Insektensterben

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Der Begriff Insektensterben bezieht sich auf einen postulierten (jedoch nicht nachgewiesenen) Rückgang der Individuen und damit der Biomasse von Insekten insgesamt. Manchmal wird gesagt, dieser sei weltweit, manchmal, dieser sei in Deutschland oder bestimmten Regionen davon zu beobachten. Der Begriff wird verstärkt seit Ende 2016 in Deutschland vor allem von Naturschutzorganisationen, Politikern und Medien verwendet.

Ein Rückgang von Insektenpopulationen wird in der Ökologie als besonders problematisch angesehen, da Insekten vielen Wildtieren als Nahrung dienen. Zahlreiche Amphibien- und Vogelarten sind selbst bzw. bei der Aufzucht ihrer Jungen auf Insekten angewiesen, sodass Insekten in der natürlichen Nahrungskette ein wichtiges Bindeglied bilden.

Umfang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Verwendung des Begriffs häufig zitiert ist ein Rückgang von 80 %. Die Zahl wurde manchmal auf ganz Deutschland bezogen, manchmal nur auf bestimmte Regionen, teilweise war von 80 %, teilweise von bis zu 80 % die Rede. Die Zahl geht zurück auf eine 2013er Veröffentlichung von unbezahlten Forschern des Entomologischen Vereins Krefeld. Diese betreiben seit Jahrzehnten Dutzende Messstellen für Fluginsekten in Nordrhein-Westfalen. In der Veröffentlichung wurden die zwei Messstellen im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch herangezogen, um die Jahre 1989 und 2013 zu vergleichen. Die Messung erfolgte mit einer jeweils an der Messstelle angebrachten Malaise-Falle, welche 2013 zu ähnlichen Zeiten im Jahr wie 1989 geleert wurde (z.B. Leerung 8. Mai 1889, dann Leerung 5. Mai 2013), in beiden Jahren jeweils 24 mal.[1][2] An den beiden Messstellen wurde ein Rückgang der Fluginsekten-Biomasse von 77 % und 80 % festgestellt.[3][4][2] Für ihre anderen Messstellen in Nordrhein-Westfalen hat der Verein keine Daten veröffentlicht.

Insgesamt hatte der Verein an 88 Standorten fliegende Insekten gesammelt, ihre Arten bestimmt und sie gewogen. Während dabei 1995 noch 1,6 Kilogramm in den Untersuchungsfallen gefunden worden seien, seien es heute oft nur 300 Gramm. Diese Biomasseverluste von bis zu 80 Prozent beträfen unter anderem Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen.[5] Dabei bezieht sich die Zahl 80 Prozent nur auf die Messwerte[2] der Jahre 1989 und 2013 an zwei Messstellen im Krefelder Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch.[6] Die Ergebnisse der von dem Verein mit dem NABU zusammen durchgeführten Untersuchung[7] wurden im Januar 2016 dem Umweltausschuss des Bundestages vorgestellt.

Der Begriff wurde vor allem während des Bundestagswahlkampfs 2017 in Deutschland von Umweltorganisationen, Politikern und Medien verwendet. Die Untersuchungsergebnisse aus dem Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch wurden dabei in einigen Berichten nicht im korrekten Zusammenhang dargestellt. Beispielsweise war von einem Rückgang um 80 Prozent in ganz Deutschland die Rede.[8] Die Zahl wurde vor allem von den Grünen für den Wahlkampf genutzt.[3]

Manche erzählen, dass früher mehr Insekten an der Windschutzscheibe oder am Kühlergrill ihres Autos gewesen seien.[9]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine der Ursachen für den Rückgang der Zahl der Schmetterlingspopulationen ist, dass Pflanzen vor allem befressen werden, wenn sie Stickstoffmangel haben. Durch Dünger auf benachbarten Feldern, oder durch Stickoxide aus Autoabgasen wachsen die Pflanzen mehr, und bekommen mehr Stickstoff.[10]

Ein neueres Problem für die Vermehrung von Insekten, sogar Fluginsekten, ist, dass die Landschaft zerstückelt ist, und so eine Wanderung in andere Gefilde schwieriger wird.[10]

Die Insektenkundler vermuten als Ursachen für den bundesweiten Rückgang Klimawandel, Eutrophierung, Monokulturen, Flächenverbrauch, Landnutzungsänderungen und Pestizideinsatz.

Analytik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bienensterben erregt seit einigen Jahren verstärkte wissenschaftliche und mediale Aufmerksamkeit. Im Vergleich zum Monitoring von Honigbienenbeständen, die wegen des Lebens in Bienenstöcken leichter zu dokumentieren sind, hat der Rückgang von Insekten in der Landschaft bisher wenig wissenschaftliche und öffentliche Aufmerksamkeit erhalten.

Naturschützer fordern, dass möglichst schnell ein dauerhaftes bundesweites Insektenmonitoring aufgebaut wird und als kritisch bekannte Insektizide intensiv überprüft werden.[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Insektensterben: Hat es sich bald ausgekrabbelt? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 22. Juli 2017, abgerufen am 8. August 2017.
  2. a b c Sorg, M.; Schwan, H.; Stenmans, W. & A. Müller: Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise-Fallen in den Jahren 1989 und 2013. In: Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld Vol. 1 (2013), pp. 1-5. Entomologischer Verein Krefeld, 2013, abgerufen am 26. Juli 2017 (deutsch).
  3. a b Hasso Mansfeld: Angeblicher Insektenschwund: Wie die Medien in die grün-rote Wahlkampffalle tappten. In: Meedia. 18. Juli 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  4. Tina Baier: Gibt es ein Insektensterben in Deutschland? In: sueddeutsche.de. 8. August 2017.
  5. NABU: Dramatisches Insektensterben: Rückgang um 80 Prozent in Teilen Deutschlands Abgerufen am 17. Juli 2016.
  6. Jens Voss: Medienkritik: Krefelder Entomologen verteidigen ihre Zahlen zum Insektensterben. Abgerufen am 26. Juli 2017.
  7. Entomologischer Verein Krefeld
  8. Tomma Schröder: Insekten-Apokalypse: Merkwürdig still geworden – oder? In: Schweriner Volkszeitung. 6. August 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  9. Gudrun Riedl, Bayerischer Rundfunk: #factfox: Warum kleben keine Insekten mehr auf der Windschutzscheibe. 25. Mai 2017.
  10. a b Renate Ell, Bayerischer Rundfunk: Insektensterben: Weniger Insekten - nur ein Eindruck oder eine Tatsache? 26. Juli 2017 (br.de [abgerufen am 8. August 2017]).
  11. Insektensterben: Offener Brief/Resolution der Umweltbewegung. 21. Dezember 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]