Ingo Schulze (Autor)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ingo Schulze (2004)

Ingo Schulze (* 15. Dezember 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schulze, Sohn eines Physikprofessors und einer Ärztin, wuchs nach der Scheidung der Eltern bei seiner Mutter auf. Nach seinem Abitur, das er 1981 an der Dresdner Kreuzschule ablegte, absolvierte er den Grundwehrdienst in der NVA; bis 1988 studierte er Klassische Philologie an der Universität Jena. Anschließend war Schulze für zwei Jahre als Dramaturg am Landestheater Altenburg, das er verließ, um als Journalist zu arbeiten: 1990 war er Mitbegründer der „unabhängigen Zeitung“ Altenburger Wochenblatt, die bis Herbst 1991 erschien, sowie eines Offertenblatts namens Anzeiger; beide wurden im Altenburger Verlag publiziert, dessen Geschäfte Schulze bis Ende 1992 leitete. Anfang 1993 ging er im Auftrag eines Geschäftsmannes nach Russland, wo er die Annoncenzeitung Привет Петербург (Privet Petersburg) lancierte. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt Schulze als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Frau und er haben zwei Töchter.

Seit 2006 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2007 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Außerdem ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste sowie des PEN-Zentrums Deutschland.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ingo Schulze 2008

Seine Erfahrungen aus der Zeit in Sankt Petersburg flossen in Schulzes erste Buchveröffentlichung ein. Die Erzählungen in 33 Augenblicke des Glücks (1995) sind im Umfeld der russischen Großstadt angesiedelt. Schulze greift hierbei auf eine Herausgeberfiktion zurück, die seine Texte einem literarisch gebildeten Journalisten aus Deutschland zuschreibt, der in Sankt Petersburg verschwunden sei. Der Erzählband wurde von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen. Seine 1998 veröffentlichten Simple Storys spielen im thüringischen Altenburg, wo Schulze gelebt und gearbeitet hatte; im Mittelpunkt stehen die Folgen der Wende auf das Leben seiner Figuren, deren Darstellung das Fehlen jeglicher „Nachwendeweinerlichkeit“[1] attestiert wurde. Geprägt war der Text durch einen Stil, den Rezensenten als mitleidslos und genau bezeichneten, der Autor selbst als „diesen Short-Story-Ton, [der] die Sache einfacher“[2] gemacht habe. Günter Grass würdigte Schulze nach Erscheinen des Werkes als einen der „großartigen Erzähler“[3] der neuen Bundesländer.

Nach der Veröffentlichung mehrerer Erzählungen folgte erst 2005 der nächste Roman Neue Leben. Erzählt wird darin die Geschichte des Autors und Zeitungsredakteurs Enrico Türmer, der im Jahr der deutschen Wiedervereinigung einem Freund, seiner Schwester und einer Geliebten schreibt. Schulze zieht sich erneut in die Position eines Herausgebers zurück, der die Briefe, aus denen der Roman besteht, lediglich aufbereitet habe; er bedient sich damit eines für den Briefroman des 18. Jahrhunderts typischen Kunstgriffs, dessen Reaktivierung von der Kritik nicht einhellig begrüßt wurde. Während FAZ-Kritiker Richard Kämmerlings fragte: „Geht es nicht noch ein bißchen altbackener?“,[4] sah Jörg Magenau von der tageszeitung in dieser Verknüpfung den „eigentliche[n] Clou des Romans“.[5] Das Werk ordneten einige Rezensenten, nicht immer ohne Ironie, als den lange erwarteten „ultimativen Wenderoman“[6] ein.

Aus Anlass des 800-jährigen Bestehens seiner Geburtsstadt Dresden verfasste Ingo Schulze für den MDR figaro einen am 3. Mai 2006 ausgestrahlten Essay zum Thema „Mythos Dresden“ mit dem Titel Nachtgedanken.[7] Schulze beteiligte sich auch an der Ausstellung „Mythos Dresden“ im Deutschen Hygienemuseum Dresden.

Schulzes Erzählsammlung Handy. 13 Geschichten in alter Manier, die 2007 in die Läden kam, rief fast einhelliges Lob hervor. So beurteilte sie etwa Volker Weidermann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, verglichen mit Neue Leben, als „lässiger, einfacher, ruhiger und einfach sehr, sehr schön geschrieben“.[8]

Für breite Aufmerksamkeit auch in überregionalen Medien sorgte Schulzes Dankesrede zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007, in der er die steigende Bedeutung des Sponsorings im Kulturbereich bei gleichzeitigem Rückzug des Staates aus diesem thematisierte.[9][10]

Schulzes Roman Adam und Evelyn erhielt neben fünf weiteren Finalisten eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2008.[11]

Schulzes 2010 erschienener Erzählband Orangen und Engel. Italienische Skizzen ist entstanden im Zusammenhang mit einem Stipendien-Aufenthalt des Autors in der Villa Massimo in Rom. Es handelt sich dabei um Erzählungen, in denen zumeist einfache Leute aus dem großstädtischen römischen Umfeld im Mittelpunkt stehen; die Geschichten geben sich als tatsächliche Erlebnisse des Autors, sind auch in der Ich-Form erzählt; allerdings verlassen sie dieses autobiographische Muster dann fast unmerklich, werden hintergründig, haben meist auch einen uneindeutigen Schluss.

Politische Äußerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 2012 wurden Ingo Schulzes in der Süddeutschen Zeitung publizierten Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft[12] und seine Dresdner Rede Wider die marktkonforme Demokratie[13] sehr beachtet.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Herakles-Motiv in der „Ästhetik des Widerstands“. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe) 36. Jg., 1987, Heft 3, S. 417–422.
  • 33 Augenblicke des Glücks. Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter. Berlin, Berlin Verlag 1995, ISBN 978-3-8270-0050-7. Als dtv-Taschenbuch, München 1997, ISBN 3-423-12354-0.
  • Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. Berlin, Berlin Verlag 1998, ISBN 978-3-8270-0051-4.
  • Der Brief meiner Wirtin. Laudatio auf Josua Reichert. In: Sinn und Form 52, 2000, H. 3, S. 435–442.
  • Von Nasen, Faxen und Ariadnefäden. Zeichnungen und Fax-Briefe. Mit Helmar Penndorf. Berlin, Friedenauer Presse 2000, ISBN 978-3-932109-16-4.
  • Lesen und Schreiben oder „Ist es nicht idiotisch, sieben oder gar acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann?“ In: Ute-Christine Krupp, Ulrike Janssen (Hrsg.): Zuerst bin ich immer Leser. Prosa schreiben heute. Frankfurt am Main, Suhrkamp 2000, ISBN 3-518-12201-0, S. 80–101.
  • Mr. Neitherkorn und das Schicksal. Berlin, Ed. Mariannenpresse 2001, ISBN 3-926433-25-6
  • Würde ich nicht lesen, würde ich auch nicht schreiben. Meranier-Gymnasium, Lichtenfels 2002.
  • Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Berlin, Berlin Verlag 2005, ISBN 978-3-8270-0052-1.
  • Nachtgedanken. Am 3. Mai 2006 von MDR figaro gesendeter Essay
  • Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier. Berlin, Berlin Verlag 2007, ISBN 978-3-8270-0720-9.
  • Meine kopernikanische Wende. In: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt. Frankfurt, Suhrkamp 2007, ISBN 978-3-518-45864-8.
  • Signor Candy Man. In: Süddeutsche Zeitung, 5. Januar 2008
  • Eine, zwei, noch eine Geschichte/n. Mit Imre Kertész und Péter Esterházy. Berlin, Berlin Verlag 2008, ISBN 978-3-8270-0787-2.
  • Popikone. In: Thomas Kraft (Hrsg.): Beat Stories. München, Blumenbar 2008, ISBN 978-3-936738-36-0.
  • Tausend Geschichten sind nicht genug. Leipziger Poetikvorlesung 2007. Frankfurt am Main, Suhrkamp 2008, ISBN 978-3-518-06966-0.
  • Fast ein Märchen. In: Sinn und Form, 60, 2008, H. 4, S. 453–457.
  • Adam und Evelyn. Berlin, Berlin Verlag 2008, ISBN 978-3-8270-0810-7.
  • Der Herr Augustin. Mit Julia Penndorf (Illustrationen), Bloomsbury-Kinderbuch. Berlin, Berlin Verlag 2008, ISBN 978-3-8270-5329-9.
  • Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen Berlin, Berlin Verlag 2009, ISBN 978-3-8270-0054-5.
  • Eine Nacht bei Boris erschienen in der Reihe: Books to Go, Berlin, Deutscher Taschenbuch Verlag, April 2009, ISBN 978-3-423-08222-8.
  • Nach der Flut. Laudatio zur Verleihung des Anna-Seghers-Preises an Lukas Bärfuss. In: Sinn und Form, 61, 2009, H. 3, S. 413–419.
  • Orangen und Engel. Italienische Skizzen. Mit Matthias Hoch (Fotografien), Berlin, Berlin Verlag 2010, ISBN 978-3-8270-0916-6.
  • Unsere schönen neuen Kleider. Gegen eine marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte, Hanser Verlag, 2012, ISBN 978-3-446-24091-9.
  • Henkerslos. Ein Märchenbrevier. Hanser Verlag, 2013, ISBN 978-3-446-24405-4. (Zusammen mit Christine Traber. Mit Illustrationen von Sebastian Menschenmoser).[14]
  • Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-10-397204-7.
Dokumentarfilm als Stadtschreiber
  • Rettung aus dem Regenwald? ZDF / 3sat 2011, zusammen mit Christine Traber. (Dokumentation über Terra preta bei Burnout – Der erschöpfte Planet., Erstausstrahlung 12. November 2011, 45 Minuten).
Hörspiel

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Michalzik: Wie komme ich zur Nordsee? Ingo Schulze erzählt einfache Geschichten, die ziemlich vertrackt sind und die alle lieben. In: Thomas Kraft (Hrsg.): Aufgerissen. Zur Literatur der 90er. Piper, München 2000, ISBN 3-492-04224-4, S. 27–38.
  • Fabian Thomas: Neue Leben, neues Schreiben? Die „Wende“ 1989/90 bei Jana Hensel, Ingo Schulze und Christoph Hein. Martin Meidenbauer Verlag, München 2009, ISBN 978-3-89975-948-8.
  • Harry Lehmann: Geschichten aus dem blinden Fleck. Zur Erzählphilosophie von Ingo Schulze. In: Sinn und Form, 61, 2009, H. 3, S. 390–410. (PDF)
  • Harry Lehmann: Ingo Schulze. Simple Stories. In: Harry Lehmann: Die flüchtige Wahrheit der Kunst. Ästhetik nach Luhmann. Fink, München 2006, ISBN 3-7705-4193-6, S. 85–99.
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Ingo Schulze. edition text + kritik im Richard-Boorberg-Verlag, München 2012, ISBN 978-3-86916-145-7. (text + kritik. Heft 193).

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ingo Schulze – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stuttgarter Zeitung: Ingo Schulze. Simple Storys., 30. April 1998
  2. die tageszeitung: 13.10.2005/a0206 „Literatur ist zu jeder Zeit wichtig“ – Ein Gespräch mit Ingo Schulze., 13. Oktober 2005
  3. Focus: „Heinrich, was meinst du dazu?“ – Interview mit Günter Grass., 4. Oktober 1999
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Enrico Türmers unternehmerische Sendung., 19. Oktober 2005
  5. die tageszeitung: %2F10 %2F19 %2Fa0201&cHash=a52f9bec0a Die Entdeckung der Bilanzen. 19. Oktober 2005
  6. Die Welt: Enrico, mir graut vor Dir! (PDF-Datei; 175 kB), 15. Oktober 2005
  7. Ingo Schulze: Nachtgedanken. in: Süddeutsche Zeitung vom 31. März 2006
  8. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Gibt es denn keine Welt da draußen?, 11. März 2007
  9. Ingo Schulze: Was wollen wir? – Dankrede zum Thüringer Literaturpreis. In: Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen 15 (2007), Heft 2 (=Heft 45 der Gesamtzählung), S. 208–216
  10. Literarische Gesellschaft Thüringen e. V.: Pressespiegel zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007
  11. Deutscher Buchpreis 2008 Frankfurt am Main, 17. September 2008
  12. „Kapitalismus braucht keine Demokratie“, Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2012
  13. Ingo Schulze: „Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“, Dresdner Rede 2012, 26. Februar 2012
  14. Rezension von Carsten Hueck: Auf Gott oder Zaukräfte ist kein Verlass. In: Deutschlandradio vom 24. Dezember 2013. Aufgerufen am 23. Januar 2014.
  15. BR Hörspiel Pool - Schulze, Augusto, der Richter
  16. Ingo Schulze neuer Mainzer Stadtschreiber in: boersenblatt.net vom 24. November 2010, abgerufen am 25. November 2010
  17. Literature: Ingo Schulze auf der Seite der Manhae-Foundation.