Innovationszentrum Skolkowo

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Projektplanung

Das Innovationszentrum Skolkowo (russisch Инновационный центр Сколково, Innowazionny Zentr Skolkowo) ist ein im Aufbau befindliches russisches Forschungs- und Industriegebiet nach dem US-Vorbild des Silicon Valley, in dem hochmoderne Technologien entwickelt werden sollen.[1]

Es wird im Moskauer Vorort Skolkowo ausgebaut, rund 17 km westlich des Moskauer Stadtzentrums.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das projektierte Forschungszentrum in Skolkowo sollte sich vor allem auf fünf High-Tech-Bereiche konzentrieren: Energie, Informationstechnologie, Telekommunikation, Biomedizin und Atomtechnologien. Gemäß Wladislaw Surkow, dem früheren stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung, sollen im russischen Silicon Valley „nur die größten und modernsten Unternehmen ihren Sitz haben“ und mindestens „zwei, drei, vier Nobelpreisträger“ dort arbeiten.[2]

Standort und Projektierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus landesweit 18 Standortvorschlägen wählte Präsident Dmitri Medwedew Skolkowo aus, weil die „Innovations-Stadt“ („Innograd“) nahe bei Moskau liegen soll und die Regierung dort mit einer Außenstelle des staatlichen Forschungsinstitutes der Landwirtschaft über 307 Hektar eigenes Land verfügte. In Skolkowo wurde zudem 2006 eine Managementschule gegründet, deren Aufsichtsratspräsident Medwedew ist. Skolkowo gilt auch als gehobene Wohngegend im Moskauer Gebiet.

Die Planung erfolgte in den Jahren 2011 bis 2014. Der Baubeginn verzögerte sich um etwa drei Jahre. Die ersten Gebäude und das interne Straßennetz ab 2014 fertiggestellt, der erste Nahverkehrszug fuhr 2019. Im fertig gebauten Forschungszentrum sollten 30.000 bis 40.000 Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten.[3] Diese Zahl wird wohl aber bei weitem nicht erreicht. 2014 war von 3500 Wissenschaftlern und Ingenieuren die Rede,[4] 2019 von 16.000 Arbeitsplätzen und den ersten rund 700 Bewohnern. Im Endausbau sollen es 17.000 Einwohner und 80.000 Arbeitsplätze sein. Der Staat wollte nicht mehr als 50 Prozent der Gesamtfinanzierung übernehmen.

Kosten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Projekt-Koordinator Wiktor Wekselberg bezifferte im Oktober 2010 die Projektkosten für die ersten drei Jahre auf rund 200 Milliarden Rubel (4,8 Milliarden Euro), die je zur Hälfte von Staat und Unternehmen getragen werden sollen.[5]

Leitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Strategischer Koordinator des Gesamtvorhabens war bis zu seinem Rücktritt im Mai 2013 Wladislaw Surkow, stellvertretender Leiter der russischen Präsidialverwaltung. Mit der Koordinierung des Projektes beauftragte Präsident Medwedew den Großunternehmer Wiktor Wekselberg, der als Leiter der Projektgruppe den Historiker und Manager Oleg Borissowitsch Alexejew einsetzte.

Wissenschaftlich-technischer Rat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum wissenschaftlichen Leiter des Innovationszentrums in Skolkowo wurde der Physik-Nobelpreisträger des Jahres 2000, Schores Alfjorow ernannt.[6] Alfjorow wird gemeinsam mit dem amerikanischen Biochemiker und Nobelpreisträger Roger D. Kornberg[7] einen wissenschaftlich-technischen Rat leiten, dem sowohl russische als auch ausländische Wissenschaftler, Ingenieure und Experten angehören werden.

Stiftung für die Entwicklung der Innograd Skolkowo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Stiftung für die Entwicklung der Innograd Skolkowo wurde am 21. Mai 2010 offiziell registriert.[8] Die Gründer der Stiftung sind die Russische Akademie der Wissenschaften, die staatliche Bank für Außenwirtschaft (Wneschekonombank), die Russische Gesellschaft für Nanotechnologien (ROSNANO), die Staatliche Technische Universität Moskau N. E. Bauman, die russische Venture-Gesellschaft Almaz Capital Partners und die russische Stiftung zur Unterstützung von KMU in Wissenschaft und Technik (OPORA). Der frühere russische Vizeministerpräsident Arkadi Wladimirowitsch Dworkowitsch, seit 2018 Vorsitzender des Stiftungsrats, legte am 18. März 2022 den Vorsitz nieder, nachdem er sich für eine friedliche Lösung im Russland-Ukraine-Krieg ausgesprochen hatte und dafür vom Sekretär des Generalrats der Regierungspartei Einiges Russland kritisiert worden war.[9][10]

Stiftungsrat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unternehmen, Organisationen und Universitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Anfangsphase wurden ausschließlich westliche Unternehmen als Partner angenommen. Zu den ersten Partnern gehörten im Sommer 2010 die US-amerikanische Telekommunikationsfirma Cisco und der deutsche Siemens-Konzern.[11] Der schweizerische Generalunternehmer Maxmakers wurde als Bauberater ausgewählt.[12]

Der erste russische Partner ist seit Mitte August 2010 das Kurtschatow-Institut in Moskau, welches als führendes wissenschaftliches Forschungsinstitut in Russland gilt.[13] In der Sowjetunion war das damals geheime Institut nur unter dem Namen Labor Nr. 2 und später als Kurtschatow-Institut für Atomenergie bekannt. Seit 2007 ist das Kurtschatow-Institut das russische Kompetenzzentrum für die Entwicklung von Nanotechnologie.

Microsoft gab im November 2010 bekannt, dass der Softwarekonzern eine Absichtserklärung für den Bau eines Technologiezentrums für Softwareentwicklung in Skolkowo unterzeichnet habe.[14] Kooperationen bestanden außerdem u. a. mit IBM, Tata und Boeing sowie mit dem MIT, welche sich nicht wirklich materialisierten.[15]

Auswahlkriterien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die drei wichtigsten Auswahlkriterien für die Projekte, welche im Innovationszentrum Skolkowo aufgenommen werden, definierte der stellvertretende Leiter der russischen Präsidialverwaltung, Wladislaw Surkow:[16]

  1. Herausragendes Innovationsniveau;
  2. Bereitschaft von Unternehmern, das Projekt zu finanzieren, wobei eine Beteiligung des Staates nicht ausgeschlossen wird;
  3. Beteiligung russischer Universitäten und ausländischer Forscher.

Im Innovationszentrum Skolkowo sollen deshalb neben Forschungsfilialen großer russischer und ausländischer Unternehmen und Niederlassungen von Ingenieurbüros respektive privaten Forschungsorganisationen auch Zentren zur Unterstützung der Startup-Projekte mit Risikokapital geschaffen werden.

Universität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß Projekt-Koordinator Wiktor Wekselberg soll im Innovationszentrum Skolkowo gemeinsam mit den Wissenschaftsclustern Michigans und Bostons eine eigene Universität gebaut werden (nicht zu verwechseln mit der 2006 gegründeten privaten Moskauer Managementschule Skolkowo).

Technologietransfer und Jungunternehmerförderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Innovationszentrum Skolkowo für Jungunternehmen, Hochschulen und Forschungsinstitutionen soll den Wissens- und Know-how-Austausch nach Schweizer Vorbild fördern. Eine entsprechende Absichtsklärung unterzeichnete Wiktor Wekselberg am 17. September 2010 mit dem Technopark Zürich. Dessen Erfahrungen im Technologietransfer und in der Jungunternehmerförderung will Wekselberg für das ambitiöse Projekt der russischen Regierung nutzen. Ziel ist eine vertraglich festgelegte Zusammenarbeit nach den Qualitätsstandards des Technopark Zürich.

Korruptionsvorwürfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Februar 2013 durchsuchten Beamte des Inlandsgeheimdienstes FSB das Moskauer Büro der Skolkowo-Stiftung. Ermittelt wurde aufgrund des Verdachts der Veruntreuung von umgerechnet 112 Millionen US-Dollar.[17] Der damalige Koordinator des Projekts, Wladislaw Surkow, warf den für die Strafuntersuchung zuständigen Ermittlungsbehörden daraufhin "Hyperaktivität" vor. Der Rücktritt Surkows von seinem Regierungsamt Anfang Mai 2013 wurde von politischen Beobachtern in Zusammenhang mit diesen Auseinandersetzungen gebracht.[18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Selenograd, auch als „russisches Silicon Valley“ bezeichnet

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Skolkovo Innovation Center – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ulf Mauder: „Innograd“: Moskau plant ein eigenes Silicon Valley. In: Handelsblatt. 4. Mai 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  2. Milliardär Wekselberg koordiniert russ. Silicon Valley. In: Russland-Aktuell. 23. März 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  3. Skolkowo: Kreml will eigenes Silicon Valley. In: Computerwoche. 4. Mai 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  4. Ulrich Umann: Russisches Innovationszentrum Skolkovo nimmt Fahrt auf. Russland.ru, 12. Februar 2014. Online: Archivierte Kopie (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive)
  5. Виктор Вексельберг: Финансирование "Сколково" за три года потребует 200 млрд рублей. In: Rossijskaja Gaseta. 11. Oktober 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  6. Maxim Glikin: Сколковская премия. In: Wedomosti. 5. April 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  7. Russland gewinnt Nobelpreisträger Kornberg für Innovationsprojekt Skolkowo. In: RIA Novosti. 27. April 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  8. A Foundation for Development of Skolkovo Innograd Was Officially Registered in Moscow. In: i-Gorod.com. 21. Mai 2010, archiviert vom Original am 23. März 2014; abgerufen am 23. März 2014.
  9. tagesschau.de: Liveblog: ++ Bundeswehrwaffen - "Möglichkeiten erschöpft" ++. Abgerufen am 19. März 2022.
  10. n-tv NACHRICHTEN: Kreml-Berater Dworkowitsch zieht sich zurück. Abgerufen am 18. März 2022.
  11. Thomas Veser: Forschungsstadt Skolkovo. In: Siemens – Pictures of the Future. Frühjahr 2011.
  12. Cisco, Siemens, Maxmakers – wer ist der Nächste? In: Stimme Russlands. 19. Juli 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  13. Das Kurtschatow–Institut wird zum ersten russischen Partner der Innovationsstadt Skolkowo. In: Stimme Russlands. 14. August 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  14. Jack Clark & Stefan Beiersmann: Microsoft investiert in russisches Technologiezentrum. In: ZDNet. 3. November 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  15. Lessons from Russia's Dysfunctional Pre-War Innovation Economy, 11. April 2022
  16. Jelena Kukol: Путь в Сколково. In: Rossijskaja Gaseta. 11. Oktober 2010, abgerufen am 23. März 2014.
  17. Benjamin Triebe: Korruption bei Medwedews Vorzeigeprojekt: Sündenfall von Skolkowo. In: Neue Zürcher Zeitung. 30. April 2013
  18. Gesine Dornblüth: Russlands stellvertretender Premierminister tritt ab. In: Deutschlandfunk. 8. Mai 2013

Koordinaten: 55° 41′ 51″ N, 37° 21′ 28″ O