Infliximab

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Infliximab
Masse/Länge Primärstruktur 144,2 kDa
Bezeichner
Externe IDs
Arzneistoffangaben
ATC-Code L04AB02
DrugBank DB00065
Wirkstoffklasse Immunsuppressivum, Monoklonaler Antikörper

Infliximab ist ein chimärer monoklonaler Antikörper. Infliximab ist gegen den Tumor-Nekrose-Faktor α (TNFα) gerichtet und wird daher auch als TNF-Blocker bezeichnet.[1]

TNFα ist bei Erkrankungen des rheumatoiden Formenkreises von zentraler Bedeutung, er beeinflusst eine Vielzahl von Signalsystemen des Immunsystems.

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Therapie mit Infliximab ist bei folgenden Krankheiten in der Europäischen Union zugelassen:

Infliximab wird bei schweren Verläufen eingesetzt und/oder wenn konventionelle Therapien (z. B. NSAR, Glukokortikoide, Methotrexat) bei Patienten nicht ausreichend wirksam waren. Infliximab ist ein Immunsuppressivum und wird zumeist (außer bei Morbus Bechterew) zusammen mit Methotrexat verabreicht.[1] Es wird normalerweise mit 5 mg je kg Körpergewicht dosiert und in Kochsalzlösung aufgelöst intravenös verabreicht.

Entwicklung und Vermarktung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1989 entwickelten Junming Le und Jan Vilcek von der New York University School of Medicine den monoklonalen Antikörper gegen TNFα.[2] 1998 erteilte die FDA die Zulassung für Remicade für die Indikation Morbus Crohn. Ein Jahr später folgte die Zulassung in der Europäischen Union.
2001/2002 sorgte Remicade für Aufsehen in der Fachwelt, nachdem 202 Todesfälle im direkten Zusammenhang mit Infliximab bekannt wurden.[3] Seitdem gelten erhöhte Vorsichtsmaßnahmen, wie z. B. Ausschluss von Tuberkulose vor Behandlungsbeginn.
Die Behandlung ist sehr teuer. Janssen Biotech vertreibt Remicade in Amerika, Mitsubishi Tanabe in Japan, Xian Janssen in China, sowie MSD (ehemals von Schering-Plough resp. Essex Pharma) in Europa und in der restlichen Welt. Im September 2013 wurde das erste Infliximab-Biosimilar („Biogenerikum“) für Europa zugelassen,[4] im Februar 2015 kam es in Deutschland auf den Markt: Remsima und Inflectra sind Bioidenticals, also aus dem gleichen Herstellungsprozess der Firma Celltrion und werden in Deutschland von Hospira vermarktet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Therapie mit TNFα-Blockern hat die Möglichkeiten der Behandlung der rheumatoiden Arthritis zu Anfang des 21. Jahrhunderts deutlich verbessert. Mit fortschreitender Erfahrung im Einsatz von anti-TNFα-Präparaten beginnen Rheumatologen, Gastroenterologen und Dermatologen immer häufiger dem Anspruch auf Remission gerecht zu werden. In der rheumatoiden Arthritis bewies die BeSt-Studie[5] den Vorteil einer frühen, aggressiven Kombinationstherapie unter enger ärztlicher Kontrolle. Die 4-Jahresdaten aus dieser Studie[6] zeigten, dass der Anspruch auf Remission, in einigen Fällen sogar auf therapiefreie Remission, mittlerweile gerechtfertigt ist.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die variable, antigenbindende Region macht ca. 30 % aus und ist der murine (Maus) Anteil, während die konstante Region mit der Effektorfunktion ca. 70 % ausmacht und menschlichen Ursprungs ist. Der konstante Bereich der schweren Kette ist einem IgG1-Antikörper entnommen und die leichte Kette ist durch eine κ-Kette repräsentiert.[7]

Pharmakologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Antikörper wird als intravenöse Infusion über zwei Stunden oder länger verabreicht. Nach Erstinfusion müssen die Folgeinfusionen darauf folgend nach 2 Wochen und 6 Wochen, später in der Regel – je nach Wirkung – regelmäßig nach 8 Wochen wiederholt werden. Bei sorgfältig ausgewählten Patienten, die mindestens 3 initiale 2-stündige Remicade-Infusionen (Induktionsphase) vertragen haben und eine Erhaltungstherapie bekommen, kann eine Verabreichung nachfolgender Infusionen über einen Zeitraum von nicht weniger als 1 Stunde erwogen werden.[1]

Infliximab verteilt sich sofort im Gefäßsystem (Systemic Immediate Release = SIR), wo es noch bis zu 8 Wochen später nachweisbar ist. Dort blockiert er die TNFα-gesteuerte Freisetzung von entzündungsauslösenden Botenstoffen (Zytokine) und führt somit in vielen Fällen nach zwei Wochen zu einer deutlichen Reduktion der Entzündungen. Da der Antikörper ein chimäres Produkt aus menschlichem und tierischem Protein (Mensch/Maus) ist, können Überempfindlichkeitsreaktionen auftreten. Auch infusionsbedingte Reaktionen wie Fieber, Hautausschlag mit Juckreiz, Schüttelfrost, Atemnot und Brustschmerzen sind möglich. Dabei scheint weniger die murine Herkunft des variablen Anteils eine Rolle zu spielen, als vielmehr das Muster der posttranslationalen Glykosylierung und andere produktionsbedingte Einflüsse: Der Herstellungsprozess findet in einer murinen Myelomzelllinie statt. Bei allen Herstellungsprozessen biologischer Präparate in Zellkulturen werden die entstehenden Proteine anders modifiziert als in unbehandelten menschlichen Zellen. Als Konsequenz werden in Zellkulturen, wie beispielsweise in den bei gentechnologischen Produktionsprozessen häufig verwendeten chinesischen Hamster-Ovarialzellen (CHO-Zellen), die gebildeten Proteine nach anderen Mustern mit Zuckerresten ausgestattet als in unbehandelten menschlichen Zellen. Aber auch die Glykosylierungsmuster zwischen zwei menschlichen Individuen können stark voneinander abweichen, was beispielsweise zu Transplantatabstoßung bei Organspende führen kann. Insofern weisen auch Präparate aus gentechnisch hergestellten Vollhumanproteinen ähnliche Immunogenität wie chimäre Proteine auf.[8] Eine mögliche unerwünschte Infusionsreaktion kann durch vorangehende Verabreichung von Glukokortikoiden, Antihistaminika und/oder Antiphlogistika wirksam abgeschwächt oder sogar verhindert werden.[9]

Da Infliximab Immunreaktionen beeinflusst und unter der Behandlung unter anderem latente Tuberkulose wiederaufflammen kann, muss der Behandlung ein Test auf TBC vorangehen, der negativ sein muss. Auch muss während der gesamten Behandlungsdauer das Blutbild überwacht werden. Weitere Informationen, insbesondere zu Nebenwirkungen, sind unter den unten angegebenen Links zu finden.[10][11][12]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infliximab hat von allen TNF-alpha-Blockern die höchste Rate an anaphylaktischen Reaktionen. Dies ist auf die Herstellungsart zurückzuführen, da es sich bei Infliximab nicht um ein Humanprotein handelt, sondern um einen chimären Antikörper (Endung -ximab), d. h. der variable Teil des Antikörpers ist Mausprotein.[13][14][15]

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Remicade (MSD)

Inflectra (Hospira) resp. Remsima (Celltrion) sind die Handelsnamen für das seit 2013 als Biosimilar zugelassene Infliximab.

Flixabi (ebenfalls ein Biosimilar) von Samsung Bioepis ist seit 2016 in EU zugelassen.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Remicade: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Stand: November 2009 (PDF; 360 kB) auf der Website der Europäischen Arzneimittelagentur EMEA.
  2. Remicade Co-Inventor And NYU Professor Of Microbiology Jan Vilcek, Pledge To NYU School Of Medicine, 12. August 2005.
  3. Infliximab: Änderung der Zulassung, Dtsch Arztebl 2002; 99(6): A-320 / B-256 / C-244.
  4. Hospira’s Inflectra (infliximab) the first biosimilar monoclonal antibody to be approved in Europe
  5. Goekoop-Ruiterman YP, de Vries-Bouwstra JK, Allaart CF, u. a.: Clinical and radiographic outcomes of four different treatment strategies in patients with early rheumatoid arthritis (the BeSt study): a randomized, controlled trial. (pdf) In: Arthritis Rheum. 52, Nr. 11, November 2005, S. 3381–3390. doi:10.1002/art.21405. PMID 16258899.
  6. van der Kooij SM, de Vries-Bouwstra JK, Goekoop-Ruiterman YP, u. a.: Patient-reported outcomes in a randomized trial comparing four different treatment strategies in recent-onset rheumatoid arthritis. In: Arthritis Rheum.. 61, Nr. 1, Januar 2009, S. 4–12. doi:10.1002/art.24367. PMID 19116965.
  7. Theo Dingermann, Angelika Vollmar: Immunologie - Grundlagen und Wirkstoffe. WVG, Stuttgart 2005, ISBN 3-8047-2189-3.
  8. Fleischmann R, Shealy D: Developing a new generation of TNFalpha antagonists for the treatment of rheumatoid arthritis. In: Mol. Interv.. 3, Nr. 6, September 2003, S. 310–318. doi:10.1124/mi.3.6.310. PMID 14993463.
  9. Augustsson J, Eksborg S, Ernestam S, Gullström E, van Vollenhoven R: Low-dose glucocorticoid therapy decreases risk for treatment-limiting infusion reaction to infliximab in patients with rheumatoid arthritis. In: Ann Rheum Dis. 66, Nr. 11, November 2007, S. 1462–1466. doi:10.1136/ard.2007.070771. PMID 17502359.
  10. Gardam MA, Keystone EC, Menzies R, u. a.: Anti-tumour necrosis factor agents and tuberculosis risk: mechanisms of action and clinical management. In: Lancet Infect Dis. 3, Nr. 3, März 2003, S. 148–155. PMID 12614731.
  11. Keane J, Gershon S, Wise RP, u. a.: Tuberculosis associated with infliximab, a tumor necrosis factor alpha-neutralizing agent. In: N. Engl. J. Med.. 345, Nr. 15, Oktober 2001, S. 1098–1104. PMID 11596589.
  12. Mohan AK, Coté TR, Block JA, Manadan AM, Siegel JN, Braun MM: Tuberculosis following the use of etanercept, a tumor necrosis factor inhibitor. In: Clin. Infect. Dis.. 39, Nr. 3, August 2004, S. 295–299. doi:10.1086/421494. PMID 15306993.
  13. ww.pharmazeutische-zeitung.de
  14. Pharmakologie und Toxikologie, Thieme Verlag
  15. Ankylosierende Spondylitis: Morbus Bechterew, Wolfgang Miehle, RHEUMAMED
  16. Se Young Lee: Samsung Bioepis receives final European approval for its Remicade copy. Reuters, 30. Mai 2016, abgerufen am 29. September 2016 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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