Ibrahim Böhme

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Ibrahim Böhme beim Parteitag der DDR-SPD in Leipzig, Februar 1990

Ibrahim Böhme (* 18. November 1944 in Bad Dürrenberg als Manfred Otto Böhme;22. November 1999 in Neustrelitz) war ein deutscher Politiker (SDP bzw. SPD).[1] Er wurde im Februar 1990 zum Vorsitzenden der SPD in der DDR gewählt und trat zum 1. April 1990 zurück, nachdem er als inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit enttarnt worden war.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Böhme hat zu Lebzeiten zahlreiche unzutreffende und halbwahre Angaben zu seiner Biographie gemacht, die zum Teil ungeprüft von den Medien übernommen wurden. Das meiste davon wurde widerlegt. Beispielsweise war seine angebliche jüdische Herkunft eine von ihm verbreitete Legende.[3][4][5] Als weitestgehend gesichert wird angenommen, dass er als Waisenkind in verschiedenen Heimen und bei den Pflegeeltern Kurt und Hilde Böhme aufwuchs. Den Vornamen Ibrahim gab er sich im Laufe seiner IM-Tätigkeit selbst.[6][7]

Ausbildung und Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Böhme war Sohn eines Kommunisten und Industriemaurers in den Leunawerken. Nachdem seine Mutter gestorben war, wurde er einige Jahre in Heimen und bei Pflegeeltern untergebracht.[8] Er absolvierte eine Berufsausbildung als Maurer in den Leunawerken. Ab 1966 bis 1969 war er Hausleiter eines Jugendklubs der FDJ in Greiz. Nach einer Parteistrafe wegen „seiner Haltung“ zur Niederschlagung des Prager Frühlings wurde er zur Bewährung in die Produktion versetzt und arbeitete ab 1969 zuerst als Postangestellter und kurze Zeit später als Leiter für Kader und Bildung beim Hauptpostamt Greiz.[9] 1971 wurde er zum Kreissekretär des Kulturbundes im Kreis Greiz ernannt, was er bis 1977 blieb. Er war für die Stasi als Spitzel im „Greizer Kreis“ um die Schriftsteller Reiner Kunze und Jürgen Fuchs tätig.[8] Außerdem bespitzelte er den Schriftsteller Günter Ullmann.[10]

Nach einem Fachschulfernstudium erwarb er 1972 einen Abschluss als Bibliothekar. Er wurde aus der Partei ausgeschlossen und mehrere Monate inhaftiert.[8] Von 1978 bis 1982 arbeitete er als Dramaturg am Theater Neustrelitz, nach seiner Kündigung war er ebenfalls in Neustrelitz Bibliotheksangestellter. Dort war er parallel als Stasi-IM in der Kulturszene tätig.[8] Nach seinem Umzug nach Ost-Berlin im Jahre 1985 arbeitete er zunächst als Kulturhausleiter, danach in verschiedenen Teilzeitjobs.

Oskar Lafontaine (links) und Ibrahim Böhme (Mitte), Februar 1990
Stimmzettel zur Volkskammer 1990 in Berlin, Liste 20

Partei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Böhme war von 1962 bis 1978 Mitglied der SED.

Am 7. Oktober 1989 gehörte Böhme in Schwante zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP), zu deren Geschäftsführer er sogleich gewählt wurde. Am 23. Februar 1990 wurde er dann zum Vorsitzenden der mittlerweile in SPD umbenannten Partei gewählt. Böhme sah sich im Falle eines Wahlsieges der SPD bereits als künftiger Ministerpräsident der DDR, führte am 2. März 1990 ein politisches Sondierungsgespräch mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse.[11]

Aufdeckung der Stasi-Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 1990 tauchten Akten des Ministeriums für Staatssicherheit auf, die auf eine Zuordnung Böhmes zum Inoffiziellen Mitarbeiter „Maximilian“ hinwiesen. Tatsächlich wurde Böhme seit 1969 vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) beziehungsweise „Inoffizieller Mitarbeiter der Abwehr mit Feindverbindung bzw. zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen“ (IMB) unter mehreren Decknamen geführt.[12][13] Unter dem Decknamen IM „Maximilian“ hatte er ab 1985 gezielt oppositionelle Kreise in Ost-Berlin infiltriert. Böhme war als Fraktionsvorsitzender der SPD in der Volkskammer vorgesehen.[8] Nach der Aufdeckung der inoffiziellen Stasi-Tätigkeit durch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel am 26. März 1990 ließ Böhme alle Ämter und sein Volkskammermandat ruhen[14] und trat am 1. April 1990 zurück.[1] Schon wenige Wochen später erlebte er nach Unschuldsbeteuerungen ein politisches Comeback und wurde im Juli 1990 von Oberbürgermeister Tino Schwierzina zum Polizeibeauftragten des Magistrats von (Ost-)Berlin ernannt. Auf dem Vereinigungsparteitag der Ost- und West-SPD am 26. und 27. September 1990 in Berlin wurde Böhme in den neuen Vorstand gewählt.

Der Autor Reiner Kunze, der in Greiz jahrelang von der Staatssicherheit observiert worden war, bezeichnete Böhme aufgrund seiner eigenen Stasi-Akte als denjenigen, der als IM „Paul Bonkarz“[15] seine Familie und ihn ausgeforscht und verraten habe. Nach Veröffentlichung der Dokumentation Deckname Lyrik von Reiner Kunze im Dezember 1990, in der Kunze Teile aus den Spitzel-Berichten Böhmes in seinen Stasi-Akten zitierte, war Böhmes politische Karriere beendet.[10] 1992 wurde er wegen „schweren parteischädigenden Verhaltens“ aus der SPD ausgeschlossen.[1]

Nach dem Rückzug aus der Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem erzwungenen Rückzug aus der Politik lebte Böhme die letzten Jahre zurückgezogen im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Er erlitt mehrere Schlaganfälle. Die Spitzeltätigkeit für die Staatssicherheit hat er bis zu seinem Tode geleugnet.

Sein Nachlass befindet sich im Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ibrahim Böhme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Christiane Baumann: Böhme, Ibrahim. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  2. Er wollte Gott sein. In: Zeit Online, 21. März 2015.
  3. Christiane Baumann: Manfred „Ibrahim“ Böhme. Ein rekonstruierter Lebenslauf. Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft. Berlin 2009, ISBN 978-3-938857-08-3.
  4. Elke Kimmel: Obskures politisches Lügengerüst. Buchrezension im Deutschlandfunk, 8. März 2010
  5. Karsten Schaarschmidt: Der Mythos und das Böse in Greiz Buchrezension in der Ostthüringer Zeitung, 27. Februar 2010
  6. Hans-Joachim Noack: Wir sind doch alle irgendwie beschädigt. In: Der Spiegel. Nr. 40, 1999 (online).
  7. Tina Krone: Findbuch zum Bestand Nachlass Manfred "Ibrahim" Böhme. Robert-Havemann-Gesellschaft. Überarbeitete Auflage 2015
  8. a b c d e Porträt des TagesIbrahim Böhme: Spitzel und Bürgerrechtler, mdr.de, 5. Juli 2016
  9. Harald Seidel: Jazz, Böhme und die „wunderbaren Jahre in Greiz“. In: Greizer Heimatkalender 1997. Seite 164.
  10. a b Stasi: Er wollte Gott sein, zeit.de, 21. März 2015
  11. Detlef Nakath, Gerd-Rüdiger Stephan: Countdown zur deutschen Einheit. Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen 1987–1990. Dietz, Berlin 1996, ISBN 3-320-01930-9, S. 313 ff.
  12. Sonja Süß: Politisch mißbraucht?: Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. 2. Auflage. Christoph Links Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-86153-173-9, S. 272 (Google Books).
  13. Michael Jürgs: Wie geht’s, Deutschland?: Populisten. Profiteure. Patrioten. Eine Bilanz der Einheit. (Google Books).
  14. die tageszeitung, 27. März 1990
  15. Vgl. Udo Scheer: Horizont um den Hals – Der Greizer Lyriker Günter Ullmann. In: Horch und Guck 3/2009, S. 51f.
  16. Eintrag in Cinema