Institut für Zeitgeschichte

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Institut für Zeitgeschichte
— IfZ —
Institut für Zeitgeschichte— IfZ —
Logo des Instituts
Träger: Bundesrepublik Deutschland, Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen
Rechtsform des Trägers: Öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts
Sitz des Trägers: München
Mitgliedschaft: Leibniz-Gemeinschaft
Standort der Einrichtung: München
Außenstellen: Berlin

Obersalzberg

Fächer: Neuere und Neueste Geschichte
Fachgebiete: Geschichte
Leitung: Andreas Wirsching, Direktor

Das Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (IfZ) ist eine wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung insbesondere der deutschen Zeitgeschichte mit Sitz in München und Berlin.

Das IfZ gab Anfang 2016 – unmittelbar nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist – eine kommentierte Neuausgabe von Hitlers Mein Kampf heraus.

Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Aufgabe des Instituts ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte, wobei in seiner Anfangszeit die Epoche der nationalsozialistischen Herrschaft im Mittelpunkt stand.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vierteljährlich gibt das Institut seit 1953 die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) heraus, welche als eine der wichtigsten Fachzeitschriften der deutschen Geschichtsforschung gilt und durch die jährliche Bibliographie zur Zeitgeschichte ergänzt wird. Neben der seit 1961 erscheinenden Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ist das IfZ auch der Urheber weiterer Reihen wie Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Studien zur Zeitgeschichte oder Biographische Quellen zur Zeitgeschichte. Ferner ist das Institut Herausgeber einiger umfangreicher Editionen zeitgeschichtlicher Dokumente, dazu gehören unter anderem die Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland und Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Seit 2016 werden die German Yearbooks of Contemporary History publiziert.

Dokumentation Obersalzberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Dokumentation Obersalzberg
Dokumentation Ober­salz­berg

Am 30. April 1952, genau sieben Jahre nach Hitlers Suizid in Berlin, wurde die Ruine seines Sommerdomizils, des Berghofs, im Einvernehmen mit der amerikanischen Besatzungsmacht gesprengt und danach das Gelände wieder aufgeforstet. Trotzdem wurde der Ort zu einer Pilgerstätte von Rechtsradikalen und NS-Nostalgikern.

Der Obersalzberg wurde erst 1996 von den Amerikanern an den Freistaat Bayern übergeben. Unter Leitung des damaligen bayerischen Finanzministers Kurt Faltlhauser (CSU) wurde ein Zweisäulenkonzept entwickelt:

  • einerseits die Errichtung eines Dokumentationszentrum zur Zeit des Nationalsozialismus,
  • andererseits die Belebung des konventionellen Tourismus an dieser Stelle, um die Präsenz Rechtsradikaler zu unterbinden.

Das IfZ wurde mit der Errichtung einer wissenschaftlich fundierten Dauerausstellung beauftragt, der Dokumentation Obersalzberg, die als „Lern- und Erinnerungsort“ unweit des Berghof-Grundstücks sowohl einen Gegenpol zur kommerziellen Nutzung des Standorts setzen sollte, als auch für Aufklärungsarbeit und Seminare genutzt werden sollte. Die bayerische Staatsregierung entschied sich für das Areal neben dem Kempinski Hotel Berchtesgaden. Die Dokumentation Obersalzberg konnte am 20. Oktober 1999 eröffnet werden.[1]

2005 wurde ein Erweiterungsbau mit Seminarräumen eröffnet, 2006 wurde ein neuer Ausstellungsraum in der Bunkeranlage des ehemaligen um Hitlers Gästehaus erweiterten Hotel Platterhofs für Wechselausstellungen fertiggestellt.[2] Der Grundstein für eine erneute Erweiterung wurde Ende Oktober 2017 gelegt, der Neubau soll 2020/21 eröffnet werden.[3]

2008 wurde vom IfZ – als Ergänzung zur Dokumentation Obersalzberg – auch am Gelände des ehemaligen Berghofs eine Hinweistafel errichtet.

Neuauflage von Hitlers Mein Kampf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Mein Kampf
Neuauflage Mein Kampf

Anfang 2016 stellte das IfZ seine kommentierte Neuausgabe von Hitlers Mein Kampf vor, die von Horst Möller initiiert und von Christian Hartmann und seinem Team erarbeitet worden war. Sie erreichte binnen 13 Monaten sechs Auflagen und Verkaufszahlen von 85.000 Stück. Die Publikation war bereits im Vorfeld Subjekt heftiger Kontroversen, wobei das IfZ als Argument anführte, es wolle mittels kritischer Kommentare dem Hitler-Kult entgegenwirken. Die Bayerische Staatsregierung entzog dem Projekt im Jahr 2013 ihre Unterstützung.

Die beiden Bände umfassen rund zweitausend Seiten und 3.700 Fußnoten, sie wiegen sechs Kilogramm. Von der Kritik wurde die Publikation mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits Lob: „Die buchgestalterischen Probleme, die sich aus den Textmengen in unterschiedlicher Typografie ergeben, sind bravourös gelöst“, andererseits Ernüchterung: „dass nichts bislang Unbekanntes über Hitlers Intentionen, deren Ursprünge und Entwicklung zu berichten ist, dass nichts Neues zum Programm und zur Ideologie der "Bewegung", gar über die Genesis des Judenmords an den Tag gebracht wurde,“, so Wolfgang Benz in der Zeit.[4]

Gutachten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den mehr als 9000 Gutachten, die das IfZ bisher für Gerichte, Behörden und Ministerien erstellt hat, bezogen sich die meisten auf den Zeitraum zwischen 1933 und 1945.[5] Im Jahr 2017 machten der Historiker Götz Aly und René Schlott publik, dass das IfZ durch negative Gutachten die Publikation zweier Standardwerke der Holocaust-Aufarbeitung in deutscher Sprache verhindert bzw. verzögert hatte:

  • 1953 lehnte das Institut ab, Gerald Reitlingers The Final Solution zu veröffentlichen, „weil – so steht es im Protokoll – das die Pläne zu einer eigenen umfassenden Geschichte des Nationalsozialismus „stören“ würde“, so Aly.[6] Die mehrfach angekündigte Geschichte des Nationalsozialismus ist freilich nie erschienen.
  • 1964 wurde in einem Gutachten für den Verlag Droemer Knaur die Übersetzung von Raul Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden negativ beurteilt – weil Hilberg nur „die technisch-organisatorische Seite der Judenausrottung“ behandle, deren „wesentlichste Fakten“ dem „deutschen Publikum vertraut“ seien.[7]
  • 1980 wurde eine Anfrage des Verlages C.H. Beck, ebenfalls Hilbergs Werk betreffen, negativ beschieden, woraufhin auch dieser Verlag die Publikation ablehnte.[8] In der Folge lehnten auch weitere Verlage, wie Rowohlt und Suhrkamp, die Publikation ab.

Gleichwohl fertigte das IfZ für interne Zwecke eine partielle Übersetzung von Hilbergs Buch an und nutzte es in seinen Gutachten für die Auschwitzprozesse.[6] Die Vernichtung der europäischen Juden erschien 1982 in kleiner Auflage beim Berliner Verlag Olle & Wolter und erst 1990 in einer Taschenbuch-Ausgabe.

Archiv und Bibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der eigenen Forschungs- und Publikationstätigkeit stellt das Institut mit Archiv und Bibliothek wichtige Arbeitsmittel für andere Forscher zur Verfügung. Mit über 220.000 Medieneinheiten gehört die Bibliothek des IfZ inzwischen zu den „führenden Fachbibliotheken der Zeitgeschichte“.[9] Daneben sammelt das IfZ auch persönliche Aufzeichnungen von Privatpersonen aus der NZ-Zeit, „Liebesbriefe, Tagebücher oder Schriften, die Familienstreitigkeiten dokumentierten zum Beispiel“.[10]

Institutionsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Institut wurde im Mai 1949 unter dem Namen „Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit“ auf Anregung der Alliierten als Gemeinschaftsprojekt des Bundes und des Freistaats Bayern ins Leben gerufen. Seit 1952 ist es unter seinem heutigen Namen bekannt.

Seit 1961 hat das Institut die Rechtsform einer öffentlichen Stiftung des Bürgerlichen Rechts, die gegenwärtig von der Bundesrepublik Deutschland und den sieben Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen getragen wird. Vertreter dieser Länder sind auch Mitglied im Stiftungsrat. Das Institut ist als gemeinsam von Bund und Ländern geförderte Forschungseinrichtung Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. 1972 bezog es seinen heutigen Sitz in München-Neuhausen.

Die Leitung obliegt dem Direktor (bis 1961: Generalsekretär).
Die bisherigen Institutsleiter waren:

 

Der wissenschaftliche Beirat des IfZ hatte bisher
die folgenden Vorsitzenden:

Erst nach Ablauf ihrer Funktionsperioden stellte sich heraus, dass zwei langjährige Direktoren des IfZ – Helmut Krausnick (ab 1932) und Martin Broszat (ab 1944) – Mitglieder der NSDAP waren.

Abteilungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Besonderheit des IfZ besteht darin, dass es Servicefunktionen für die deutsche und internationale Zeitgeschichtsforschung erfüllt. Dazu dient zum einen das Archiv, das zeitgeschichtliche Quellen sammelt, erschließt und zugänglich macht. Dies ist zum anderen die Aufgabe der Bibliothek, die als wissenschaftliche Spezialbibliothek mit dem Sammelgebiet Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt der deutschen und europäischen Geschichte seit 1918 überregionale Bedeutung besitzt. Archiv und Bibliothek werden von in- und ausländischen Nutzern (vor allem Wissenschaftlern, Journalisten und Studenten) frequentiert.

1994 gründete das Münchener IfZ eine Außenstelle (jetzt Abteilung) in Potsdam, die sich seit 1996 in Berlin-Lichterfelde in der Nähe des dortigen Bundesarchivs befindet. Der Forschungsschwerpunkt der Abteilung Berlin-Lichterfelde des IfZ liegt bei der Geschichte der DDR/SBZ. Die Abteilung des IfZ im Auswärtigen Amt betreut seit 1990 (zunächst in Bonn, seit 2000 in Berlin) die Herausgabe einer Aktenedition zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland.

Im Auftrag des Freistaats Bayern konzipierte das Institut 1999 die Dokumentation Obersalzberg auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden. Die hierin beziehungsreich verortete Ausstellung dokumentiert insbesondere den Ausbau des Obersalzbergs zur Residenz Adolf Hitlers und dessen nationalsozialistischen Führungsriege.

Im Juli 2013 wurde das „Zentrum für Holocauststudien“ unter der Leitung des Historikers Frank Bajohr eingerichtet.

Wissenschaftliche Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren nach 2000, als das „Institut für Zeitgeschichte“ von Horst Möller geführt wurde, kam es zu mehreren aufsehenerregenden wissenschaftlichen Kontroversen. Dabei ging es zum einen um die Laudatio, die Horst Möller auf den mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichneten umstrittenen Historiker Ernst Nolte hielt,[11] zum anderen um die mit Unterstützung des Schweizer Altnationalsozialisten François Genoud und dem Staatlichen Archivdienst Russlands veröffentlichte Dokumentation der sogenannten Tagebücher von Joseph Goebbels in 32 Bänden, die textkritisch unzulänglich kommentiert sind und deren propagandistischen, antisemitischen und hetzenden Aussagen nicht erläutert werden,[12] und schließlich ging es um eine Publikation in Herausgeberschaft Horst Möllers mit dem Titel Der rote Holocaust und die Deutschen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Käppner, Im Schatten in: Süddeutsche Zeitung Nr. 243 vom 21./22. Oktober 2017, S. 3.
  • Horst Möller, Udo Wengst (Hrsg.): 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56460-9.
  • Horst Möller, Udo Wengst: 60 Jahre Institut für Zeitgeschichte München – Berlin. Geschichte – Veröffentlichungen – Personalien. Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59048-7.
  • Bernd Sösemann: Alles nur Goebbels-Propaganda? Untersuchungen zur revidierten Ausgabe der sogenannten Goebbels-Tagebücher des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 10. Jg. (2008), S. 52–76.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Zwei-Säulen-Konzept, Geschichte der Dokumentation Obersalzberg, online unter obersalzberg.de
  2. obersalzberg.de Über uns, letzter Abschnitt u. a. zu Erweiterungen und Trägerschaft
  3. Feierliche Grundsteinlegung. ifz.de, 30. Oktober 2017.
  4. Wolfgang Benz: "Juden": Siehe "Giftgas", Die Zeit (Hamburg), 14. Januar 2016
  5. Horst Möller: Das Institut für Zeitgeschichte 1949–2009. In: Horst Möller, Udo Wengst: 60 Jahre Institut für Zeitgeschichte. München 2009, S. 10.
  6. a b Alan Posener: „Deutsche Zeithistoriker verteidigten Deutungshoheit“, Die Welt (Berlin), 26. Oktober 2017
  7. Joachim Käppner: Im Schatten, Das Institut für Zeitgeschichte verstand sich immer als Ort der Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Jetzt aber geht es auch um Aufklärung in eigener Sache, Süddeutsche Zeitung (München), 21./22. Oktober 2017, S. 3
  8. Bernhard Schulz: Großer Bogen um den Holocaust, Warum wurde Hilberg nicht gedruckt? Zur Kontroverse um das Münchner Institut für Zeitgeschichte, Der Tagesspiegel (Berlin), 26. Oktober 2017, Seite 24
  9. Horst Möller: Das Institut für Zeitgeschichte 1949–2009. In: Horst Möller, Udo Wengst: 60 Jahre Institut für Zeitgeschichte. München 2009, S. 84.
  10. Theresa Krinninger: Wie Opas Tagebuch Geschichte wird, Nachlässe der Großeltern, Süddeutsche Zeitung (München), 23. Juni 2017
  11. Reinhard Mohr: Verwilderung der Sitten. In: Der Spiegel. Nr. 25, 2000 (online).
  12. Bernd Sösemann: Alles nur Goebbels-Propaganda? (2008)

Koordinaten: 48° 9′ 25″ N, 11° 32′ 36″ O