Leibniz-Institut für Europäische Geschichte

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Die Domus Universitatis in Mainz, Sitz des Leibniz-Institutes

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut und seit 2012 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Gründung[Bearbeiten]

1950 auf Initiative Raymond Schmittleins, des Chefs der Direction Générale des Affaires Culturelles der französischen Militärregierung, gegründet, sollte die neue Einrichtung die historisch gewachsenen nationalen und konfessionellen Gräben zwischen den europäischen Staaten und deren Bevölkerungen durch ›vorurteilsfreie‹ historische Forschung überwinden helfen und dadurch insbesondere die Deutsch-Französische Verständigung unterstützen. Im Speziellen sollten die am Institut betriebenen Forschungen einer Revision (»Entgiftung«) der (Schul-) Geschichtsbücher dienen, mit dem Fernziel, ein »Europäisches Geschichtsbuch« zu etablieren.

Diese Idee war Ende der 1940er Jahre auf den deutsch-französischen Historikergesprächen in Speyer aufgekommen, die Schmittlein 1948/49 ins Leben gerufen hatte. Sie vermischte sich mit christlich-›abendländischen‹ Geschichtskonzeptionen einer Gruppe deutscher Historiker, zu deren Kreis auch der Bonner Mediävist Fritz Kern (1884–1950)gehörte. Er hatte 1948 die deutsche Delegation geleitet. Auch der katholische Theologe und Kirchenhistoriker Joseph Lortz (1887–1975) hatte an jenen Gesprächen teilgenommen.

Die ersten Pläne zur Gründung eines »Instituts für Kultur- und Religionsgeschichte« entwarf Kern, der – als erster Institutsdirektor – , neben der didaktischen Zielsetzung zugleich eine religiös grundierte, universalgeschichtlich angelegte Weltgeschichte (»Historia Mundi«) in mehreren Bänden verwirklichen wollte. Als weiterer Gründungsdirektor fungierte Lortz, der 1950 auf eine eigens für ihn geschaffene außerordentliche Professur für Abendländische Religionsgeschichte an der philosophischen Fakultät der Universität Mainz berufen wurde aus dieser Gründungsintention und Gründungsgeschichte erklärt sich die Gliederung der 1950 als »Institut für Europäische Geschichte« (IEG) gegründeten Forschungseinrichtung (Inkrafttreten der Satzung am 19. April 1951) in eine Abteilung für »Abendländische Religionsgeschichte« und eine Abteilung für »Universalgeschichte«. Beiden Abteilungen stand und steht je eine Direktorin bzw. ein Direktor vor (derzeit Irene Dingel und Johannes Paulmann), die heute zugleich als Professoren an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz berufen werden.

Aufgaben[Bearbeiten]

Zu den Hauptaufgaben des IEG gehört die Erforschung der historischen Grundlagen Europas. Laut Satzung sind dies die »Forschungen zu den religiösen und geistigen Traditionen Europas, ihren Wandlungen und Krisen, speziell zu den religiösen Differenzierungen, ihren Wirkungen und den Möglichkeiten ihrer Überwindung«, sowie die »europabezogene Grundlagenforschung, die geeignet ist, den Prozess des Zusammenwachsens Europas und die je individuellen geschichtlichen Wege der europäischen Staaten und Völker« historisch zu verstehen.

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte verfolgt diese Aufgaben satzungsgemäß

  • durch eigene Forschungsvorhaben in Einzel- und Gemeinschaftsarbeit seiner Angehörigen mit in- und ausländischen Wissenschaftlern
  • durch die Förderung jüngerer postgraduierter Wissenschaftler aus Europa und anderen Kontinenten, die Forschungsprojekte zur europäischen Geschichte bearbeiten und als Stipendiatinnen und Stipendiaten im Institut leben
  • durch Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im In- und Ausland, die ähnliche Ziele verfolgen
  • durch eigene Veröffentlichungen und Förderung sonstiger Publikationen, in denen wissenschaftliche Streitfragen der Europaforschung zur Diskussion gestellt werden
  • durch Wissenstransfer in die Gesellschaft

Forschungsprogramm[Bearbeiten]

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) erforscht die historischen Grundlagen Europas in der Neuzeit. Seine Forschungen werden interdisziplinär von der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte und der Abteilung für Universalgeschichte entwickelt. Sie reichen epochenübergreifend vom Beginn der Neuzeit bis in die Zeitgeschichte. Europa wird in grenzüberschreitender Perspektive als ein Kommunikationsraum untersucht, dessen Binnen- und Außengrenzen durch vielfältige transkulturelle Prozesse immer wieder neu geprägt wurden.

Das Leitthema des aktuellen Forschungsprogramms am IEG ist der Umgang mit Differenz in der Neuzeit – die Formen der Etablierung, Bewältigung und Ermöglichung von Differenz in ihren religiösen, kulturellen, politischen und sozialen Dimensionen. Europa wird als ein Laboratorium für die Entwicklung von Formen der Regulierung und Begrenzung, aber auch der Herstellung und Bewahrung von Andersartigkeit und Ungleichheit aufgefasst. Die konfliktreiche Dynamik des Raums »Europa« ergibt sich aus den vielfältigen Interaktionen und Verstrickungen, die zu Austausch, Aneignung und Integration sowie zu Abgrenzung und Konfrontation auf dem Kontinent und jenseits seiner Grenzen führten. Die religions-, kultur- politik- und sozialgeschichtliche Analyse des europäischen Umgangs mit Andersartigkeit und Ungleichheiten ist durch gemeinsame Fragestellungen in drei Forschungsbereichen strukturiert:

  • Etablierung von Differenz: religiös-politische Konflikte und Konsensstiftungen
  • Bewältigung von Differenz: Vorstellungen von Humanität und humanitäre Praktiken
  • Ermöglichung von Differenz: Artikulationen, Formen und Kontexte kultureller Souveränität im 20. Jahrhundert

Gemeinsam mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz betreibt das IEG das DFG-geförderte Graduiertenkolleg Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung ›Europa‹.

Stipendien- und Gastwissenschaftlerprogramm[Bearbeiten]

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) vergibt Forschungsstipendien für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler (Promovierende und Postdocs) aus dem In- und Ausland. Gefördert werden Forschungsprojekte von Doktorandinnen und Doktoranden sowie von Postdoktorandinnen und Postdoktoranden, die sich mit der Religions-, Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte Europas zwischen ca. 1450 und ca. 1970 befassen. Besonders willkommen sind vergleichende, transfergeschichtliche und transnationale Projekte sowie geistes- und religionsgeschichtliche Fragestellungen bezogen auf historische Entwicklungen in den drei monotheistischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam).

Als Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler nimmt das Institut auch Stipendiatinnen und Stipendiaten anderer Förderorganisationen auf, wie z.B. der Alexander von Humboldt-Stiftung oder des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Das Senior Research Fellowship Programme ermöglicht, renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland für zwei bis sechs Monate nach Mainz einzuladen. Die Senior Research Fellows können am IEG ein eigenes Forschungsvorhaben verfolgen und sich mit den am Institut ansässigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern austauschen. Damit werden sowohl bestehende Kooperationen umgesetzt und verstärkt, als auch perspektivisch neue gemeinsame Forschungsvorhaben vorbereitet.

Digital Humanities und Open Access[Bearbeiten]

Das IEG setzt sich für innovative Open-Access-Publikationen, die Nutzung der digitalen Möglichkeiten in der historisch arbeitenden Forschung und den Aufbau digitaler Forschungsinfrastrukturen ein. Die im Open Access publizierten Forschungsergebnisse und Ressourcen werden über die Fachwissenschaft hinaus international breit nachgefragt – etwa das umfangreiche Angebot digitaler historischer Karten oder die deutsch- und englischsprachige Publikation Europäische Geschichte Online (EGO), die 500 Jahre europäischer Geschichte über Länder-, Fach- und Methodengrenzen hinweg erschließt. Zentrale Themen der historischen Europaforschung werden im Jahrbuch für Europäische Geschichte veröffentlicht. Seit 2014 erscheint es im Open Access und bildet deutsch- und englischsprachige Beiträge ab.

Bibliothek[Bearbeiten]

Die Bibliothek bietet mit ca. 87.000 Titeln Literatur zur Geschichte Europas seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Schwerpunkte bilden die europäische und internationale Geschichte sowie die Christentumsgeschichte seit Humanismus und Reformation. Die Bibliothek hält zahlreiche internationale Fachzeitschriften und Periodika bereit, mehr als 500 in laufenden Subskriptionen (siehe Zeitschriftenübersicht ZDB). Außerdem steht eine große Anzahl von Fachbibliographien und allgemeinen bibliographischen Hilfsmitteln zur Verfügung. Alle Bestände sind im Online-Katalog (OPAC) des Instituts recherchierbar. Dort finden sich auch die Neuzugänge des laufenden Erwerbungsjahres sowie eine große Zahl von DFG-geförderten Online-Ressourcen und Datenbanken. Die Bibliothek gehört im Rahmen des übergeordneten Bibliotheksverbundes HeBIS zum Lokalen Bibliothekssystem (LBS) Rheinhessen (Organisation und Technik: UB Mainz).

Literatur[Bearbeiten]

  • Winfried Schulze u. Corine Defrance, Die Gründung des Instituts für Europäische Geschichte Mainz (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 36), Mainz 1992, ISBN 3-8053-1349-7.
  • Institut für Europäische Geschichte Mainz 1950–2000. Eine Dokumentation, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte Mainz, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2688-2.
  • Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München, 1993 S. 212f.

Weblinks[Bearbeiten]