Immanenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Immanenz (lateinisch immanere ‚darin bleiben‘, ‚anhaften‘) bezeichnet das in den Dingen Enthaltene, das sich aus ihrem Wesen ergibt. Es ist der Gegenbegriff zur Transzendenz. Das Adjektiv immanent bezeichnet eine einem Gegenstand innewohnende Eigenschaft, die somit nicht durch Folgerung oder Interpretation hergeleitet worden ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Scholastik unterscheidet immanente Handlungen, die sich auf den Handelnden beziehen, sowie transzendente, die über den Handelnden hinausweisen. Des Weiteren bedeutet Immanenz:

  • in der Philosophie Spinozas die Anwesenheit Gottes in der Welt als Ursache aller Wirkungen[1]
  • nach Kant in erkenntnistheoretischer Sicht das Verbleiben in den Grenzen möglicher Erfahrung (KrV B 352 und B 671)
  • bei Schelling, der Spinoza eine Verdinglichung des Seienden und damit einen Determinismus vorhielt, den Einschluss des Endlichen (Naturalismus = Immanenz) in das Absolute (Theismus = Transzendenz) als Vorbedingung der Freiheit, da alles in Gott enthalten und der Mensch ein Reflex Gottes ist[2]
  • in der Phänomenologie Edmund Husserls die Sphäre zweifelloser Gegebenheiten[3], die Natur als Transzendenz in der Erscheinung als Immanenz[4]
  • bei Karl Jaspers Dasein, Bewusstsein überhaupt und Geist als die drei immanenten Weisen des Umgreifenden, die das Subjekt bilden[5]
  • bei Gilles Deleuze den Grundbegriff einer differenztheoretischen Ontologie, den er mit dem Leben gleichsetzte[6]

Ganz im Sinne Spinozas dichtete Goethe 1812:

„Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, /
Im Kreis das All am Finger laufen ließe! /
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, /
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, /
So dass, was in Ihm lebt und webt und ist, /
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst.“[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • L. Oeing-Hanhoff: Artikel „Immanenz“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 4, hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Schwabe, Basel/Stuttgart 1976, 220–237.
  • Susanne Beer: Immanenz und Utopie - Zur Kulturkritik von Theodor W. Adorno und Guy Debord, LIT-Verlag, Münster 2012, ISBN 978-3-643-11487-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: immanent – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Baruch de Spinoza: Kurze Abhandlung von Gott, dem Menschen und dessen Glück, hrsg. Werner Baltruschat, Sämtliche Werke, Band 1, Meiner, Hamburg 1991, 34
  2. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Dinge, Sämmtliche Werke, Band VII, Stuttgart/Augsburg 1860, 336
  3. Edmund Husserl: Idee der Phänomenologie [1907] Husserliana Band II, 30
  4. Edmund Husserl: Grundprobleme der Phänomenologie [1910/11], Husserliana Band 13, 75
  5. Karl Jaspers: Chiffren der Transzendenz, S. 99
  6. Gilles Deleuze: „Die Immanenz: ein Leben ...“, in: F. Balke und J. Vogel (Hrsg.): Gilles Deleuze - Fluchtlinien der Philosophie, Fink, München 1996, 29–33
  7. Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 535 (online bei Zeno.org)