Ingelheim (Adelsgeschlecht)

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Stammwappen derer von Ingelheim

Das zum rheinischen Uradel gehörende Adelsgeschlecht derer von Ingelheim ist seit dem 10. Jahrhundert nachgewiesen. Die Stammreihe des Geschlechts geht bis auf das Jahr 1192 zurück. Seit der Heirat einer Erbtochter der im Mannesstamm erloschenen Echter von Mespelbrunn im 17. Jahrhundert führt die Familie den Titel Grafen von Ingelheim genannt Echter von und zu Mespelbrunn. Das Stammhaus der Familie ist Ingelheim bei Mainz.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ingelheim gelten als eine der ältesten fränkischen, edelfreien und damit ritterbürtigen Familien Deutschlands. Sie waren über Jahrhunderte als kaiserliche und königliche Ministeriale am Ingelheimer Rittergericht und späteren Ingelheimer Obergericht tätig, bei dem nach 1300–1680 70 Gerichte von Kreuznach bis in die Wetterau "zu Haupte gingen" (= Rat holten).

Erste Urkunden zu diesem Uradel mit dem Stammhause Ober-Ingelheim (Landkreis Mainz-Bingen) sollen Heinrich von Ingelheim als Besitzer der "Spurkenheimer Höfe" im Zusammenhang mit der Synode von Ingelheim von 948 nennen. Ob dies allerdings haltbar ist, dürfte fraglich sein, da Nachnamen vor 1100 in Deutschland ungebräuchlich waren. Eine Urkunde von 835, auf welcher der „exactor palacii“ Agano und vier „liberi homines“ (= Edelfreie) und neun „fiscalines“ (= Amtsträger der Kaiserpfalz) als Zeugen nur mit Vornamen unterschrieben haben, lässt vermuten, dass einer davon ein Ahnherr des Geschlechtes war. Dass die Familie aber vermutlich schon vor Karl dem Großen in der Region gesessen hat, zeigten Ausgrabungen aus dem Jahre 2015 bei der Kirche St. Remigius in Ingelheim, die darauf hinweisen, dass schon 150 Jahre vor Karl dem Großen eine größere Siedlung in Ingelheim bestanden hat. Aufgrund von prächtigen Gräberfunden aus dem 7. Jahrhundert und des Türstocks einer Vorgängerkirche der heutigen Ingelheimer Burgkirche aus dem 7. Jahrhundert, auf dem ein geschachtetes Kreuz zwischen 2 germanischen Sonnenrädern gezeigt ist, kann man sogar auf ein vermutliches Vorbild des Familienwappens schließen.

Gerlachus de Ingilnheim, ministerialis regis, erscheint 1140 urkundlich.[1] Das erste Wappensiegel stammt von Herbold von Ingelheim, Schultheiss am Ingelheimer Rittergericht von 1225.

Die ununterbrochene Stammreihe beginnt mit Johann von Ingelheim, Ritter, erstmals erwähnt 1192. Ebendieser Johann von Ingelheim war nach Rixners Turnierbuch von 1566 Turnierkönig (d. h. Turniersieger) auf Turnieren in Nürnberg 1197 und Worms 1209.

In Turnierbüchern wird auch ein Turnier von 935 in Magdeburg erwähnt, an dem ein Ritter Heinrich von Ingelheim teilgenommen hat. Die Tatsache, dass nur Ritter mit sieben ritterbürtigen Ahnen an Turnieren teilnehmen durften und dass das fränkische Königsgut zu Ingelheim seit merowingischer Zeit bestand, sowie die Einrichtung der Pfalz unter Karl dem Großen begünstigen die Vorstellung, dass der Verwalter dieser Pfalz oder ein Edelfreier aus dem Ingelheimer Grund zur Zeit Karls des Großen der Begründer des Adelsgeschlechtes gewesen sein könnte. Allerdings müssen diese frühen Namensangaben bei Angehörigen des Ritterstandes grundsätzlich angezweifelt werden, da, wie erwähnt, Nachnamen vor 1100 ungebräuchlich waren.

Interessant ist ein in der Burgkirche (Ingelheim) zu besichtigender Türstein einer Vorgängerkirche aus dem 7. Jahrhundert, auf dem ein geschachtetes Kreuz zwischen zwei germanischen Sonnenrädern zu sehen ist. Dass dieses Kreuz Vorbild für das Familienwappen war, dürfte nah liegen.

Unabhängig von solchen Spekulationen gehört die Familie aber eindeutig zum Uradel und lebte schon Jahrhunderte im Ingelheimer Grund, als dieser 1375 vom Pfalzgrafen Ruprecht I. als Reichspfand erworben wurde. In dieser Zeit nahmen sie vielfältige Aufgaben am Ingelheimer Oberhof als Schöffen, Schultheißen und Oberschultheißen wahr.

In der Burgkirche (Ingelheim) und in der St.Vitus-Kirche in Heidelberg-Handschuhsheim sind noch mehrere Epitaphe von Mitgliedern aus der Familie von Ingelheim zu sehen.

Die Familie blieb auch nach dem Übertritt ihres Landesherrn zum Protestantismus katholisch und orientierte sich zum Erzbistum Mainz, in dessen Verwaltung sie aufstieg. 1679 wurde Anselm Franz von Ingelheim Erzbischof und Kurfürst von Mainz, 1680 wurde die Familie von Kaiser Leopold I. in den Reichsfreiherrnstand mit „Hoch- und Wohlgeboren“ erhoben, 1737 durch Kaiser Karl VI. in den Reichsgrafenstand.

Wappen der Familie Echter, 1605

Philipp Ludwig von Ingelheim heiratete Maria Ottilia (1648–1701), die Erbtochter aus der Familie Echter von Mespelbrunn. Als die Familie Echter im Jahre 1665 im Mannesstamm mit Johann Philipp (1646–1665) ausstarb, durften die beiden Familien mit kaiserlicher Erlaubnis ihre Namen und Wappen zusammenfügen und somit die Tradition der Familie Echter weiterführen. Noch heute lautet der Name der Familie „Grafen von Ingelheim genannt Echter von und zu Mespelbrunn“. Das neue Familienwappen vereint seitdem die Wappenschilde der beiden alten Adelsfamilien.

Mit der Erhebung in den Reichsfreiherrnstand 1680 wurde auch in primogenitur das Große Palatinat verliehen. Das war das Recht, im Namen des Kaisers fähige Menschen in den Adelsstand zu erheben.

Aufgrund der Französischen Revolution gaben sie ihre linksrheinischen Gebiete auf („da sie nicht Untertanen eines Emporkömmlings sein wollten“) und konzentrierten sich auf ihre Gebiete im Rheingau und in Mainfranken. Friedrich Karl Joseph von Ingelheim baute die 1540 als Erbe der Brömser von Rüdesheim in ingelheimischen Besitz gekommene, zerfallene Brömserburg in Rüdesheim im Jahre 1809 als romantische Wohnburg aus. Dieses am Beginn der Romantik stehende Bauwerk fand die Beachtung vieler Großer der Zeit, deren Namen im dort noch zu besichtigenden Gästebuch zu sehen sind.[2]

In den Freiheitskriegen rüstete ebendieser Friedrich Karl Joseph ein Freikorps aus, die Frankfurter Jäger, und kämpfte gegen Napoleon. Philipp Rudolf von Ingelheim war erblicher Reichsrat der Krone Bayern und Ehrendoktor der Universität Würzburg. Er ritt am 11. August 1914 bei der letzten Reiterattacke deutscher Truppen mit, der Reiterattacke von Lagarde bayerischer Ulanen.

Der Sitz des Geschlechts ist seit dem Zweiten Weltkrieg Schloss Mespelbrunn im Spessart.

Albrecht Graf von Ingelheim (CSU), bis Dezember 2006 das Oberhaupt der Familie, engagierte sich in der Lokalpolitik der Gemeinde Mespelbrunn, des Landkreises Aschaffenburg und des Bezirks Unterfranken. Er bekleidete bis zu seinem Tode unter anderem die Ämter des Bezirkstagspräsidenten von Unterfranken, des Vorsitzenden des Universitätsbundes Würzburg und des 1. Vorsitzenden des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V. Außerdem war er vom 1. Mai 1978 bis zum 31. Dezember 2005 Bürgermeister der Gemeinde und Verwaltungsgemeinschaft Mespelbrunn. Sein Rücktritt von diesem Ehrenamt erfolgte aus gesundheitlichen Gründen. Albrecht Graf von Ingelheim verstarb am 2. Dezember 2006. Die Erbin des Familienanwesens auf Schloss Mespelbrunn ist seine Tochter Marie Antoinette Reichsgräfin von Ingelheim genannt Echterin von und zu Mespelbrunn - Freifrau Geyr von Schweppenburg.

Die heutige Generation ist die 25. in der nachweisbaren Stammreihe.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen des „Johan von Ingelhaim“ als Teilnehmer eines Ritterturniers zu Worms im Jahre 1209

Das Stammwappen zeigt in Schwarz ein von Rot und Gold in zwei Reihen geschachtes Kreuz. Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein wie der Schild bezeichneter Adlerflug.

Bekannte Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wichtige Vertreter dieser Familie sind außer dem genannten Erzbischof auch

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gudenus, Codex diplom. Moguntinus 1, 122
  2. Im Gästebuch finden sich u. a. Marie-Louise von Österreich, die zweite Frau Napoleons, die Könige Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, König August von Sachsen, König Otto von Griechenland, Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, die Militärs Herzog von Wellington und Graf Yorck von Wartenburg, der Politiker Heinrich von Gagern, der Mediziner Wilhelm Hufeland, der Architekt Gottfried Semper, die Komponisten Peter Cornelius und Nicolò Paganini, die Maler Wilhelm Kaulbach, Johann Adam Klein, Julius Schnorr von Carolsfeld und Friedrich Wilhelm von Schadow, die Literaten Johann Wolfgang von Goethe, Ludwig Uhland und Ernst Moritz Arndt, der Philologe Jacob Grimm, sowie Hermann Fürst Pückler-Muskau.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Feuilleton; FAZ vom 23. November 2015.
  • A. Saalwächter: Der Tod des Ritters Philipp von Ingelheim am 2. Juli 1431 im Liede eines Meistersingers. In: BIG 9, 1958, S. 145–146
  • E. M. Schreiber: Erzbischof Anselm Franz von Ingelheim und sein Wirken für Volk und Reich. In: HJb 1960, S. 46–52
  • H. Kohtz: Von Ingelheim. Ritter – Freiherren – Grafen. In: Ingelheim am Rhein 774–1974, S. 299–311
  • F.-J. Heyen (Hrsg.): Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz. Territorien-Ploetz. Freiburg/Würzburg 1981
  • S. Duchhardt-Bösken: Die Herren von Ingelheim im 17./18. Jahrhundert. In: HJb 1982, S. 57–59
  • Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band V, Band 84 der Gesamtreihe, S. 456–457, C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 1984, ISSN 0435-2408
  • K. H. Henn: Ein Ingelheimer Adelshof und seine Geschichte. In: BIG 36, 1987, S. 21–28
  • K. H. Henn: Das Hofgut Westerhaus und das Geschlecht derer von Ingelheim. In: HJb 1991, S. 88–92 Mainz 1998
  • Wappen im Wernigeroder Wappenbuch, Ende 15. Jahrhundert
  • Wappen der Ingelheim im Wappenbuch des Heiligen Römischen Reiches, Nürnberg um 1554–1568