Ignaz Seipel

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Ignaz Seipel

Ignaz Seipel (* 19. Juli 1876 in Wien; † 2. August 1932 in Pernitz) war ein österreichischer Prälat, katholischer Theologe und Politiker der Christlichsozialen Partei. Von 1921 bis 1930 war Seipel deren Parteiobmann und amtierte zweimal als Bundeskanzler (1922–1924 und 1926–1929). In Seipels Amtszeiten fielen einerseits die Sanierung der Staatsfinanzen und die Bundesverfassungsnovelle 1929, andererseits bekämpfte er besonders in seiner zweiten Amtszeit die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie den Austromarxismus und unterstützte die Militarisierung von paramilitärischen Milizen wie der Heimwehr.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ignaz Seipel 1929 in Bingen am Rhein

Akademiker und Priester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ignaz Seipel maturierte 1895 am k.k. Staatsgymnasium im XII. Bezirke von Wien in Meidling (dem heutigen BGRG Wien XII Rosasgasse), danach studierte er Katholische Theologie an der Universität Wien und wurde am 23. Juli 1899 zum Priester geweiht. 1903 promovierte er zum Dr. theol. Er war Mitglied der KaV Norica Wien, damals im CV, jetzt im ÖCV. Später wurde er Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindungen „Deutschmeister Wien“ sowie „Winfridia“ und „Austria“ (beide Graz) im KV/ÖKV. Am 11. Mai 1930 wurde er Ehrenmitglied der Katholischen Österreichischen Studentenverbindung Asciburgia zu Oberschützen (heute im 1933 gegründeten Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV)).

In seiner Schrift Die wirtschaftsethischen Lehren der Kirchenväter verwendete er als erster den Begriff Wirtschaftsethik (Wien 1907, Seite 304). 1908 habilitierte er sich an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Von 1909 bis 1917 war er Professor für Moraltheologie an der Universität Salzburg. Hier brachte er auch seine Studie Nation und Staat heraus.[1] 1917 wurde er als Nachfolger des Moraltheologen Franz Martin Schindler als Universitätsprofessor an die Universität Wien berufen.

Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des endgültigen Zerfalls der Monarchie wurde er am 27. Oktober 1918 von Kaiser Karl I. im Ministerium Lammasch, der letzten k.k. Regierung, zum Minister für öffentliche Arbeit und soziale Fürsorge ernannt. Seine deutschösterreichischen Amtsgeschäfte hatte er Anfang November 1918 an die am 30. Oktober 1918 vom Staatsrat ernannte Staatsregierung Renner I zu übergeben, wo die öffentlichen Arbeiten vom Christlichsozialen Johann Zerdik und die Sozialagenden vom Sozialdemokraten Ferdinand Hanusch wahrzunehmen waren; das Ministerium Lammasch blieb aber auf Wunsch des Kaisers bis zu dessen eigenem Rückzug formal im Amt.

Noch als kaiserlicher Minister war Seipel an der Textierung der Verzichtserklärung beteiligt, die der Kaiser am 11. November 1918 unterzeichnete. An diesem Tag entließ er auch das Ministerium Lammasch.

Am 16. Februar 1919 wurde Seipel auf der christlichsozialen Liste der Wiener Bezirke Innere Stadt (1.), Landstraße (3.) und Wieden (4.)[2] in die Konstituierende Nationalversammlung gewählt. Seine Fraktion wählte ihn ins Klubpräsidium.

In dieser Phase verhinderte er noch 1918 die Spaltung der Partei über die Frage der von Sozialdemokraten und Großdeutschen gewünschten Abschaffung der Monarchie. Er sprach sich im März 1919 gegen die Anschlusseuphorie von Sozialdemokraten und Großdeutschen aus, weil der Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich von der Entente generell abgelehnt wurde und den Friedensvertrag gefährden würde.[3] Er löste 1920 die CS aus der Koalition mit den Sozialdemokraten und schloss ein Bündnis mit der Großdeutschen Volkspartei.

Seipel stellte sich zwar hinter die neue parlamentarische Demokratie, brachte ihr aber eine deutliche Skepsis entgegen, die sich schon in den Vorberatungen zur Bundesverfassung 1920 und danach 1922 zum Vorschein kamen, als Seipel schon zu dieser Zeit eine teilweise Neutralisierung des Parlaments zugunsten eines mit deutlich umfassenderen Befugnissen ausgestatteten Bundespräsidenten überlegte.[4]

Gleichzeitig unterstützte Seipel den Aufbau militanter rechtsradikaler Gruppierungen in Wien, was sich vor allem in der Tatsache widerspiegelte, dass Seipel seit März 1920 der GeheimorganisationVereinigung für Ordnung und Recht“ als Vorstandsmitglied angehörte, der neben militärischen Personen auch monarchistische und großdeutsche Vertreter angehörten. Diese Vereinigung plante die gewaltsame Ausschaltung der Sozialdemokratie und arbeitete eng mit bayrischen Rechtsradikalen um Georg Escherich zusammen.[4]

1928 vertrat er in Übereinstimmung mit dem Landeshauptmann von Niederösterreich Karl Buresch beim Aufmarsch der Heimwehr und des Schutzbundes in Wiener Neustadt gegen das Interesse vom Bürgermeister Anton Ofenböck für ein generelles Verbot einerseits das Interesse der Heimwehr für einen Aufmarsch und genehmigte weiters den zeitlich und örtlich getrennten Aufmarsch des Republikanischen Schutzbundes, wobei er als Bundeskanzler mit einem massiven Aufgebot von Gendarmerie und Militär und ohne Gewaltereignisse am Aufmarschtag seine Stärke zeigen konnte.

Von 1921 bis 1930 fungierte Seipel als Obmann der Christlichsozialen Partei (CS). Vom 31. Mai 1922 bis 20. November 1924 war Seipel auf Wunsch seiner Partei erstmals Bundeskanzler (Bundesregierung Seipel I) einer christlichsozial-großdeutschen Koalition. In seiner ersten Amtszeit koordinierte Seipel persönlich die Distribution von Industriegeldern an Milizen der CS und rechte Milizen. Das Hauptaugenmerk hatte Seipel dabei auf der militärischen Effizienz dieser Milizen, die ideologische Nähe zur CS-Partei war zweitrangig. So erklärt es sich auch, dass Seipels Hauptsorge der rechten Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs unter dem Antisemiten Hermann Hiltl galt, die er auch mit finanziellen Mitteln des ungarischen Horthy-Regimes aufrüstete.[4]

Seipel sanierte mit Hilfe einer Völkerbundanleihe (Genfer Protokolle) die Staatsfinanzen und bereitete die im Dezember 1924 wenige Tage nach seinem Rücktritt beschlossene Einführung der Schillingwährung 1925 vor. Diese führte jedoch zu einem starken Rückgang des Realeinkommens der Bevölkerung und starkem Ansteigen der Arbeitslosenquote. Nach heftiger Kritik aus seiner eigenen Partei und einem Attentat auf ihn am 1. Juni 1924 trat er zurück, blieb aber Obmann des christlichsozialen Abgeordnetenklubs. Der Attentäter Karl Jaworek[5] machte Seipel für seine persönliche Armut verantwortlich und schoss aus nächster Nähe auf den Kanzler, der sich gerade im Zug nach Wien befand. Dafür wurde Jaworek später zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt.[6]

Ignaz Seipel, Gemälde von Josef Engelhart um 1929

Im Herbst 1924 überlegte die bayerische Fremdenpolizei, Adolf Hitler, der nach seinem Putschversuch 1923 in der Justizvollzugsanstalt Landsberg seit April 1924 Festungshaft verbüßte, aus Bayern nach Österreich abzuschieben, falls er vorzeitig aus der Haft entlassen würde. Seipel wollte den Putschisten und Unruhestifter nicht wieder in Österreich haben und ließ Bayern die Stellungnahme zukommen, Hitler sei durch den Dienst im deutschen Heer Deutscher geworden. Bayern wies nach, dass Österreich in anderen Fällen die österreichische Staatsbürgerschaft deutscher Soldaten anerkannt habe; Seipel beharrte aber auf seiner Rechtsansicht.[7][8]

Hitler blieb in Deutschland und legte 1925 seine österreichische Staatsbürgerschaft zurück, da er als dann Staatenloser aus Deutschland nicht mehr abgeschoben werden konnte. 1932 wurde er im Deutschen Reich formal eingebürgert.

Theodor Körner, Offizier, in der Ersten Republik sozialdemokratischer Wehrpolitiker, in der Zweiten Republik Wiener Bürgermeister, dann Bundespräsident, zollte Seipel 1924 im Wahlkampf seine Achtung. Sein Biograf Kollman zitierte aus der Innsbrucker Volkszeitung, Körner habe Seipel „als einen in jeder Hinsicht integren Charakter, einen fleißigen, selbstlosen Arbeiter“ bezeichnet.[9]

Von 1926 bis 1929 war Seipel wieder Bundeskanzler, wobei er besonders die Sozialdemokraten bekämpfte. Zu diesem Zweck schloss er die CS mit der Großdeutschen Volkspartei, dem Landbund und der nationalsozialistischen Riehl- und Schulz-Gruppe zu einer antimarxistischen Front zusammen („Bürgerblock“). Nach der Nationalratswahl in Österreich 1927 wurde die gegen die österreichische Demokratie gerichtete Grundhaltung forciert. Außerdem stärkte er die Rolle der zunehmend antidemokratischen Heimwehr und blieb bis zu seinem Tod ihr einflussreichster Fürsprecher.[4]

Dadurch wurde er zum großen Feindbild der Sozialdemokraten, die ihn nach dem polizeilichen Massaker an Arbeitern, die am 15. Juli 1927 anlässlich des Schattendorfer Urteils demonstrierten, als „Prälaten ohne Milde“, „Prälat ohne Gnad'“ und als „Blutprälaten“ bezeichneten. Seipel hatte am 26. Juli 1927 in seiner Erklärung zu den Ereignissen vor dem Nationalrat gesagt: „Verlangen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen an den Unglückstagen gegenüber milde erscheint, aber grausam wäre gegenüber der verwundeten Republik.“[10] Seipels Erklärung folgte eine überaus kontroversielle und heftige Parlamentsdebatte. Die Opposition griff den verkürzten Begriff ohne Milde heraus und verknüpfte ihn mit ihrer Kritik am von Polizeipräsident Johann Schober zu verantwortenden überschießenden Polizeieinsatz.

Seipel trat am 4. April 1929 vom Amt des Bundeskanzlers zurück und führte die Geschäfte noch bis 4. Mai 1929 weiter, als ihm Ernst Streeruwitz als Regierungschef nachfolgte.[11] (Insgesamt standen fünf Bundesregierungen der Ersten Republik unter Seipels Leitung.)

Mit der Regierungsform der Ersten Republik war er nicht zufrieden; er war wesentlicher Betreiber der Stärkung der Rolle des Bundespräsidenten, wie sie mit der Bundesverfassungsnovelle 1929 realisiert wurde, die Seipel selbst mit der Sozialdemokratie aushandelte, und „hat vermutlich an sich selbst als künftigen Träger des Amtes gedacht“.[12][13] Darüber hinaus propagierte er unter dem politischen Schlagwort der „wahren Demokratie“ eine Säuberung des Systems vom „Übel der Parteinherrschaft“:

„Ich selbst messe der bloßen Reform des Wahlrechts und der Wahlordnung keine allzu große Bedeutung bei; ich sehe die Wurzel des Übels in der Art der Parteienherrschaft, wie sie sich in den Zeiten der konstitutionellen Monarchie entwickelt hat und nach dem Wegfall der monarchischen Korrektur ungehemmt in die Halme geschossen ist. Nach meiner Ansicht rettet jener die Demokratie, der sie von der der Parteienherrschaft reinigt und dadurch erst wieder herstellt.“

Ignaz Seipel: „Tübinger Rede“, abgedruckt in Seipels Der Kampf um die österreichische Verfassung, 1930
Wiener Zentralfriedhof - Ehrengrab von Ignaz Seipel‎

1930 wurde Seipel kurzzeitig Außenminister im Kabinett von Carl Vaugoin.[14] Nach dem Zusammenbruch der Creditanstalt im Jahr 1931 sollte er nochmals die Regierungsgeschäfte übernehmen, blieb aber in der Regierungsbildung erfolglos.

Jahrzehnte später kritisierte Bruno Kreisky, 1970–1983 sozialdemokratischer Bundeskanzler, in diesem Zusammenhang seine eigene Partei. Seipel habe Otto Bauer, dem führenden Kopf der Sozialdemokraten, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise eine Koalition angeboten. Der Parteivorstand sei aber nicht darauf eingegangen. „… im Rückblick scheint es mir eindeutig falsch, dass man nicht stärker für einen Kompromiss eintrat, um in einem so kritischen Augenblick in der Regierung zu sein. … Meiner Meinung nach war das die letzte Chance zur Rettung der österreichischen Demokratie“, schrieb Kreisky 1986.[15]

Während Seipels Politik zu Beginn vom Glauben an die Selbstständigkeit Österreichs geprägt war, vertrat er später die Ansicht, dass ohne das Deutsche Reich keine österreichische Politik sinnvoll sei.

Seipel litt an Diabetes mellitus, den Folgen des auf ihn verübten Attentats und an Tuberkulose. Er starb 1932 im niederösterreichischen Sanatorium Wienerwald. [16] Otto Bauer widmete ihm einen Nachruf in der Arbeiter-Zeitung, in welchem er Seipel eine „ehrliche innere Überzeugung“ bescheinigte:

„Er hat uns mit allen Mitteln und allen Waffen bekämpft, wir ihn auch. Daß er kein Mann des Kompromisses, sondern ein Mann war, der sich nur im rücksichtslosen Kampf wohl fühlte, mag oft, mag insbesondere in den Jahren seit 1927, eine Quelle des Unglücks für das Land gewesen sein; aber wer selbst ein Kämpfer ist, der wird auch die echte Kämpfernatur im Lager des Gegners die menschliche Achtung nicht versagen. Nun ist er tot; die bürgerlichen Parteien haben keine Persönlichkeit, die sich über die Mittelmäßigkeit erhöbe. An seiner Bahre können auch wir von ihm sagen: er war ein Mann, nehmt alles nur in allem. Der Soldat verweigert dem gefallenen Feind die letzten militärischen Ehren nicht. So schicken wir auch dem großen Gegner drei Salven über die Bahre.“

Otto Bauer: Ignaz Seipel. In: Arbeiter-Zeitung N. 214, 3. August 1932, S. 3.[17]

Da Seipel den Sozialdemokraten als Hort der Reaktion und Inbegriff des Bündnisses von Klerikalismus und Kapitalismus galt, wurde der Artikel an der Parteibasis mit Unverständnis aufgenommen. Bauer sah sich veranlasst, in einem weiteren Artikel auf den Unterschied zwischen „Gefühlssozialisten und geschulten Marxisten“ hinzuweisen. Während der Gefühlssozialist den Kapitalisten und die Wortführer der kapitalistischen Welt hasse, begreife der Marxist seine Gegner als Geschöpfe einer feindlichen Gesellschaftsordnung.[17] Seipel „ist uns, eben weil wir Marxisten sind, deshalb, weil er uns bekämpft hat und wir ihn bekämpft haben, nicht ein Bösewicht, sondern das ‚Geschöpf der Verhältnisse, das er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag‘.“[18]

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien
2-Schilling-Münze (1933)

Im austrofaschistischen Ständestaat galt Seipel als Gründungsvater des Regimes: Als Seipels letzte Ruhestätte wurde auf Initiative von Hildegard Burjan, von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß unterstützt, die von Clemens Holzmeister gestaltete Christkönigskirche im Wiener Arbeiterbezirk mit dem heutigen Namen Rudolfsheim-Fünfhaus (15. Bezirk) errichtet. (Sie befindet sich nur sechs Häuserblöcke von Seipels Geburtshaus entfernt.) Seipels Sarg wurde im Herbst 1934 in der Krypta der Kirche bestattet. Dollfuß, diktatorisch regierend, war zwei Monate vorher von einem Nationalsozialisten ermordet worden. Dollfuß’ Nachfolger Kurt Schuschnigg ließ nun auch Dollfuß dort bestatten; die Kirche wurde vom Regime „Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche“ genannt.

Nach dem Anschluss Österreichs ließ das NS-Regime beide Särge 1939 umbetten: Seipels Sarg wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 14 C, Nummer 7) bestattet. Das Gräberfeld liegt unmittelbar neben der Präsidentengruft vor der damals „Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche“ genannten Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus; Seipels Grab befindet sich zwischen den Gräbern des Dichters Anton Wildgans und der Opernsängerin Selma Kurz. Dollfuß wurde auf dem Hietzinger Friedhof beigesetzt.

Am 27. April 1934 wurde von der diktatorischen Stadtverwaltung der damalige Ring des 12. November (Erinnerung an die Republikgründung), Teil der Wiener Ringstraße, im Abschnitt vor dem Parlament Dr.-Ignaz-Seipel-Ring benannt. Dieser wurde 1940 nach dem NS-Gauleiter Josef Bürckel umbenannt, am 27. April 1945 wieder zum Seipel-Ring und erhielt am 8. Juli 1956 den heutigen Namen Dr.-Karl-Renner-Ring, nachdem 1949 eine andere Verkehrsfläche im 1. Bezirk nach Seipel benannt worden war (siehe unten).

Eine 1934/35 erbaute Wohnhausanlage im 3. Wiener Gemeindebezirk, Fasangasse 39–41, wurde im Rahmen des Assanierungsfonds Ignaz-Seipel-Hof benannt.[19]

Nach Ignaz Seipel wurde 1949 unter dem sozialdemokratischen Bürgermeister Theodor Körner, der um drei Jahre älter war als Seipel, der Dr.-Ignaz-Seipel-Platz im 1. Wiener Gemeindebezirk benannt. Der Altstadtplatz wird von der Akademie der Wissenschaften (Alte Universität) und von der Jesuitenkirche (Universitätskirche) eingerahmt; nach beiden Gebäuden war der Platz vorher benannt.

1950 wurde im Arkadenhof der Universität Wien eine 1933 von Josef Engelhart geschaffene Seipel-Büste aufgestellt.

Künstlerische Verarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Hugo Bettauers Roman Die Stadt ohne Juden (1922) ist Ignaz Seipel die Person des christlich-sozialen Bundeskanzlers Dr. Karl Schwertfeger, der alle Juden des Landes verweisen lässt, nachempfunden. Seipel hatte in den Juden eine „Klasse“ gesehen, die das mobile Großkapital und eine „gewisse Art des Händlertums“ vertrete, von der sich das Volk in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht fühle. Österreich, so Seipel, sei „in Gefahr, wirtschaftlich, kulturell und politisch von den Juden beherrscht zu werden.“ Als Lösung der sogenannten Judenfrage schlug er vor, die Juden als nationale Minderheit anzuerkennen.[20] Auf Grundlage dieses Buches entstand 1924 der gleichnamige Film Die Stadt ohne Juden von Hans Karl Breslauer. 1977 schufen Franz Novotny und Otto M. Zykan für den ORF die Fernsehproduktion „Staatsoperette“, wo auf eine bissigkritische, karikaturhafte Weise die bürgerkriegsähnlichen Konflikte in Österreich zwischen 1927 und 1933 dargestellt werden. In der „Staatsoperette“ wird Ignaz Seipel als „mordgeiler Geistlicher“ dargestellt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klemens von Klemperer: Ignaz Seipel: Christian Statesman in a Time of Crisis. Princeton UP, Princeton, NJ 1972.
    • dt. Ignaz Seipel. Staatsmann einer Krisenzeit. Styria, Graz 1976.
  • Thomas Olechowski: Ignaz Seipel. Moraltheologe, k.k. Minister, Bundeskanzler. In: Mitchell G. Ash, Josef Ehmer (Hg.): Universität – Politik – Gesellschaft. V&R Unipress, Göttingen 2015. S. 271–278.
  • Friedrich Rennhofer: Ignaz Seipel. Mensch u. Staatsmann. Eine biographische Dokumentation. (Böhlaus zeitgeschichtliche Bibliothek, Band 2), Böhlau, Wien 1978, ISBN 978-3-205-08810-3.
  • Angelo Maria Vitale: Das politische. Denken Ignaz Seipels zwischen Scholastik und Korporativismus. In: F. S. Festa, E. Fröschl, T. La Rocca, L. Parente, G. Zanasi (Hrsg.): Das Österreich der dreißiger Jahre und seine Stellung in Europa. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-653-01670-3.
Einträge in Nachschlagewerken

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ignaz Seipel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vlg. Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1916
  2. Friedrich Funder: Vom Gestern ins Heute. Aus dem Kaiserreich in die Republik. 3. Auflage. Verlag Herold, Wien 1971, S. 468.
  3. Friedrich Funder: Vom Gestern ins Heute. Aus dem Kaiserreich in die Republik. 3. Auflage. Verlag Herold, Wien 1971, S. 471 f.
  4. a b c d Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,4 MB), S. 185ff, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013
  5. Andere Schreibweise: Karl Jawurek; s. z.B. hier
  6. Attentat auf Kanzler Seipel: „Ich glaube, man hat auf mich geschossen“. Die Presse; abgerufen am 1. Juni 2014.
  7. Historisches Lexikon Bayerns: Ausweisung Adolf Hitlers aus Bayern
  8. Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“. 1922–1945. Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-486-57956-8, S. 59.
  9. Eric C. Kollman: Theodor Körner. Militär und Politik. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1973, ISBN 3-7028-0054-9, S. 134.
  10. Stenographisches Protokoll. 7. Sitzung des Nationalrates der Republik Österreich. III. Gesetzgebungsperiode. 26. Juli 1927 (= S. 133 ff.)
  11. Kabinett Seipel zurückgetreten. In: Vossische Zeitung, 4. April 1929, S. 1.
  12. Eric C. Kollman: Theodor Körner. Militär und Politik. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1973, ISBN 3-7028-0054-9, S. 344.
  13. Bruno Kreisky: Im Strom der Politik. Der Memoiren zweiter Teil. Siedler-Verlag, Berlin, Kremayr & Scheriau, Wien 1988, ISBN 3-218-00472-1, S. 354.
  14. Religion.ORF.at: Öffnung der Vatikan-Archive wichtig für Österreich.
  15. Bruno Kreisky: Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Siedler-Verlag und Kremayr & Scheriau, Berlin 1986, ISBN 3-88680-148-9, S. 195 f.
  16. Thomas Olechowski: Ignaz Seipel – vom k.k. Minister zum Berichterstatter über die republikanische Bundesverfassung. In: Thomas Simon (Hrsg.): Staatsgründung und Verfassungsordnung. In Entstehung, Wien 2011, S. 134. Online-Version, 3. Jänner 2011: Kelsen Working Papers. Publications of the FWF project P 19287: “Biographical Researches on H. Kelsen in the Years 1881–1940” (PDF) (abgerufen am 23. November 2017).
  17. a b Zit. nach Robert Kriechbaumer: Große Erzählungen der Politik. Politische Kultur und Parteien in Österreich von der Jahrhundertwende bis 1945. Böhlau, Wien 2001, S. 190.
  18. Robert Kriechbaumer: Große Erzählungen der Politik. Politische Kultur und Parteien in Österreich von der Jahrhundertwende bis 1945. Böhlau, Wien 2001, S. 191.
  19. Helmut Weihsmann: Das rote Wien: Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934. Promedia, Wien 2001, S. 210.
  20. Frank D. Hirschbach: Der Roman „Die Stadt ohne Juden“ – Gedanken zum 12. März 1988. In: Donald G. Daviau (Hg.): Austrian Writers and the Anschluss. Understanding the Past – Overcoming the Past. Ariadne Press, Riverside,CA 1991, S. 56–69, zit. S. 61.