International Holocaust Remembrance Alliance

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Logo der International Holocaust Remembrance Alliance

Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA, deutsch Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) ist eine 1998 gegründete zwischenstaatliche Einrichtung, die Regierungen und Experten zusammenbringt mit dem Ziel, die Aufklärung, Forschung und das Erinnern im Bereich des Holocaust weltweit zu fördern und voranzutreiben, sowie die Verpflichtungen aus der Erklärung des Stockholmer Internationalen Forums zum Holocaust zu wahren. Die IHRA hat 34 Mitgliedsländer, ein Partnerland und sieben Beobachterstaaten.

Bis zum Januar 2013 war die Organisation als „Task Force for international Cooperation on Holocaust Education, Remembrance und Research“ bekannt. Nach ihrer Umbenennung verwendete sie ein neues, von Daniel Libeskind entworfenes Logo.[1]

2018 hatte Italien den Vorsitz der IHRA inne, gefolgt von Luxemburg 2019 mit Amtsträger Georges Santer. Im März 2020 übernahm Deutschland von Luxemburg den IHRA-Vorsitz[2]. Zuständige Koordinatorin in Berlin ist Michaela Küchler, Sonderbeauftragte für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Holocaust-Erinnerung, Antisemitismusfragen und internationale Angelegenheiten der Sinti und Roma im Auswärtigen Amt. Deutschland wolle vor allem Fortschritte bei der Bekämpfung der Leugnung und Relativierung des Holocaust erzielen, erläutert die Diplomatin. Hierfür plane man, eine Global Task Force einzurichten. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt nach wie vor im Bildungsbereich.[3]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Organisation wurde von dem ehemaligen schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson im Jahre 1998 gegründet. Ausschlaggebend für sein Engagement dürften einerseits ein Besuch im KZ Neuengamme sowie die Ergebnisse einer schwedischen Meinungsumfrage unter Schülern gewesen sein, die eine Verbreitung von Zweifeln am Holocaust belegte.[4] Vom 26. bis 28. Januar 2000 fand das Stockholmer Internationale Forum zum Holocaust statt, in dem hochrangige politische Repräsentanten aus mehr als vierzig Ländern mit Zivil- und Religionsgemeinschaften, Überlebenden, Pädagogen und Historikern zusammenkamen. Der Nobelpreisträger Elie Wiesel diente als Ehrenvorsitzender des Forums, und Professor Yehuda Bauer nahm als Senior Academic Advisor des Forums teil.

Die Vorsitzführung erfolgt nach dem Rotationsprinzip durch die nationalen Regierungen.

Ehrenvorsitzender der IHRA ist Yehuda Bauer, das zentrale Sekretariat befindet sich in Berlin.

Tätigkeitsfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Auftrag der Organisation bezieht sich auf die Declaration of the Stockholm International Forum on the Holocaust und die Arbeit der IHRA erfolgt in drei Kernbereichen: Bildung, Gedenken und Forschung. Die IHRA fördert externe Projekte, führt aber auch eigene Projekte durch. Ziel ist es, die politische Gestaltung Holocaust-relevanter Themen zu beeinflussen und die Erforschung bisher wenig beleuchteter Aspekte des Holocausts voranzutreiben. Im Jahr 2007 wurde das Tätigkeitsfeld erweitert um den Völkermord an den Roma und Sinti,[5] Völkermordprävention und den Kampf gegen Antisemitismus.

Bezüglich der Erinnerung betont die IHRA die Wichtigkeit des Holocausts als Teil des gesammelten Andenkens der derzeitigen und zukünftigen Gesellschaften, besonders die kulturelle Gestaltung der Erinnerungsarbeit mittels Gedenkveranstaltungen, Gedenkstätten, Museen, Monumenten und historischen Plätzen in Verbindung mit dem Holocaust. Es werden sowohl nationale Holocaust-Erinnerungstage sowie der von den Vereinten Nationen ernannte, jährliche internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar unterstützt.[6] Im Bereich der Forschung tritt die IHRA für einen möglichst freien Zugang zu Datenmaterial für die wissenschaftliche Forschung ein: Beispielsweise durch das Bestreben nach Öffnung von Holocaust-bezogenen Archiven und die Entwicklung von internationalen Holocaustforschungsnetzwerken.

Definition des Antisemitismus durch die IHRA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Plenum der IHRA beschloss nach Beratungen ihrer 31 Mitgliedsländer am 15. Mai 2016 folgende Arbeitsdefinition des Antisemitismus:[7]

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

International Holocaust Remembrance Alliance

Die IHRA führt folgende aktuelle Beispiele von Antisemitismus im öffentlichen Leben, in den Medien, Schulen, am Arbeitsplatz und in der religiösen Sphäre auf, die unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts folgendes Verhalten einschließen können, ohne darauf beschränkt zu sein.

„Beispiele:

  • Der Aufruf zur Tötung oder Schädigung von Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen Religionsanschauung sowie die Beihilfe zu solchen Taten oder ihre Rechtfertigung.
  • Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Juden oder die Macht der Juden als Kollektiv – insbesondere aber nicht ausschließlich die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Juden.
  • Das Verantwortlichmachen der Juden als Volk für tatsächliches oder unterstelltes Fehlverhalten einzelner Juden, einzelner jüdischer Gruppen oder sogar von Nicht-Juden.
  • Das Bestreiten der Tatsache, des Ausmaßes, der Mechanismen (z.B. der Gaskammern) oder der Vorsätzlichkeit des Völkermordes an den Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Unterstützer und Komplizen während des Zweiten Weltkrieges (Holocaust).
  • Der Vorwurf gegenüber den Juden als Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust zu erfinden oder übertrieben darzustellen.
  • Der Vorwurf gegenüber Juden, sie fühlten sich dem Staat Israel oder angeblich bestehenden weltweiten jüdischen Interessen stärker verpflichtet als den Interessen ihrer jeweiligen Heimatländer.
  • Das Aberkennen des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.
  • Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird.
  • Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z.B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.
  • Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten.
  • Das kollektive Verantwortlichmachen von Juden für Handlungen des Staates Israel.“
International Holocaust Remembrance Alliance, 26. Mai 2016.[7]

2017 hatten, zeitlich vor der BRD, Großbritannien, Rumänien, Israel und Österreich diese Definition für ihre jeweiligen Länder "politisch zur Kenntnis genommen".[8] Die Assemblée Nationale in Paris hat sich die Definition am 3. Dezember 2019 mehrheitlich zu eigen gemacht.[9]

Die Hochschulrektorenkonferenz machte sich die IHRA-Definition im November 2019 zu eigen.[10]

Am 17. Januar 2020 hat auch die italienische Regierung die IHRA-Definition übernommen.[11]

Erweiterung der Definition in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bundeskabinett hat am 20. September 2017 die Arbeitsdefinition in obigem Zitat "zur Kenntnis" genommen. Die deutsche Bundesregierung verwies zusätzlich auf die erweiterte Definition aus dem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus[12], der abschließend am 7. April 2017 schrieb: Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, das Ziel solcher Angriffe sein.

„Die Bundesregierung empfiehlt die Berücksichtigung der erweiterten Arbeitsdefinition insbesondere in der Schul- und Erwachsenenbildung sowie bei der Ausbildung in den Bereichen Justiz und Exekutive... Der Kabinettbeschluss ... trägt zudem dem Anliegen des "Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus" Rechnung, der die Bundesregierung ... aufgefordert hatte, der Antisemitismusbekämpfung auf nationaler Ebene mehr Bedeutung und Sichtbarkeit zu Teil werden zu lassen.“

Bundesregierung: [13]

Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2019 hat die IHRA 34 Mitglieder, dazu kommen 1 Partnerland und 7 Länder mit Beobachterstatus.[14]

Partnerland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Länder mit Beobachterstatus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Partnerorganisationen und ähnliche Bezüge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenwärtig verfügt die Organisation über acht ständige internationale Partnerorganisationen, die den Status eines Beobachters bei der IHRA haben: Vereinte Nationen, UNESCO, Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit ihrem Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIR), Internationaler Suchdienst (ITS) Arolsen, Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, die Europäische Union als Ganzes, der Europarat und die Jewish Claims Conference.[15]

Die IHRA hat 2010 ihre Beziehungen zum Europarat[16] und zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, "Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte"[17] formalisiert.

Die EU-Institution Europäisches Parlament hatte am 1. Juni 2017 in einem weitreichenden Beschluss gegen Antisemitismus die EU-Kommission aufgefordert, bei der IHRA einen Beobachterstatus zu beantragen.[18] Dem wurde entsprochen, im Dezember 2019 wird die EU als Partnerorganisation bezeichnet.[15]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Kontroverse entstand 2009, als Norwegen als vorsitzführendes Land ein nationales Gedenkjahr für den Schriftsteller und NS-Sympathisanten Knut Hamsun ausrief.[19][20]

In der Diskussion rund um das Stollensystem der Deutschen Erd- und Steinwerke im österreichischen KZ Gusen positionierte sich die IHRA für die Erhaltung.[21]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research Becomes the International Holocaust Remembrance Alliance, The Holocaust and the United Nations Outreach Programme, abgerufen am 30. Januar 2019. Holocaust Memorial Day: Lessons for the future, Holocaust Educational Trust Blog vom 24. Januar 2013, abgerufen am 30. Januar 2019.
  2. IHRA 2020 / 2021 - Deutscher Vorsitz Abgerufen am 13. Juli 2020
  3. Allianz für die Erinnerung, Jüdische Allgemeine, 28. Februar 2020. Abgerufen am 28. Februar 2020.
  4. History of the ITF (Memento vom 7. Dezember 2010 im Internet Archive), Abgerufen am 26. März 2010.
  5. ITF Chair’s Declaration on Teaching about the Genocide of the Roma and Sinti PDF vom 13. Juni 2007, Abgerufen am 23. März 2010.
  6. Holocaust Remembrance Day 2010
  7. a b Arbeitsdefinition von Antisemitismus, International Holocaust Remembrance Alliance. Abgerufen am 20. November 2018.
  8. BRD: Auswärtiges Amt. Im Original "politisch indossiert", ein außerhalb von Fachkreisen unüblicher Begriff
  9. Le Monde, La résolution controversée sur la lutte contre l’antisémitisme adoptée par les députés. 3. Dezember 2019, wörtl. "adopté", angenommen
  10. HRK
  11. Salvini spricht sich für Jerusalem als Hauptstadt Israels aus, Jüdische Zeitung, 21. Januar 2020 Abgerufen am 20. Januar 2020.
  12. Bundestagsdrucksache 18/11970
  13. Dt. Bundestag
  14. Countries & Membership. Abgerufen am 4. Dezember 2019 (englisch).
  15. a b Stand Dezember 2018
  16. "Coopération entre le Conseil de l'Europe et l'Holocaust Task Force", Informations d'Autriche, No. 22/08, November 2008 [1]
  17. OSCE rights office, Holocaust education task force formalize cooperation on combating antisemitism, Quelle
  18. Entschliessung, Punkt 18
  19. Norway: Celebrating Nazi-sympathizer unrelated to Holocaust education (Memento vom 28. September 2009 im Internet Archive) Haaretz, 21. Juli 2009, abgerufen am 28. März 2010
  20. Statement of the ITF Chair (Memento vom 25. August 2009 im Internet Archive) Holocaust Taskforce, 20. Juli 2009, abgerufen am 28. März 2010
  21. „'„Bergkristall“ Gusen. KZ-Stollen gratis zu haben.“ auf oe24.at vom 1. Juli 2009, Abgerufen am 27. März 2010.