Ilse Schneider-Lengyel

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Ilse Schneider-Lengyel, (* 10. Januar 1903 (nach anderen Angaben 1910) in München; † 3. Dezember 1972, Reichenau), war eine deutsche Fotografin, Kunsthistorikerin, Ethnologin, surrealistische Lyrikerin, Essayistin und Literaturkritikerin. In ihrem Haus fand das Gründungstreffen der Gruppe 47 statt.

Wohnhaus von Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee im Allgäu, hier wurde die „Gruppe 47“ gegründet. Foto von 2006.
Erinnerungstafel an die „Gruppe 47“ am Gründungshaus
Der Bannwaldsee vom Tegelberg aus gesehen

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ilse Schneider-Lengyel (Geburtsname Schneider) wurde als Tochter von Felix Schneider in München geboren.

Seit den 1930er Jahren betätigte sie sich als fotografierende Kunsthistorikerin, vor allem plastischer Kunstwerke und Bauten. Aber auch als fotografierende Ethnologin bereiste sie viele Länder. Zahlreiche Bildbände mit Beiträgen von ihr sind erschienen, oft stammt auch der Text dazu von ihr.

Wenn sie nicht auf Reisen war, lebte und arbeitete Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee bei Füssen im Allgäu. Das 1935 ursprünglich als Fischerhütte am Seeufer errichtete und später umgebaute Haus und der See gehörten ihr selbst, von ihrem Vater 1945 ererbt. Sie führte ein für die damalige Zeit und die gesellschaftlichen Normen der konservativen ländlichen Umgebung recht ungewöhnliches Leben. In dem Seehaus lebte sie allein, über Männerbekanntschaften wurde gemunkelt. Sie trug lange Hosen und auffälligen Schmuck, hatte rot lackierte Fingernägel. Manchmal sah man sie sogar mit offenem schwarzen Haar Motorrad fahren. Die Einheimischen nannten die progressive und intelligente Frau daher nur „die Hex’ vom Bannwaldsee“.

In der Nachkriegszeit veröffentlichte sie auch surrealistische Gedichte, betätigte sich als Literaturkritikerin und schrieb Essays in mehreren Literaturzeitschriften.

Die Gruppe 47[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Wochenende vom 6./7. September 1947 fand sich auf ihre Einladung hin bei ihr eine Gruppe von 17 Schriftstellern zu einem Treffen zusammen. Diese erste Tagung, eigentlich als Redaktionstreffen für die Herausgabe der Literaturzeitschrift „Der Skorpion“ geplant, war die Geburtsstunde der Gruppe 47. Das ahnte damals aber wohl keiner der Teilnehmer. Von den Schriftstellern und Dichtern, die durch die Gruppe 47 später berühmt wurden, war bei diesem Treffen auch noch keiner dabei. In der Mangelsituation der Nachkriegszeit musste vieles improvisiert werden: Mitzubringen wären Lebensmittelmarken und Versorgung zum Frühstück, informierte Ilse Schneider-Lengyel vorsorglich den Leiter der Gruppe, Hans Werner Richter. Die Schriftstellergruppe reiste aus weiter Entfernung an, teils auf einem Holzgas-betriebenen LKW, Busfahrer wurden mit Zigaretten bestochen. Die Hechte zum Abendessen holte Schneider-Lengyel selbst aus dem See, dessen Fischrechte sie besaß.

Schneider-Lengyel trug in der Runde „Der Gott der Schläge“ vor. Auch für die Nullnummer des geplanten „Skorpion“ lieferte sie zwei Beiträge. Mehr als diese Nullnummer ist nie erschienen, da die alliierten Militärbehörden die Genehmigung verweigerten.

Schneider-Lengyels surrealistische Lyrik stieß selbst bei Mitgliedern der Literatentreffen am Bannwaldsee auf gewisse Zweifel und auch Unverständnis, obwohl die dichterische Kraft und Schönheit dieser Gedichte durchaus anerkannt wurden.

Nachstehend ein Beispiel:

wort

wortsprechunfähig fliegen die Hexen aus den Häusern
der eisenriegel der hütten kommt aus dem boden
man schütze sich gegen die hauchlosen lider
der wenn-wölfe das wort ist ein unerklärliches
geräusch krank wurde der Mensch daran.

(aus: september-phase, 1952)

Bis 1950 war Ilse Schneider-Lengyel aktiv in der Gruppe 47 tätig. Nach der september-phase von 1952 bemühte sie sich vergeblich um Veröffentlichungen, unter anderem auch im Stahlberg-Verlag. Sie pflegte Kontakte zu Paul Celan, Arno Schmidt und André Malraux. In den 1960er Jahren zog sie sich aus dem literarischen Umfeld zurück, verkaufte Haus und See und zog sich aus der Öffentlichkeit und dem Literaturbetrieb zurück. In den letzten Jahren ihres Lebens war sie im psychiatrischen Landeskrankenhaus Reichenau untergebracht, wo sie schwerkrank am 3. Dezember 1972 starb.

Teilnehmer am Gründungstreffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ilse Schneider-Lengyel geriet nach ihrem Tod praktisch in Vergessenheit. Man dachte, es seien nur wenige ihrer Werke und persönliche Unterlagen erhalten.

1983 diente dem Allgäuer Schriftsteller Gerhard Köpf, der Schneider-Lengyel noch persönlich kannte, ihr Leben als Vorlage für seinen Erstlingsroman Innerfern.

Erst in den 1990er Jahren entdeckte man im Vorfeld des 50. Jahrestages der Gruppe 47 ihren Nachlass mit vielen Manuskripten, Fotos und Briefen im bayerischen Staatsarchiv in München, was als literarische Sensation zu einer Wiederbeschäftigung mit ihrem Werk führte. Der Einfluss von Schneider-Lengyel auf die frühe Gruppe 47 scheint danach wesentlich größer zu sein, als bisher bekannt war.

Zum fünfzigsten Jahrestag der Gründung der Gruppe 47 wurden ihre Werke erstmals in einer Ausstellung gezeigt. Am Haus von Ilse Schneider-Lengyel wurde im gleichen Jahr eine Gedenktafel an die Geburtsstätte der Gruppe 47 angebracht. Das Haus liegt seit 1987 inmitten eines Campingplatzes (Münchner Str. 151) und gehört je hälftig der Gemeinde Schwangau und dem Landkreis Ostallgäu.

Angeregt durch Arbeiten von Peter Braun, Dozent für Literatur an der Universität Konstanz, entwickelte die Konstanzer Regisseurin Marie-Luise Hinterberger im Rahmen des internationalen Bodenseefestivals 2008 unter dem Titel Die kleine Spanne Spiel ein multimediales und grenzüberschreitendes Installations-Projekt zum Leben und Wirken von Ilse Schneider-Lengyel.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine große Zahl Manuskripte und Fotos sowie zahlreiche an sie adressierte Briefe befinden sich in der bayerischen Staatsbibliothek in München, eine Gesamtwürdigung steht noch aus. Daher ist die nachstehende Auflistung nicht vollständig.

Kunsthistorische, ethnologische und fotografische Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Welt der Maske (Text u. Aufn.); München: R. Piper, 1934
  • Das Gesicht des deutschen Mittelalters. Fotografien aus deutschen Domen (Text u. Aufn.); München: Bruckmann, 1935
  • Têtes de statues gothiques; (Editions d'histoire et d'art), Paris: Plon, 1935
  • L'art italien; chefs-d'œuvre de la sculpture (Aufn. u. Vorwort; Text: Emmanuel Sougez); (Editions d'histoire et d'art) [Loseblattausgabe], Paris: Plon, 1935
  • Griechische Terrakotten (Text u. Aufn.); Bruckmann: München, 1936
  • Le Chateau et le parc de Versailles; (Aufn.; Text: Andre Chamson), Plon: Paris, 1936
  • Le Cathedrale d'Amiens (Aufn.); Plon: Paris 1937
  • Auguste Rodin (Aufn.); London: Phaidon, 1939 (seither mehrere Neuauflagen)
  • Michelangelo-Sculptures; London: Phaidon, 1940
  • Roman portraits (Text u. Aufn.); London: Allen&Unwin (sowie: New York: Oxford University Press), 1940 (seither mehrere Neuauflagen)
  • Etruscan Sculptures; London: Phaidon, 1942
  • Der Bildhauer Rodin; München: Gauss, 1943
  • Donatello als Bildhauer; Paris: Édition Albert Lévy, 1944
  • Ghiberti. Sculpteur; Paris: Édition Albert Lévy, 1948
  • Griechische Münzen; London: Phaidon, 1950
  • Masques primitifs (Text u. Aufn.); (Collection Psyché; 3), Paris: Plon, 1951
  • Assur (teilw. Aufn.; Text: André Parrot); (L'univers des Formes), Librairie Gallimard

Literarische Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Mondjournalist (Erzählung); in: Der Ruf; 15, 1947
  • Spielplatz und Wüste (Gedichte); Baden-Baden: Knaeps, 1949
  • september-phase (Gedichte u. Fotografien); (Reihe: studio frankfurt; 3), Frankfurt a. M.: Frankfurt Verlagsanstalt, 1952
  • stränge; in: Die deutsche Literatur: 1945–1960: Bd. 2: Doppelleben, 1949–1952, R 01, 1995, S. 499
  • zufluchten; ebenda, S. 498
  • dosis; ebenda, S. 498
  • bunker; ebenda, S. 498
  • name; ebenda, S. 497
  • Jean Paul Sartre - Der Surrealismus und die Antisartristen (Essay); in: Skorpion, (Nullnummer)
  • Paul Valéry (Essay); in: Skorpion, (Nullnummer)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stadt Füssen (Kulturamt) (Hrsg.): Ilse Schneider-Lengyel. Kunsthistorikerin, Ethnologin, Fotografin und Dichterin. Aus dem Nachlaß von Ilse Schneider-Lengyel; eine Dokumentation zur Veranstaltungsreihe „50 Jahre Gruppe 47“ der Stadt Füssen und der Gemeinde Schwangau vom 2. bis 5. Oktober 1997 - Sonderausstellung im Museum der Stadt Füssen; Füssen: Kulturamt der Stadt Füssen, 1997
  • Thomas Riedmiller: Ilse Schneider-Lengyel: ihre Bedeutung für die „Gruppe 47“ und ihre verwandtschaftlichen Bezüge zu Füssen; in: Alt-Füssen, Füssen, 1997, S. 188–194
  • Bernhard Setzwein: Die George Sand vom Bannwaldsee: ein Porträt der Ilse Schneider-Lengyel (Manuskript der Sendereihe „Bayern - Land und Leute“), München: Bayerischer Rundfunk, 1997
  • Rosmarie Mair: Zu Gast bei Ilse Schneider-Lengyel: das erste Treffen der Gruppe 47 am Bannwaldsee bei Füssen (Literarische Zirkel in der Region; 2); in: Der Schwabenspiegel, Augsburg, 3 (2002), S. 191–199
  • Gerhard Köpf: Innerfern, Frankfurt a. M: S. Fischer, 1983 (Roman über Ilse Schneider-Lengyel [im Roman: „Karlina Piloti“])
  • Gerhard Köpf: Eine Asphodele. Über Ilse Schneider-Lengyel, in: literatur für leser; 19 (1996), Heft 1, S. 32–45; Frankfurt/M.: Peter Lang
  • Toni Richter: Die Gruppe 47 in Bildern und Texten, Köln: Kiepenheuer&Witsch, 2. Aufl. 1997, ISBN 3-462-02630-5
  • Hans Werner Richter (Hrsg.): Der Skorpion, H. 1, Jg. 1, Januar 1948; Reprint: Göttingen: Wallstein Vlg., 1991, ISBN 3-89244-027-1
  • Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. o. O.: Deutsche Verlags-Anstalt (2012). Seite 18–26 (mit einem Porträtfoto von Ilse Schneider-Lengyel) ISBN 978-3-421-04315-3
  • Eva Chrambach: Schneider-Lengyel, Ilse Maria. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 311 f. (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]