Initiative Nachrichtenaufklärung

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Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) ist ein Zusammenschluss von Medienwissenschaftlern und Journalisten, die die Öffentlichkeit auf Themen und Nachrichten aufmerksam machen möchten, die ihrer Meinung nach von den deutschen Massenmedien vernachlässigt werden.

Die Hauptaktivität der Initiative ist die Veröffentlichung ihres Jahresberichts, der „Top 10 vernachlässigter Themen“.

Die INA wurde im Mai 1997 vom heutigen Professor für Mass Communication an der Jacobs University Bremen, Peter Ludes, in Siegen gegründet. Ihr Sitz wurde zwischenzeitlich nach Dortmund verlegt, ab Oktober 2002 koordinierte Horst Pöttker das Projekt am Dortmunder Institut für Journalistik. 2014 übernahm Hektor Haarkötter von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln die Geschäftsführung.

Im März 2002 wurde die INA für den Grimme Online Award nominiert.

Strukturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Organisationsprozess entspricht dem anderer Demokratieförderungs-Initiativen wie z. B. Unwort des Jahres. Die Vorschläge für mögliche Themenstellungen werden das ganze Jahr über gesammelt und von studentischen Rechercheteams daraufhin überprüft, ob sie den Nominierungskriterien der INA entsprechen. Derzeit recherchieren Teams an der Technischen Universität Dortmund, der Universität Bonn, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg und der Hochschule Darmstadt für die INA. Eine Jury aus Medienwissenschaftlern und freien Journalisten ermittelt dann aus dem Fundus der nominierten Eingaben methodisch eine Rangliste des Jahres, die schließlich der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Die Vorschläge können von Privatpersonen oder Organisationen per Post, Fax oder E-Mail eingereicht werden. Auf der Homepage gibt es neben Instruktionen auch ein online bedienbares Kontaktformular.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Initiatoren gehen von der Prämisse aus, dass es in der deutschen Medienwelt ein ausgeprägtes „Rudelverhalten“, sogenannte Themenkonjunkturen und notorisch ausgeblendete Themen gibt. Als Vorbild diente ihenen die schon länger bestehende US-amerikanische Initiative Project Censored. Der lange in den USA arbeitende Medienwissenschaftler Peter Ludes sammelte mit Imme de Haen, der ehemaligen Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule, Ingrid Kolb, Ulrich Saxer, Georg Schütte und Hermann Meyn in Siegen ein Gründerteam um sich, um diesen Missstand im Bereich der Medien publik zu machen und dadurch ansatzweise Abhilfe zu schaffen.

Die heutigen Juroren kommen aus verschiedenen deutschen Bundesländern und sind hauptsächlich Journalisten, Geistes- und Sozialwissenschaftler. Bekannte Namen sind die Journalisten Hersch Fischler, Christiane Schulzki-Haddouti, Toralf Staud und Reiner Metzger sowie die Medienwissenschaftler Horst Pöttker (Technische Universität Dortmund), Stephan Weichert (Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin) und Caja Thimm (Universität Bonn).

Die Top Themen 2013 sollen mit Hilfe von Crowdfunding bearbeitet werden.[1]

Seit 2015 besteht eine Kooperation mit der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks und mit Journalist, der Zeitschrift des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV).[2]

Nominierungskriterien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nominierbar und den Relevanzkriterien entsprechend sind prinzipiell Themen und Nachrichten, die (Zitat von der INA-Homepage):

  • der Bevölkerung in Deutschland (und Europa) bekannt sein sollten, zu denen sie aber nur eingeschränkten oder gar keinen Zugang hat;
  • für einen Großteil der Bevölkerung relevant sind;
  • eindeutig konzipiert sind und auf zuverlässigen, überprüfbaren Quellen basieren;
  • trotz ihrer Bedeutung noch nicht von den Medien (Tageszeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenbriefe, Rundfunk, Fernsehen, Internet u. a.) aufgegriffen, bzw. recherchiert und veröffentlicht wurden;
  • die in deutscher oder in einer anderen europäischen Sprache verfasst sind.

Top 10 der vernachlässigten Themen (Jahresübersicht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachfolgend die Jahresübersichten bis 2005 zurück über die „Top 10 der vernachlässigten Themen“. Alle nominierten Themen der letzten Jahre bis 1997 einschließlich ihrer Begründung finden sich auf der offiziellen Webseite unter „Top-Themen“.[3]

Top 10 der vernachlässigten Themen 2018[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Inklusion in der Arbeitswelt
  2. Portugal überwindet Finanzkrise – ohne Sparen
  3. Monsun in Südasien 2017 versus Hurrikan in Texas
  4. Prekäre Arbeitsbedingungen auf Containerschiffen
  5. Lebensrettende Medikamente in Entwicklungsländern für große Teile unerschwinglich – die Pharmaindustrie ist eine der gewinnträchtigsten Branchen
  6. Abschaffung des Bevölkerungsschutzes in Deutschland bei einem atomaren GAU
  7. Gesundheitsgefahren und fehlende politische Regulierung der Schichtarbeit
  8. Gewalt gegenüber Beschäftigten in psychiatrischen Einrichtungen
  9. Die Zwangssterilisation von Roma-Frauen in der Tschechischen Republik
  10. Humanitäre Krise im Tschad

Top 10 der vernachlässigten Themen 2017[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundesrichterwahl illegal?
  2. Die meisten Auslandseinsätze der Bundeswehr sind unbekannt
  3. Costa Rica und andere Länder ohne Militär
  4. Kann Hunger durch weniger Nahrungsmittelverschwendung verringert werden?
  5. Deregulierung von Au-pair-Agenturen in Deutschland durch EU-Recht
  6. Die Rolle des Westens im Jemen-Konflikt
  7. Unzuverlässiges Gütesiegel führt zu Gewalt bei der Pferdeausbildung
  8. Medikamentöse Ruhigstellung in Altenpflegeheimen
  9. Fehlender Schutz von Kulturgütern bei atomarem GAU
  10. Scheinselbstständigkeit unter freien Mitarbeitern

Top 10 der vernachlässigten Themen 2016 [4][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Finanzierung von Atomwaffen
  2. EU und Euratom: Verpflichtet, die Kernkraft zu fördern
  3. K.-o.-Tropfen: Lieferung frei Haus und legal
  4. Der Xerox-Kopierer: Kopierer tauschen Zahlen
  5. Handybetrug: Wer verdient am WAP-Billing?
  6. Simulierte Videoüberwachung: Wenn der Betriebsrat nichts zu melden hat
  7. Arbeitsbedingungen zu selten ein Thema
  8. „Betonspritzen“ in der Psychiatrie
  9. Mangelernährung bei Krebs: Krankenhäuser könnten mehr tun
  10. Polizeigewalt: Ein Fall aus Köln

Top 10 der vernachlässigten Themen 2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verkaufte Links: Wie Medien ihre Glaubwürdigkeit untergraben
  2. Undurchsichtige Finanzen bei politischen Stiftungen
  3. Prekäre Verhältnisse in Ausbildungsberufen
  4. Fragwürdiger Umgang mit Patientendaten
  5. Weißes Papier, schmutziges Geschäft
  6. Überwachung in Skigebieten
  7. Arbeitsbedingungen von Strafvollzugsbeamten
  8. Facebook erforscht Künstliche Intelligenz
  9. Millionen-Grab Polizei-Software
  10. Moderne Rasterfahndung per Handy

Top 10 der vernachlässigten Themen 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In Spendierroben: Wie Richter ohne Kontrolle Geld aus Prozessen verteilen (Geldauflagen)
  2. Das Geschäft mit der Abschiebepraxis (Asylbewerber, Frontex)
  3. UN-Welternährungsprogramm ist intransparent
  4. Fehlende Kontrolle von Au-Pair-Agenturen in Deutschland
  5. Die gehörlose Generation (Hörgeschädigte)
  6. E-Discovery: deutsche Unternehmensdaten für die USA
  7. Bonuszahlungen für Ärzte – auch bei nicht zugelassener Medikation (Off-Label-Use)
  8. Voluntourismus: Geschäfte mit der guten Tat im Ausland
  9. Waffenexporte werden unzureichend kontrolliert (Endverbleibserklärung)
  10. Polizeiliche Demonstrationsverbote für rechtswidrig erklärt (G8-Gipfel in Heiligendamm 2007)

Top 10 der vernachlässigten Themen 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Keine Rente für arbeitende Gefangene
  2. HIV-positiv auf dem Arbeitsmarkt: Kein Rechtsschutz gegen Diskriminierung
  3. Die Antibabypille – gefährliches Lifestyle-Medikament
  4. Weiterbildung zum Hungerlohn
  5. Hartz IV bei Krankheit – kein Thema
  6. Vergessene Arbeits-, Sozial- und Zivilprozesse
  7. Gekaufte Kundenbewertungen im Internet
  8. Miserable Zustände in europäischen Haftanstalten
  9. Die undurchsichtige Industrie humanitärer Hilfe
  10. Betrugsanfälligkeit von Drogentests

Top 10 der vernachlässigten Themen 2011[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bankenrettung ohne wirksame parlamentarische Kontrolle
  2. Flächendeckend Schadstoffe an Schulen in NRW
  3. Militärforschung an deutschen Hochschulen
  4. Grundrecht auf Gesundheit – nicht für alle
  5. Ärztliche Versorgung in Altenheimen mangelhaft
  6. Der vergessene Krieg im Kaukasus
  7. Doping im Fußball
  8. Alternative Geldsysteme
  9. Der Nocebo-Effekt
  10. Die Misere der Erfinder in Deutschland

Top 10 der vernachlässigten Themen 2010[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2010 wurden keine Themen festgelegt.[5]

Top 10 der vernachlässigten Themen 2009[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Notstand im Krankenhaus: Pflegebedürftige allein gelassen
  2. Psychiatrie: Bundesregierung biegt UN-Konvention zurecht
  3. Kriegsberichterstattung lenkt von zivilen Friedensstrategien ab
  4. Rechtswidrige Anwendung von Polizeigewalt
  5. Lücken der Finanzaufsicht bei Kirchen
  6. Mangelhafte Deklarierung von Jodzusatz in Lebensmitteln
  7. Patente auf menschliche Gene und Gensequenzen
  8. Schulen für Gehörlose unterrichten keine Gebärdensprache
  9. Mangelnde Kontrolle deutscher Rüstungsexporte
  10. Sondermüll beim Bauen und Sanieren

Top 10 der vernachlässigten Themen 2008[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zu viele Straftäter in der Psychiatrie
  2. Pharmaindustrie unterwandert Patienten-Blogs
  3. Kupferbelastung der Umwelt durch ersetzbare Bremsbeläge
  4. Gefährlichkeit starker Psychopharmaka
  5. SED-Vermögen: Immer noch in Liechtenstein und anderswo versteckt?
  6. Gefahren durch Uran-Munition in Kriegsgebieten
  7. Pauschale Berichterstattung über Entwicklungsländer
  8. Idealisiertes Mutterbild statt Berichterstattung über postnatale Depression
  9. Undifferenzierte Berichterstattung über Migranten
  10. Menschenunwürdiger Umgang mit Totalverweigerern in der Bundeswehr

Top 8 der vernachlässigten Themen 2007[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Absprachen über Terminierungsentgelte im deutschen Handynetz
  2. Politiker behindern Einrichtung von Ombudsstellen
  3. Qualitätsverluste im Journalismus
  4. Chemikalien gefährden die Fruchtbarkeit – eine „tickende Zeitbombe“?
  5. Städte kippen den Baumschutz
  6. Die Schweiz beschließt neue Atomkraftwerke
  7. Fragwürdige Auslandsgeschäfte der WestLB
  8. Bundestag debattiert erstmals über Entschädigung für deutsche Kolonialverbrechen in Afrika

Top 10 der vernachlässigten Themen 2006[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fehlende Therapieplätze für Medikamentenabhängige
  2. Über eine Million politische Gefangene in China – unmenschliche Haftbedingungen und Organhandel?
  3. Stromfresser Internet
  4. Biologische Waffen aus dem Internet
  5. Wenn Insider Alarm schlagen - Whistleblower haben in Deutschland einen schweren Stand
  6. Keine Zukunft für die Sahrauis
  7. MEADS: Auf welche Berater verließ sich die Bundesregierung?
  8. Agrarsubventionen: EU verhindert rechtzeitige öffentliche Debatte
  9. Öl-Konzern hintertreibt Klimaschutzpolitik
  10. Pauschale Bonitätsprüfung

Top 10 der vernachlässigten Themen 2005[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Korruptionsbekämpfung durch die UNO - Deutschland ist nicht dabei
  2. Bedenklicher Einsatz von Wahlmaschinen
  3. Der Pestizid-Bumerang: Die verbotenen Gifte kommen zurück
  4. Strategie der Abhängigkeit: Irakische Bauern müssen Lizenzgebühren für Saatgut zahlen
  5. Geheimdienste überwachen unkontrolliert die digitale Kommunikation in Europa
  6. Fehler im System: Wie der “Grüne Punkt” ausgehebelt wird
  7. Deutschland verschläft die Energiewende
  8. EU-Chaos beim digitalen Fahrtenschreiber
  9. Schmutzige Kredite
  10. Vom Petro-Dollar zum Petro-Euro: Iran plant neue Ölbörse

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Pöttker, Christiane Schulzki-Haddouti (Hg.): Verschwiegen? Verdrängt? Vergessen? Zehn Jahre "Initiative Nachrichtenaufklärung". VS-Verlag 2007
  • Peter Ludes ; Joachim Friedrich Staab ; Georg Schütte: Nachrichtenausblendung und Nachrichtenaufklärung In: Machtkonzentration in der Multimediagesellschaft? / Hrsg.: Heribert Schatz ... - Opladen, (1997). - S. 139–156
  • Peter Ludes und Georg Schütte: Von der Nachricht zur News Show  : ein deutsch-amerikanischer Nachrichtenvergleich In: Medium : Zeitschrift für Hörfunk, Fernsehen, Film, Presse. - ISSN 0025-8350 - 23 (1993), Spezial, S. 56–59
  • Kristina Nolte: Der Kampf um Aufmerksamkeit : wie Medien, Wirtschaft und Politik um eine knappe Ressource ringen. Campus-Verl., Frankfurt/Main 2005. (Zugl.: Berlin, Univ., Dissertation 2004) 186 S. ISBN 3-593-37904-X
  • Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit : ein Entwurf. Hanser, München 2003. 251 S. ISBN 3-446-19348-0
  • Michael Schetsche: Wissenssoziologie sozialer Probleme. Grundlegung einer relativistischen Problemtheorie. Westdeutscher Verlag, Opladen 2000.
  • Stephen Hilgartner; Charles L. Bosk: The Rise and Fall of Social Problems: A Public Arenas Model. In: American Journal of Sociology 94, S. 53–78. 1988
  • Georg Schütte: Informationsspezialisten der Mediengesellschaft. Die Produktion und Präsentation von Fernsehnachrichtensendungen in den USA, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 1994. ISBN 3-8244-4164-0 (Zugl.: Dortmund, Univ., Diss., 1994)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Archivlink (Memento des Originals vom 15. Juli 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.derblindefleck.de
  2. Die Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. Abgerufen am 17. Februar 2016.
  3. http://www.derblindefleck.de/index.php/top-themen/
  4. Top 10 in 2016
  5. Übersicht der vernachlässigten Themen der letzten Jahre