Il Muzio Scevola

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Werkdaten
Originaltitel: Il Muzio Scevola
Form: Opera seria
Originalsprache: italienisch
Musik: Filippo Amadei (1. Akt), Giovanni Battista Bononcini (2. Akt), Georg Friedrich Händel (3. Akt)
Libretto: Paolo Antonio Rolli
Uraufführung: 15. April 1721
Ort der Uraufführung: King’s Theatre, Haymarket, London
Spieldauer: unbekannt
Ort und Zeit der Handlung: Rom und Umgebung, 508 v. Chr.
Personen

Il Muzio Scevola (HWV 13) ist eine 1721 in London uraufgeführte Oper (Dramma per musica) in drei Akten mit Musik von Filippo Amadei (1. Akt), Giovanni Battista Bononcini (2. Akt) und Georg Friedrich Händel (3. Akt).

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die zweite Spielzeit (November 1720 bis Juli 1721) der Royal Academy of Music (der sogenannten ersten Opernakademie) plante die Direktion die Oper Il Muzio Scevola, an der (vermutlich aus Gründen der Zeitersparnis) drei Komponisten beteiligt waren. Der Text von Paolo Antonio Rolli wurde per Losentscheid aktweise aufgeteilt, wobei jeder der beteiligten Komponisten für seinen Akt eine eigene Ouvertüre schrieb. Der erste Akt fiel auf Filippo Amadei, genannt „Pipo“ (auch unter dem Namen Filippo Mattei bekannt[1]), den ersten Violoncellisten am Haymarket-Theatre, der zweite auf Giovanni Battista Bononcini und den dritten bekam Händel, „… qui l’a emporté haut à la main“[2] („… der mit Leichtigkeit über die beiden anderen triumphierte“, so der Kammerherr des Prinzen von Wales, Friedrich Ernst von Fabrice).[3] Neben Händels Autograph des dritten Aktes ist auch die Musik der beiden anderen Komponisten in deren Urschrift erhalten. Diese ohnehin vorhandene Konkurrenz zwischen den Akademiekomponisten verschärfte sich im weiteren Verlauf dieser Spielzeit noch durch dieses merkwürdige Arrangement.

Libretto[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Versuche, die möglicherweise von Paolo Antonio Rolli für sein Libretto benutzte Vorlage zu finden, schlugen bislang fehl. Der Stoff freilich war sehr populär, seit Nicolò Minato Il Mutio Scevola 1665 mit Musik von Francesco Cavalli in Venedig herausgebracht hatte. Weitere Bearbeitungen entstanden von den Dichtern Silvio Stampiglia und Agostino Piovene. Auch Händel kam wohl in Hamburg mit dem Stoff schon zusammen, da Friedrich Christian Bressand einen deutschen Text geschrieben hatte, der auch schon von Reinhard Keiser 1695 und Johann Mattheson 1702 in Musik gesetzt und dort aufgeführt worden war.

Vielleicht verfasste Rolli also sein Libretto nur anhand der von Titus Livius verfassten Originalquelle des Stoffes: Ab urbe condita. Rolli markierte sogar jene Textstellen, die er aus Livius direkt übersetzte, mit besonderen typografischen Zeichen. Dazu gehört die Rede des Horatius Cocles, der im Jahre 508 v. Chr., nachdem er Rom gegen die Etrusker verteidigt hatte, in voller Rüstung in den Tiber sprang und mit Hilfe der Götter sicher am anderen Ufer ankam:[4]

„‚Tiberine pater,‘ inquit, ‚te sancte precor, haec arma et hunc militem propitio flumine accipias.‘“

„‚Vater Tiberinus,‘ rief er, ‚ich bitte dich ehrfurchtsvoll, nimm diese Waffen und diesen Krieger in deinem Strome gnädig auf!‘“

Titus Livius: Ab urbe condita. Rom oder Patavium, etwa 30 v. Chr.[5][6]

Rolli machte aus dieser lateinischen Prosa mit minimalen Eingriffen in den originalen Text eine dramatisch wie metrisch überzeugende Arie, mit der er den ersten Akt beschloss:[4]

O Padre Tevere! O santo Nume!
Tu con propizio Amico fiume
quest’armi accogli, questo guerrier.

>O Vater Tiber! O heilige Gottheit!
Nimm du, Freund Fluss, mit Gewogenheit
diese Waffen an, diesen Krieger.

Wie Horatius Cocles dienen auch Gaius Mucius Scaevola und Cloelia dem Geschichtsschreiber Livius dazu, die römischen Tugenden Treue, Tapferkeit und Pflichtgefühl ins rechte Licht zu rücken. Rolli übernahm ihre Geschichten ebenso in die Opernhandlung wie Lars Porsenna, dessen Bewunderung für die Römer er mit seiner Liebe zu Cloelia erklärt. Die zentrale Szene, in der Gaius Mucius seine rechte Hand ins Feuer legt, welche verbrennt, ohne dass er Schmerz empfindet, ist wörtlich aus Livius übersetzt. Von den sieben Personen des Librettos sind lediglich Irene und Fidalma frei erfunden.[4] Händel komponierte den dritten Akt der Oper im März 1721. Am Ende vermerkt er in seiner Partitur: „Fine. G.F.H.|London March 23. 1721.“ Im Gegensatz zum im Händel-Werke-Verzeichnis von Bernd Baselt angegebenen Theatre Royal Covent Garden als Ort der Uraufführung fand diese am 15. April 1721 aber wie gewohnt im King’s Theatre am Haymarket statt. Das Covent Garden Theatre wurde erst 1732 eröffnet.

Besetzung der Uraufführung:

In dieser Saison wurde Il Muzio Scevola bis zum 7. Juni zehnmal gespielt und in der übernächsten Spielzeit 1722/23 für drei Vorstellungen nochmals in den Spielplan aufgenommen. Dafür wurden Fidalmas Rolle gestrichen und die Partie des Lucio Tarquinio für eine Bass-Stimme eingerichtet. Die von Otto Erich Deutsch gemachten Angaben über drei Aufführungen im November 1721[7] stellen einen Irrtum in der Jahreszahl dar: Gemeint sind die gleichen Aufführungen, die aber tatsächlich im November 1722 stattfanden.[8]

Im Januar 1723 führte es Georg Philipp Telemann an der Hamburger Gänsemarktoper unter dem Titel Mutius Scaevola sechsmal mit einem rein deutschsprachigen, allegorischen Prolog von Reinhard Keiser auf, während die drei Akte der Oper in für das Hamburger Theater ungewohnter Weise, nämlich nur auf Italienisch, präsentiert wurden.

Die erste moderne Inszenierung in einer deutschen Textfassung von Rudolf Steglich fand am 9. Juni 1928 in Essen unter der musikalischen Leitung von Rudolf Schulz-Dornburg statt. Allerdings wurde hier nur der Händel’sche dritte Akt (zusammen mit Johann Sebastian Bachs Dramma per musica Der Streit zwischen Phoebus und Pan BWV 201) aufgeführt. In gekürzter Form (Fassung: Anthony Ford) waren alle drei Akte am 23. November 1977 in Oxford zu hören. Die musikalische Leitung hatte dabei Denis Midgley Arnold. Die erste konzertante Aufführung des Aktes von Händel (mit Ausschnitten aus Bononcinis zweitem Akt) in historischer Aufführungspraxis wurde am 5. Oktober 1992 in der Merkin Concert Hall in New York mit dem Brewer Baroque Chamber Orchestra unter der Leitung von Rudolph Palmer in Zusammenhang mit der unten erwähnten CD-Produktion gegeben. Eine Aufführung aller drei Akte in originaler Gestalt gab es bislang in der Neuzeit noch nicht, was aber auch nur eine rein museale Idee wäre, da die Qualität der Musik der drei Akte doch sehr unterschiedlich ist.[8]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Musik des ersten Aktes von Amadei ist nur einmal, bei der einzigen (gekürzten) Aufführung aller drei Akte, in Oxford (1977) gespielt worden, während Bononcinis zweiter Akt schon einige Male zu hören war. Auf der bislang einzigen CD-Produktion (1991) ist auch dieser allerdings nur ausschnittsweise enthalten. Insofern kann man vermuten, dass der Höfling Friedrich Ernst von Fabrice (siehe oben) die qualitativen Unterschiede der drei Akte richtig eingeschätzt hat.

Händels dritter Akt ist überschrieben: Ouverture pour Act 3 de Muzio und besteht aus einer Ouvertüre in französischem Stil, zwölf Arien, einem Duett, drei Accompagnati, einer Sinfonia und dem für das Solistenensemble gedachten Schlusschor.

Das thematische Material der Arie A chi vive de speranza (Nr. 12) entlehnte Händel der Oper Porsenna seines alten Freundes und Rivalen aus Hamburger Zeiten Johann Mattheson. Dieser verweist darauf in seiner Critica musica (1722):

„In der Opera Porsenna, von meiner composition, so wie dieselbe vor 20. Jahren hier aufgeführt / und von Händeln / unter meiner Direction, accompagnirt ward / befindet sich eine Aria, deren Anfangs=Worte heissen: Diese Wangen will ich küssen. Es kann wohl seyn / daß Händel die Melodie nicht uneben gefallen haben mag, denn er hat nicht nur in seiner Agrippina, so wie sie in Italien hervorgekommen; sondern auch in einer andern neuen Opera, die jüngst in Engelland gemacht worden / und von Mutio Scaevola handelt / eben dieselbe modulation, fast Note vor Note / erwehlet.“

Johann Mattheson: Critica Musica, Hamburg 1722[9]

In der gleichen Schrift gibt er auch den Hinweis, dass die Musik der Arie Lungo pensar e dubitar (Nr. 1) auf Antonio Lottis Arie Bramo aver, per più goder aus dessen Oper Giove in Argo (1717) zurückgeht.

Orchester (Dritter Akt)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei Oboen, Fagott, zwei Trompeten, zwei Hörner, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Laute, Cembalo).

Diskografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Newport Classic NPD 85540-2 (1991): D'Anna Fortunato (Muzio), Julianne Baird (Clelia), John Ostendorf (Porsenna), Jennifer Lane (Irene), Andrea Matthews (Fidalma), Erie Mills (Orazio), Frederick Urrey (Tarquinio)
Brewer Baroque Chamber Orchestra; Dir. Rudolph Palmer (92 min, Teile des 2. Aktes, 3. Akt)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Muzio Scevola (Händel) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tarquinio Vallese: Paolo Rolli in Inghilterra. Verlag Albrighi, Segati & C., Mailand 1938, S. 210 ff.
  2. Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 99.
  3. Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-458-34355-5, S. 142.
  4. a b c Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 256 ff.
  5. Titus Livius: Ab urbe condita Originaltext 2,10,9
  6. Titus Livius: Römische Geschichte. Band 1. Aus dem Lateinischen von Konrad Heusinger, Vieweg-Verlag, Braunschweig 1821
  7. Otto Erich Deutsch: Handel: a documentary biography. Adam and Charles Black, London 1955, Reprint Da Capo Press, 1974, ISBN 978-0-306-70624-0, S. 129.
  8. a b Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 374 f.
  9. Johann Mattheson: Critica Musica d. i. Grundrichtige Untersuch- und Beurtheilung … Erstes Stück. Hamburg 1722, S. 71.