Instinkt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Instinkt (deutsch auch Naturtrieb[1])[2] bezeichnet im Allgemeinen einen angeborenen Mechanismus der Verhaltenssteuerung, das heißt, die innere Grundlage (den „Antrieb“) eines vom Beobachter wahrnehmbaren Verhaltens von Tieren (erbkoordiniertes Verhalten). Im engeren Sinne ist Instinkt ein historischer Fachbegriff der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung, der ein Verhalten bezeichnet, das durch Schlüsselreize über einen angeborenen Auslösemechanismus (AAM) hervorgerufen werden kann und das sich in einer geordneten Abfolge von stets gleichförmigen Erbkoordinationen (Instinktbewegungen) äußert.[3] Die Untersuchung der Instinkte und die Erarbeitung einer Instinkttheorie sah die seit den 1930er-Jahren aus der Tierpsychologie hervorgegangene, klassische vergleichende Verhaltensforschung als eines ihrer wesentlichen Forschungsziele an. Im Unterschied zu den Vertretern dieser auch Ethologie genannten Forschungsrichtung lehnten die Befürworter des Behaviorismus die Suche nach inneren Ursachen für Verhaltensweisen grundsätzlich ab.

Einige Autoren verweisen auf das Phänomen einer spontan – ohne äußeren Einfluss – ansteigenden Handlungsbereitschaft als wesentliches Element eines Instinkts, was eine Nähe zum Trieb-Konzept zur Folge hat.

Die Bezeichnung Instinkt wurde jedoch sowohl in der Verhaltensforschung als auch in der Psychologie nie eindeutig definiert, sondern von unterschiedlichen Autoren jeweils unterschiedlich verwendet. Bereits 1985 hieß es daher im Herder Lexikon der Biologie, Instinkt sei ein „stets umstrittener Begriff“ gewesen, „in der wiss[enschaftlichen] Terminologie sollte das Wort I[nstinkt] vermieden werden.“[3]

Wortherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung Instinkt geht zurück auf das lateinische Wort instinctus, das so viel bedeutet wie „Anreiz, Antrieb, Eingebung“. Es wurde im 18. Jahrhundert aus dem Begriff instinctae naturae (wörtlich: Naturtrieb) abgeleitet.

Heute wird die Bezeichnung zudem umgangssprachlich oft im übertragenen Sinne für „ein sicheres Gefühl für etwas“ verwendet und bezeichnet Verhaltensweisen des Menschen, die ohne reflektierte Kontrolle ablaufen. Das Adjektiv instinktiv bedeutet „vom Instinkt geleitet, trieb-, gefühlsmäßig“. Es wurde im 19. Jahrhundert dem französischen Wort instinctif nachgebildet.

Definitionen von „Instinkt“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Mittelalter wurden die Bezeichnungen Instinkt, Trieb, Impuls und andere mehr zwar benutzt, jedoch nicht genauer definiert. Instinkte wurden zunächst als göttliche Gabe betrachtet, deren genaue Analyse dem menschlichen Geist versagt bleibe, wobei auch Gedankengänge von Philosophen des antiken Griechenlands aufgegriffen wurden. Erst im 19. Jahrhundert, nach Fortschritten auf den Gebieten der Anatomie und der Neurologie, wurde ein pragmatischerer Zugang zum Phänomen des angeborenen Verhaltens möglich. So schrieb William James 1887 über die Tiere:

„Gottes Wohltätigkeit stattet sie vor allem mit einem Nervensystem aus; wenn man diesem seine Aufmerksamkeit schenkt, dann erscheinen die Instinkte plötzlich weder als wunderbarer noch als weniger wunderbar als alle anderen Tatsachen des Lebens.“[4]

Hermann Samuel Reimarus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Samuel Reimarus hatte den Tieren im Jahr 1760 in seiner Schrift Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Zum Erkenntniss des Zusammenhanges der Welt, des Schöpfers und unser selbst anstelle von „Instinkten“ noch – jedoch gleich bedeutend – folgende „Triebe“ zugeschrieben: „mechanische Triebe der Thiere“, die vom Bau ihres Körpers abhängig seien; „Vorstellungstriebe“, geprägt durch Gewohnheiten, Zu- und Abneigungen; „willkürliche Triebe“, die der Selbsterhaltung dienten; und schließlich „Kunsttriebe“, die „zur Erhaltung jedes Thieres und seiner Art“ dienten.[5]

Ernst Heinrich Weber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gelegentlich wurde die Bezeichnung Instinkt auch auf geistige, nicht-bewusste Vorgänge des Menschen angewandt, so beispielsweise 1846 von dem Physiologen und Anatom Ernst Heinrich Weber:

„Wenn man den Begriff des Instinktes allgemeiner fassen will, als es gewöhnlich geschieht, wenn man die unbekannte Ursache von einer jeden angeborenen zweckmäßigen Tätigkeit, zu der sich die Seele nicht selbst bestimmt, Instinkt nennen will, mag sich nun diese Tätigkeit auf die Bildung von Vorstellungen oder auf die Hervorbringung von Bewegungen beziehen, so kann man jene Seelenanlage auch als einen intellektuellen Instinkt bezeichnen.“[6]

Charles Darwin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charles Darwin verstand unter Instinktverhalten zum einen Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden, zum anderen aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurden. In seinem Werk Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren beschreibt Darwin 1872 beispielsweise, dass Tiere durch das Aufrichten ihrer Haare „ihren Feinden gegenüber größer und furchtbarer aussehen“, dabei eine drohende Stellung einnehmen und „dass ferner derartige Stellungen und Laute nach einer Zeit durch Gewohnheit instinktiv wurden“.[7][8]

William James[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James verfasste 1872 eine auch heute noch hilfreiche Formulierung, der zufolge der Instinkt die Fähigkeit sei,

„sich so zu verhalten, dass gewisse Ziele erreicht werden, ohne die Voraussicht dieser Ziele und ohne vorherige Erziehung oder Erfahrung“.[9]

Heinrich Ernst Ziegler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der deutsche Zoologe Heinrich Ernst Ziegler (1858–1925) unterstützte 1904 die Reflexkettentheorie und schrieb, dass „Reflexe und die Instinkte auf ererbten (kleronomen) Bahnen des Nervensystems beruhen“ und dass sich die Instinkte aus Reflexen „durch größere Komplikationen“ gebildet haben.[10]

William McDougall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

William McDougall definierte Instinkt 1908 „als eine ererbte oder angeborene psychophysische Disposition“ und wies ihm drei Teilprozesse zu:[11]

  • einen kognitiven Teilprozess: Der Instinkt bestimme, wie Objekte einer bestimmten Klasse mittels der Sinne wahrgenommen werden und welche Aufmerksamkeit ihnen geschenkt wird.
  • einen affektiven Teilprozess: Der Instinkt bestimme im Falle der Wahrnehmung eines solchen Objekts, welche emotionale Erregung einer ganz bestimmten Qualität erlebt wird.
  • einen motivationalen Teilprozess: Der Instinkt bestimme, in welcher ganz bestimmten Weise in Bezug auf das Objekt gehandelt oder zumindest der Impuls zu einer solchen Handlung erlebt wird.

Jedem Instinkt ordnete McDougall zudem noch eine entsprechende Emotion zu (z. B. Fluchtinstinkt ↔ Furcht)

Bis in die 1930er Jahre hielten die Vitalisten die Instinkte einer naturwissenschaftlichen Forschung weder zugänglich noch bedürftig.

Konrad Lorenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Lorenz schrieb 1950: „Als einen Instinkt oder Trieb bezeichnen wir ein im Ganzen spontan aktives System von Verhaltensweisen, das funktionell genügend einheitlich ist, um einen Namen zu verdienen.“[12] Die Instinkte wurden also auf physiologische Prozesse, letztlich hypothetisch auf Verschaltungen von Nervenzellen im Gehirn zurückgeführt, und sie wurden daher grundsätzlich einer naturwissenschaftlichen – experimentellen – Untersuchung zugänglich gemacht.

Nikolaas Tinbergen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nikolaas Tinbergen definierte 1951[13] Instinkt als einen hierarchisch organisierten Mechanismus im Nervensystem, der auf bestimmte innere und äußere, vorwarnende, auslösende und richtende Impulse anspricht und sie mit koordinierten, lebens- und arterhaltenden Bewegungen beantwortet: also ein komplexes System aus Schlüsselreizen, hierdurch verursachten inneren Zustandsänderungen (vgl. Angeborener Auslösemechanismus) und nachfolgenden Aktivitäten.

Anwendung des Instinktbegriffs auf den Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der US-amerikanische Soziologe und Sozialpsychologe Luther Lee Bernard stellte 1926 einen Katalog der in der Literatur gefundenen Instinkte zusammen und fand 5684 verschiedene Instinkte.[14]

Der kanadische Sozialpsychologe Otto Klineberg nannte 1954 drei Kriterien, die erfüllt sein müssen, um auch beim Menschen von Instinkt reden zu können:[15]

  1. Phylogenetische Kontinuität: Das Verhalten muss bei unterschiedlichen Arten zu beobachten sein, vor allem bei Menschenaffen.
  2. Biochemische und physiologische Grundlagen: Das Verhalten muss im Organismus des Menschen eine Prädisposition aufweisen, also dort verankert sein.
  3. Universalität des Verhaltens: Das Verhalten muss in allen Gesellschaften bzw. Kulturen vorzufinden sein.

In der Fachliteratur wird die Bezeichnung Instinkt heute allenfalls vorsichtig in Bezug auf den Menschen benutzt und zum Beispiel durch angeborenes Verhalten ersetzt. Das hat vor allem drei Gründe:[16]

  • Zum einen haben neuere Ergebnisse der Sozialisationsforschung und der Verhaltensbiologie die „Naturhaftigkeit“ von Verhaltensweisen teilweise widerlegt.
  • Zum anderen werden Verhaltensweisen nur mit der Bezeichnung „Trieb“ oder „Instinkt“ belegt, ohne dass dies das Verhalten erklärt; die zu findende Erklärung wird vielmehr bloß vom beobachtbaren Verhalten auf das Instinkt-Konzept verschoben. Beispiel: Jemand flüchtet nach einem Unfall – man gehorcht dem ‚Fluchtinstinkt‘; oder man hilft – man gehorcht dem ‚Helferinstinkt‘. Wissenschaftstheoretisch spricht man hier von einer Problemdopplung: Es ist nicht mehr nur das Verhalten zu erklären, sondern auch die als Instinkt bezeichnete hypothetische Ursache des Verhaltens.
  • Zusätzlich ist das hypothetische Phänomen Instinkt als Erklärungsgröße kaum zu widerlegen. Die Unmöglichkeit einer Falsifikation bedeutet jedoch, dass der Informationsgehalt der ‚Erklärung‘ minimal ist.

Der deutsche Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen (1904–1976) postulierte bereits 1940 eine erbliche „Instinktreduktion“ beim Menschen, den er allgemein als „Mängelwesen“ sah.[17]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Instinkt – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Instinkt – Zitate
  • Der Instinkt. Ein nachgelassaner Essay von Charles Darwin. In: G. John Romanes: Die geistige Entwicklung im Tierreich. Darwinistische Schriften, Zweite Folge, Band V, Anhang. Ernst Günthers Verlag, Leipzig 1887 (Volltext bei archive.org).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden: Naturtrieb, abgerufen am 9. August 2016.
  2. Eduard Teller: Wegweiser durch die drei Reiche der Natur für Lehrende und Lernende. Otto Spamer, Leipzig 1875, S. 384 f. („Alle Thiere haben einen Instinkt (Naturtrieb), d. h. einen angeborenen Trieb, das zu thun, was zu ihrer Erhaltung und Fortpflanzung nöthig ist. […]“).
  3. a b Lexikon der Biologie. Band 4. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1985, S. 373, ISBN 3-451-19644-1.
  4. “God’s beneficence endows them, first of all, with a nervous system; and, turning our attention to this, makes instinct immediately appear neither more nor less wonderful than all the other facts of life.” William James: What is an Instinct? Scribner’s Magazine, Band 1, 1887, S. 356 (Volltext, englisch).
  5. Zitiert aus: Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie. 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 2000, S. 252.
  6. Ernst Heinrich Weber: Der Tastsinn und das Gemeingefühl. In: Wagner: Handwörterbuch der Physiologie, Band 3.3. Vieweg, Braunschweig 1846, S. 481 ff., hier S. 487 (Digitalisate: Google Books, Echo).
  7. Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Eichborn, Frankfurt am Main 2000 (Kritische Edition), S. 117; im Original: “such attitudes and utterances after a time becoming through habit instinctive.” Charles Darwin: The expression of the emotions in man and animals. 1st edition. John Murray, London 1872, S. 103 f. (online).
  8. Paul Lange: Die Lehre vom Instinkte bei Lotze und Darwin. 1896 (Digitalisat).
  9. Zitiert aus: Lexikon der Biologie, Band 4, Freiburg 1985, S. 373.
  10. Heinrich Ernst Ziegler: Der Begriff des Instinktes einst und jetzt. Eine Studie über die Geschichte und Grundlagen der Tierpsychologie. Jena 1904; hier zitiert aus: Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie. 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 2000, S. 587.
  11. William McDougall: An Introduction to Social Psychology. 14. Auflage. Batoche Books, Kitchener (Ontario) 2001, S. 33 (Volltext, PDF).
  12. Konrad Lorenz: Vergleichende Verhaltensforschung. Grundlagen der Ethologie. Springer-Verlag, Wien / New York 1978, ISBN 978-3-7091-3098-8, S. 175.
  13. Nikolaas Tinbergen: The Study of Instinct. Oxford University Press, New York 1951.
  14. L. L. Bernard: Instinct. A study in social psychology. Henry Holt, New York 1926.
  15. Otto Klineberg: Social Psychology. New York 1954, S. 69.
  16. Helmut E. Lück: Einführung in die Psychologie sozialer Prozesse. Kurseinheit 1-4. Fernuniversität, Hagen 2000 (= Kurs 03251).
  17. Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 16. Auflage, Wiebelsheim 2014, S. 26, ISBN 978-3-89104-781-1 (Erstauflage 1940).