Inge Meysel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Inge Meysel
Berlin-Schöneberg, Heylstraße 29. Inge Meysel hatte dort bis 1999 im Erdgeschoss eine Wohnung
Grab von Inge Meysel auf dem Friedhof Ohlsdorf (2011)
Berliner Gedenktafel am Haus, Heylstraße 29, in Berlin-Schöneberg

Inge Meysel (* 30. Mai 1910 in Rixdorf, heute Berlin-Neukölln; † 10. Juli 2004 in Seevetal-Bullenhausen) war eine deutsche Schauspielerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schauspielerin in Theater und Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tochter des deutschen jüdischen Kaufmanns Julius Meysel und seiner dänischen Frau Margarete Hansen beendete mit 17 Jahren vorzeitig die Schule[1] und begann 1930 ihre Theaterkarriere in Zwickau, Berlin und Leipzig. Zum ersten Mal stand Inge Meysel im Alter von drei Jahren in der Oper Hänsel und Gretel als Engel auf der Bühne. Ihr Debüt gab sie 1930 in Zwickau in der Erstaufführung von Penzoldts Etienne und Luise.

In der Zeit von 1933 bis 1945 hatte Inge Meysel als „Halbjüdin“ Auftrittsverbot. Ein religiöses Bekenntnis der Schauspielerin ist jedoch nicht dokumentiert.[2] Meysel ging in die noch Freie Stadt Danzig und arbeitete als Telefonistin und technische Zeichnerin.

Inge Meysels Vater wurde enteignet und überlebte die Zeit bis 1945 in einem Kellerversteck, nachdem er durch Glück einem Deportationsversuch entgangen war: Reinhard Heydrich persönlich ordnete seine Freilassung als Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges an.

1945 kam die 35-Jährige zu Willy Maertens ans Thalia Theater in Hamburg.

Die Rolle, die ihr 1959 den Beinamen „Mutter der Nation“ einbrachte, sollte ursprünglich Grethe Weiser spielen: Fenster zum Flur hieß das Berliner Volksstück, in dessen Zentrum die Portierfrau Anni Wiesner stand[3] und das 1961 auch als Ihr schönster Tag mit Meysel verfilmt wurde. Ab den 1960er Jahren stand bei Inge Meysel das Fernsehen im Mittelpunkt. Bekannt wurde sie vor allem in der Rolle der Käthe Scholz in der Fernsehserie Die Unverbesserlichen (1965 bis 1971). Auch mit der Fernsehserie Gertrud Stranitzki (1965) wurde die Popularität der Schauspielerin Inge Meysel enorm gesteigert. In dieser Unterhaltungsserie aus der Feder von Curth Flatow spielte sie eine Schneidermeisterin, die sich nicht nur um ihren Ehemann, sondern auch um die Mitarbeiter und Kunden kümmert.

Gesellschaftspolitisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte Inge Meysel 1925 mit einer Rede gegen die Todesstrafe auf einer Kundgebung der Berliner Jungdemokraten. Auch an Protesten gegen den Paragraphen 218 beteiligte sie sich bereits in dieser Zeit. Ende der zwanziger Jahre wechselte sie zu den Jungsozialisten. „Die Jungdemokraten, Burmeister, Lilo Linke und andere, das war mein Freundeskreis! Aber politisch gehörte ich zu den Jungsozialisten.“ (Inge Meysel[4]). Inge Meysel war eine „bekennende“ Naturistin.

1972 unterstützte sie den Wahlkampf von Willy Brandt und 1978 gehörte sie neben Alice Schwarzer und acht weiteren Frauen zu den Klägerinnen im sogenannten „Sexismus-Prozess“ gegen den Stern. 1981 lehnte sie das Bundesverdienstkreuz ab, weil es keinen Orden wert sei, dass jemand „sein Leben anständig gelebt hat“. Den Kampf gegen AIDS unterstützte sie durch mehrere Auftritte bei Benefizveranstaltungen. Das, wie auch ihre offene und direkte Art, machte sie bei Schwulen und Lesben beliebt. Meysel outete 1995 den Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben in einem Interview mit dem Stern als homosexuell, indem sie erklärte: „Eigentlich habe ich nur schwule Freunde. Ich verreise zum Beispiel gerne mit Wilhelm Wieben.“. Wieben verübelte Meysel das unfreiwillige Outing allerdings nicht und stimmte gegenüber dem Stern vor einer Veröffentlichung der Interviewpassage ausdrücklich zu.

Im Januar 1987 sprach sie in einem Interview in der Emma über ihre gleichgeschlechtliche Erfahrung: „Männer waren gestrichen, bis 21. Aber da hatte ich schon längst eine Liebesbeziehung zu einer Frau. Mit einer Kollegin. […] Ich glaube, dass viele Frauen […] merken, dass ihr Zärtlichkeitsbedürfnis durch eine Frau besser ausgefüllt wird.“[5] Dies war jedoch nicht die erste Wortmeldung zu dem Thema, denn schon 1975 sprach sie in einer Theater-Talk-Show nach dem Format des „Heißen Stuhls“ im Hamburger Malersaal über ihr gleichgeschlechtliches Erlebnis.[6] In die Schlagzeilen und somit in eine breitere Öffentlichkeit kam es aber erst ab den 1990ern.[7] 1991 trat sie als prominentes Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben in Erscheinung. Politisch setzte sie sich jahrzehntelang für die SPD ein, später auch für die ehemalige Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt (damaliges Mitglied der PDS, inzwischen SPD), die sie mit Geld für ein Studium unterstützte.

Letzte Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inge Meysel litt seit 2003 an Altersdemenz, spielte aber dennoch im Frühjahr 2003 in einer Folge von Polizeiruf 110 mit, in der sie mit 92 Jahren die gleichaltrige, resolute Greisin Oma Kampnagel darstellte. Ende April 2004 zog sie sich einen komplizierten Trümmerbruch des rechten Oberschenkels zu, der in einer Notoperation mit einem Hüftgelenksmarknagel stabilisiert wurde.

Inge Meysel starb am 10. Juli 2004 in ihrem Haus im niedersächsischen Bullenhausen. Ihre Urne wurde am 23. Juli 2004 in Hamburg auf dem Friedhof Ohlsdorf im Grab neben ihrem 1965 verstorbenen Ehemann John Olden beigesetzt.[8]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1975 erhielt Inge Meysel vom Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz als Anerkennung ihrer Leistungen eine wertvolle Porzellanschale aus der KPM. Einige Jahre später, 1991 überreichte man ihr die Ernst-Reuter-Plakette.[9]

Am langjährigen Wohnhaus der Schauspielerin in Berlin-Schöneberg, Heylstraße 29, ließ der Senat von Berlin am 10. Juli 2014 eine Berliner Gedenktafel anbringen.[10]

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Inge Meysel – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Hinweis in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 7. Februar 2015, S. Wochenende 2
  2. Inge Meysel. Ein Interview von Alice Schwarzer. In: Emma, Januar 1987: „Das Absurde ist ja auch: Ich bin ja noch nicht einmal eine Jüdin.“
  3. stern.de
  4. Interview mit der Mainzer Jungdemokratenzeitung Zündstoff 1989
  5. Inge Meysel: Der Mischling, in: Emma, 1. Januar 1987
  6. Heißer Stuhl. In: Der Spiegel. Nr. 23, 1975, S. 138 (online).
  7. Bild, 24. Februar 1992: Mutiges Bekenntnis. Inge Meysel: „Ich habe Frauen geliebt“; dpa, 1992: „Ich war bisexuell, ich, die ‚Mutter der Nation‘“; Bunte, 2001: „Wer nicht bisexuell ist, verpasst doch das Beste.“
  8. knerger.de: Grab von Inge Meysel und John Olden
  9. „Ich bin Berlinerin, durch und durch“ In: Der Tagesspiegel vom 11. Juli 2004
  10. Gedenktafel für Inge Meysel. In: Berliner Zeitung vom 8. Juli 2014, Seite 15.