Inge Viett

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Inge Viett auf einer Demonstration mit der Linkenpolitikerin Ulla Jelpke

Inge Viett (* 12. Januar 1944 in Stemwarde) ist ein ehemaliges Mitglied der terroristischen Vereinigungen Rote Armee Fraktion (RAF) und Bewegung 2. Juni. 1980 schloss sie sich der RAF an. 1982 tauchte sie in der DDR unter. Wegen versuchten Mordes wurde sie nach ihrer Enttarnung 1990 zu dreizehn Jahren Haft verurteilt und ist seitdem als Autorin tätig.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen hatte, lebte Inge Viett ab 1946 zunächst in einem Kinderheim in Schleswig-Holstein. Im März 1950 kam sie zu einer Pflegefamilie in ein Dorf bei Eckernförde. Inge Viett schilderte die Zeit und insbesondere die Erziehung durch ihre Pflegemutter als sehr belastend.[1] Durch einen Bauern aus der Nachbarschaft kam es zu einer Vergewaltigung.[2] Sie besuchte die Volksschule des Dorfes. Nach neun Jahren floh sie aus der Pflegefamilie. Mit Unterstützung des örtlichen Pfarrers erhielt sie für ein Jahr einen Platz beim Jugendaufbauwerk in Arnis, wo sie in Hauswirtschaft und Kinderpflege unterrichtet wurde.[3] Durch das Jugendamt wurde sie dann auf die Kinderpflegerinnen-Schule nach Schleswig geschickt. Sie selbst wollte Sportlehrerin werden und beschrieb die Ausbildung zur Kinderpflegerin später als „gräßlich“.[4] Die Situation führte bis zu einem Selbstmordversuch.[5] Die Ausbildung setzte sie jedoch fort und ging zur Absolvierung eines Anerkennungsjahres als Kindermädchen zu einer wohlhabenden Familie nach Hamburg. Hier litt Inge Viett unter dem als autoritär empfundenen Familienvater.[6] In diesem Zeitraum hatte sie ein Verhältnis mit einer etwa 20 Jahre älteren Erzieherin in Schleswig, die auch ihre Vormundschaft übernahm und ihr den Besuch der Sportschule ermöglichte.[7] Es schloss sich eine Beziehung zu einem US-Soldaten afroamerikanischer Herkunft an.[8] 1963 nahm sie ein Sport- und Gymnastikstudium an der Universität Kiel auf, das sie nach sechs Semestern, kurz vor dem Abschluss abbrach.[9]

Sie ging dann nach Hamburg und strippte zwei Monate in St. Pauli. Mit einer Lebenspartnerin verzog sie nach Wiesbaden und arbeitete dort als graphische Hilfskraft.[10] Nach der Trennung schlug sie sich mit verschiedenen Aushilfsarbeiten durch. Sie war unter anderem als Reiseleiterin, Cutterin, Hausmädchen und Bardame tätig.

APO, Bewegung 2. Juni und RAF[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1968 zog sie in eine Frauenwohnung nach Kreuzberg in die Eisenbahnstraße in West-Berlin, beteiligte sich an Versammlungen, Demonstrationen und Aktionen der APO. Als wesentliches Element ihrer Politisierung beschrieb sie eine mehrmonatige Reise nach Nordafrika und die Erfahrung der dortigen Armut im Kontrast zum Reichtum Einiger und des westlichen Überflusses.[11] Bei einer Demonstration wurde sie von einem Zivilbeamten festgenommen, nachdem sie mit einem Pflasterstein zum Wurf ausgeholt hatte. Sie blieb über Nacht im Polizeigewahrsam. Diese kurze Hafterfahrung schildert sie später als tiefen Bruch.[12] Beruflich hatte Inge Viett ein Praktikum in einer Filmkopierfabrik aufgenommen, um später eine Ausbildung beginnen zu können. Letztlich provozierte sie jedoch ihre Kündigung und widmete sich dann ganz der politischen Betätigung.[13] Es folgte die Beteiligung an militanten Aktionen. Ein Brandanschlag auf den Fuhrpark des Axel-Springer-Verlags scheiterte an technischen Schwierigkeiten. Sie erlernte den Bau und die Anwendung von Molotowcocktails. Inge Viett gehörte zu den Besetzerinnen des Georg-von-Rauch-Hauses. Anlässlich eines Polizeieinsatzes gegen das Haus wurde sie von anderen Bewohnern davon abgehalten, aus dem Dachgeschoss Molotowcocktails auf die vor dem Haus befindlichen Polizisten zu werfen.[14] Weitere Aktionen richteten sich gegen Schaufenster von Braut- und Pornogeschäften sowie Misswahlen in Kaufhäusern. Sie nahm auch an organisierten Diebstahlsaktionen in Kaufhäusern teil, deren Ausbeute an Inhaftierte gesandt wurden. Sie zog in die Kommune Liebenwalder Straße, ein Zentrum der Schwarzen Hilfe.

Symbol der Bewegung 2. Juni

Schließlich wurde sie Mitglied der Bewegung 2. Juni. Die Anwerbung erfolgte durch Bommi Baumann und Knolle. Sie zog zurück in die Eisenbahnstraße, um der vermuteten Überwachung der Kommune durch staatliche Stellen zu entgehen und gründete dort mit drei weiteren Mitgliedern eine Zelle, die dann auf sieben Mitglieder anwuchs. Ein erster Banküberfall, an dem sich auch Inge Viett beteiligte, und der der Finanzierung von Aktionen diente, wurde ergebnislos abgebrochen, ein späterer glückte jedoch.[15] In Reaktion auf den Blutsonntag im Januar 1972 in Derry plante die Gruppe einen Bombenanschlag auf das britische Offizierskasino in Berlin. Die Bombe explodierte jedoch nicht wie vorgesehen am 2. Februar 1972 nachts im Casino, sondern war von Harald Sommerfeld[16] ohne Aktivierung des Zeitzünders vor die Tür des benachbarten Yachtclubs gelegt worden, wo sie von dem Bootsbauer und Hausmeister Erwin Beelitz später gefunden wurde. Sie detonierte, als er die Bombe in einen Schraubstock einspannte und bearbeitete. Erwin Beelitz verstarb. Viett schilderte später, sie sei bestürzt gewesen, habe sich aber nicht verantwortlich gefühlt und es als tödlichen Unfall betrachtet.[17]

Am 7. Mai 1972 wurde Viett mit weiteren Personen, darunter Ulrich Schmücker, in Bad Neuenahr verhaftet. Zunächst war sie in der Justizvollzugsanstalt Koblenz inhaftiert, bevor sie nach vier Monaten nach Berlin in die Lehrter Straße verlegt wurde. Ab Januar 1973 nahm sie über fünf Wochen an einem bundesweit organisierten Hungerstreik für bessere Haftbedingungen teil. Mittels einer von einer Mitgefangenen eingeschmuggelten Feile flüchtete sie durch das vergitterte Fenster des Fernsehraums im ersten Stock, den sie mit anderen Gefangenen zwei Stunden in der Woche nutzen durfte.[18] Sie kam zunächst für einige Tage in einer Frauenwohngemeinschaft unter und nahm wieder Kontakt mit der Bewegung 2. Juni auf. Sie widmete sich der Reorganisation der Gruppierung. Im Tegeler Forst und im Grunewald hatte sie auch Schießen gelernt. In einer ersten Aktion wurde ein Waffengeschäft überfallen, um so die Bewaffnung der Gruppe zu verbessern.

Es war dann beabsichtigt, einen prominenten Staatsvertreter zu entführen, um Gefangene freizupressen. Viett war an der Vorbereitung beteiligt. Nach dem Tod des in der Haft während eines Hungerstreiks verstorbenen Holger Meins entschloss man sich zur schnellen Reaktion. Als Entführungsopfer entschied man sich für den Präsidenten des Kammergerichts Günter von Drenkmann. Bei dem gescheiterten Entführungsversuch am 10. November 1974 wurde von Drenkmann erschossen. Nächstes Ziel wurde der CDU-Spitzenkandidat zu den Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen Peter Lorenz. Viett war 1975 auch an der Vorbereitung und Durchführung der Lorenz-Entführung beteiligt. Mehrere inhaftierte Terroristen der Bewegung 2. Juni wurden freigepresst und Lorenz freigelassen.

Im Anschluss an die Aktion flog Inge Viett mit einem weiteren Mitglied der Bewegung 2. Juni nach Beirut, um mit den Freigepressten und nach Südjemen Ausgeflogenen Kontakt aufzunehmen. Sie sprach mit Abu Hassan und Abu Iyad, ohne jedoch konkrete Ergebnisse zu erzielen. Nach einigen Wochen kehrte sie nach Europa zurück. Es folgte eine weitere Reise in den Libanon. Viett erhielt dort eine militärische Ausbildung und kehrte nach Berlin zurück.

In Berlin verübte die Bewegung 2. Juni dann zwei Banküberfälle, die durch die Verteilung von Schokoküssen an die Bankkunden für Aufsehen sorgten.

Am 9. September 1975 erfolgte eine weitere Verhaftung. Viett wurde in einer Polizeiaktion gemeinsam mit Ralf Reinders und Juliane Plambeck verhaftet. Im Zuge diverser weiterer Verhaftungen gelang es der Polizei in kürzester Zeit fast sämtliche Mitglieder der Bewegung 2. Juni festzunehmen. Viett kam wieder in ihre ehemalige Zelle in das Frauengefängnis in der Berliner Lehrter Straße.

Ein erster Fluchtversuch am 24. Dezember 1975 scheiterte. Am 7. Juli 1976 gelang es Viett, Gabriele Rollnik, Monika Berberich und Juliane Plambeck unter Verwendung eines angefertigten Nachschlüssels und durch Überwältigung zweier Justizvollzugsbeamtinnen zu fliehen.

Viett ging gemeinsam mit Rollnik und Plambeck – Monika Berberich war wieder gefasst worden – nach Bagdad. Hier traf sie auf einige der 1975 Freigepressten. Sie reiste weiter in den Südjemen, wo sie sich für drei Monate in einem palästinensischen Ausbildungslager aufhielt. Ihr Deckname lautet dort Intissar. Zurückgekehrt nach Europa ging Viett mit weiteren Mitgliedern der Bewegung 2. Juni zunächst nach Wien. Dort wurde zur Erpressung von Geld der Unternehmer Walter Palmers entführt und gegen ein Lösegeld wieder freigelassen. Viett setzte sich danach nach Italien ab.

Mit dem Ziel, eine Befreiungsaktion in West-Berlin durchzuführen, reiste Inge Viett über Prag und den Flughafen Berlin-Schönefeld nach West-Berlin. Sie wurde dabei in Schönefeld von der DDR-Staatssicherheit angesprochen, die, für Viett überraschend, Kenntnis über ihre wahre Identität hatte. Es ergab sich ein zweistündiges Gespräch. Dabei sicherten ihr die DDR-Behörden zu, dass man nicht mit der Polizei der BRD zusammenarbeiten würde, so dass eine unbeeinträchtigte Einreise in die DDR möglich wäre.[19]

Am 27. Mai 1978 befreite ein Kommando der Bewegung 2. Juni Till Meyer aus dem Gefängnis Berlin-Moabit. Die ebenfalls beabsichtigte Befreiung von Andreas Vogel scheiterte. Viett reiste mit Meyer und dem Kommando über die Friedrichstraße nach Ostberlin aus. Da bei Leibesvisitationen gefundene Waffen Probleme bereiteten, berief sich Viett auf ihr Treffen mit dem Mitarbeiter der Staatssicherheit, was tatsächlich zur Aushändigung der Waffen und unbeeinträchtigten Einreise in die DDR führte. Die Gruppe reiste weiter nach Bulgarien. Bereits am 21. Juni 1978 wurden dort Till Meyer, Gabriele Rollnik, Gudrun Stürmer und Angelika Goder auf dem Flughafen von Burgas von einer deutschen Anti-Terroreinheit festgenommen. Viett gelang es mit zwei weiteren Mitgliedern sich über Sofia nach Prag abzusetzen. Hier wurde sie an drei Tagen von den ČSSR-Behörden verhört. Inge Viett nannte ihren Klarnamen und forderte eine Kontaktaufnahme mit den DDR-Behörden. Sie wurden im Ergebnis von drei Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit aus dem Gefängnis abgeholt und in die DDR gebracht. Dort hielten sie sich für zwei Wochen in einem Objekt der Staatssicherheit auf, bevor ihnen dann über Berlin-Schönefeld der Abflug nach Bagdad ermöglicht wurde.[20] In Bagdad blieb Viett drei Monate und kehrte dann nach Europa zurück, wo sie sich in Paris niederließ. Die Stimmung in der Gruppe und die eigene Stimmungslage umschrieb Viett später als eher resigniert.[20]

Logo der RAF

In dieser Zeit war Inge Viett an Gesprächen über eine Vereinigung der Bewegung 2. Juni und der Rote Armee Fraktion beteiligt. Nachdem am 5. Mai 1980 in Paris Sieglinde Hofmann, Ingrid Barabass, Regina Nicolai, Karola Magg und Karin Kamp festgenommen worden waren, entschied sich Inge Viett für den Wechsel zur RAF. Für die RAF nahm sie in Ostberlin Verhandlungen mit der DDR-Staatssicherheit auf, um acht „RAF-Aussteigern“ eine Ausreise nach Schwarzafrika zu ermöglichen, da sich eine andere Möglichkeit aufgrund fehlender Papiere zerschlagen hatte. Die Staatssicherheit wies auf die Probleme des Untertauchens in Schwarzafrika hin und schlug zur Überraschung Vietts stattdessen ein Leben in der DDR vor.[21] Viett vereinbarte die Übersiedlung der acht in die DDR, die schließlich über Prag in die DDR reisten. Inge Viett selbst reiste weiter in den Südjemen und wollte dort ihre eigene Situation überdenken. Sie fühlte sich in der RAF ausgegrenzt.[22] Nach sechs Wochen kehrte sie zurück nach Europa. Gemeinsam mit drei weiteren RAF-Mitgliedern absolvierte sie eine militärische Ausbildung in der DDR. Sie kehrte zurück nach Westeuropa und lebte in einem von der RAF unterhaltenen Haus im belgischen Namur.

Im August 1981 fuhr Inge Viett mit einem von ihr gekauften Suzuki-Moped ohne Sturzhelm durch Paris. Als zwei Verkehrspolizisten sie daraufhin kontrollieren wollten, versuchte sie zu entkommen. Es folgte eine längere Verfolgungsjagd durch Paris, die Viett schließlich zu Fuß fortsetzte. In einem Parkhaus trat sie einem der Polizisten mit vorgehaltener Waffe entgegen. Als der Polizist Francis Violleau zu seiner eigenen Waffe greifen wollte,[23] schoss sie aus vier Metern Entfernung auf den Polizeibeamten. Der Beamte erlitt eine Querschnittlähmung und starb 2000 im Alter von 54 Jahren an den Folgen der Verletzung.[24]

Viett setzte sich zunächst wieder in das Haus nach Namur und dann in den Südjemen ab. Bei ihr steigerten sich die Zweifel am Sinn der Fortsetzung des bewaffneten Kampfes. Sie nahm die RAF als gesellschaftlich isoliert wahr, die mit ihren Aktionen selbst innerhalb der Linken nur noch marginalisierte Gruppen erreichte.[25]

Flucht in die DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1982 tauchte sie in der DDR unter und lebte dort zunächst in einem abgeschieden gelegenen Objekt der Staatssicherheit und wurde sechs Monate lang auf ihr DDR-Leben vorbereitet. Unter dem Namen Eva-Maria Sommer und mit einer Legende, nach der sie eine Übersiedlerin aus dem Westen war, zog sie nach Dresden. Dort absolvierte sie eine Ausbildung zur Repro-Fotografin und erwarb einen Facharbeiterabschluss. Viett wurde auch inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit. Am 25. Februar 1983 wurde sie als IMB (inoffizieller Mitarbeiter Beobachtung) „Maria Berger“ mit der Nummer XV/2385/83 für die Abteilung XXII/8 (Unterabteilung für internationale Terrorabwehr) registriert.[26]

Eine Betriebskollegin sah auf einer Fahrt in die Bundesrepublik ein Fahndungsplakat mit dem Bild von Inge Viett und berichtete einer anderen Kollegin von der wahren Identität Eva-Maria Sommers. Viett musste daraufhin Dresden verlassen und kam zunächst nach Berlin-Marzahn. Sie erhielt eine neue Identität, diesmal als Eva Schnell. Auch die Legende wurde verändert. Diesmal war Eva Schnell eine DDR-Bürgerin, die jedoch bisher in einem kleinen Familienbetrieb ihres Mannes gearbeitet hatte, nach dessen Tod nun eine berufliche Neuorientierung erfolge. 1987 übersiedelte sie mit der neuen Legende nach Magdeburg und lebte in der Hans-Grundig-Straße in Magdeburg-Nord. Beruflich war sie für die Organisation der Kinderferienlager des im Magdeburger Stadtteil Salbke ansässigen VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht (SKL) verantwortlich und betreute ein Budget von 1.000.000 Mark jährlich. Ihr unterstanden drei Mitarbeiterinnen, wobei sie das Arbeitsklima als zunächst sehr gespannt beschrieb.[27] Sie schilderte später, dass ihr dieser Betrieb größer und unübersichtlicher als die ganze Stadt Magdeburg erschienen sei und sie sich in den ersten Monaten auf dem Betriebsgelände häufig verlaufen habe. Als kulturellen Höhepunkt in der Stadt erwähnte Viett das laufend ausverkaufte Magdeburger Kabarett, zu dem sie jedoch häufiger an Karten kam.[28] Dem Projekt DDR stand Viett positiv gegenüber, sie sah jedoch insbesondere das Niveau der Presseberichterstattung und vor allem das der politischen Analyse in der Presse kritisch.[29] Die Wende und friedliche Revolution in der DDR wurde von ihr kritisiert. Sie ging zu einem der Montagsgebete im Magdeburger Dom. Anders als andere Teilnehmer dies später taten, schilderte sie die Reden als „aggressiv“. Eine „Gruppe schwarzberockter Kirchenmänner“ habe ihr bei ihrem vorzeitigen Verlassen der Veranstaltung „den Weg nach draußen“ verstellt, vor der Tür wären „faschistische Flugblätter“ verteilt worden. Genauso stelle sie sich „die Konterrevolution“ vor.[30]

Anlässlich der Volkskammerwahl am 18. März 1990 war Viett in ihrem Wohngebiet als Wahlhelferin tätig. Viett blieb trotz des Endes von SED-Diktatur und Staatssicherheit in Magdeburg und ging ihrer Arbeit nach, auch nachdem Susanne Albrecht als erstes untergetauchtes RAF-Mitglied verhaftet worden war. Eine Nachbarin meldete Viett der Polizei als gesuchte Terroristin. Viett wurde am 12. Juni 1990 im Eingangsbereich ihres Wohnhauses auf dem Weg zum Aufzug verhaftet.[31] Die Nachbarin machte beim Bundeskriminalamt das ausgelobte Kopfgeld von 50.000 DM geltend. Viett saß zunächst für vier Wochen in DDR-Haft und wurde dann in die Bundesrepublik ausgeliefert.

Vom Oberlandesgericht Koblenz wurde sie 1992 aufgrund der Schüsse auf den Polizisten in Paris wegen versuchten Mordes zu dreizehn Jahren Haft verurteilt.

Nach der Haft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 1997 wurde Viett nach Verbüßung der halben Strafe aus der Haft entlassen und die Reststrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Schon während ihrer Haftzeit erschien ihr erstes Buch, bis heute ist sie weiterhin als Autorin tätig. Viett hat sich nie von den bewaffneten Aktionen der RAF distanziert. Der Regisseur Volker Schlöndorff benutzte Motive aus ihrer Autobiographie für seinen Film Die Stille nach dem Schuss. Daraufhin warf Viett ihm und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase vor, ein Plagiat begangen zu haben.[32] Die beiden Parteien konnten sich außergerichtlich einigen.

Viett veröffentlichte am 24. Februar 2007 in der „jungen Welt“ einen Beitrag, in dem sie den Terrorismus der RAF verteidigte. Der „politisch/militärische Angriff“ sei damals „für uns der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus“ gewesen. Rückblickend beklagt sie in dem Lust auf Freiheit betitelten Text, „dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären“. Die bewaffneten Aktionen der RAF bezeichnete sie in diesem Beitrag als „Klassenkampf von unten“. Vor vierzig Jahren habe es eine kleine Schar von Menschen gegeben, die entschlossen den Kampf gegen die deutsche Elite und ihr Machtsystem aufgenommen hätten, so Viett. Inspiriert worden sei man dabei von den antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen.[33]

Bei einer Demonstration gegen ein Gelöbnis der Bundeswehr, das am 20. Juli 2008 Brandenburger Tor stattfand, wurde Viett vorläufig festgenommen.[34] In diesem Zusammenhang griff die Berliner Ausgabe der Bild-Zeitung Viett auf ihrer Titelseite äußerst scharf an.[35] Ein Prozess vor dem Berliner Amtsgericht wegen „versuchter Gefangenenbefreiung“ endete am 22. Oktober 2009 mit einem Freispruch, allerdings wurde Viett wegen Widerstands gegen Polizeibeamte zu 225 Euro Geldstrafe verurteilt.[36]

Am 8. Januar 2011 sprach sie im Rahmen der Podiumsdiskussion bei der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin davon, dass „der Aufbau einer revolutionären kommunistischen Organisation mit geheimen Strukturen“ das Gebot der Stunde sei.[37] Auf dem Weg zum Kommunismus sei eine „kämpferische Praxis“ gefragt, bei der die „bürgerliche Rechtsordnung“ kein Maßstab sein könne. Wörtlich erklärte sie: „Wenn Deutschland Krieg führt und als Anti-Kriegsaktion Bundeswehr-Ausrüstung abgefackelt wird, dann ist das eine legitime Aktion, wie auch Sabotage im Betrieb an Rüstungsgütern. Auch wilde Streikaktionen, Betriebs- oder Hausbesetzungen, militante antifaschistische Aktionen, Gegenwehr bei Polizeiattacken etc.“

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach bezeichnete dies als einen „Aufruf zum gewaltsamen Kampf gegen den Staat“.[37] Im November 2011 verurteilte das Amtsgericht Berlin-Tiergarten Viett deshalb zu 80 Tagessätzen à 15 Euro wegen der Billigung von Straftaten.[38]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Große Freiheit – kleine Freiheit, Kristina Konrad (Regie), Dokumentarfilm, Deutschland 2000, s/w, 83 Min.
    Dokumentation über Inge Viett aus Deutschland und María Barhoum aus Uruguay, zwei Frauen, die Ende der 1960er Jahre für eine revolutionäre Veränderung der Welt kämpften.
  • Die Stille nach dem Schuss, halbfiktionales Drama von Regisseur Volker Schlöndorff nach Motiven und Handlung der Autobiografie von Inge Viett.[39]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 18 ff.
  2. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 45 f.
  3. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 53
  4. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 55
  5. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 56
  6. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 56 ff.
  7. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 58 ff.
  8. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 60
  9. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 61
  10. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 68 ff.
  11. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 80 ff.
  12. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 83 f.
  13. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 85
  14. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 86 f.
  15. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 92 f.
  16. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 94
  17. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 94 f.
  18. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 107 ff.
  19. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 191 f.
  20. a b Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 202 ff.
  21. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 237 ff.
  22. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 236 f.
  23. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 256 ff.
  24. Willi Winkler: Die Geschichte der RAF. 2. Aufl., Hamburg 2008, S. 381.
  25. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 263 f.
  26. Regine Igel: Terrorismuslügen; S. 164–166
  27. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 307 f.
  28. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 312 f.
  29. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 315
  30. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 316 f.
  31. Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 326 f.
  32. Inge Viett: Kasperletheater im Niemandsland. In: konkret, Nr. 4, 2000.
  33. Andreas Förster: Wie Inge Viett den Terrorismus der RAF verteidigt: „Wieso haben nur wir zu den Waffen gegriffen?“ Berliner Zeitung, 2. März 2007.
    RAF-Gewalt – Ex-Terroristin Viett rechtfertigt Terror. Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.
  34. Bundeswehr-Gelöbnis: Ex-Terroristin Inge Viett wieder frei. Der Tagesspiegel, 21. Juli 2008; mit Bild vom Juli 2008
  35. Matthias Lukaschewitsch: Wer stopft der Ex-Terroristin das Schandmaul? Bild, Regionalausgabe Berlin, 6. März 2009, Titelschlagzeile.
  36. Widerstand gegen Polizisten: Ex-RAF-Terroristin Viett zu Geldstrafe verurteilt. RP Online, 22. Oktober 2009, abgerufen am 3. Dezember 2011.
  37. a b Jörn Hasselmann: Nach Rosa-Luxemburg-Konferenz: Ex-Terroristin Viett im Visier der Justiz. Der Tagesspiegel, 5. August 2011.
  38. Ehemalige RAF-Terroristin: Anklage gegen Inge Viett: „Gewalt gebilligt“. (Memento vom 14. November 2011 im Internet Archive) faz.net, 5. Juni 2011
    Miriam Hollstein: Inge Viett vor Gericht: Bizarrer Auftritt einer unbelehrbaren RAF-Rentnerin. Die Welt, 23. November 2011
  39. Bernd Sobolla: Im Gespräch: Es gab einen gemeinsamen Boden … Der Freitag, 15. September 2000 (Inge Viett über den Film Die Stille nach dem Schuss und ihre Erfahrungen in der DDR.)