Interkulturelle Ehe

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Die interkulturelle Ehe, auch bikulturelle Ehe, bezeichnet die Ehe zwischen Angehörigen unterschiedlicher Nationalitäten, Ethnien oder Kulturen. Bei der Verwendung dieses Begriffs spielt, im Gegensatz zum Begriff der interkonfessionellen und zur interreligiösen Ehe, die religiöse Weltanschauung keine primäre Rolle.

Jegliche Gesetze oder staatliche Regeln, die die Wahl des Ehepartners ethnisch, national, kulturell oder religiös beschränken, stehen im Konflikt mit dem Menschenrecht auf freie Wahl des Ehepartners (Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte).

Bikulturell vs. binational[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Begriff der interkulturellen oder bikulturellen Ehe weit gefasst ist, lässt sich die binationale Ehe enger eingrenzen auf Ehen, in denen die Partner unterschiedlichen Staaten angehören.

Inwieweit bikulturelle Ehen tatsächlich als binationale Ehen geführt werden, ist nicht nur von der individuellen Entscheidung der Partner abhängig, sondern auch von den jeweiligen Gesetzen zur Staatsangehörigkeit. So galt in Deutschland bis zum 31. März 1953, dass eine Ausländerin bei Eheschließung mit einem Deutschen automatisch Deutsche wurde und dass umgekehrt eine Deutsche bei Eheschließung mit einem Ausländer ihre deutsche Staatsangehörigkeit verlor, sofern sie dadurch nicht staatenlos wurde, und noch bis zum 31. Dezember 1969 konnte eine Ausländerin bei Heirat mit einem Deutschen die deutsche Staatsangehörigkeit durch Erklärung erwerben (siehe hierzu: „Deutsche Staatsangehörigkeit“, Abschnitt „Eheschließung“).

Bewertung in der Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Geschichte Europa fanden grenzübergreifende Heiraten zunächst vor allem innerhalb des Hochadels statt, wobei machtpolitische Erwägungen, etwa die Bildung von Allianzen, eine wesentliche Rolle spielten.[1] Die Einwerbung einer Braut von höchstem Rang brachte erhebliches symbolisches Kapital mit sich,[2] ebenso wie familiäre Beziehungsnetze, welche für die Landespolitik genutzt wurden[3] (siehe auch: Heiratspolitik). Durch eine dynastische Heirat ergab sich zugleich ein Kulturtransfer, der über den Hof hinaus ins Land ausstrahlte.[4]

Eine negative Bewertung der interkulturellen Ehe lässt sich in den allermeisten Gesellschaften in der Vergangenheit, und teils auch in der Gegenwart, belegen. Zu Zeiten des Kolonialismus wurden seitens der Kolonialmächte die Ehen von Repräsentanten der „Herrenschicht“ mit den als rassisch minderwertig angesehenen Einheimischen problematisiert, ein Beispiel dafür ist die Mischehendebatte im deutschen Reichstag (1912). Vielfach wurden „gemischtrassige“ Ehen auch durch den Staat ausdrücklich verboten, beispielsweise durch die „anti-miscegenation laws“ in den USA, eine Praxis, die in 16 Staaten der USA 1967 durch das höchstrichterliche Urteil Loving v. Virginia ein Ende fand. In einer Meinungsumfrage ein Jahr später waren 20 % für „gemischtrassige“ Ehen und 73 % dagegen (Weiße: 17 % dafür, 75 % dagegen; Schwarze: 56 % dafür, 33 % dagegen). Die Befürworter wurden erst 1991 zur Mehrheit.[5]

Eine besondere historische Rolle spielt die Verfolgung der „Mischehen“ von Nichtjuden mit Juden während des Dritten Reichs.

Bikulturalität der Kinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als bikulturell bezeichnet man Menschen, die mit zwei Kulturen aufwachsen, etwa weil ihre Eltern zwei unterschiedliche Kulturen verkörpern oder weil ihre Eltern oder die Familie als Ganzes in ein anderes Land migrierte. In interkulturellen Familien sind Kinder daher typischerweise bikulturell. Wie Third Culture Kids auch, wachsen sie mit mehreren Kulturen auf.

Bikulturelle Kinder sind häufig zwei- oder mehrsprachig. Der Migrationssoziologe Hacı-Halil Uslucan hebt hervor, dass Bikulturalität und Bilingualität außerordentliche Entwicklungschancen bieten; so seien Bikulturelle in der Lage, die kulturelle Perspektive zu wechseln, und es gebe Hinweise, dass Bilingualität auch die metasprachlichen Fähigkeiten fördert und dem Abstraktionsvermögen zugutekomme.[6]

Das Maß, in dem zwei kulturelle Identitäten von der betreffenden Person als kompatibel oder überlappend wahrgenommen werden, nennt V. Benet-Martínez die bikulturelle Identitätsintegration (Bicultural Identity Integration, BII). Nach Benet-Martínez prägt diese Eigenschaft nachhaltig das Verhalten und die kognitive Verarbeitung bikultureller Personen: Personen mit niedrigem BII würden ihre Bikulturalität eher als konfliktbehaftet erleben und hätten häufig den Eindruck, sich zwischen zwei Kulturen entscheiden zu müssen, wohingegen Personen mit hohem BII leichter zwischen zwei kulturellen Rahmen wechselten.[7]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Portal: Interkultureller Dialog und Integration – Artikel, Kategorien und mehr

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinz Pusitz, Elisabeth Reif (Hrsg.): Interkulturelle Partnerschaften. Begegnungen der Lebensformen und Geschlechter. IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-88939-375-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • FAZ.net 12. Dezember 2014: Bericht über Studie (Nadja Milewski vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels und Hill Kulu von der University of Liverpool haben eine Studie über 5648 binationale Ehen in Deutschland vorlegt)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Von der Mischehe zur bikulturellen Partnerschaft. In: Vielfalt bewegt Frankfurt. Integrations- und Diversitätsportal der Stadt Frankfurt am Main. Abgerufen am 5. Juni 2017.
  2. Sebastian Becker: Dynastische Politik und Legitimationsstrategien der della Rovere: Potenziale und Grenzen der Herzöge von Urbino (1508–1631), Walter de Gruyter, 2015, ISBN 978-3-11-039422-1, S. 25.
  3. Alois Schmid: Von Bayern nach Italien: transalpiner Transfer in der Frühen Neuzeit, C. H. Beck, 2010, ISBN 978-3-406-10679-8, S. 153
  4. Heinz Duchhardt: Die dynastische Heirat. In: Europäische Geschichte Online (EGO). 3. Dezember 2010, abgerufen am 5. Juni 2017.
  5. Joseph Carroll: Most Americans Approve of Interracial Marriages, gallup.com, 16. August 2007
  6. Hacı-Halil Uslucan: Psychologische Aspekte der Integration von Zuwanderern. Abgerufen am 22. Mai 2016. S. 44.
  7. V. Benet-Martínez, J. Haritatos: Bicultural Identity Integration (BII): Components and Psychosocial Antecedents. In: Journal of Personality Nr. 73, Band 4, Blackwell Publishing 2005, DOI: 10.1111/j.1467-6494.2005.00337.x. August 2005, abgerufen am 11. Juni 2017. S. 1019–1023