Ilse Kokula

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Ilse Kokula

Ilse Kokula (* 13. Januar 1944 in Sagan, Schlesien[1]) ist eine deutsche Pädagogin, Autorin und LGBT-Aktivistin im Bereich lesbischen Lebens sowie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ilse Kokula wurde 1944 in Schlesien geboren, wuchs in Franken auf und lebt seit 1971 in Berlin. Als älteste Tochter mit acht Geschwistern war für sie nur eine Hilfsarbeit vorgesehen, weshalb sie bereits die Lehre als Köchin erkämpfen musste. Sie suchte und fand Unterstützung, sodass sie die mittlere Reife nachholen und an der Höheren Fachschule in Sozialarbeit studieren und 1967 in Bayern erfolgreich abschließen konnte.

Studium und nachfolgende Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einigen Jahren Sozialarbeit besuchte Ilse Kokula die Pädagogische Hochschule Berlin und schrieb sich in Pädagogik ein. Sie verfasste ihre Diplomarbeit über die Lesbengruppe des LAZ (Lesbisches Aktionszentrum Westberlin), in der sie selbst aktiv war. Mitte der 1970er Jahre, als Lesben gesellschaftlich noch totgeschwiegen wurden, publizierte Ilse Kokula diese Arbeit unter dem Pseudonym „Ina Kuckuck“ unter dem Titel „Der Kampf gegen Unterdrückung“ im Verlag Frauenoffensive in München. Danach arbeitete sie einige Jahre in der Praxis, ehe sie 1982 an der Universität Bremen in Soziologie promovierte. Ergebnis davon waren zwei weitere Bücher: „Weibliche Homosexualität um 1900“ und „Formen lesbischer Subkultur“. 1985 wurde Ilse Kokula von der Universität Utrecht als erste Gastprofessorin für „soziale Geschichte und Sozialisation lesbischer Frauen“ auf einen Wechsellehrstuhl berufen und erhielt damit den Professorinnen-Titel.[2]

Sie lehrte, lernte und knüpfte viele Kontakte und arbeitete danach einige Jahre als freie Forschende und Vortragende, bis sie im Jahr des Mauerfalls (1989) Mitarbeitende als Gleichstellungsbeauftragte des Referates für gleichgeschlechtliche Lebensweisen des Senates von Berlin in Berlin-West wurde.

Dort stellte sie auf Tagungen Themen zur Diskussion, u. a. die Fragen, wie homosexueller NS-Opfer zu gedenken sei, wie Stadtbehörden lesbische und schwule Emanzipation fördern könnten oder welche Geschichte und Perspektiven Lesben und Schwule in den neuen Bundesländern (ehemals DDR) hätten. Diese und viele andere Diskussionen wurden in der Reihe „Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation“ des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweisen publiziert (Herausgegeben von der Senatsverwaltung für Jugend und Familie, Berlin).[3]

Ilse Kokula verband über vier Jahrzehnte hinweg verschiedene Ebenen miteinander: Als Forscherin hat sie bereits in den 1970er und frühen 1980er Jahren wegweisende Werke zur Gegenwart und Geschichte lesbischer Frauen publiziert, auf deren Grundlagen jüngere Forscherinnen in Geschichte, Soziologie, Psychologie und Literaturwissenschaft aufbauen konnten.[4] Als politische Kämpferin hat Ilse Kokula in der Frauen- und Lesbenbewegung (u. a. Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin, kurz: HAW, später Lesbisches Aktionszentrum Westberlin, in den Zeitschriften UKZ – Unsere kleine Zeitung und der schweizerischen Lesbenfront) mitgearbeitet[5] und ebenfalls die lesbisch-schwule Zusammenarbeit gepflegt (u. a. die lesbisch-schwule Gewerkschaftsgruppe der ÖTV aufgebaut,[6] bei der Ausstellung „Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850–1950“, die 1984 in Berlin stattfand, mitgearbeitet).[7]

Als Vernetzerin hat Ilse Kokula schon vor dem Fall der Mauer 1989 und danach viele Lesben aus Ost und West, aus den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und Deutschland miteinander verbunden.[8] Als erste Gleichstellungsbeauftragte im „Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweise des Berliner Senats“ hat sie von 1989 bis 1996 zahlreiche Themen durch Tagungen und Publikationen in die gesellschaftliche Diskussion gebracht und in der „Arbeitsgemeinschaft kommunale Lesben- und Schwulenpolitik“ des Bezirksamtes Berlin-Charlottenburg als Expertin mitgewirkt.

Ilse Kokula hat engagiert in der Frauen- und Lesbenbewegung mitgearbeitet (u. a. als Gründungsstifterin der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung[9]). Als Lesbenforscherin und Emanzipationskämpferin die Funktion einer Gleichstellungsbeauftragten in der Verwaltung wahrzunehmen, das ergab ein Spannungsfeld inner- und außerhalb der Institutionen und Beteiligten.[10] Nach sieben Jahren verließ Ilse Kokula diese Stelle und verlegte ihr Wirkungsfeld in den Bereich des Jugendschutzes. Seit ihrer Pensionierung 2004 ist sie in ehrenamtlicher Funktion im Berliner Frieda-Frauenzentrum[11] tätig, wo sie immer wieder Vorträge und Diskussionen zu verschiedensten Aspekten lesbischen Lebens veranstaltet.[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 18. Februar 2007 wurde ihr im Namen des Bundespräsidenten durch die Staatssekretärin Almuth Nehring-Venus das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.[13] Zur Begründung hieß es: „Dr. Ilse Kokula hat mit ihrem außerordentlichen, von Courage, Wissensdrang und Beharrlichkeit getragenen Engagement wesentlich zur Emanzipation von Lesben und Schwulen und zur Entwicklung einer toleranten und offenen Gesellschaft beigetragen.“[14]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Kampf gegen Unterdrückung. Frauenoffensive, München 1975. (unter dem Pseudonym: Ina Kuckuck)
  • Weibliche Homosexualität um 1900 in zeitgenössischen Dokumenten. Frauenoffensive, München 1981.
  • Formen lesbischer Subkultur. Rosa Winkel Verlag, Berlin 1983.
  • Jahre des Glücks, Jahre des Leids – Gespräche mit älteren lesbischen Frauen. Frühlings Erwachen, Kiel 1986.
  • Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten! Lesbisch leben in Deutschland. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1987.
  • Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre (Mitautorin: Ulrike Böhmer). efef, Zürich/ Bern 1991.
  • Manfred Baumgardt, Ralf Dose, Manfred Herzer, Hans-Günter Klein, Ilse Kokula, Gesa Lindemann: Magnus Hirschfeld – Leben und Werk. Ausstellungskatalog. Westberlin: rosa Winkel, 1985 (Schriftenreihe der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft 3)
    • 2. erw. Aufl. Mit einem Nachwort von Ralf Dose. Hamburg: von Bockel, 1992. (Schriftenreihe der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft 6)

Redaktorentätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Redaktorin folgender Publikationen der Reihe "Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation" wurden veröffentlicht:

  • Wie aufgeklärt ist die Verwaltung? Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für Gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Berlin 1996.
  • Der homosexuellen NS-Opfer gedenken. 1. Aufl. Senatsverwaltung für Jugend und Familie, Fachbereich für Gleichgeschlechtliche Lebensweisen Berlin 1995.
  • Lesben, Schwule, Partnerschaften. 1. Aufl. Senatsverwaltung für Jugend und Familie, Referat für Gleichgeschlechtliche Lebensweisen Berlin 1994.
  • Aspekte lesbischer und schwuler Emanzipation in Kommunalverwaltungen. Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie Berlin 1991.
  • Geschichte und Perspektiven von Lesben und Schwulen in den neuen Bundesländern. Senatsverwaltung für Jugend und Familie Berlin 1991.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ilse Lenz: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-14729-1.
  • Karen-Susan Fessel, Axel Schock: Out! 500 berühmte Lesben, Schwule & Bisexuelle. Querverlag, Berlin 1997, ISBN 3-89656-021-2.
  • Madeleine Marti: Für sie soll’s lila Veilchen regnen… Ilse Kokula zum 60. Geburtstag. Blattgold, Berlin 2004.
  • Madeleine Marti: Zu Gast in Zürich. Prof. Dr. Ilse Kokula – Berlin. Boa FrauenLesbenAgenda, Zürich 2009.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Catalogus Professorum Academiae Rheno-Traiectinae (holländisch, gesichtet 2. September 2011)
  2. Lesbengeschichte, abgerufen am 9. Juli 2014.
  3. [Höheren Fachschule in Sozialarbeit]. Website von Berlin.de – Das offizielle Hauptstadtportal. Abgerufen am 31. August 2011.
  4. Ina Kuckuc, d.i. Ilse Kokula: Der Kampf gegen Unterdrückung. Frauenoffensive, München 1975; diess.: Weibliche Homosexualität um 1900 in zeitgenössischen Dokumenten. Frauenoffensive, München 1981; dies.: Formen lesbischer Subkultur. Rosa Winkel Verlag, Berlin 1983.
  5. Vgl. Gabriele Dennert, Christiane Leidinger, Franziska Rauchut (Hrsg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Unter Mitarbeit von Stefanie Soine. Querverlag, Berlin 2007, z. B, S. 33, 50, 142–146, 233.
  6. regenbogen.verdi.de (Memento des Originals vom 26. Mai 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.regenbogen.verdi.de. „Porträt: Ilse Kokula. AK Lesben und Schwule in der ÖTV Berlin“ (Martina Bruns, ÖTV-Report Frühj. 2001, S. 23, Website Ver.di. Abgerufen am 5. Januar 2012.)
  7. Traumland, Tummelplatz, Getto der Geächteten. In: Der Spiegel. 27/1984, abgerufen am 9. Juli 2014.
  8. Ina Beyer:Eine unermüdliche Netzwerkerin. In: Website Neues Deutschland. 22. Mai 2007. Abgerufen am 5. Januar 2012.
  9. Archiv der Deutschen Frauenbewegung (Memento des Originals vom 2. April 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.addf-kassel.de, abgerufen am 9. Juli 2014.
  10. Ilse Kokula: Was kann eine Landesbehörde für lesbische Frauen tun? In: M. Marti, A.Schneider, I.Sgier, A.Wymann (Hrsg.): Querfeldein. Beiträge zur Lesbenforschung.. Bern, Zürich, Dortmund, 2004, S. 173–179.
  11. Herzlich willkommen im FRIEDA-Frauenzentrum e. V., abgerufen am 7. Juli 2014.
  12. Herzlich willkommen im FRIEDA-Frauenzentrum e. V.
  13. Bundespräsidialamt
  14. Der Regierende Bürgermeister – Senatskanzlei, abgerufen am 9. Juli 2014.