Ines Geipel

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Ines Geipel (2004)

Ines Geipel, auch Ines Schmidt (* 7. Juli 1960 in Dresden) ist eine deutsche Leichtathletin und Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Geipel ist Stasi-Opfer und Opfer des staatlich verordneten Dopings im DDR-Leistungssport und in der Aufarbeitung des Zwangsdoping-Systems tätig, beschäftigt sich aber auch schwerpunktmäßig mit den Hintergründen jugendlicher Amokläufe.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie wuchs in Dresden auf. Im Jahr 1974 schickten sie ihre Eltern nach Thüringen auf die Internatsschule in Wickersdorf, eine „Spezialschule mit erweitertem Russischunterricht“, die dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit einem Patenschaftsvertrag verbunden war. Dass ihr Vater für das MfS in Westdeutschland im Einsatz war, erfuhr Geipel erst in den späten 1990er Jahren.[1] Ab 1977 betrieb sie Leistungssport beim SC Motor Jena und war Anfang der 1980er Jahre Mitglied der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft. 1984 stellte sie, damals unter dem Namen Ines Schmidt, gemeinsam mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr als Staffel des SC Motor Jena in Erfurt mit 42,20 s den bis heute bestehenden Vereins-Weltrekord über 4 × 100 Meter auf.[2] Nachdem sie sich 1984 in einem Vorbereitungslager auf die Olympischen Spiele in einen mexikanischen Geher verliebt hatte, wollte sie aus der DDR fliehen. Ihre Fluchtpläne wurden jedoch von der Staatssicherheit vereitelt und Ines Geipel fortan mit Zersetzungsmaßnahmen belegt.[3] Der Speerwerfer und spätere Trainer beim SC Motor Jena, Jürgen Falkenthal, bespitzelte Geipel als Führungs-IM (inoffizieller Mitarbeiter) mit dem Decknamen „Ilja Vogelberg“.[4] Bei einer Blinddarmoperation 1984 wurde ihr im Stasi-Auftrag der gesamte Bauch samt Muskulatur durchschnitten.[5] So musste sie im Jahr 1985 ihre Sportler-Karriere abbrechen und begann ein Germanistikstudium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Eine Dissertation wurde ihr ebenso wie eine berufliche Perspektive wegen ihrer Kontakte zur Jenaer Opposition verweigert.[3] Im Sommer 1989 floh Geipel über Ungarn aus der DDR und ging nach Darmstadt, wo sie an der Technischen Universität ein Magisterstudium der Philosophie absolvierte. Seit 2001 ist sie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Professorin für Deutsche Verssprache.[6]

Wie etwa 12.000 Sportler in der DDR,[7] davon auch viele unwissentlich, war Geipel in das System des organisierten Dopings einbezogen.[8] Im Jahr 2000 war Geipel Nebenklägerin im Berliner Hauptprozess um das DDR-Zwangsdoping, in dem der einstige DTSB-Chef Manfred Ewald wegen Beihilfe zur Körperverletzung in zwanzig Fällen zu einer Freiheitsstrafe zur Bewährung verurteilt wurde.[9][10] Das Urteil wurde vom Bundesgerichtshof bestätigt, der das Zwangsdoping als mittelschwere Kriminalität einstufte. Geipel wurde daher vom Bundesverwaltungsamt als Doping-Opfer anerkannt.[11] Am 28. Juli 2005 bat die ehemalige Athletin den Deutschen Leichtathletik-Verband um Streichung ihres Namens aus der Rekordliste, da sie ihren Rekord nur durch unfreiwillige Einbindung in das ostdeutsche Zwangsdopingsystem erreicht habe und er das Resultat einer Körperverletzung sei. Der Verband stand diesem Ansinnen anfangs ablehnend gegenüber. Im Mai 2006, nach Androhung von juristischen Schritten durch Geipel, wurde ihr Name durch ein Sternchen ersetzt.[2][12]

Ines Geipel wurde 2011 wegen ihres Engagements für in der DDR unterdrückte Literatur und für ihre Aufarbeitung des DDR-Zwangsdoping-Systems samt Entschädigung der Doping-Opfer mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.[13] Seit 2013 ist sie Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe.

2014 gehörte sie zu den Unterzeichnern des „Offenen Briefs Kulturschaffender in Deutschland zum Krieg in Gaza“, der am 1. August 2014 veröffentlicht wurde.[14]

Literarische Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ines Geipel begann ihre schriftstellerische Karriere 1996 mit der Herausgabe von Inge Müllers Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Um diesen Band gab es Streit. Nach Abnahme des Manuskriptes forderte der Aufbau Verlag von der Herausgeberin, zwei Texte von Wolf Biermann aus dem Band zu streichen. Ines Geipel widersetzte sich dieser Forderung. Der Band erschien mit einem zweiten Nachwort, das die Debatte klarstellte, und wurde nach nur einer Auflage vom Markt genommen. Die öffentliche Kontroverse um das Buch, die Sicherung des weit zerstreuten Nachlasses wie auch die 2002 erschienene Inge-Müller-Biografie von Geipel verhalfen der Berlinerin zu einer umfassenden Rezeption als gesamtdeutsche Dichterin. Im Jahre 1999 gab Ines Geipel den Band Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen in der frühen DDR: Susanne Kerckhoff, Eveline Kuffel, Jutta Petzold, Hannelore Becker heraus. Dieser wie auch die Arbeiten zu Inge Müller bildeten den Fundus für das 2001 gegründete „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR[15], das die Autorin gemeinsam mit ihrem Schriftstellerkollegen Joachim Walther aufgebaut hat und das mittlerweile über 100 Vor- und Nachlässe von in der DDR unveröffentlicht gebliebenen Autoren umfasst. Das Archiv wird seit 2005 durch die Edition „Die verschwiegene Bibliothek“, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M., ergänzt, deren Herausgeber Ines Geipel und Joachim Walther sind.[16]

Ebenfalls 1999 erschien Geipels erster Roman Das Heft. Antje Rávic Strubel schrieb über ihn: „Wenn Kafka und Herta Müller je ein Buch zusammen geschrieben hätten, dann so eins.“[17] 1999 erschien außerdem der Gedichtband Diktate. 2001 veröffentlichte Geipel Verlorene Spiele. Journal eines Doping-Prozesses. Das Buch spielte eine maßgebende Rolle bei der Befürwortung des Entschädigungsfonds für im DDR-Sport Geschädigte, der noch im selben Jahr in Höhe von zwei Millionen Euro vom Bundestag beschlossen wurde. Geipels Inge-Müller-Biografie Dann fiel auf einmal der Himmel um aus dem Jahr 2002 erntete viel Lob.

2004 erschien ihre heftig umstrittene „literarische Dokumentation“ Für heute reicht’s. Amok in Erfurt.[18] Das Buch warf Fragen zur Aufklärung des Schulmassakers in Erfurt auf und den Sicherheitskräften Versagen, den Rettungskräften wenig Professionalität während des Einsatzes in der Schule vor.[19] Die von der thüringischen Landesregierung eingesetzte Gasser-Kommission kam jedoch zu dem Ergebnis, dass sich die Darstellung der Ermittlungsbehörden weitgehend bestätigt habe. Es gab zwar Mängel bei der Kommunikation zwischen den Einsatzkräften und Versäumnisse, Vorbereitungen für den SEK-Einsatz zu treffen, doch letztlich blieben diese ohne schwere Folgen.[20] Die Kommission stellte zudem klar, dass in diesem Buch hinsichtlich „dessen Ego-Shooter-Aktivitäten ein […] nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmendes Bild von Robert Steinhäuser gezeichnet wird“ und dass „an dieser Stelle ohne gesichertes Faktenwissen offensichtlich ins Blaue hinein geschrieben wurde“; ein Freund von Steinhäuser „kenne niemanden aus dem nahen Umfeld von Robert Steinhäuser, mit dem die Autorin gesprochen habe.“[21] 2012 folgte Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens über weitere Amokläufe zwischen 1996 und 2011: Port Arthur, Emsdetten, Winnenden und Utøya. Nach dem Amoklauf eines Jugendlichen 2016 in München wies Geipel insbesondere darauf hin, dass wir „über die Idealitätskrankheit dieser jungen Männer sprechen“ sollten und erkannte auch hier Parallelen zu früheren Amokläufen.[22]

2005 erschien ihr zweiter Roman Heimspiel, eine Fluchtgeschichte. Die Welt schrieb: „Ein Buch des Abschieds, fast eine Elegie auf eine schmerzhafte, schmerzende Heimat, vor brillanten Bildern überbordend.“

2009 erschien Geipels Buch Zensiert, verschwiegen, vergessen über die Lebensbilder von zwölf zur Zeit der DDR verfemten Autorinnen, von denen zwei unter den Haftbedingungen im Zuchthaus Hoheneck zugrunde gingen.[23][24]

2015 erschien in Zusammenarbeit mit Joachim Walther das Buch Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989. Das Buch dokumentiert das „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“.[25]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele (Autor)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Susanne Hochreiter: Joining in the Conversation. Bemerkungen zu Aufgaben und Haltungen der Biographik anlässlich Ines Geipels Versuch über Inge Müller. In: Christian von Zimmermann, Nina von Zimmermann (Hrsg.): Frauenbiographik. Lebensbeschreibungen und Porträts (= Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 63). Narr, Tübingen 2005, ISBN 3-8233-6162-7, S. 287–310.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ines Geipel: Vom Sprinten zum Schreiben. Fernseh-Porträt von Radio Bremen für arte, 2008.
  • Einzelkämpfer (2013): Dokumentarfilm über vier Spitzensportler der ehemaligen DDR, darunter Ines Geipel. Filmpremiere auf der Berlinale 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ines Geipel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Information zu Ines Geipel in einem Projekt der Nemetschek Stiftung, 2016
  2. a b Andreas Schirmer: Doping-Bestmarke aus der DDR. Sprinterin lässt Rekord löschen. In: www.n-tv.de, 6. Mai 2006.
  3. a b ZOV Sportverräter – Spitzenathleten auf der Flucht. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung. Zentrum Deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg e. V., Berlin 2011, S. 26.
  4. Gegen die Nebelwand, Der Spiegel, 24. April 2006
  5. http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/doping/ines-geipel-der-schrecken-steht-mitten-im-raum-1621434.html
  6. Auskunft der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«
  7. Joscha Weber: Geipel: „Doping of minors is a form of child abuse“. In: www.bpb.de, 16. August 2013.
  8. Ilko-Sascha Kowalczuk: „Ich habe ein behindertes Kind“ – DDR-Doping und die Folgen. In: www.bpb.de, 30. September 2005.
  9. Ines Geipel: Verlorene Spiele. Journal eines Doping-Prozesses. Berlin 2001, S. 152.
  10. Der Prozess. In: Spiegel Online, 18. Juli 2000.
  11. Geipel verlangt Rente für DDR-Doping-Opfer (Memento vom 20. Februar 2009 im Webarchiv archive.is). In: www.sportal.de, abgerufen am 11. Februar 2016.
  12. Stichtag 5. Mai 2006 – Ines Geipel erzwingt Streichung aus Rekord-Liste. In: www1.wdr.de, 5. Mai 2011, abgerufen am 11. März 2016.
  13. Hohe Ehrung für Ines Geipel. In: Thüringische Landeszeitung, 16. Juli 2011.
  14. http://www.gazaopenletter.de/
  15. Projekt „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, abgerufen am 11. März 2016.
  16. Publikationen der Reihe Die verschwiegene Bibliothek. In: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de, abgerufen am 11. März 2016.
  17. Und was verschenken Sie? Zehn Schriftsteller plaudern ihr Weihnachtsgeheimnis aus, hier: Antje R. Strubel. In: www.welt.de, 15. Dezember 2001.
  18. Rezensionsnotizen zu Für heute reicht’s. Amok in Erfurt bei perlentaucher.de (Januar/Februar 2004).
  19. Torsten Harmsen: „Für heute reicht’s“: Ines Geipels „literarisches Sachbuch“ über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium: Finales Rettungs-Chaos. In: Berliner Zeitung, 2. Februar 2004.
  20. Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium des Landes Thüringen, S. 292f. Abgerufen am 16. November 2015 (PDF; 2,97 MB).
  21. Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium des Landes Thüringen, S. 338. Abgerufen am 16. November 2015 (PDF; 2,97 MB).
  22. Ines Geipel im Gespräch mit Änne Seidel: Gewaltprävention: „Unterscheidung von Terror und Amok wirkungslos“. Deutschlandfunk, 24. Juli 2016, abgerufen am 24. Juli 2016
  23. Martin Straub: Unter der Decke des DDR-Alltags. In: Thüringische Landeszeitung. 3. Juni 2009.
  24. Sabine Brandt: Zum Schweigen gebracht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14. Juli 2009.
  25. Projekt „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“. In: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de, abgerufen am 11. März 2016 (zu Projektablauf [Initiatoren Ines Geipel und Joachim Walther], Motivation und Kriterien zur Aufnahme)
  26. Udo Scheer: Ines Geipel: Verlorene Spiele. Journal eines Dopingprozesses. In: Deutschlandfunk, 23. April 2001 (Rezension).