Insektenzucht

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Insektenzucht (englisch: insect rearing oder insect farming) ist die künstliche Vermehrung von Insekten zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, zum Beispiel als Nahrung für den Menschen selbst (Entomophagie), als Futtertiere für seine Haus- und Nutztiere, zur Bestäubung von Kulturpflanzen oder zur biologischen Schädlingsbekämpfung. In der Regel werden Insekten dabei auf besonderen Nährsubstraten gehalten und vermehrt, eine eigentliche Zucht, also eine gezielte genetische Veränderung, ist damit im Normalfall nicht verbunden. Ausnahme ist die traditionelle chinesische Seidenraupen-Zucht, bei der der wilde Bombyx mandarina zum Haustier Seidenspinner (Bombyx mori) weitergezüchtet wurde. Auch die Imkerei hat zahlreiche Rassen der Westlichen Honigbiene züchterisch verändert. Die Imkerei wird häufig allerdings nicht zur eigentlichen Insektenzucht gerechnet.

Für die menschliche Ernährung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernährung durch Insekten (Entomophagie) besitzt in Mitteleuropa keine Tradition und wird von den meisten Menschen hier abgelehnt. In anderen Teilen der Welt ist sie seit Jahrtausenden üblich und kulturell akzeptiert. Laut einer Aufstellung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden 1190 Insektenarten in verschiedenen Teilen der Welt zum menschlichen Verzehr genutzt.[1] Die meisten dieser Insekten werden allerdings im Freiland gesammelt oder geerntet. Bedeutung besitzt die Insektenzucht für die menschliche Ernährung in Thailand. Dort sollen etwa 20.000 Farmer Heimchen (Acheta domesticus eine Grillenart) und weitere 120 Sagowürmer (Larven des Rüsselkäfers Rhynchophorus ferrugineus) für den menschlichen Verzehr züchten. Die Heimchen werden in erster Linie mit normalem, kommerziellen Hühnerfutter ernährt, dessen Preis für die Wirtschaftlichkeit daher wesentlich ist. Die Technik der Zucht wurde an der Universität Khon Kaen entwickelt. Die Jahresernte der Farmen wird auf 7500 Tonnen (Stand: 2011) abgeschätzt.[2] Obwohl in den Industrieländern die Vorbehalte gegen das Essen von Insekten abnehmen[3], erscheint eine größere Rolle von Insekten in der Ernährung hier unwahrscheinlich.[4]

Als Tierfutter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Züchtung von Insekten als Tierfutter ist in der Aquaristik und Terraristik weit verbreitet, wo zahlreiche Hobby-Halter Heimchen, Mehlwürmer (Larven des Mehlkäfers Tenebrio molitor) und zahlreiche andere Arten als Futtertiere züchten. Futtertiere für diese Zwecke werden auch gehandelt, ihre Zucht besitzt durchaus einige wirtschaftliche Bedeutung. Allein in den USA werden mehr als 5 Millionen Grillen pro Woche von ca. 30 kommerziellen Grillenfarmen an Tierhalter versandt.[5] In der landwirtschaftlichen Viehzucht ist der Einsatz von Insekten als Futter nicht üblich. Derzeit laufen Versuche, Fliegenmaden wie die Larve von Hermetia illucens („Soldatenfliege“) als Futtertier in der Fischzucht einzusetzen, um den Einsatz von Fischmehl zu vermindern.[6]

Als Bestäuber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insektenzucht für die Bestäubung von Nutzpflanzen ist vor allem für den Einsatz im Gewächshaus bedeutsam, wo die meisten natürlichen Bestäuber ausfallen. Neben Honigbienen werden vermehrt Hummeln zu diesem Zweck eingesetzt. Erste Ansätze dazu gibt es seit den 1970er Jahren. Kommerzielle Züchter arbeiten seit Ende der 1980er Jahre in Belgien und den Niederlanden, wo heute noch die drei größten der etwa 30 weltweiten kommerziellen Produzenten ihren Sitz haben. Seit etwa 1992 setzen alle holländischen Tomatenzüchter Hummeln ein, die die vorher übliche Bestäubung per Hand vollkommen verdrängt haben. Für das Jahr 2004 wird bereits mit etwa einer Million Hummelkolonien jährlich gerechnet.[7]

In der Schädlingsbekämpfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch der Einsatz gezüchteter Insekten in der biologischen Schädlingsbekämpfung ist vor allem in Treibhäusern üblich. Im Jahr 2006 produzierten in Nordamerika (USA und Kanada) 22 große Betriebe insgesamt 38 Nützlingsarten. Ihr Umsatz wurde auf etwa 25 bis 30 Millionen Dollar abgeschätzt.[8]

Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während Gefahren für die menschliche Gesundheit bisher nicht bekannt sind und von Experten als unwahrscheinlich eingeschätzt werden, bestehen Umweltgefahren, wenn gezüchtete Insekten außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets aus der Zucht oder dem Gewächshaus entkommen und sich als Neozoen im Freiland ansiedeln. Im Europa hat vor allem der Fall des Asiatischen Marienkäfers Harmonia axyridis Aufsehen erregt, der nach seinem Entkommen aus der Zucht für die biologische Schädlingsbekämpfung im Jahr 2001 inzwischen die häufigste europäische Marienkäfer-Art geworden ist. In Nordamerika wird die Etablierung der europäischen Dunklen Erdhummel Bombus terrestris, mit unbekannten Folgen für die heimische Fauna, befürchtet.[9] Solche Folgen sind in Südamerika bereits eingetreten, eine dort heimische Art erscheint durch die Konkurrenz europäischer eingeführter Hummeln vom Aussterben bedroht.[10]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Patrick B. Durst, Dennis V. Johnson, Robin N. Leslie, Kenichi Shono (editors): Forest insects as food: humans bite back. Proceedings of a workshop on Asia-Pacific resources and their potential for development, 19-21 February 2008, Chiang Mai, Thailand. FAO, Bangkok, Thailand 2010. ISBN 978-92-5-106488-7. Auszug auf deutsch, übersetzt von Birgit Rumpold: Der Beitrag von Insekten zu Nahrungssicherung, Lebensunterhalt und Umwelt. Leitfaden. herausgegeben von der FAO. PDF
  2. Yupa Hanboonsong, Tasanee Jamjanya, Patrick B. Durst: Six-legged livestock: edible insect farming, collection and marketing in Thailand. FAO, Bangkok, Thailand 2013. ISBN 978-92-5-107578-4.
  3. Caparros Megido, R., Sablon, L., Geuens, M., Brostaux, Y., Alabi, T., Blecker, C., Drugmand, D., Haubruge, É. and Francis, F. (2014): Edible Insects Acceptance by Belgian Consumers: Promising Attitude for Entomophagy Development. Journal of Sensory Studies 29: 14–20. doi:10.1111/joss.12077
  4. Daniel Szewczyk: Warum Insekten nicht unser neues Fleisch werden Artikel, Die Welt, vom 1. April 2012.
  5. David B. Weissmann, David A. Gray, Hanh Thi Pham, Peter Tijssen (2012): Billions and billions sold: Pet-feeder crickets (Orthoptera: Gryllidae), commercial cricket farms, an epizootic densovirus, and government regulations make for a potential disaster. Zootaxa 3504: 67–88.
  6. Erfolge mit Insektenmehl für eine nachhaltige Fischfütterung Medienmitteilung vom 19. September 2013, FiBL Forschungsinstitut für biologischen Landbau.
  7. Hayo H.W. Velthuis, Adriaan Van Doorn (2006): A century of advances in bumblebee domestication and the economic and environmental aspects of its commercialization for pollination. Apidologie 37 (4): 421-451.
  8. Keith Douglass Warner, Christy Getz (2008): A socio-economic analysis of the North American commercial natural enemy industry and implications for augmentative biological control. Biological Control 45: 1–10. doi:10.1016/j.biocontrol.2007.12.003
  9. Kimberly Winter, Laurie Adams, Robbin Thorp, David Inouye, Liz Day, John Ascher, Stephen Buchmann: Importation of Non-Native Bumble Bees into North America: Potential Consequences of Using Bombus terrestris and Other Non-Native Bumble Bees for Greenhouse Crop Pollination in Canada, Mexico, and the United States. A White Paper of the North American Pollinator Protection Campaign (NAPPC). PDF
  10. Regula Schmid-Hempel, Michael Eckhardt, David Goulson, Daniel Heinzmann, Carlos Lange, Santiago Plischuk, Luisa R. Escudero, Rahel Salathé, Jessica J. Scriven, Paul Schmid-Hempel (2014): The invasion of southern South America by imported bumblebees and associated parasites. Journal of Animal Ecology 83 (4): 823–837. doi:10.1111/1365-2656.12185