Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Villa Am Hofgarten 15, Sitz der Institutsbibliothek des Instituts für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn

Das Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entstand 2006 als Zusammenschluss zweier vorher getrennter Seminare aus den 1950er (Politische Wissenschaft) und 1970er Jahren (Soziologie). Geschäftsführender Direktor ist der Politologe Wolfram Hilz, sein Stellvertreter der Soziologe Jörg Blasius. Es trägt die Verantwortung für die 1969 durch Karl Dietrich Bracher gegründete Schriftenreihe Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seminar für Politische Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Ernennung Karl Dietrich Brachers als außerplanmäßigem Professor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wurde 1959 das Seminar für Politische Wissenschaft eingerichtet. Von der Freien Universität Berlin holte sich Bracher seinen Assistenten Hans-Helmuth Knütter nach Bonn. In den folgenden Jahren wurden zudem unter anderem die Wissenschaftler Francis Ludwig Carsten (London), Hans Kohn (New York), Richard Löwenthal (Berlin), Eduard Heimann (Hamburg), Alfred Grosser (Paris), Karl Wolfgang Deutsch (Harvard), Marc Bloch (Paris) und Ludwig Jedlicka (Wien) zu Gastvorträgen eingeladen.

Während der Westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre kam es zu Protesten am Seminar. Einige Studenten reagierten darauf ablehnend mit der Aktion Demokratische Mitte (ADM). 1969 wurde ein weiterer Lehrstuhl für Politische Wissenschaft eingerichtet und ein Seminarrat ins Leben gerufen, der eine Hochschulreform ausarbeiten sollte. Verschiedene linke Gruppierungen wie die Sozialistische Gruppe (SG) protestierten gegen die Assistenz von Manfred Funke und die Lehrstuhlvertretung von Hans-Helmuth Knütter für Karl Dietrich Bracher. 1973 wurde am Seminar ein Symposium der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) abgehalten. Außerdem wurde mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) die Carl-von-Ossietzky-Gastprofessur für Friedens- und Konfliktforschung eingerichtet.[1][2] Erster Lehrstuhlinhaber wurde der norwegische Friedensforscher Johan Galtung.

Das Seminar erlangte als eine Art „Schnittstelle zwischen Politik- und Geschichtswissenschaft“[3] nationales Ansehen. Überregional beachtete Schwerpunkte der Forschung sind bis heute die Themenfelder Demokratie, Diktatur, Extremismus und Totalitarismus. Viele Veröffentlichungen zählen gegenwärtig zu den Standardwerken in diesem Bereich. Zugute kam der Einrichtung der Wissenschaftsstandort der alten Bundeshauptstadt Bonn. Tilman Mayer und Volker Kronenberg sprachen in der Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Instituts 2009 von einer „unverwechselbare[n] Tradition“. So sind die Mehrzahl der Politologen im Bundestag in Bonn ausgebildet worden.

In jüngster Zeit wurde die Bonner Traditionslinie zudem medial durch Wissenschaftler wie Frank Decker popularisiert.[4]

Seminar für Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Seminar für Soziologie wurde 1974 gegründet, als das Fach in der Philosophischen Fakultät angesiedelt wurde. Maßgeblich am Aufbau waren Martinus Emge, Justin Stagl und Alfred Bellebaum beteiligt. In der Folgezeit entwickelte sich ein kultursoziologischer Schwerpunkt am Seminar heraus.

Gemeinsames Institut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2006 fusionierten das Seminar für Politische Wissenschaft und das Seminar für Soziologie aus finanzpolitischen Gründen. Erster Direktor wurde der Politikwissenschaftler Tilman Mayer. Die Geschäftsführende Direktion hat der Soziologe Jörg Blasius inne. Es kooperiert mit dem Bonn International Center for Conversion (BICC) und der von Bodo Hombach initiierten Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP).

Institutsbibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1960 wurde das Seminar für Politische Wissenschaft für den Aufbau eines eigenen Bibliotheksbestands von der Rockefeller-Stiftung gefördert. 1977 erfolgte eine Bibliotheksspende, inklusive einer mehrbändigen Encyclopædia Britannica, durch Vertreter der Botschaft der Vereinigten Staaten in Bonn. Der derzeitige Bestand umfasst rund 40.000 Exemplare.[5]

Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1969 erschien der erste Band der anschließend von der Leitung des Seminars für Politische Wissenschaft herausgegebenen Schriftenreihe Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte im Droste Verlag in Düsseldorf.[6] Personen wie Ulrich von Alemann, Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke, Hans-Helmuth Knütter, Patrik von zur Mühlen, Paul Noack und Hans-Gert Pöttering veröffentlichten in der Reihe.

Persönlichkeiten (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alfred Bellebaum (Honorarprofessor), Jörg Blasius (Professor), Karl Dietrich Bracher (Begründer und Professor), Frank Decker (Professor), Christiane Florin (Dozentin), Manfred Funke (Assistent und Professor), Friedrich Fürstenberg (Professor), Johan Galtung (Gastprofessor), Werner Gephart (Professor), Christian Hacke (Habilitand und Professor), Dietmar Herz (Professor), Uwe Holtz (Honorarprofessor), Bodo Hombach (Lehrbeauftragter), Hans-Adolf Jacobsen (Habilitand und Professor), Kinan Jaeger (Promovent und Dozent), Eckhard Jesse (Gastdozent), Karl Kaiser (Professor), Hans-Helmuth Knütter (Assistent und Professor), Karl-Rudolf Korte (Gastdozent), Volker Kronenberg (Studiendekan und akademischer Direktor), Marcel Lewandowsky (Promovent und Dozent), Jerzy Maćków (Gastdozent), Tilman Mayer (Professor), Jürgen Rüttgers (Lehrbeauftragter), Hans-Peter Schwarz (Professor), Brigitte Seebacher (Honorarprofessorin), Justin Stagl (Professor) und Grit Straßenberger (Professorin).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Günter Brauch: Entwicklungen und Ergebnisse der Friedensforschung 1969–1978. Eine Zwischenbilanz und konkrete Vorschläge für das 2. Jahrzehnt, Haag u. Herchen, Frankfurt a. M. 1979, ISBN 3-88129-220-9
  • Ulrike Quadbeck: Karl Dietrich Bracher und die Anfänge der Bonner Politikwissenschaft, Nomos, Baden-Baden 2008, ISBN 978-3-8329-3740-9
  • Tilman Mayer und Volker Kronenberg (Hrsg.): Streitbar für die Demokratie. Bonner Perspektiven der Politischen Wissenschaft und Zeitgeschichte 1959–2009, Bouvier, Bonn 2009, ISBN 978-3-416-03248-3

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Am Hofgarten 15 (Bonn) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Günter Brauch: Entwicklungen und Ergebnisse der Friedensforschung 1969–1978. Eine Zwischenbilanz und konkrete Vorschläge für das 2. Jahrzehnt, Haag u. Herchen, Frankfurt a. M. 1979, ISBN 3-88129-220-9, S. 45
  2. Unterrichtung durch die Bundesregierung, Faktenbericht 1977 zum Bundesbericht Forschung, Drucksache 8/1116, S. 71 (PDF)
  3. Cord Arendes: Zeitgeschichte (nach 1945). Geschichte der Bonner Politikwissenschaft (Rez.). Baden-Baden 2008, in: H-Soz-u-Kult, 10. September 2009.
  4. Hagen Haas: Bonner Politikwissenschaftler feiern 50-jähriges Bestehen. In: General-Anzeiger, 3. Februar 2009.
  5. Beschreibung des Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie auf der Homepage der Universitätsbibliothek Bonn
  6. Nachweis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek