Initiativgruppe Lager Mühlberg

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Gedenkstätte auf dem Lagergelände

Die Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. (ILM) ist ein Verein mit dem Ziel der Aufarbeitung der Geschichte des deutschen Kriegsgefangenen-Stammlagers IV B und des sowjetischen Speziallagers Nr. 1 in der Nähe der Stadt Mühlberg/Elbe. Besonderes Augenmerk des Vereins liegt auf der Vertretung der Interessen ehemaliger Kriegsgefangener und Inhaftierter des Speziallagers sowie deren Angehöriger.

Historischer Ort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Stammlager IV B (Stalag IV B, auch Stalag IV-B geschrieben) war ein von der Wehrmacht 1939 erbautes Stammlager für Kriegsgefangene nordöstlich von Mühlberg/Elbe. Insgesamt durchliefen während des Zweiten Weltkriegs etwa 300.000 Kriegsgefangene das Lager, von denen etwa 3.000 im Lager ums Leben kamen. Ab August 1945 betrieb die sowjetische Geheimpolizei NKWD bis Herbst 1948 auf demselben Gelände das Speziallager Nr. 1 Mühlberg mit insgesamt etwa 21.800 Inhaftierten, von denen mindestens 6700 Personen im Lager ums Leben kamen.

Nach der Schließung des Lagers wurden die Baracken nach Johanngeorgenstadt abtransportiert. Das verlassene Lagergelände wurde aufgeforstet. Die Speziallager blieben bis Ende 1989 ein Tabuthema in der DDR; so durfte auch über die Opfer von Mühlberg nicht gesprochen werden, nicht einmal über die Existenz des Lagers. Gedenkveranstaltungen für die Toten des Stalag IV-B fanden auf dem Friedhof von Neuburxdorf statt. Im Gedenkstättenführer des Instituts für Denkmalpflege in der DDR war bei „Neuburxdorf“ der Name „Mühlberg“ nicht erwähnt; bei „Mühlberg“ fehlte der Hinweis auf das Stalag IV-B.[1]

Vereinsgeschichte, Mitgliederzahl und Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ILM wurde am 11. Januar 1991 von ehemaligen Inhaftierten des Speziallagers Nr.1 Mühlberg gegründet. Im Sommer 1991 vereinigte sich der Verein mit der Arbeitsgruppe Internierungslager des Runden Tisches der Stadt Mühlberg/Elbe. Erster Vorsitzender war Gottfried Becker.[2] Seit 2001 wird die ILM von Pfarrer Matthias Taatz geleitet.

Zwischen 1995 und 2008 lag die Mitgliederzahl der ILM konstant bei etwa 450 Personen.[3][4]

Zu den wesentlichen Zielen der ILM gehören laut Satzung[5]:

  • Sammeln und Veröffentlichen von Informationen über die im Lager gefangenen Menschen sowie Einrichtung und Erhaltung eines Archivs für wissenschaftliche Arbeiten
  • Information Überlebender und Hinterbliebener, Organisation von Gedenkfeiern für die Opfer und Unterstützung bei den Bemühungen um Wiedergutmachung
  • Errichtung und Erhalt von Erinnerungsstätten auf dem Lagergelände, im Mühlberger Stadtmuseum und an anderen geeigneten Orten

Tätigkeit des Vereins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V. ist es zu verdanken, dass die Geschichte des Speziallagers Nr.1 Mühlberg nicht in Vergessenheit geraten ist.[6] Anders als in anderen Lagern mit doppelter Vergangenheit, wo sich zumindest in den ersten Jahren nach 1989 das Verhältnis zwischen den Überlebenden des Lagers der NS-Zeit und denen des Speziallagers schwierig und konfliktreich gestaltete, hat sich die ILM von Anfang an darum bemüht, die Geschichte beider Lager zu dokumentieren und an beide Inhaftierten-Gruppen zu erinnern. Neben anderen vertraten besonders Matthias Taatz und Achim Kilian die Auffassung, dass nur die vollständige Wahrheit und nur die Wahrnehmung auch anderer Opfergruppen der damaligen Zeit zur dauerhaften Aussöhnung führen kann.

Bronzetafel mit den Namen der Opfer des sowjetischen Speziallagers

Die Vereinsmitglieder machten zunächst in Arbeitseinsätzen die Lagerstraße wieder sichtbar und legten die Fundamente einer Baracke frei.[7] Mit Unterstützung des Landes Brandenburg und vieler freiwilliger Helfer wurde eine würdige Gedenkstätte errichtet, in der ein großes Gedenkkreuz sowie viele Einzelkreuze und -gedenksteine von Angehörigen an das begangene Unrecht erinnern.[8] 2008 wurden Bronzetafeln mit den Namen von 6766 Todesopfern des sowjetischen Speziallagers eingeweiht.[9] Die ILM trug bis 2012 wesentlich zur Errichtung eines Informationspfades auf dem Lagergelände bei. Auf ursprünglich 17 (jetzt 18) Glasstelen können sich Besucher der Gedenkstätte über die Geschichte beider Lager informieren.[10] Über die Errichtung und Pflege der Gedenkstätte in Mühlberg hinaus hat die ILM auch in anderen Orten das Anbringen von Gedenktafeln oder andere Formen von Gedenkarbeit unterstützt, so in Rochlitz, Olbernhau und Thallwitz.[11] Weitere Aktivitäten der ILM beinhalten Führungen durch das Lagergelände, Zeitzeugengespräche und Wanderausstellungen.[12]

Mindestens zweimal im Jahr wird seit 1991 durch die ILM ein Rundbrief herausgegeben, um die Biographien der Gefangenen beider Lager, neue Erkenntnisse der Aufarbeitung und aktuelle Gedenkaktivitäten darzustellen.[13]

Die ILM erinnert einmal jährlich am ersten Sonnabend im September bei einem Mahn- und Gedenktreffen an die Eröffnung des Speziallagers 1945 durch die sowjetische Geheimpolizei NKWD. In diesem Rahmen findet immer eine besondere Gedenkfeier für die Opfer des deutschen Kriegsgefangenenlagers Stalag IV-B auf der Kriegsgräberstätte Neuburxdorf statt.[14] Zu den Festrednern des Treffens zählten in der Vergangenheit Joachim Gauck (2004), Jörg Schönbohm (2008), Johanna Wanka (2009) und Ulrike Poppe (2013). Auch am Volkstrauertag finden jährlich Gedenkveranstaltungen auf dem Lagergelände statt.

Die ILM gehört zum Dachverband Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). Das Archiv der ILM ist Kooperationspartner der Deutschen Digitalen Bibliothek.

Über die Arbeit der ILM wird regelmäßig in lokalen und überregionalen Medien berichtet.[15][16][17] Im Februar 2016 erhielt die Initiativgruppe Lager Mühlberg den Preis für Denkmalpflege des Landkreises Elbe-Elster für ihren Beitrag zum Aufbau der Gedenkstätte Lager Mühlberg.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefanie Endlich: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus: Eine Dokumentation. Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen. Bundeszentrale für Politische Bildung, 1999, S. 314. ISBN 3-89331-391-5
  2. Andreas Weigelt: Chronik der Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V.: mit einer einleitenden Betrachtung zur Wahrnehmung der Speziallager in der Zeit zwischen dem Ende des 2. Weltkrieges 1945 und der Gründung der Initiativgruppe 1991 Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V., Mühlberg/Elbe, 2010, S. 61, OCLC 756367270
  3. Simone Wendler: Hastig gepflanzte Birken sollten alle Spuren tilgen. In: Tagesspiegel vom 4. März 1995
  4. Andreas Weigelt: Chronik der Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. S. 186
  5. Andreas Weigelt: Chronik der Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. S. 62
  6. Bericht der Bundesregierung zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bonn, 2012, S. 111 , abgerufen am 5. Januar 2014
  7. Stefanie Endlich: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus: Eine Dokumentation. Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen. Bundeszentrale für Politische Bildung, 1999, S. 315. ISBN 3-89331-391-5
  8. Anne Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. Ch. Links Verlag, 2007, S. 189. ISBN 3861534436
  9. Mahn- und Gedenktreffen in Mühlberg in: Lausitzer Rundschau vom 5. September 2008
  10. Glasstelen erinnern an Opfer zweier Diktaturen. in: Lausitzer Rundschau vom 24. April 2012
  11. Anne Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. Ch. Links Verlag, 2007, S. 360, 365 und 372. ISBN 3861534436
  12. Lager zweier Diktaturen (Memento vom 6. Januar 2014 im Webarchiv archive.is), in: Sächsischer Bote vom 23. Oktober 2013
  13. Rundbrief der Initiativgruppe Lager Mühlberg. OCLC 775716698
  14. Erster Tätigkeitsbericht der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Berichtszeitraum: 1. Januar 2010 – 31. Dezember 2011 Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAkD), Potsdam, 2012, S. 50
  15. Gedenken in Mühlberg. in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. April 1995
  16. Zeitzeugen halten Erinnerung wach. in: Lausitzer Rundschau vom 3. September 2011
  17. Keramikfunde erzählen vom Leben in sowjetischen Speziallagern. in: Focus vom 3. Dezember 2013, abgerufen am 5. Januar 2014
  18. Viel Lob für einen Schlagfertigen und Dunkle Kapitel aus zwei Diktaturen. In: Lausitzer Rundschau vom 22. Februar und 20. Februar 2016