Indigene Völker Taiwans

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Indigene Völker Taiwans (chinesisch 原住民, Pinyin yuánzhùmín, W.-G. yüan2chu4min2 ‚Ureinwohner‘) ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen austronesischen Ureinwohnerstämme auf der Insel Taiwan. Von der taiwanischen Regierung werden heute 16 Ureinwohnervölker offiziell anerkannt.[1] Die indigenen Völker haben heute nur noch einen Anteil von etwa zwei Prozent an der Gesamtbevölkerung Taiwans (Juni 2016: 549.679 Menschen).[2]

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früher wurden die Ureinwohner Taiwans von der Han-Bevölkerung als „Fan“ (chinesisch ) bezeichnet, einer der zahlreichen chinesischen Begriffe, die etwa dem westlichen Wort „Barbaren“ entsprechen. Während der japanischen Besatzungszeit wurde das Schriftzeichen 蕃 (Fan) verwendet, das die gleiche Bedeutung hat. Damalige japanische Ethnologen unterteilten die Ureinwohner Taiwans in neun ethnische Gruppen. Heute hat sich in der Republik China auf Taiwan die Sammelbezeichnung yuanzhu min (chinesisch 原住民 ‚Ureinwohner‘) durchgesetzt. Seit den 1950er Jahren waren auch Begriffe wie shandi tongbao (chinesisch 山地同胞), tuzhu minzu (chinesisch 土著民族 ‚Eingeborenen-Völker‘), xianzhu min (chinesisch 先住民 ‚Ersteinwohner‘) und gaoshan zu (chinesisch 高山族 ‚Völker der hohen Berge‘) üblich.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herkunft der Ureinwohner und der Zeitpunkt ihrer Besiedlung Taiwans sind bis heute umstritten. Die Mehrzahl der Linguisten, Historiker und Ethnologen vertritt aber die Ansicht, dass der Ursprung der Austronesier, zu deren Sprachfamilie auch die Ureinwohner Taiwans zählen, auf dem südostasiatischen Festland (heutiges Südchina und Vietnam) war. Ganz sicher hat es mehrere Einwanderungsschübe gegeben, die vor ca. 4000 Jahren, also im 3. Jahrtausend v. Chr. endeten. Der Ethnologe Ling Chunsheng (凌純聲) beschrieb 1954 kulturelle Parallelen zwischen den Minyue, einem Zweig der Yue-Völker, der in vorchristlicher Zeit im Gebiet der heutigen Provinz Fujian lebte, und den Ureinwohnern Taiwans. Er schloss daraus, dass letztere Nachfahren der Minyue seien. Die Entwicklung verlief sicherlich nicht derart einlinig, aber ein Einfluss der Yue-Völker auf die Ethnogenese der frühen Bevölkerung Taiwans ist nicht von der Hand zu weisen.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tuschezeichnung eines Ureinwohners von Formosa durch den Ostasienreisenden Caspar Schmalkalden (1650)

Ab etwa dem 5. bis 3. vorchristlichen Jahrtausend wurde Taiwan durch Menschen besiedelt, die zu den Ethnien gehörten, die heute unter dem Überbegriff „Austronesier“ zusammengefasst werden, und zu denen auch die Bewohner der heutigen Philippinen, Indonesiens, Malaysias, Ozeaniens und Madagaskars gehören. Diese Völker lebten im wesentlichen in Stammesgesellschaften als Jäger und Sammler, ohne eine Schriftkultur zu entwickeln oder ein übergreifendes Staatswesen zu bilden. Lange Zeit, bis ins 20. Jahrhundert hinein, hielten sich archaische Traditionen wie beispielsweise die Kopfjagd.

Den ersten tiefgreifenden Kontakt zur weiteren Außenwelt bildeten die Begegnungen mit europäischen Seefahrern und Eroberern ab dem frühen 17. Jahrhundert. Dies waren vor allem die Niederländer, die Formosa, wie die Insel zeitgenössisch hieß, von 1624 bis 1662 teilweise kontrollierten. Für die Niederländische Ostindien-Kompanie war Formosa vor allem wichtig als Handelsstation im Handel mit China und Japan. Unter niederländischer Herrschaft wurde eine erste Bibelübersetzung in eine einheimische Sprache (Siraya) angefertigt. Schon vor Ankunft der Europäer gab es vermutlich Handelsaustausch mit China. Die niederländische Kolonialverwaltung förderte zusätzlich die Einwanderung chinesischer Siedler. Im Jahr 1661 landete der chinesisch-japanische Seräuber und Armeeführer Zheng Chenggong (Koxinga) auf der Insel und vertrieb die Niederländer. Danach geriet die Insel nach der Unterwerfung der Nachkommen Zhengs unter die Kontrolle der Qing-Dynastie und in den folgenden Jahrhunderten nahm der Anteil der Chinesen an der Bevölkerung immer weiter zu. Die indigene Bevölkerung wurde zunehmend ins gebirgige Landesinnere abgedrängt.

Nach dem Vertrag von Shimonoseki 1895, der den japanisch-chinesischen Krieg von 1894/95 beendete, kam Taiwan unter japanische Herrschaft. Die Japaner unterdrückten rigoros jede Aufstandsbewegung auf Taiwan, förderten jedoch auch die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Taiwan 1945 wieder zu China. Die Eingeborenenkulturen wurden intensiv wissenschaftlich studiert und es wurden Versuche unternommen, sie an die japanische Kultur anzugleichen bzw. den Führungspersonen der Eingeborenen ein japanisches Werte-Ethos zu vermitteln.

Nach dem verlorenen Bürgerkrieg verlegte die Regierung der Republik China 1949 ihren Sitz nach Taiwan. Sie verwendete zunächst den Begriff 山地族 shandi zu (Berglandvölker). Erst seit dem Jahr 1994 werden die Ureinwohner auch in der Verfassung der Republik China offiziell als solche erwähnt. Nach der Verfassungsreform im Jahre 2000 werden sie „Völker der Ureinwohner“ genannt und sind mit dem Status von Nationalitäten ausgestattet.

Am 1. August 2016 entschuldigte sich die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen vor Vertretern der 16 offiziell anerkannten Ureinwohner-Völker für Jahrhunderte der Unterdrückung und Missachtung ihrer Kultur. Die Ureinwohner seien in den letzten 400 Jahren durch die Einwanderer und Machthaber vom Festland gewaltsam ihrer Rechte und ihres Landbesitzes beraubt worden. Eine einfache Entschuldigung reiche nicht aus, um dieses Unrecht wiedergutzumachen. Die Präsidentin kündigte an, eine historische Kommission zur Untersuchung der Geschichte der indigenen Völker einzusetzen und versprach diesen größere Rechte bei ihrer Selbstverwaltung sowie Unterstützung zur Bewahrung ihrer Sprache und Kultur. Dies war die erste derartige Erklärung eines taiwanischen oder chinesischen Staatsoberhaupts.[4]

Die 16 offiziell anerkannten Ureinwohner-Völker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ungefähre Siedlungsgebiete der indigenen Völker

Folgende 16 ethnische Minderheiten werden offiziell als indigene Völker (einschließlich Untergruppen) anerkannt (rechts die chinesische Bezeichnung):

  • die Ami ('Amis, Ami, Pangcah) 阿美族 Amei zu;
  • die Atayal (Tayal, Tayan) 泰雅族 Taiya zu;
  • die Bunun 布農族 Bunong zu;
  • die Hla’alua 拉阿魯哇族 Laaluwa zu;
  • die Kanakanavu 卡那卡那富族 Kanakanafu zu;
  • die Kavalan 噶瑪蘭族 Gamalan zu, auch 卡瓦蘭族 Kawalan zu;
  • die Paiwan 排灣族 Paiwan zu;
  • die Puyuma 卑南族 Beinan zu, auch Pinuyumayan 漂馬族 Piaoma zu genannt;
  • die Rukai 魯凱族 Lukai zu, auch Tsarisen, Tsalisen oder Salisen genannt;
  • die Saisiyat 賽夏族 Saixia zu, auch Saisiat transkribiert;
  • die Sakizaya (Sakiraya) 撒奇萊雅族 Sāqíláiyǎ zú;
  • die Sediq 塞德克 Saideke.
  • die Tau 達悟族 Dawu zu, früher auch Yami 雅美族 Yamei zu genannt;
  • die Thao 劭族 Shaozu;
  • die Truku (Taroko) 太魯閣族 Tailuge zu;
  • die Tsou 鄒族 Zouzu, auch 曹族 Caozu;

Die Amis, Kavalan und Tsou sind Stammesgesellschaften aus dem Flachland, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in die Berge geflüchtet haben.

Zehn nicht offiziell anerkannte Völker Taiwans[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Gruppen werden auf Taiwan unter der Bezeichnung Pingpu (Peipo) 平埔族 Pingpu zu (Völker der Ebenen) zusammengefasst. Sie sind sehr stark von der dominierenden Kultur der seit dem 17. Jahrhundert eingewanderten Han-Chinesen assimiliert worden und ihre Sprachen sind so gut wie ausgestorben. Gegenwärtig streben zehn Pingpu-Völker (z.T. mit Untergruppen) nach offizieller Anerkennung; es sind dies:

  1. die Ketagalan 凱達格蘭族 Kaidagelan zu;
    • Basay 馬賽人 Masai ren;
    • Trobian 多囉美人 Duoluomei ren;
    • Luilang 雷朗人 Leilang ren;
  2. die Taokas 道卡斯族 Daokasi zu;
  3. die Pazeh 巴則海族 Bazehai zu, auch 拍宰海族 Paizaihai zu oder 巴宰族 Bazai zu;
  4. die Kakabu (Kaxabu, Kahabu) 噶哈巫族 Gahawu zu (galten früher als Untergruppe der Pazeh);
  5. die Papora (Papura) 巴布拉族 Babula zu, auch 拍瀑拉族 Paipula zu;
    • Favoran 費佛朗人 Feifolang ren;
  6. die Babuza (Bapuza) 巴布薩族 Babula zu, auch 貓霧族 Maowu zu;
  7. die Hoanya 洪雅族 Hongya zu, auch 和安雅族 He'anya zu oder 洪安雅族 Honganya zu;
    • Arikun 阿立昆人 Alikun ren;
    • Lloa 羅亞人 Luoya ren;
  8. die Siraya 西拉雅族 Xilaya zu;
  9. die Makatao (Makalao, Makattao) 馬卡道族 Makadao zu (galten früher als Untergruppe der Siraya);
  10. die Tavorlong (Taivoan) 大武壟族 Dawulong zu, früher auch 四社熟番 Sishe shufan (galten früher als Untergruppe der Siraya);

Von den Qaugaut 猴猴人 Houhou ren scheint es keine Nachfahren mehr zu geben, die sich ihrer Abstammung noch bewusst sind.

Ureinwohner Taiwans in der Volksrepublik China[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Volksrepublik China zählt die Ureinwohner Taiwans als eine ihrer 56 Nationalitäten, die offiziell anerkannt sind. Sie werden dort als „Gaoshan“ (chinesisch 高山族, Pinyin Gāoshān zú ‚Volk der Hohen Berge‘) bezeichnet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tonio Andrade: How Taiwan Became Chinese. Dutch, Spanish, and Han Colonization in the Seventeenth Century. Columbia University Press, New York NY 2007, ISBN 978-0-231-12855-1, online.
  • Chi-lu Chen: Material Culture of the Formosan Aborigines. Taipei 1968.
  • Huixiang Lin: Taiwan Fanzu zhi yuanshi wenhua. (Die Urkultur der Wilden Taiwans). Shanghai 1930.
  • Ingo Nentwig: Die Ureinwohner Taiwans. Leipzig 1997. ISBN 3-910031-21-8.
  • Michael Rudolph: Taiwans multi-ethnische Gesellschaft und die Bewegung der Ureinwohner. Münster 2003.
  • Josiane Cauquelin: "Ritual texts of the last traditional practitioners of Nanwang Puyuma". Institute of Linguistics, Academia Sinica. Taipei 2008, ISBN 978-986-01-4728-5
  • Sonja Peschek (Hrsg.): "Die indigenen Völker Taiwand. Vorträge zur Geschichte und Gesellschaft Taiwans". Peter Lang, Frankfurt a.M. 2012, ISBN 978-3-631-61959-9
  • Anton Quack: "Das Wort der Alten. Erzählungen zur Geschichte der Pujuma von Katipol (Taiwan)". Haus Völker und Kulturen, Sankt Augustin 1981, ISBN 3-921-389-66-6 (Collectanea Instituti Anthropos, 12)
  • Dominik Schröder und Anton Quack: "Kopfjagdriten der Puyuma von Katipol (Taiwan). Eine Textdokumentation". Haus Völker und Kulturen, Sankt Augustin 1979, ISBN 3-921389-06-2 (Collectanea Instituti Anthropos, 11)
  • Coe, Michael D.: "Recommendations for Standardazing Formosan Tribal Names". In: "American Anthropologist" Vol. 56 (1954), S. 1090-1092.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Indigene Völker Taiwans – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gov't officially recognizes two more aboriginal tribes, The China Post, 27. Juni 2014
  2. http://www.apc.gov.tw/portal/docDetail.html?CID=940F9579765AC6A0&DID=0C3331F0EBD318C22B07825E23DCAE7B Webseite des Council of Indigineous Peoples
  3. Nentwig, 1997, S. 5
  4. Taiwan president gives first apology to indigenous groups. BBC News, 1. August 2016, abgerufen am 1. August 2016 (englisch).