Internationale Walter Benjamin Gesellschaft

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Sitz der ersten Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft, Jungfernstieg Nr. 48, Hamburg

Die Internationale Walter Benjamin Gesellschaft war eine typische, gegen das so genannte Establishment gerichtete Hervorbringung der von der 68er-Bewegung anvisierten Gegenkultur.

Gründung[Bearbeiten]

Die 1968 von Natias Neutert in Hamburg gegründete Internationale Walter Benjamin Gesellschaft e. V. war eine philosophisch-kulturpolitische Gesellschaft, die nicht nur zu vertiefter Kenntnis Walter Benjamins beitragen und der ihm gewidmeten Forschung Anregungen geben, sondern vor allem seine Bedeutung für die Kulturrevolution aufzeigen wollte. Nicht nur gedankliche Solidarität mit Walter Benjamin sollte ausgedrückt werden, der Geschichtsphilosoph sollte sogar zu einer globalen Referenzfigur befördert und Marx in dieser Hinsicht an die Seite gestellt werden, wie es im Gründungsmanifest hieß.[1] Die Gründung, ganz im Sinne ihres Anarchosyndikalismus, war weit davon entfernt, etwa eine reguläre Gesellschaft im Sinne bürgerlichen Rechts nach § 705 BGB gewesen zu sein[2] — im Gegenteil: Die Gesellschaft, die ursprünglich hatte Provo-Zentrale heißen sollen, war eine solidarische Erfindung, ohne eine eingeholte Erlaubnis der Benjamin-Erben.

Ziele[Bearbeiten]

Eins ihrer aktionistischen Ziele ist es daher auch gewesen, durchzusetzen, dass die in Adornos Besitz befindlichen Manuskripte von Walter Benjamin der internationalen jungen Wissenschaft frei zur Verfügung gestellt werden.[3] Statt dass man über Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Ansatz bloß redete und diskutierte, sollte nach der Parole mit Walter Benjamin! vor allem „gehandelt“ werden. Nicht im Hinblick auf ein „geschlossenes Gedankengebäude […], sondern auf eines, bei dem sämtliche Türen, Fenster und Dachluken sperrangelweit offen stehen,“ wie es im Gründungsmanifest eher poetisch als politisch formuliert ist.[4] Wichtig war die Auffassung, dass die Revolte über das Medium von Pop(-Musik) laufen sollte. Orientierungspunkt hierfür lieferte die von Natias Neutert aus den „Grundrissen“ von Karl Marx gefilterte, auf das Popgeschehen übertragene und eindeutig gegen Adorno gerichtete Formel: „Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt.“[5] Mit Swinging Benjamin schuf der Popkritiker Helmut Salzinger schließlich intern eine Art literarisches Vermächtnis dieser ersten Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft und extern ein Kultbuch.[6] Schon bald jedoch hieß diese, bescheidener geworden, nur noch Walter Benjamin Gesellschaft, denn bis auf vereinzelte ‚heiße Drähte’, zum Beispiel zu Rob Stolk, über den man lose Verbindung hielt zur Amsterdamer Provo-Bewegung und ähnlichen Akteuren aus der allgemeinen Aufbruchsstimmung dieser Jahre, kam die anvisierte internationale Resonanz nicht recht voran, dafür war der Einfluss auf das bundesrepublikanische Kulturleben durchaus vorhanden und spürbar, weil die III. Etage am Jungfernstieg 48 von Außenstehenden immer wieder als eine Art Thinktank angesteuert wurde:

Internationale Walter Benjamin Gesellschaft
2000 Hamburg Jungfernstieg 48/III
Gründung 1968
Natias Neutert Gründungsmanifest, 1968
Mäzenatische Mitglieder
Christian Blechschmidt alias „Zitadelle“ Literaturveranstalter (bis 1972)
Hubert Fichte Schriftsteller (bis 1973)
Helmut Salzinger alias Jonas Überohr Schriftsteller (bis 1973)
Joachim Schickel Schriftsteller/Hörfunkredakteur (bis 1970)
Werner Stingl Schriftsteller/Werbetexter (bis 1973)
Rob Stolk Provo-Aktivist/Drucker (bis 1970)
Auflösung 1973

Wirkungen[Bearbeiten]

Sympathisierende Nutznießer der heftig geführten, zumeist von Walter Benjamins Werk ausgehenden Debatten waren unter anderem der Soziologe und Sexualforscher Günter Amendt, der entscheidende Anregungen für den Sprachstil von „SEX FRONT“ von dort empfangen hat; der Schriftsteller Daniel Dubbe, der Life-Material für sein Debütbüchlein „Szene“ sammelte;[7] der Schriftsteller und Lektor des Rowohlt Verlages Jürgen Manthey, der sich Anregungen über die inhaltliche Ausrichtung der Buchreihe „dnb“ holte;[8] der Schriftsteller Helmut Salzinger, der selbst wesentlich zur Grundorientierung auf Benjamins Werk beitrug[9][10] und die Soziologin Irmgard Schleier, potentielle Leiterin des Ausstellungsprojekts „Spielen“.[11] Bei dem berühmten Verleger des März-Verlages Jörg Schröder ging es um ein Drehbuch für einen literarischen Polit-Western.[12]

Das große Ziel der im Auge gehabten gesamtgesellschaftlichen Umwälzung[13] ist nicht verwirklicht worden. Das kleinere, nicht in die Tat umgesetzte Ziel, die in Theodor W. Adornos Verfügungsgewalt befindlichen unveröffentlichten Manuskripte von Walter Benjamin in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu entwenden und in einem öffentlichen Übergabehappening der antiautoritären Wissenschaft frei zur Verfügung zu stellen, ist dagegen vom Geschichtsprozess inzwischen überholt worden: Der früher in Adornos Hand befindliche Nachlass, bestehend vor allem aus den Dokumenten, die Walter Benjamin bei seiner Flucht aus Paris (1940) bei sich hatte, ist inzwischen für „die junge Wissenschaft global“ so gut verfügbar, wie man es sich einst ausgemalt hatte: Seit dem April 2004 vereint das Walter Benjamin Archiv — eine Einrichtung der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur als Teil des Archivs der Akademie der Künste (Berlin) — „wenn auch nicht lückenlos, so doch mit größtmöglicher Vollständigkeit“ [14] gut 12.000 Blatt Arbeitsunterlagen, Briefe, Fotos, Manuskripte und Notizbüchlein; einschließlich der erst 1981 in der Bibliothèque nationale de France entdeckten und dort seinerzeit von Georges Bataille versteckten Materialien.

Sitz der neuen Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft Schützenstraße 18, Berlin

Zu einem Wiederaufgreifen dieses 1968er-Projekts kam es im Mai 2000. Nun nicht mehr mit anarchosyndikalistischem Zuschnitt, sondern eingebunden in einen global angelegten universitären Diskurs: Im Umkreis um das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin ist erneut eine Internationale Walter Benjamin Gesellschaft ins Leben gerufen worden. Nach eigenem Bekunden will sie „Wissenschaftler und interessierte Leser aus aller Welt“ zusammenbringen und „alle zwei Jahre große Konferenzen zu Walter Benjamin und verwandten Themen“[15] ausrichten.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Natias Neutert: „Mit“ Walter Benjamin! Poeto-philosophisches Manifest zur Gründung der Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft, Hamburg 1968, S. 6.
  2. Vgl. hierzu Carl Creifelds/Klaus Weber: Rechtswörterbuch. Verlag C.H. Beck München 2002.ISBN 3-406-38190-1
  3. Vgl. Helmut Salzinger
  4. Vgl. Natias Neutert: Mit Walter Benjamin! Poeto-philosophisches Manifest zur Gründung der Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft>, Hamburg 1968, S. 6.
  5. Natias Neutert: „Let It Rock!“ In: Frankfurter Rundschau Nr. 228, 2. Oktober 1970.
  6. Helmut Salzinger: Swingin Benjamin. Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M. 1973, ISBN 3-43601717-5.
  7. Daniel Dubbe begleitete Neutert wochenlang mit Tonbandgerät unterm Arm. Die so gewonnenen Originalzitate verteilte er hinterher auf mehrere seiner Romanfiguren. Vgl. Daniel Dubbe: Szene. Prosa. quer-verlag Uwe Wandrey, Hamburg 1973.
  8. Von Manthey herausgegebene Taschenbuch-Reihe „das neue buch“ bei Rowohlt.
  9. Helmut Salzinger: Swinging Benjamin. Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main 1973, ISBN 3-43601717-5, S. 9–24.
  10. Vgl. hierzu Natias Neutert: Wo er hintrat, wuchs wieder Gras. In: Klaus Modick, MO Salzinger, Michael Kellner (Hrsg.): Humus: Hommage à Helmut Salziger. Kellner Verlag, Hamburg 1996, ISBN 3-89630-101-2, S. 99.
  11. Schleier übergab aus Zeitgründen gänzlich in die Hände der Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft. Vgl. Natias Neutert (Hrsg.): Spielen. Vorwort von Bazon Brock, Katalog. Kunsthaus Hamburg 1971.
  12. Unabhängig von der durch Jörg Schröder eingeforderten pornographischen Färbung, baute der Plot auf jugendlichen Cowboygestalten auf, die statt mit Colts mit scharfzüngigen, an Edgar Allan Poe und Emerson geschulten Sentenzen um sich ‚schossen’ oder nach Ralph Waldo Emersons Parole „Der große Mensch ist der, der mit perfekter Süße mitten in der Menge die Unabhängigkeit der Einsamkeit bewahrt“ dahinlebten./ Laut Aufzeichnungen im Natias-Neutert-Nachlass-zu-Lebzeiten-Archiv vom 6. Januar 2012.
  13. Vgl. hierzu Natias Neutert: Wo er hintrat, wuchs wieder Gras. In: Klaus Modick, MO Salzinger, Michael Kellner (Hrsg.): Humus: Hommage à Helmut Salzinger. Kellner Verlag, Hamburg 1996, ISBN 3-89630-101-2, S. 98–100.
  14. Akademie der Künste: Das Walter Benjamin Archiv, abgerufen am 22. März 2012.
  15. Vgl. International Walter Benjamin Society, abgerufen am 22. März 2012.