ziehen meine Religion in den Dreck Zeit Online, 15. Juni 2012. Abgerufen am 30. August 2012
  43. Die Koran-Aktion - Viel Lärm um nichts? (Memento des Originals vom 21. April 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.phoenix.de Phoenix Runde vom 17. April 2012, 22.15 - 23.00 Uhr mit Pınar Atalay, Lamya Kaddor (Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes), Prof. Thomas Bauer(Video siehe ab 4:25 und 11:50)